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Korner_Zrinyi.rtf
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☆

9. Auftritt.

Vorige. Alapi gerüstet.

ALAPI.

Herr, neue Botschaft! –

ZRINY.

Sag's nur immer laut;

Die Weiber müssen's doch einmal erfahren,

Ob früher oder später, gilt gleichviel;

Die Furcht malt das Verschwiegne nur viel schwärzer.

Was gibt's?

ALAPI.

Soeben kam ein Eilbot' aus Fünfkirchen;

Es sei gewiß, so meldet uns die Stadt,

Sie hätten es von Flüchtigen erkundet:

Des Sultans ganze Rüstung gelte uns,

Und ungeheuer waffne sich der Türke.[16]

ZRINY.

Wenn Soliman den Ungarkrieg beschloß,

So läßt er wohl nicht lange auf sich warten.

Wir kennen ja den alten Löwen. – Sieh,

Da kommt Paprutowitsch. Er bringt uns Kundschaft. 10. Auftritt.

Vorige. Paprutowitsch auch gerüstet und ein ungarischer Bauer.

PAPRUTOWITSCH.

Mein edler Herr, greift nach dem Schwert! es gilt!

Der Großherr ist durch Belgrad schon gezogen

Mit kriegerischer Pracht und Kaiserstolz.

Der Bauer hier bringt die gewisse Nachricht,

Er hat den Zug mit angesehen.

ZRINY.

So sprich!

BAUER.

Ich hatt' in Belgrad ein Geschäft und Handel,

Und als der Kauf geschlossen war, wollt' ich

Mit meinen Pferden frisch nach Hause traben;

Da hieß es in der Stadt, der Großherr komme

Mit gar verwunderlicher Pracht und Größe,

Einzug zu halten mit dem ganzen Heer.

Ich konnt' nicht mehr durchs Thor, so gräßlich war

Euch das Gedräng des zugeströmten Volkes;

Da blieb ich denn und hab' ihn so erwartet.

Erst sah ich an fünftausend Janitscharen,

Schanzgräber, Zimmerleut' und all das Volk;

Die meisten waren gutbewehrte Männer.

Drauf kam der Bassen ganzer Dienertroß

Zu Fuß und Pferd, viel kleine Fähnlein tragend,

Ein jedes anders, nach des Herren Wappen.

Des Kaisers Weidgefolg' und Falkenträger.

An funfzig stolze Rosse, von den Spahis

Geführt, und eine Reihe junger Sklaven,

Meerkatzen, Papagei'n und andre Kurzweil

Auf ihren Köpfen tragend, folgten dann.

Die Bolukbassen schlossen sich daran,

Mit reichen Reiherbüschen auf den Helmen.

Nach ihnen Diener des Serails und drei

Vornehme Bassen: Ferhad, Mustafa

Und Achmet, drauf der Bassa Mahomed,

Nach ihm der Wesir Bassa, der als Richter

Im Lager gilt, dann eine Schar Solaken

Und dann der Tschauschen unmanierlich Volk,

Die mit den Kolben in die Menge schlugen

Und nach den Köpfen in den Fenstern schossen,

Damit sich keiner rühmen soll, er habe

Auf ihren Großsultan herabgesehn.

Drauf kam der Sultan. Ein arabisch Roß

Trug ihn, den kaiserlich geschmückten Heiden.

Ein Säbel, mit Demanten reich besäet,

Hing an dem Sattel, köstlich anzuschaun.

Zur Rechten ging dem Kaiser Ferhad Aga

Und sprach mit ihm; drei Begler folgten dienend,

So auch drei Knaben, von ihm hochgeliebt,

Die Pfeil und Bogen, Kleider, Schalen trugen.

Dann kamen ganze Reihen schöner Pagen,

Sie gingen vor dem goldenen Wagen her,

Der dem Großsultan nachgefahren wurde;

's soll ein Geschenk vom fränk'schen König sein.

Acht andre Wagen dann, nicht minder köstlich,

Der Chasnadar mit seiner Dienerschar,

Zweihundert Esel, schwer mit Gold beladen,

Und ihre Führer schlossen diesen Zug.

Zuletzt das Heer in schöner, stolzer Ordnung.

An zweimal Hunderttausend schätzte man's.

Als sich das Volk in später Nacht verlaufen,

Entkam ich glücklich durch das Thor und bin

Auf unbetretnen Wegen hergeeilt,

Euch, edler Graf, die Botschaft zu verkünden.

ZRINY.

Brav, Landsmann! Labe dich in meinem Keller;

Mein Seckelmeister bringt dir meinen Dank.

Bauer geht ab.

ZRINY.

Kinder, 's wird Ernst! Noch harr' ich auf den Lorenz;

Ich sandt' ihn aus.

ALAPI.

Da sprengt er in den Hof.

Helene weint an dem Herzen ihrer Mutter.

ZRINY.

Der bringt uns Kundschaft. – Weib, tröste das Mädchen!

Das ist nicht anders in dem Land des Kriegs;

Sie wird sich schon an diese Zeit gewöhnen.

So ängstlich aber sah ich sie noch nie. –

Sei ruhig, Kind!

HELENE.

Wie, Vater, kann ich das?

Und könnt' ich's, Vater, wär' ich glücklicher?

EVA.

Still, Mädchen! still!

HELENE.

Ach, Mutter, sieh, da kommt er,

Und schlimme Botschaft les' ich auf der Stirne,

Wie heldenmütig auch das Auge glüht! 11. Auftritt.

Vorige. Juranitsch gerüstet.

ZRINY.

Was bringst du, Juranitsch?

JURANITSCH.

Den Ruf zur Schlacht,

Mein edler Graf! Schon ging der Mehmed Beg

Ueber die Drau, er streift bis Sziklas, hat

Das Land verheert, die Dörfer angezündet

Und alle Greu'l des Türkenkriegs erneut.

Gib mir ein Fähnlein deiner wackern Reiter!

Mich drängt der Mut, ich sehne mich zur Schlacht

Und will das Land an diesen Buben rächen.

HELENE.

Gott! – Juranitsch!

JURANITSCH.

O jammre nicht, Helene!

Jetzt gilt es Kampf, jetzt kann ich dich verdienen

Und trete mutig vor den Vater hin,

Ihm meine Liebe, meinen Wunsch bekennend. –

Ja, alter Held, ich liebe Eure Tochter!

Zwar hab' ich nichts als dieses treue Schwert,

Und wenig Ruhm ererbt' ich von den Vätern;

Doch hab' ich oftmals Euer Wort gehört:

Ein Heldenarm dürfe nach Kronen greifen.

Es fehlt an Mut, es fehlt an Kraft mir nicht;

Laßt mich hinaus, den Adel zu bewähren,

Den ich lebendig in dem Herzen fühle.

ZRINY.

Darauf antwort' ich dir nach deiner Schlacht.

Mir gilt ein Held mehr als ein Fürstenmantel;

Doch deiner Jugend darf ich nicht allein

Vertraun, was Ungarns Wohl bestimmen könnte. –

Kaspar Alapi, nimm dir tausend Mann

Zu Fuß und an fünfhundert Reiter; Juranitsch

Und Wolf begleiten dich, die andern Führer

Magst du nach eignem Willen dir erkiesen.

Grad' auf den Mehmed Beg! Der kleinen Anzahl

Kann nur ein rascher Angriff günstig sein.

Die Türken sollen's wissen, daß sie Männer

In Sigeth finden, die die Uebermacht nicht scheun!

Gott sei mit euch, und kehrt als Sieger wieder!

ALAPI.

Vertraue mir und deinem treuen Volk.

Frisch, Brüder, an die Arbeit! Morgen früh

Ziehn wir mit reicher Türkenbeute heim! –

Vergönnt mir güt'gen Urlaub, gnäd'ge Gräfin!

EVA.

Zieht hin, ich will indessen für euch beten.

JURANITSCH.

Lebt wohl, verehrte Frau, lebt wohl! – Helene,

Sprich auch ein gütig Wort für mich zum Himmel!

Um Sieg der Liebe flüstre dein Gebet;

Es wird zum Talisman und soll mich schützen.

EVA.

Schont ihrer!

HELENE.

Ach, du gehst in deinen Tod!

JURANITSCH.

Nein, nein! der Tod wagt sich nicht an die Liebe.

HELENE.

Er wagt sich nicht – o laß mir diesen Trost!

JURANITSCH.

Trau' mir, er wagt sich nicht an uns. Verwegen

Stürz' ich mit diesem Glauben mich hinein!

Er zieht den Säbel, die andern Hauptleute ebenfalls.

Wer Kräfte fühlt, der muß die Kräfte regen;

Der Kampf ist kurz, der Sieg soll ewig sein!

Und sehnt' ich mich nach ungemeinen Schätzen,

Ich muß das Ungemeine daran setzen!

Er eilt mit Alapi und den Hauptleuten ab.

HELENE umsinkend.

Mein Lorenz! Lorenz!

EVA.

Gott! sie sinkt!

ZRINY sie aufhaltend.

Helene!

Während der Gruppe fällt der Vorhang. 2 Aufzug. Das Zimmer vom Ende des ersten Aufzugs. 1. Auftritt.

Eva und Helene.

EVA.

Wie ist dir, liebe Tochter?

HELENE.

Besser.

EVA.

Kind,

Du hast uns sehr geängstigt. Selbst der Vater,

Der sonst so ruhige, gefaßte Mann,

Er fuhr zusammen, als der teure Liebling

Ihm bleich und zitternd in die Arme sank.

Gottlob! noch färbt die Röte deine Wangen.

Es drängte nur des Augenblickes Schmerz

Die frische Kraft der Jugendfülle nieder.

HELENE.

Ach, Mutter! wie er mir den flücht'gen Abschied

Mit dem gezognen Säbel zugewinkt –

Es ist der letzte Gruß, rief's mir, der letzte!

Dort draußen lauert der Verrat auf ihn,

Dort draußen ist der Liebe Tod bereitet!

Da zuckt' es mir versengend durch die Brust,[20]

Das Auge brach, des Herzens Pulse stockten,

Wie Traum des Todes kam es über mich.

EVA.

Du mußt das weiche Herz bezwingen lernen,

Wenn dich als eine würd'ge Heldenbraut

Nach dieses Lebens raschem Kranz gelüstet. –

Wohl manche Freuden fühlt des Mannes Weib.

Der ruhig in der wohlerworbnen Hütte

Der stillen Tage gleiche Ketten wirkt.

Wenn sich die Scheuern und die Schränke füllen.

Wenn das Geschäft die saure Mühe lohnt

Und, mit dem Kiel der Schiffe hergetragen,

Das Glück auf die geschmückte Schwelle tritt:

Dann freut sie sich der reichbedankten Arbeit,

Und in dem Auge des zufriednen Gatten

Und auf der Kinder munterm Angesicht,

Die an den bunten Gaben sich ergötzen,

Blüht ihr das Leben still und heiter auf;

Der ruhige Genuß versöhnt das Schicksal. –

Doch anders ist es in des Weibes Brust,

Die ihrer Liebe zarte Epheuranke

Um eine kühne Heldeneiche webt.

Den Augenblick, den günst'gen, muß sie fassen,

Muß ihn festhalten wie ihr letztes Gut;

Es schwebt ihr Leben zwischen Gluck und Jammer

Und Höllenqual und Himmelseligkeit.

Wenn sich der Held für seines Landes Freiheit

Verwegen aus dem Arm der Liebe reißt,

Die kühne Brust dem Mordstahl anzubieten,

Da muß sie Gott und seiner Kraft vertraun

Und seine Ehre lieben als sein Leben;

Denn wie den andern Sklaven der Natur

Der Atemzug des Daseins Fordrung ist,

So, Mädchen, ist's dem Manne seine Ehre;

Und wenn du deinen Heldenjüngling liebst

Als Heldenbraut, wie's Zrinys Tochter zukommt,

So ist es nicht sein jugendliches Antlitz,

Nicht seiner Stimme schmeichelnde Gewalt,

Die mit der Liebe Netzen dich umstrickte:

Du liebst den graden Sinn, die Kraft, den Ruhm

Und seines Namens unbefleckte Ehre.

HELENE.

Ach, sei nachsichtig mit dem armen Mädchen,

Das ihrer Seele schwärmendes Gefühl

Noch nicht gelernt in fremde Form zu drücken,

Wohl deinen mütterlichen Rat begreift,

Doch nicht den Mut besitzt, zu dir hinauf[21]

Die zagenden Gedanken hinzuwünschen. –

Vergib mir, Mutter, wenn ich dir's gestehe:

Oft träum' ich mir, es wäre doch so schön,

Könnt' ich in eines stillen Thales Frieden

Der Stunden ewig gleiche Kettentänze

An seiner Brust vorüberrauschen sehn. –

Ich soll den Mut, die Kraft an ihm nur lieben,

Die sich verwegen ins Verderben stürzt?

Nein, Mutter, nein, ich liebe nur die Liebe,

Die aus der Lippen flüsterndem Gesang,

Die aus der Augen Thränen widerleuchtet;

Ihn in der Liebe und in ihm die Liebe!

Das schwankt und zittert wie der Winde Hauch

Und wiegt im ew'gen Wechsel meine Seele.

EVA.

So war mir's auch. Der Liebe erster Ruf

Ergreift die Mädchenseele mädchenhaft,

Wie sie den Jüngling jugendlich begeistert,

Daß er nach Kampf und kühner That verlangt;

Doch wenn der Liebe heilig stilles Wirken

Die Geister, die getrennt in fremder Welt

Nach unbekannten Zielen hingeflogen,

Zu innigem Gespräche sanft gewöhnt,

Daß sich die Seelen nach und nach erwählen,

Austauschend in dem einzigen Gedanken

Gefühl, Empfindung, Sehnsucht, Religion,

Und was sie sonst geahnet und geschlummert:

Dann tritt die Liebe wunderherrlich auf

Und führt zwei neue Menschen in das Leben.

Der Jüngling, der von seines Mädchens Lippe

Der Anmut zarten Seelenfrieden trank,

Sieht seines Mutes Wellensturm geregelt,

Der Sehnsucht Labyrinthe aufgedeckt,

Und jene Kraft, die ihn hinausgeschleudert

Aus aller Bahnen Gleise, wiegt bekämpft

Sein heitres Leben jetzt auf sanften Wellen

Und schaukelt ihn dem sichern Hafen zu.

Die Jungfrau aber fühlt die zarte Seele

Vom Kuß der Liebe wunderer entzückt.

Ein klarer Mut, ein freudiges Vertrauen,

Der kühnen Hoffnung schwärmende Gefühle,

Sie ziehen freudig in dem Herzen ein

Und flechten ihre lochten Strahlenkränze

Mit treuer Brust um die beglückte Braut.

So, wie du jetzt fühlst, hab' auch ich empfunden

Doch dieser Sonnenklarheit schönre Zeit[22]

Wird bald in deiner Brust sich offenbaren,

Dann halt sie fest, dann magst du sie bewahren.

HELENE fällt ihr in die Arme.

O meine Mutter!

EVA.

Gute, liebe Tochter! –

Es gibt doch Schönres nichts auf dieser Welt,

Als wenn in süß vertrauendem Entzücken,

Lichtperlen der Begeistrung in den Blicken,

Das Kind der Mutter in die Arme fällt! 2. Auftritt.

Vorige. Zriny.

ZRINY.

Zur guten Stunde sucht' ich meine Lieben;

Die Tochter find' ich an der Mutter Brust,

Und tiefe Rührung leuchten eure Blicke.

O, schließt auch mich mit ein in eure Arme!

Das Herz ist weich, und ungewohnt drängt sich

Der Freudentau in diese Männeraugen.

Mein Weib! – Helene!

HELENE.

Vater!

EVA.

Teurer Mann!

So mild hab' ich dich lange nicht gesehn.

Was ist dir, Zriny? Du bist tief ergriffen,

Wie leise Ahnung dämmern deine Blicke –

Was ist dir, Zriny?

ZRINY.

Laß mich, gutes Weib!

Glaub' mir, mir ist so wohl in euern Armen,

Und tausend Bilder stehen blühend auf

Und treten freundlich vor die frohe Seele,

Daß ich der Rührung nicht gebieten kann! –

O Menschen! Menschen! faßt das Leben schnell,

Laßt keiner Stunde Zeigerschlag vorüber,

Wo ihr nicht sagt: der Augenblick war mein,

Ich habe seine Freuden ausgekostet,

Kein Tröpfchen Balsam ließ ich in dem Kelch.

Die Zeit ist schnell, noch schneller ist das Schicksal:

Wer feig des einen Tages Glück versäumt,

Er holt's nicht ein, und wenn ihn Blitze trügen!

HELENE.

Noch keine Nachricht?

ZRINY.

Keine, gutes Mädchen!

Auch wär's kaum möglich. Sei nur ruhig, Kind!

EVA.

Ist sonst dir andre Botschaft zugekommen? –

Verhehl' mir nichts, das Gute wie das Schlimme.

Mir ahnet, Zriny, eine schwere Zeit;[23]

Gewöhne mich auch an des Unglücks Stimme,

Daß nicht unvorbereitet das Geschick

Dem schwachen Weib das Gräßliche bereite.

ZRINY.

Noch sorge nicht! Ließ' ich dich sonst in Sigeth?

Vertraut' ich sonst, tollkühn verwegnen Muts,

Mein höchstes Glück dem Wechselspiel des Schicksals?

Eilboten sandt' ich nach des Kaisers Hof,

Ihm die Gefahr des Ungarlands zu melden;

Denn ernstlich wird's. Schon schlug der Hamsa Beg,

Trotz Wogensturm, zum viertenmal die Brücke;

Dreimal hatte die Drau sie umgestürzt;

Mit jeder Stunde harrte man des Kaisers.

Mehmed Sokolowitsch mit sechzigtausend Mann,

Der Pascha Mustafa und Karem Beg

Sind kampfgerüstet ihm vorangegangen

Und bahnen ihm den blutbefleckten Weg.

Wenn unsre Helden sich nicht wacker eilen,

So finden sie den Großherrn schon vor Sigeth.