Frisch_Max_-_Homo_faber
.pdfIhr Körper, den es nicht mehr gibt - Das antike Theater in Nimes.
Frühstück unter Platanen, der Kellner, der uns nochmals Brioches bringt, ihr Geplauder mit dem Kellner, ihr Blick zu mir, sie füllt meine Tasse mit schwarzem Kaffee.
Ihre Augen, die es nicht mehr gibt - Pont du Gard.
Sabeth, wie sie Postkarten kauft, um an Mama zu schreiben; Sabeth in ihren schwarzen CowboyHosen, sie merkt nicht, daß ich filme; Sabeth, wie sie ihren Roßschwanz aus dem Nacken wirft.
Hotel Henri IV. Sabeth sitzt auf der tiefen Fensterbrüstung, ihre Beine verschränkt, barfuß, sie ißt Kirschen, Blick in die Straße hinunter, sie spuckt die Steine einfach hinaus, Regentag.
Ihre Lippen -
Wie Sabeth sich mit einem französischen Maulesel unterhält, der ihrer Meinung nach zu schwer beladen ist.
Ihre Hände -
Unser Citroen, Modell 57.
Ihre Hände, die es nirgends mehr gibt, sie streichelt den Maulesel, ihre Arme, die es nirgends mehr gibt -
Stierkampf in Arles.
Sabeth, wie sie ihre Haare kämmt, eine Spange zwischen den jungen Zähnen, sie merkt wieder, daß ich filme, und nimmt die Spange aus dem Mund, um mir etwas zu sagen, vermutlich sagt sie, ich soll sie nicht filmen, plötzlich muß sie lachen.
Ihre gesunden Zähne -
Ihr Lachen, das ich nie wieder hören werde - Ihre junge Stirne -
Eine Prozession (ebenfalls in Arles, glaube ich), Sabeth streckt ihren Hals und raucht mit gekniffenen Augen wegen Rauch, Hände in den Hosentaschen. Sabeth auf einem Sockel, um über die Menge zu schauen. Baldachine, vermutlich Glokkengeläute, aber unhörbar, Muttergottes, die singenden Meßknaben, aber unhörbar.
Provence-Allee, Platanen-Allee.
Unser Picnic unterwegs. Sabeth, wie sie Wein trinkt. Schwierigkeit, aus der Flasche zu trinken, sie schließt die Augen und versucht's neuerdings, dann wischt sie sich den Mund, es geht nicht, sie reicht mir die Flasche zurück, Achselzucken.
Pinien im Mistral.
Nochmals Pinien im Mistral. Ihr Gang -
Sabeth geht zu einem Kiosk, um Zigaretten zu holen. Sabeth, wie sie geht. Sabeth in ihren schwarzen Hosen wie üblich, sie steht auf dem Trottoir, um links und rechts zu schauen, ihr baumelnder Roßschwanz dabei, dann schräg über die Straße zu mir.
Ihr hüpfender Gang - Nochmals Pinien im Mistral.
Sabeth schlafend, ihr Mund ist halboffen, Kindermund, ihr offenes Haar, ihr Ernst, die geschlossenen Augen -
Ihr Gesicht, ihr Gesicht - Ihr atmender Körper -
Marseille. Verladen von Stieren im Hafen, die
braunen Stiere werden auf das ausgelegte Netz geführt, dann Aufzug, ihr Schrecken, ihre plötzliche Ohnmacht, wenn sie in der Luft hängen, ihre vier Beine durch die Maschen des großen Netzes gestreckt, ihre Augen dabei epileptisch -
Pinien im Mistral; nochmals. L'Unite d'Habitation (Corbusier) -
Im großen ganzen ist die Belichtung dieses Filmes nicht schlecht, jedenfalls besser als beim Guatemala-Streifen; die Farben kommen großartig, ich staune.
Sabeth beim Blumenpflücken -
Ich habe (endlich!) die Kamera weniger hin und her bewegt, dadurch kommen die Bewegungen des Objektes viel stärker.
Brandung -
Ihre Finger, Sabeth sieht zum ersten Mal eine Korkeiche, ihre Finger, wie sie die Rinde brechen, dann wirft sie nach mir!
(Defekt.)
Brandung im Mittag, nichts weiter.
Sabeth nochmals beim Kämmen, ihr Haar ist naß, ihr Kopf schräg aufwärts, um sich auszukämmen, sie sieht nicht, daß ich filme, und erzählt etwas, während sie sich auskämmt, ihr Haar ist dunkler als üblich, weil naß, rötlicher, ihr grüner Kamm offenbar voll Sand, sie putzt ihn, ihre Marmorhaut mit Wassertropfen drauf, sie erzählt noch immer -
Unterseeboote bei Toulon.
Der junge Landstreicher mit dem Hummer, der sich bewegt, Sabeth hat Angst, sobald der Hum-
mer sich bewegt -
Unser Hotelchen in Le Trayaz. Sabeth sitzt auf einer Mole - Nochmals Brandung.
(Viel zu lang!)
Sabeth nochmals auf der Mole draußen, sie steht jetzt, unsere tote Tochter, und singt, ihre Hände wieder in den Hosentaschen, sie glaubt sich mutterseelenallein und singt, aber unhörbar -
Ende der Spule.
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Was der junge Techniker von mir dachte und sagte, als die Herren kamen, weiß ich nicht, ich saß im Speisewagen (Helvetia-Expreß oder
Schauinsland-Expreß, das weiß ich nicht mehr) und trank Steinhäger. Wie ich das Hencke-Bosch- Haus verlassen habe, das weiß ich auch nicht mehr; ohne Erklärung, ohne Ausrede, ich bin einfach gegangen.
Nur die Filme ließ ich zurück.
Ich sagte dem jungen Techniker, ich müsse gehen, und bedankte mich für seine Dienste. Ich ging in das Vorzimmer, wo ich Hut und Mantel hatte, und bat das Fräulein um meine Mappe, die noch in der Direktion lag. Ich stand schon im Lift; es war 11.32 Uhr, jedermann zur Vorführung bereit, als ich mich entschuldigte wegen Magenschmerzen (was gar nicht stimmte) und den Lift nahm. Man wollte mich mit Wagen ins Hotel bringen, beziehungsweise ins Krankenhaus;
aber ich hatte ja gar keine Magenschmerzen. Ich bedankte mich und ging zu Fuß. Ohne Hast, ohne Ahnung, wohin ich gehen sollte; ich weiß nicht, wie das heutige Düsseldorf aussieht, ich ging durch die Stadt, Stoßverkehr in Düsseldorf, ohne auf die Verkehrslichter zu achten, glaube ich, wie blind. Ich ging zum Schalter, wo ich mir eine Fahrkarte kaufte, dann in den nächsten Zug - ich sitze im Speisewagen, trinke Steinhäger und blikke zum Fenster hinaus, ich weine nicht, ich möchte bloß nicht mehr da sein, nirgends sein. Wozu auch zum Fenster hinausblicken? Ich habe nichts mehr zu sehen. Ihre zwei Hände, die es nirgends mehr gibt, ihre Bewegung, wenn sie das Haar in den Nacken wirft oder sich kämmt, ihre Zähne, ihre Lippen, ihre Augen, die es nirgends mehr gibt, ihre Stirn: wo soll ich sie suchen? Ich möchte bloß, ich wäre nie gewesen. Wozu eigentlich nach Zürich? Wozu nach Athen? Ich sitze im Speisewagen und denke: Warum nicht diese zwei Gabeln nehmen, sie aufrichten in meinen Fäusten und mein Gesicht fallen lassen, um die Augen loszuwerden?
Meine Operation auf übermorgen angesetzt.
P.S. Ich habe ja auf meiner ganzen Reise überhaupt keine Ahnung gehabt, was Hanna nach dem Unglück machte. Kein einziger Brief von Hanna! Ich weiß es heute noch nicht. Wenn ich sie frage, ihre Antwort: Was kann ich machen! Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Wie kann Hanna nach allem was geschehen ist, mich aus-
halten? Sie kommt hierher, um zu gehen, und kommt wieder, sie bringt mir, was ich noch wünsche, sie hört mich an. Was denkt sie? Ihre Haare sind weißer geworden. Warum sagt sie's nicht, daß ich ihr Leben zerstört habe? Ich kann mir nach allem, was geschehen ist, ihr Leben nicht vorstellen. Ein einziges Mal habe ich Hanna verstanden, als sie mit beiden Lausten in mein Gesicht schlug, damals am Totenbett. Seither verstehe ich sie nicht mehr.
16. VII. Zürich.
Ich fuhr von Düsseldorf nach Zürich, glaube ich, bloß weil ich meine Vaterstadt seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe.
Ich hatte in Zürich nichts zu tun. Williams erwartete mich in Paris -
In Zürich, als er neben mir stoppte und aus dem Wagen stieg, um mich zu begrüßen, erkannte ich ihn wieder nicht; genau wie das letzte Mal: ein Schädel mit Haut darüber, die Haut wie gelbliches Leder, sein Ballon-Bauch, die abstehenden Ohren, seine Herzlichkeit, sein Lachen wie bei einem Totenkopf, seine Augen noch immer lebendig, aber weit hinten, ich wußte bloß, daß ich ihn kenne, aber im ersten Augenblick wußte ich wieder nicht, wer's ist.
»Immer in Eile«, lachte er, »immer in Eile -« Was ich denn in Zürich mache?
»Sie kennen mich wieder nicht?« fragte er.
Er sah grauenhaft aus, ich wußte nicht, was sagen, natürlich kannte ich ihn, es war nur der erste Schreck gewesen, dann die Angst, etwas Unmög-
liches zu sagen, ich sagte: »Natürlich habe ich Zeit.«
Dann zusammen ins Cafe Odeon.
»Es tut mir leid«, sagte ich, »daß ich Sie das letzte Mal in Paris nicht erkannt habe -« Er nahm's mir aber nicht übel, er lachte, ich hörte zu, Blick auf seine alten Zähne, es sah nur so aus, als lache er, seine Zähne viel zu groß, die Muskeln reichten nicht mehr für ein Gesicht ohne Lachen, Unterhaltung mit einem Totenschädel, ich mußte mich zusammennehmen, um Professor O. nicht zu fragen, wann er denn sterbe. Er lachte:
»Was zeichnen Sie denn, Faber?«
Ich zeichnete auf das Marmor-Tischlein, nichts weiter, eine Spirale, in dem gelben Marmor gab es eine versteinerte Schnecke, daher meine Spirale - ich steckte meinen Fix-pencil wieder ein, Gespräch über Weltlage, sein Lachen störte mich derart, daß ich einfach nichts zu sagen wußte.
Ich sei ja so schweigsam.
Einer der Odeon-Kellner, Peter, ein alter Wiener, kannte mich noch; er findet mich unverändert - Professor O. lachte.
Er findet es schade, daß ich damals meine Dissertation (über den sog. Maxwell'schen Dämon) nicht gemacht habe-
Die Odeon-Kokotten wie damals.
»Das wissen Sie nicht«, lachte er, »daß das Odeon abgerissen wird?«
Einmal seine plötzliche Frage: »Wie geht's Ihrer schönen Tochter?«
Er hatte Sabeth gesehen, als wir uns in dem Cafe
verabschiedeten, damals in Paris; wie er sagt: Neulich in Paris! Es war der Nachmittag, bevor wir in die Opera gingen, Sabeth und ich, Vorabend unserer Hochzeitsreise - ich sagte nichts, nur:
»Wieso wußten Sie, daß es meine Tochter war?« »Ich dachte es mir -!«
Sein Lachen dabei.
Ich hatte in Zürich nichts verloren, noch am gleichen Tag (nach dem Odeon-Geplauder mit Professor O.) fuhr ich nach Kloten hinaus, um weiterzufliegen -
Mein letzter Flug!
Wieder eine Super-Constellation.
Dabei war es eigentlich ein ruhiger Flug, nur schwacher Föhn über den Alpen, die ich noch aus jungen Jahren einigermaßen kenne, aber zum ersten Mal überfliege, ein blauer Nachmittag mit üblicher Föhn-Mauer, Vierwaldstättersee, rechts das Wetterhorn, dahinter Eiger und Jungfrau, vielleicht Finsteraarhorn, so genau kenne ich sie nicht mehr, unsere Berge, ich habe andres im Kopf -
Was eigentlich?
Täler im Schräglicht des späteren Nachmittags, Schattenhänge, Schattenschluchten, die weißen Bäche drin, Weiden im Schräglicht, Heustadel, von der Sonne gerötet, einmal eine Herde in einer Mulde voll Geröll über der Waldgrenze: wie weiße Maden! (Sabeth würde es natürlich anders taufen, aber ich weiß nicht wie.) Meine Stirne am kalten Fenster mit müßigen Gedanken -
Wunsch, Heu zu riechen!
Nie wieder fliegen!
Wunsch, auf der Erde zu gehen - dort unter den letzten Föhren, die in der Sonne stehen, ihr Harz riechen und das Wasser hören, vermutlich ein Tosen, Wasser trinken -
Alles geht vorbei wie im Film! Wunsch, die Erde zu greifen - Stattdessen steigen wir immer höher.
Zone des Lebens, wie dünn sie eigentlich ist, ein paar hundert Meter, dann wird die Atmosphäre schon zu dünn, zu kalt, eine Oase eigentlich, was die Menschheit bewohnt, die grüne Talsohle, ihre schmalen Verzweigungen, dann Ende der Oase, die Wälder sind wie abgeschnitten (hierzulande auf 2000 m, in Mexico auf 4000 m), eine Zeit lang gibt es noch Herden, weidend am Rand des möglichen Lebens, Blumen - ich sehe sie nicht, aber weiß es - bunt und würzig aber winzig, Insekten, dann nur noch Geröll, dann Eis-
Einmal ein neuer Stausee.
Sein Wasser: wie Pernod, grünlich und trübe, darin Spiegelweiß von einem Firn, ein Ruderschiff auf dem Ufer, Segment-Damm, kein Mensch.
Dann die ersten Nebel, jagend -
Die Gletscherspalten: grün wie Bierflaschenglas. Sabeth würde sagen: wie Smaragd! Wieder unser Spiel auf einundzwanzig Punkte! Die Felsen im späten Licht: wie Gold. Ich finde: wie Bernstein, weil matt und beinahe durchsichtig, oder wie Knochen, weil bleich und spröde. Unser Flugzeugschatten über Moränen und Gletschern: wie er in die Schlünde sackt, man meint jedesmal, er
sei verloren und verlocht, und schon klebt er an der nächsten Felswand, im ersten Augenblick: wie mit einer Pflasterkelle hingeworfen, aber er bleibt nicht wie Verputz, sondern gleitet und fällt wieder ins Leere jenseits des Grates. Unser Flugzeugschatten: wie eine Fledermaus! so würde Sabeth sagen, ich finde nichts und verliere einen Punkt, ich habe anderes im Kopf: eine Spur im Firn, Menschenspur, sie sieht aus wie eine Nie- ten-Naht, Sabeth würde finden: wie eine Halskette, bläulich, in großer Schleife um eine weiße Firn-Büste gehängt. Was ich im Kopf habe: Wenn ich jetzt noch auf jenem Gipfel stehen würde, was tun? Zu spät, um abzusteigen; es dämmert schon in den Tälern, und die Abendschatten strecken sich über ganze Gletscher, dann Knick in die senkrechten Wände hinauf. Was tun? Wir fliegen vorbei; man sieht das Gipfelkreuz, weiß, es leuchtet, aber sehr einsam, ein Licht, das man als Bergsteiger niemals trifft, weil man vorher absteigen muß, Licht, das man mit dem Tod bezahlen müßte, aber sehr schön, ein Augenblick, dann Wolken, Luftlöcher, die Alpensüdseite bewölkt, wie zu erwarten war, die Wolken: wie Watte, wie Gips, wie Blumenkohl, wie Schaum mit Seifenblasenfarben, ich weiß nicht, was Sabeth alles finden würde, es wechselt rasch, manchmal ein Wolkenloch, in der Tiefe: ein schwarzer Wald, ein Bach, der Wald wie ein Igel, aber nur eine Sekunde lang, die Wolken schieben sich durcheinander, Schatten der oberen Wolken auf den unteren, Schatten wie Vorhänge, wir fliegen hindurch, Gewölk in der Sonne vor
