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Auf Gespensterjagd

Johannes Merkel

Es war einmal ein Mann, der hieß Harald Spukfresser. Das war natürlich nicht sein wirklicher Name, er hatte sich diesen Namen zugelegt, damit die Leute gleich wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Was glaubt ihr, was Herr Spukfresser von Beruf war? Natürlich war er von Beruf Gespensterjäger. Er vertrieb Gespenster, die in Häusern oder in Schlössern herumgeisterten, die Leute belästigten und ihnen nachts den Schlaf raubten. Das machte er natürlich nicht umsonst, schließlich ist es eine Kunst, lästige Gespenster zu vertreiben. Im Gegenteil er ließ sich dafür gut bezahlen. Aber wenn Leute Nacht für Nacht von Gespenstern belästigt und am Schlafen gehindert werden, sind sie auch bereit, tief in die Tasche zu greifen um sie zu vertreiben.  Und damit Leute, die von Gespenstern belästigt wurden, auch erfuhren, wer ihnen helfen konnte, ließ er Anzeigen in alle Zeitungen setzen, in denen er schrieb: "Lassen Sie sich nicht länger Ihre Ruhe und Ihren Schlaf rauben! Dr. Spukfresser beseitigt zuverlässig und dauerhaft jede Art von Störgeistern, Poltergeistern oder anderen lästigen Gespenstern. Die Beseitigung erfolgt nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und auf dem Stand der modernsten Technologie. Hundertprozentige Wirksamkeit garantiert!"

Diese Anzeige las auch eine Frau, die jede Nacht von einem dreisten Gespenst am Schlafen gehindert wurde. Die gute Frau war Friseuse und hatte im Lotto eine Million gewonnen. Da hatte sie ihren Friseurladen dicht gemacht und sich ein Schloss gekauft. Sie zog in ihr neues Schloss, aber sie ahnte ja nicht, dass es in diesem Schloss spukte. Immer wenn sie gerade dabei war in ihrem neuen Himmelbett einzuschlafen, kitzelte sie jemand an den Fußsohlen, kniff sie ins Ohrläppchen oder zog ihr die Bettdecke weg. Und dann kicherte das Gespenst auch noch so schaurig, dass die Frau davon eine Gänsehaut bekam und vor Angst erst recht nicht einschlafen konnte.  Als sie die Anzeige gelesen hatte, rief diese Frau sofort bei Dr. Spukfresser an. "Bitte, Sie müssen mir helfen!" rief sie ins Telefon. "Ich weiß nicht mehr aus noch ein". Harald Spukfresser kam noch am gleichen Tag gegen Abend ins Schloss. Er beruhigte die aufgeregte Friseuse. Sie sollte die kommende Nacht in einem Hotel schlafen und ihn allein im Schloss zurücklassen. Morgen früh würde das Schloss von dem lästigen Spuk befreit sein und von da an würde sie in aller Ruhe und ungestört in ihrem Himmelbett schlafen können.  "Sie sind ein Engel", hauchte die Frau und ließ den Gespensterjäger allein im Schloss zurück.

Allein im Schloss begann er seine Jagdausrüstung ins Schloss zu schaffen. Er hatte gleich geahnt, dass es sich um einen hartnäckigen Störgeist handeln musste, und hatte nicht nur die Standardausrüstung, sondern auch die brandneuen technischen Wunderwaffen mitgebracht, mit denen er auch extrem lästige Störgeister zur Strecke brachte.  Die Standardausrüstung umfasste eine Gespensterkneifzange, eine Gespenstertrennschere, einen Gespensterkäscher, eine Gespensterfalle und eine Packung Gespensterköder. Ich schätze, ihr wisst, was damit gemeint ist und wozu Harald Spukfresser diese Ausrüstung benutzt. Aber wie gesagt, in diesem Falle hatte er auch die allerneuesten Geräte mitgenommen, und da würde mich doch interessieren, ob ihr ahnt, wie sie funktionieren. Zum Beispiel hatte er auch eine hoch auflösende Gespenstersuchbrille im Gepäck. Und er hatte das Gespenstersauggerät mit der elektronisch gesteuerten Gespensteransaugautomatik mitgebracht. Dazu einen unentrinnbaren Gespenstertransportkoffer, der mit einem elektronisch gesteuerten Gespenstervernichtungsprogramm ausgestattet war, die erlaubten, die Gespenster in Luft aufzulösen.  Als es dunkel zu werden begann, zog sich Harald Spukfresser das Nachthemd der guten Frau an, stülpte sich eine Perücke über den kahlen Schädel und legte sich in ihr Himmelbett. In dieser Aufmachung würde ihn das Spukgespenst für die Frau halten und ihn wie gewohnt belästigen. Aber heute Nacht würde er dabei eine böse Überraschung erleben. Punkt Mitternacht schwebte das Spukgespenst durch das Schlüsselloch ins Schlafzimmer. Natürlich hielt es sich für unsichtbar, aber Harald Spukfresser hatte es längst durch die Gespenstersuchbrille ausgemacht. Wie gewohnt schlüpfte es unter die Bettdecke, um die Schlossherrin an den Fußsohlen zu kitzeln. Aber das schien heute die Schlossherrin gar nicht zu stören. Also ging das Gespenst dazu über, sie ins Ohrläppchen zu kneifen und dazu schaurig zu kichern. Als die Schlossherrin noch immer nicht in Angstschweiß ausbrach, zog es ihr schließlich die Bettdecke weg und ließ ein grauenvolles Kreischen hören. Jetzt aber sprang Harald Spukfresser aus dem Bett, ortete das Gespenst durch die Gespenstersuchbrille und stülpte den Gespensterkäscher über ihn. Kaum war das Gespenst im Käscher, schloss die Verschlussautomatik die Klappe und das Gespenst saß im Käscher fest. Zu früh gefreut! Leider hatte Harald Spukkieker übersehen, dass der Spezialstoff des Käschers vom vielen Gebrauch einen haarfeinen Riss bekommen hatte. Das Spukgespenst machte sich dünn und dünner, bis es fadendünn wurde und durch den Riss schlüpfen konnte. Nun, auch Harald Spukkieker war auf der Hut. Als er das Spukgespenst durch die Gespenstersuchbrille als fadendünnen Streifen aus dem Käscher entweichen sah, bekam er es im letzten Augenblick noch mit der Gespensterkneifzange zu fassen. Da stieß das Gespenst einen schreckerregenden Schrei aus, der dem Gespensterjäger in die Knochen fahren sollte, damit er den Zangengriff lockerte. Als erfahrener Gespensterjäger ließ sich Harald Spukfresser davon nicht beeindrucken. Das Gespenst, das mit einem Ende im Gespensterkäscher festsaß, griff nun mit seinem langgezogenen Körper um den Gespensterjäger herum. Mit dem fadendünnen Ende schlüpfte es dem Gespensterjäger von hinten unter das Nachthemd und kitzelte ihn unter der Achsel. Harald Spukfresser biss die Zähne zusammen, aber schließlich half alles nichts, er musste laut loskichern, dabei lockerte er den Griff um die Gespensterkneifzange und das Gespenst konnte als endlos lange fadendünne Schnur aus dem Käscher entkommen.  Auf der Stelle wickelte sich nun das befreite fadendünne Gespenst um den überraschten Gespensterjäger, um ihn durch die Umwickelungen zu fesseln und kampfunfähig zu machen. Der erfahrene Gespensterjäger reagierte jedoch blitzschnell, indem er die Gespenstertrennschere aus seinem Werkzeuggürtel zog und den fadendünnen Gespensterleib mit der Schneide der Trennschere in zwei Teile zerschnitt.  Das Gespenst stieß einen furchtbar spitzen Schrei aus und ging zum Gegenangriff über: Die beiden fadendünnen Gespensterhälften begannen wie mit Peitschenhieben auf Harald Spukkieker einzuschlagen. Die Hiebe schlugen dem Gespensterjäger blutige Striemen in den Rücken, aber er wusste nur zu gut, dass er sich von diesen Schlägen nicht ablenken lassen durfte. Trotz der Schmerzen gelang es ihm, die Gespensterfalle in Stellung zu bringen und den Gespensterköder in der Falle auszulegen. Sobald die beiden Gespensterhälften den Köder schnupperten, ließen sie von dem Gespensterjäger ab und wurden unwiderstehlich von dem hochwirksamen Gespensterköder angezogen, der sie in die Falle lockte.  Schon glaubte Harald Spukfresser das Gespenst im Fangkorb festgesetzt zu haben. Was der Gespensterjäger jedoch nicht bedacht hatte: Im Fangkorb der Falle wickelten sich die fadendünnen Gespensterhälften zu einem dicken Knäuel zusammen und konnten sich in eine energiegeladene Gespensterkugel verwandeln. Diese Gespensterkugel dehnte sich aus, drückte mit ihrer geladenen Energie gegen die Wände des Fangkorbes und sprengte den Fangkorb mit einem ohrenbetäubenden Knall auseinander.  Die Energie war so groß, dass das Gespenst dabei in tausend Einzelteile zerriss. Jedes einzelne dieser Teile ging nun gegen den überraschten Gespensterjäger vor, prasselte auf ihn ein und riss ihm blutige Striemen in die Gesichtshaut. In seinem langen Berufsleben war Harald Spukfresser solch eine Attacke noch nicht untergekommen. Wenn es ihm nicht gelang, die tausend Einzelteile des Gespenstes einzufangen, war es um ihn geschehen. Mit dem Mut der Verzweiflung schloss er das Gespenstersauggerät an den Gespenstertransportkoffer und richtete das Saugrohr gegen die angreifenden Einzelteile. Prasselnd schossen die Einzelteile durch die Saugröhre und landeten im Gespenstertransportkoffer. Die Innenwände des Koffers waren mit einer Schutzschicht beschichtet, die Gespenstern jedes Durchdringen verwehrten. Die Einzelteile rumorten im Fangkorb wie ein wild gewordener Bienenschwarm, aber diesmal gab es kein Entrinnen. Harald Spukfresser musste nur noch die wenigen frei herumfliegenden Einzelteile des Gespenster aus der Luft absaugen und er hatte gewonnen. Dann aktivierte er das Gespenstervernichtungsprogramm, das die gefangenen Einzelteile nacheinander in Luft auflöste. Und damit war der ganze Spuk zu Ende.  Am nächsten Morgen konnte er der überglücklichen Schlossherrin ein Schloss übergeben, das von dem lästigen Gespenst befreit war. Von da an schlief die Friseuse, die zu einer Schlossherrin geworden war, jeden Tag glücklich und ungestört bis in den hellen Morgen in ihrem Himmelbett.

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