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Remarque_-_Zeit_zu_Leben_und_Zeit_zu_Sterben

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08.06.2015
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☆

zuwenig Wohnungen. So wird es noch lange bleiben.« Es begann wieder zu regnen. Dicke, warme Tropfen fielen. Frau Lieser spannte einen Schirm auf. Eine Frau, die einen neuen Blumenhut gerettet und ihn einfachheitshalber aufgesetzt hatte, nahm ihn ab und steckte ihn unter ihr Kleid. Der Portier erwachte wieder und nieste. Hitler auf dem Ölbild der Frau Lieser sah im Regen aus, als weine er. Graeber schnallte seinen Mantel und seine Zeltbahn vom Tornister. Er hängte Elisabeth den Mantel um und breitete die Zeltbahn über das Bettzeug. »Wir müssen sehen, wo wir diese Nacht schlafen können«, sagte er. »Vielleicht löscht der Regen das Feuer. Wo werden alle die andern hier schlafen?»

»Ich weiß es nicht. Man scheint diese Straße vergessen zu haben.»

»Wir können hier schlafen. Mit dem Bett und dem Mantel und der Zeltbahn.»

»Kannst du das?»

»Ich glaube, man kann überall schlafen, wenn man müde ist» »Binding hat ein Haus und ein freies Zimmer. Dahin willst du nicht, was?« Elisabeth schüttelte den Kopf. »Dann ist noch Pohlmann da«, sagte Graeber. »Er hat Platz zum Schlafen in seiner Katakombe. Ich habe ihn vor ein paar Tagen gefragt. Die Notquartiere sind sicher alle überfüllt — wenn sie noch da sind.» »Wir können noch eine Zeitlang warten. Unsere Etage brennt noch nicht.« Elisabeth saß in dem Militärmantel im Regen. Sie war nicht deprimiert. »Ich wollte, wir hätten etwas zu trinken«,

sagte sie. »Kein Wasser, meine ich.»

»Wir haben etwas. Ich habe beim Einpacken eine Flasche

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Wodka hinter den Büchern gefunden. Wir müssen sie vergessen haben.« Graeber knotete das Bettzeug auf. Er hatte die Flasche in den Federn versteckt; dadurch war sie dem Dieb entgangen. Er hatte auch ein Glas eingewickelt. »Hier ist sie. Wir müssen sie vorsichtig trinken, damit die andern nichts merken. Sonst werden wir wegen Verhöhnung des nationalen Kummers von Frau Lieser angezeigt.»

»Wenn man will, daß andere nichts merken, muß man nicht vor sichtig sein. Das habe ich gelernt.« Elisabeth nahm das Glas und trank. »Wunderbar«, sagte sie. »Gerade, was ich brauchte. Es ist jetzt beinahe wie ein Freiluftcafé. Hast du auch Zigaretten?»

»Ich habe alle mitgenommen, die wir hatten.» »Gut. Dann haben wir, was wir brauchen.»

»Soll ich nicht doch noch ein paar Möbel holen?»

»Sie lassen dich nicht mehr rauf. Und wir können nichts damit machen. Wir können sie nicht einmal dahin mitschleppen, wo wir heute abend schlafen.»

»Einer kann sie bewachen, und der andere kann Unterkunft suchen.« Elisabeth schüttelte den Kopf. Sie trank den Rest ihres Glases aus. Das Dach ihres Hauses brach zusammen. Die Mauern schienen zu schwanken, dann brachen auch die Böden der oberen Stockwerke durch. Die Bewohner stöhnten auf der Straße. Funken sprühten durch die Fenster. Die Flammen leckten die Gardinen herauf.

»Unser Stockwerk ist noch da«, sagte Graeber. »Nicht mehr lange«, erwiderte ein Mann hinter ihm. Graeber drehte sich um. »Warum nicht?»

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»Warum sollten Sie es besser haben als wir? Ich habe in dem Stockwerk dort oben dreiundzwanzig Jahre gewohnt, junger Mann. Jetzt brennt es. Warum sollte Ihres nicht brennen?« Graeber sah den Mann an; er war dünn und glatzköpfig. »Ich dachte, so etwas wäre Sache des Zufalls, nicht der Moral.»

»Es ist eine Sache der Gerechtigkeit. Wenn Sie wissen, was das heißt!»

»Nicht genau. Aber das ist nicht meine Schuld.« Graeber grinste. »Sie müssen ein schweres Leben haben, wenn Sie selbst noch daran glauben. Soll ich Ihnen ein Glas Wodka einschenken? Es hilft mehr als alle Entrüstung.»

»Danke! Behalten Sie Ihren Schnaps! Sie werden ihn schon noch brauchen, wenn Ihre Bude einfällt.« Graeber stellte die Flasche zurück. »Wetten, daß sie nicht ein fällt?«.

»Was?»

»Ich frage Sie, ob Sie darauf wetten wollen?« Elisabeth lachte. Der Mann mit dem Glatzkopf starrte beide an.

»Wetten wollen Sie frivoler Geselle? Und Sie, Fräulein, lachen noch dazu? Wahrhaftig, es ist weit gekommen mit uns!»

»Warum soll sie nicht lachen«, sagte Graeber. »Lachen ist besser als weinen. Besonders, wenn beides nichts nützt.»

»Sie sollten beten!« Die obere Mauer schlug nach innen. Sie durchbrach den Boden des Stockwerks über Elisabeths Wohnung. Frau Lieser begann unter ihrem Regenschirm krampfhaft zu schluchzen. Die Familie am Küchentisch kochte auf einem Spirituskocher Malzkaffee. Die Frau in dem roten Plüschsessel breitete Zeitungen über die Lehnen, um den Sessel

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vor dem Regen zu schützen. Das Kind in der Wiege schrie. »Da geht sie hin, unsere Heimat von zwei Wochen«, sagte Graeber.

»Gerechtigkeit!« erklärte der Kahlkopf befriedigt. »Sie hätten wetten sollen, Sie hätten gewonnen.» »Ich bin kein Materialist, junger Mann.»

»Weshalb schreien Sie dann so wegen Ihrer Wohnung?» »Das war mein Heim. Sie verstehen das wohl nicht.»

»Nein, das verstehe ich nicht. Das Deutsche Reich hat mich zu früh zum Weltreisenden gemacht.« »Dafür sollten Sie dankbar sein.« Der Kahlkopf fuhr sich über den Mund und schluckte hart. »Übrigens würde ich jetzt nichts gegen ein Glas Wodka haben.»

»Jetzt kriegen Sie keinen mehr. Beten Sie lieber.« Flammen schlugen aus Frau Liesers Zimmern. »Da verbrennt der Schreibtisch«, flüsterte Elisabeth. »Der Schreibtisch der Denunziantin mit allem darin.»

»Wir wollen es hoffen. Ich habe eine Flasche Petroleum darübergegossen. Was machen wir jetzt?»

»WirsuchenunseinQuartier.Wennwirkeinsfinden,schlafen wir irgendwo auf der Straße.»

»Auf der Straße oder in den Anlagen.« Graeber blickte zum Himmel. »Gegen den Regen habe ich eine Zeltbahn. Sie schützt nicht allzuviel; vielleicht finden wir eine Art Unterstand. Was machen wir mit dem Sessel und den Büchern?»

»Wir lassen sie hier. Wenn sie morgen noch da sind, werden wir weiter darüber nachdenken.« Graeber hing seinen Tornister um und schwang das Bettzeug auf den Rücken. Elisabeth nahm

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die Koffer. »Gib sie mir«, sagte er. »Ich bin gewöhnt, viel zu schleppen.« Die oberen Stockwerke der zwei anderen Häuser krachten ein. Brennende Holzstücke flogen nach allen Seiten. Frau Lieser kreischte und sprang auf; ein glühendes Stück war weit über die abgesperrte Straße ihr ins Gesicht geflogen. Flammen quollen jetzt auch aus Elisabeths Zimmer. Dann fiel die Decke ein. »Wir können gehen«, sagte Elisabeth.

Graeber blickte auf das Fenster. »Es waren gute Tage«, sagte er. »Die besten. Laß uns gehen!« Elisabeths Gesicht war rot vom Feuer beschienen. Sie gingen zwischen den Sesseln hindurch. Die meisten Leute saßen schweigend und ergeben da. Einer hatte einen Pack Bücher neben sich stehen und las. Zwei ältere Leute saßen dicht nebeneinander auf dem Pflaster. Sie hatten eine Pelerine über sich gezogen und wirkten so wie eine traurige Fledermaus mit zwei Köpfen. »Sonderbar, wie leicht es ist, sich von etwas zu trennen, von dem man gestern noch glaubte, daß man sich nie davon trennen könnte«, sagte Elisabeth.

Graeber sah sich noch einmal um. Der Junge mit den Sommersprossen, der die Tasse geholt hatte, saß bereits in dem Biedermeiersessel. »Ich habe eine Tasche von Frau Lieser gestohlen, während sie herumsprang«, sagte er. »Sie ist voller Papiere. Wir werden sie in irgendein Feuer werfen. Vielleicht rettet das jemand vor einer Denunziation.« Elisabeth nickte. Sie sah sich nicht mehr um.

Graeber klopfte lange. Dann rüttelte er an der Tür. Niemand öffnete. Er kam zurück zu Elisabeth. »Pohlmann ist nicht zu Hause. Oder er will keinem aufmachen.»

»Vielleicht wohnt er nicht mehr hier.»

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»Wo soll er sonst wohnen? Nirgendwo ist Platz. Das haben wir in den letzten drei Stunden gesehen. Er könnte nur...« Graeber ging noch einmal zur Tür. »Nein, die Gestapo war nicht da. Dann würde es anders aussehen. Was sollen wir machen? Willst du in einen Luftschutzkeller?»

»Nein. Können wir nicht hier irgendwo bleiben?« Graeber blickte sich suchend um. Es war Nacht, und vor dem düsteren Rot des Himmels ragten schwarz und zackig die Rinnen. »Hier ist ein Stück Zimmerdecke«, sagte er. »Es ist trocken dar» unter. Ich könnte eine Seite mit der Zeltbahn und die andere mit einem Mantel zuhängen.« Er nahm sein Seitengewehr und beklopfte das Stück Decke. Es hielt. Er suchte in den Ruinen und fand ein paar eiserne Stangen, die er in den Boden rammte. Daran hing er die Zeltbahn. »Das ist ein Vorhang. Der Mantel von der anderen Seite macht dann schon eine Art Zelt daraus. Was meinst du?»

»Kann ich dir helfen?»

»Nein. Paß auf unsere Sachen auf, das ist genug.« Graeber reinigte den Boden von Schutt und Steinen. Dann trug er die Koffer hinein und breitete das Bett aus. Den Tornister stellte er an das Kopfende. »Jetzt haben wir einen Unterstand«, sagte er. »Ich habe schon schlechter gehaust. Du allerdings nicht.»

»EsistZeit,daßichmichgewöhne.«GraeberpackteElisabeths Regenmantel, einen Spirituskocher und eine Flasche Spiritus aus. »Das Brot ist mir gestohlen worden. Aber wir haben noch ein paar Konserven in meinem Tornister.»

»Haben wir auch etwas zum Kochen? Einen Topf?»

»Mein Kochgeschirr. Und Regenwasser gibt es überall.

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Wir haben auch noch den Rest des Wodkas. Ich kann dir mit heißem Wasser eine Art von Grog daraus machen. Schützt vor Erkältungen.»

»Gib mir den Wodka lieber so.« Graeber zündete den Spirituskocher an. Das fahle blaue Licht erhellte das Zelt. Er öffnete eine Konservenbüchse mit Bohnen. Sie machten sie heiß und aßen sie mit dem Rest der Wurst ihres Trauzeugen Klotz. »Wollen wir weiter auf Pohlmann warten, oder wollen wir schlafen?« fragte Graeber. »Schlafen. Ich bin müde.»

»Wir müssen in unseren Kleidern schlafen. Kannst du das?» »Ich bin müde genug dazu.« Elisabeth zog ihre Schuhe aus und stellte sie vor den Tornister, damit sie nicht gestohlen werden konnten. Sie rollte die Strümpfe zusammen und steckte sie in die Taschen. Graeber deckte sie zu. »Wie ist das?« fragte er. »Wie in einem Hotel.« Er legte sich neben sie. »Du bist nicht

traurig wegen der Wohnung?« fragte er.

»Nein. Ich habe damit gerechnet, als die ersten Angriffe kamen. Damals war ich traurig. Alles nachher war geschenkte Zeit.»

»Das ist richtig. Aber kann man immer so klar leben, wie man denkt?»

»Ich weiß es nicht«, murmelte sie an seiner Schulter. »Vielleicht, wenn man ohne Hoffnung ist. Doch das ist jetzt alles anders.« Sie schlief und atmete langsam und ruhig. Graeber lag noch eine Weile wach. Er dachte daran, daß manchmal, im Felde, wenn man über unerfüllbare Wünsche geredet hatte, dieses einer davon gewesen war — ein Unterstand, ein Bett, eine

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Frau und eine ruhige Nacht.

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21Er wachte auf. Schritte knirschten vorsichtig über den Schutt. Er glitt geräuschlos unter der Bettdecke hervor. Elisabeth bewegte sich und schlief weiter.

Graeber spähte durch die Zeltbahn. Es konnte Pohlmann sein, der zurückkam; aber es konnten auch Diebe, und es konnte die Gestapo sein — die kam meistens um diese Zeit. Wenn sie es war, mußte er versuchen, Pohlmann abzufangen, damit er nicht nach Hause ging. Er sah zwei Gestalten im Dunkel vor sich. So leise er konnte, folgte er ihnen. Er trug keine Schuhe. Trotzdem stieß er ein paar Meter weiter gegen einen Mauerrest, der lose hing und sofort zusammenfiel. Er duckte sich. Eine der Gestalten kehrte um. »Ist da jemand?« fragte sie. Es war Pohlmann. Graeber stand auf. »Ich bin es, Herr Pohlmann. Ernst Graeber.»

»Graeber? Was ist passiert?»

»Nichts. Wir sind nur ausgebombt worden und wußten nicht wohin. Ich dachte, Sie könnten uns vielleicht für eine oder zwei Nächte aufnehmen.»

»Wen?»

»MeineFrauundmich.IchhabevoreinpaarTagengeheiratet.» »Gewiß, gewiß.« Pohlmann kam heran. Sein Gesicht schimmerte sehr blaß aus dem Dunkeln. »Haben Sie mich kommen sehen?« Graeber zögerte eine Sekunde. »Ja«, sagte er dann. Es hatte keinen Zweck, unnötige Rücksicht zu nehmen

— nicht wegen Elisabeth und auch nicht wegen des Mannes, der jetzt lautlos irgendwo in den Ruinen lag. »Ja«, wiederholte er. »Und Sie können mir trauen.« Pohlmann rieb sich die Stirn. »Gewiß, das sicher.« Er stand unentschlossen. »Sie haben

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gesehen, daß ich nicht allein war?»

»Ja.«PohlmannschieneinenEntschlußgefaßtzuhaben.»Also

— kommen Sie. Schlafen, sagten Sie. Da ist nicht viel Raum; aber — kommen Sie zuerst einmal hier fort.« Sie gingen um die Ecke. »Alles in Ordnung«, sagte Pohlmann in die Schatten.

Ein Mann löste sich aus den Ruinen. Pohlmann schloß die Tür auf und ließ Graeber und den Mann herein. Dann schloß er von innen ab. »Wo ist Ihre Frau?« fragte er.

»Sie schläft draußen. Wir haben Bettzeug mitgebracht und eine Art Zelt aufgespannt.« Pohlmann blieb im Dunkel stehen. »Ich muß Ihnen etwas sagen. Es kann gefährlich für Sie sein, hier gefunden zu werden.»

»Das weiß ich.« Pohlmann räusperte sich. »Es ist gefährlich meinetwegen. Ich bin in Verdacht.»

»Das war es, was ich meinte.» »Meinen Sie das auch für Ihre Frau?»

»Ja«, sagte Graeber nach einem Augenblick.

Der andere Mann hatte völlig still hinter Graeber gestanden. Jetzt hörte man sein Atmen. Pohlmann ging voran, und als die Tür geschlossen und die Vorhänge zugezogen waren, zündete er eine sehr kleine Lampe an. »Es ist nicht nötig, Namen zu nennen«, sagte er. »Besser, man weiß keine, dann kann man sie auch nicht aussagen. Ernst und Josef wird genügen.« Er sah sehr erschöpft aus. Josef war ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem schmalen jüdischen Gesicht. Er schien völlig ruhig zu sein und lächelte Graeber an. Dann wischte er den Kalkstaub

von seinem Anzug.

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