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Remarque_-_Zeit_zu_Leben_und_Zeit_zu_Sterben

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☆

als wäre sie ein dunkler Flaschenkürbis, der über Nacht dort hochgeschossen war. Graeber hob sie auf, untersuchte sie und steckte sie in die Tasche. Wahrscheinlich hat sein Keller gehalten, und er ist herausgeschaufelt worden, dachte er. Er ging zur Rückseite des Hauses hinüber. Der Kücheneingang stand noch. Er öffnete ihn. Etwas bewegte sich. »Frau Kleinert«, sagte er.

Ein lautes Schluchzen antwortete ihm. Die Frau erhob sich aus dem halbeingestürzten Raum und kam ins Freie. »Der arme Herr! Er war so gut!»

»Was ist denn passiert? Ist er verletzt?»

»Er ist tot. Tot, Herr Graeber. Und er war doch ein so lebenslustiger Herr!»

»Tot?»

»Ja. Man kann es nicht begreifen, nicht wahr?« Graeber nickte. Den Tod konnte man nie begreifen, selbst wenn man ihn noch so oft sah. »Wie ist es gekommen?« fragte er.

»Er war im Keller. Aber der Keller hat nicht gehalten.»

»Der Keller war zu schwach für schwere Bomben. Warum ist er nicht zu dem Hochbunker am Seidelplatz gegangen? Das ist doch nur ein paar Minuten von hier.»

»Er dachte, es würde nichts passieren. Und dann...« Frau Kleinert zögerte. »Es war noch eine Dame da.»

»Was? Mittags schon?»

»Sie war noch immer da. Vom Abend vorher. Eine große Blonde. Der Herr Kreisleiter liebte große Blondinen. Ich hatte ein Huhn serviert, als der Angriff kam.»

»Ist die Dame auch tot?»

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»Ja. Sie waren noch nicht einmal richtig angezogen. Herr Binding im Pyjama und die Dame in einem dünnen, seidenen Morgenrock. So hat man sie gefunden. Ich konnte nichts mehr dazu tun. Daß ihm das passieren mußte! Anstatt in seiner Uniform!»

»Ich wüßte nicht, was ihm Besseres passieren konnte, wenn er schon sterben mußte«, sagte Graeber. »Hatte er schon zu Mittag gegessen?»

»Ja. Sehr herzhaft. Mit Wein und seiner Lieblingsnachspeise. Apfelkuchen mit Schlagsahne.»

»Na, sehen Sie, Frau Kleinert. Dann war es ein wunderbarer Tod. So möchte ich auch einmal sterben. Darüber brauchen Sie wahrhaftig nicht zu weinen.»

»Aber es war doch zu früh.»

»Es ist immer zu früh. Auch wenn man neunzig ist, glaube ich. Wann wird er beerdigt?»

»Übermorgen um neun. Er ist schon im Sarg. Wollen Sie ihn sehen?»

»Wo ist er?»

»Hier. Im Vorratskeller. Da ist es kühl. Der Sarg ist schon geschlossen. Diese Seite des Hauses ist nicht so beschädigt worden. Nur der vordere Teil ist ganz vernichtet.« Sie gingen durch die Küche in den Keller. Ein Haufen von Scherben war in eine Ecke gefegt worden. Es roch nach verschüttetem Wein und Eingemachtem. In der Mitte, auf dem Boden, stand ein nußbrauner Sarg. Rundum, auf den Gestellen, umgestürzt und durcheinandergeworfen, sah man Gläser mit eingemachtem

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Obst und Konserven. »Wo haben Sie denn so rasch einen Sarg hergekriegt?« fragte Graeber.

»Die Partei hat ihn besorgt.» »Wird er von hier aus beerdigt?» »Ja. Übermorgen um neun Uhr.» »Ich werde kommen.»

»Das wird unseren Herrn sicher freuen.« Graeber sah Frau Kleinert an.

»Im Jenseits«, sagte sie. »Er hat immer so große Stücke auf Sie gehalten.»

»Warum eigentlich?»

»Er sagte, Sie wären der einzige, der nie etwas von ihm gewollt hätte. Und dann, weil Sie die ganze Zeit im Kriege waren.« Graeber stand eine Weile vor dem Sarge. Er spürte ein unklares Bedauern, aber nicht viel mehr, und er schämte sich vor der weinenden Frau, weil er nicht mehr empfand. »Was machen Sie jetzt mit all den Sachen?« fragte er und blickte auf die Gestelle. Frau Kleinert belebte sich. »Nehmen Sie doch davon, soviel Sie brauchen können, Herr Graeber. Es kommt ja nachher nur in fremde Hände.»

»Behalten Sie es selbst. Sie haben das meiste ja persönlich eingekocht.»

»Ich habe schon etwas beiseitegetan für mich. Ich brauche nicht soviel. Nehmen Sie mit, was Sie wollen, Herr Graeber. Die Parteileute, die hier waren, haben sowieso schon große Augen gemacht. Es ist besser, wenn nicht zuviel da ist. Es sieht sonst zu sehr nach Hamsterei aus.»

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»Das tut es.»

»Eben deshalb. Und wenn die andern wiederkommen, geht alles in fremde Hände. Sie waren doch ein wirklicher Freund von Herrn Binding. Ihnen gönnt er bestimmt mehr als den andern.»

»Hat er nicht noch Familie?»

»Der Vater ist noch da. Aber Sie wissen ja, wie er mit ihm stand. Und für den bleibt noch genug. Im zweiten Keller sind auch noch eine Anzahl Flaschen heil geblieben. Nehmen Sie doch mit, was Sie brauchen.« Die Frau lief an den Gestellen entlang, griff nach Büchsen und brachte sie heran. Sie stellte sie auf den Sarg, wollte andere holen, besann sich dann aber, nahm sie vom Sarg und trug sie in die Küche.

»Halt, Frau Kleinert«, sagte Graeber. »Wenn ich schon etwas mitnehme, dann wollen wir es auch vernünftig aussuchen.« Er betrachtete die Dosen genauer. »Das sind Spargel. Holländische Spargel, die brauchen wir nicht. Die Ölsardinen können wir lassen, und auch das eingemachte Eisbein.»

»Das ist richtig. Ich bin so durcheinander von allem.« Sie packte einen Stapel auf einen Stuhl in der Küche. »Das ist zuviel«, sagte Graeber. »Wie soll ich das nur wegschaffen?»

»Kommen Sie doch zweimal oder dreimal. Wozu soll es in fremde Hände fallen, Herr Graeber? Sie sind Soldat, Sie haben mehr Recht darauf als diese Nazis, die sich hier warme Posten halten!« Das mag sein, dachte Graeber. Und Elisabeth und Josef und Pohlmann haben ebensoviel Recht, und ich wäre ein Esel, wenn ich nicht Zugriffe. Es nützt und schadet Alfons nichts mehr. Erst später, als er schon ein Stück von der Trümmerstätte

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entfernt war, fiel ihm ein, daß es eigentlich nur ein Zufall war, daß er nicht mehr bei Alfons wohnte und zusammen mit ihm begraben worden war.

Josef öffnete. »Das ging schnell«, sagte Graeber.

»Ich habe Sie gesehen.« Josef zeigte auf ein kleines Loch in der Türfüllung. »Habe es vorhin hineingebohrt. Praktisch.« Graeber legte sein Paket auf den Tisch. »Ich war in der Katharinenkirche. Der Küster hat gesagt, wir könnten eine Nacht dort bleiben. Danke für Ihren Rat.»

»War es der junge Küster?» »Nein, ein alter.»

»Der alte ist gut. Er hat mich eine Woche, als Hilfsküster verkleidet, in der Kirche wohnen lassen. Dann wurde plötzlich revidiert. Ich rettete mich in die Orgel. Der junge Küster hatte mich angezeigt. Er ist Antisemit. Religiöser Antisemit. So etwas gibt es auch. Weil wir vor zweitausend Jahren Christus getötet haben.« Graeber öffnete das Paket. Dann zog er Büchsen mit Sardinen und Heringen aus den Taschen. Josef blickte darauf. Sein Gesicht veränderte sich nicht. »Ein Schatz«, sagte er. »Wir werden ihn teilen.»

»Haben Sie so viel übrig?»

»Sie sehen es ja. Ich habe es geerbt. Von einem Kreisleiter. Macht Ihnen das etwas?»

»Im Gegenteil. Es gibt ihm eine gewisse Würze. Kennen Sie Kreisleiter so gut, daß Sie solche Geschenke bekommen?« Graeber sah Josef an. »Ja«, sagte er. »Diesen ja. Er war ein harmloser und gutmütiger Mensch.« Josef erwiderte nichts.

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»Glauben Sie, daß man das nicht gleichzeitig sein kann?« fragte Graeber. »Glauben Sie es?»

»Es mag möglich sein. Wenn man charakterlos oder ängstlich oder schwach ist und deshalb mitmacht.»

»Wird man so Kreisleiter?»

»Auch das mag möglich sein.« Josef lächelte. »Es ist sonderbar«, sagte er. »Man glaubt oft, ein Mörder müsse überall und immer ein Mörder sein und nichts anderes. Dabei genügt es doch, wenn er es nur ab und zu und nur in einem schmalen Teil seines Wesens ist, um entsetzliches Elend zu verbreiten. Oder nicht?»

»Ja«, erwiderte Graeber. »Eine Hyäne ist immer eine Hyäne. Ein Mensch hat mehr Variationen.« Josef nickte. »Es gibt KZKommandanten mit Humor, SS-Wachen, die untereinander gutmütig und kameradschaftlich sind.

Und es gibt Mitläufer, die sich immer nur an das sogenannte Gute klammern und das Grauenvolle übersehen oder es als vor übergehend und harte Notwendigkeit erklären. Das sind die Leute mit dem elastischen Gewissen.»

»Und die mit der Angst.»

»Und die mit der Angst«, sagte Josef höflich.

Graeber schwieg. »Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen«, sagte er dann.

»Es ist nicht viel zu helfen. Ich bin allein. Ich werde entweder gefaßt oder komme durch«, sagte Josef monoton. »Haben Sie keine Verwandten?»

»Ich hatte welche. Einen Bruder, zwei Schwestern, einen

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Vater, eine Frau und ein Kind. Sie sind tot. Zwei erschlagen, einer gestorben, die andern vergast.« Graeber starrte ihn an. »Im KZ?»

»Im KZ«, erwiderte Josef höflich und kalt. »Man ist dort ausgezeichnet eingerichtet.»

»Und Sie sind entkommen.»

»Ich bin entkommen.« Graeber sah Josef an. »Wie Sie uns hassen müssen«, sagte er. Josef hob die Schultern. »Hassen! Wer kann sich so einen Luxus erlauben! Haß macht unvorsichtig.« GraeberblickteaufdasFenster,hinterdemdichtderSchutthaufen des zusammengestürzten Hauses aufragte. Das schwache Licht der kleinen Lampe im Zimmer schien sich verfinstert zu haben. Es schimmerte auf dem Globus, den Pohlmann in die Ecke geschoben hatte.

»Sie gehen zurück an die Front?« fragte Josef verbindlich. »Ja. Zurück, um dafür zu kämpfen, daß die Verbrecher, die Sie jagen, noch eine Zeitlang länger an der Macht bleiben. Vielleicht gerade lange genug, um Sie zu fangen und zu hängen.« Josef machte eine leichte Bewegung der Zustimmung und schwieg.

»Ich gehe, weil man mich sonst erschießen würde«, sagte Graeber.

Josef antwortete nicht.

»Und ich gehe, weil man, wenn ich desertierte, meine Eltern und meine Frau einsperren, ins Lager schicken oder töten würde.« Josef schwieg.

»Ich gehe, und ich weiß, daß meine Gründe keine Gründe und die Gründe von Millionen sind. Wie Sie uns verachten

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müssen!»

»Seien Sie nicht so eitel«, sagte Josef leise. Graeber starrte ihn an. Er verstand ihn nicht. »Niemand spricht von Verachten«, sagte Josef. »Nur Sie. Warum ist Ihnen das so wichtig? Verachte ich Pohlmann? Verachte ich die Leute, die mich verstecken, obschon sie jede Nacht ihr Leben dafür riskieren? Wäre ich am Leben, wenn sie nicht wären? Wie naiv Sie sind!« Er lächelte plötzlich wieder. Es war ein geisterhaftes Lächeln, das über sein Gesicht flog und nichts mit ihm zu tun hatte. »Wir kommen vom Thema ab«, sagte er. »Man soll nicht zuviel sprechen. Und nicht nachdenken. Noch nicht. Es schwächt. Sich erinnern auch. Es ist zu früh für all das. In Gefahr soll man nur überlegen, wie man sich retten kann.« Er zeigte auf die Konserven. »Dieses da hilft. Ich nehme es. Danke.« Er nahm die Büchsen mit den Konserven und stellte sie hinter die Bücher. Er tat es mit merkwürdig ungeschickten Bewegungen. Graeber sah, daß die vorderen Fingerglieder seiner Hände verkrüppelt und ohne Nägel waren. Josef bemerkte seinen Blick. »Ein kleines Andenken an das Lager«, sagte er. »Sonntagsunterhaltung eines Scharführers. Er nannte es: die Weihnachtskerzen anzünden. Scharf angespitzte Streichhölzer. Ich wollte lieber, er hätte es mit meinen Zehen gemacht. Man würde es weniger sehen. So erkennt man mich rasch. Man kann nicht überall Handschuhe tragen.« Graeber stand auf. »Würde es Ihnen helfen, wenn ich Ihnen eine alte Uniform und mein Soldbuch gäbe? Sie könnten verändern, was nötig ist. Ich kann sagen, es sei verbrannt.»

»Danke. Ich brauche es nicht. Ich werde für die nächste Zeit Rumäne werden. Pohlmann hat das erdacht und vermittelt. Er ist

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sehr geschickt darin. Man sieht ihm das nicht an, wie? Ich werde Rumäne, Mitglied der Eisernen Front, Freund der Partei. Mein Aussehen paßt für einen Rumänen. Und meine Verletzungen könnensobessererklärtwerden.VonKommunistenbeigebracht. Wollen Sie Ihr Bettzeug und Ihre Koffer gleich mitnehmen?« Graeber spürte, daß Josef ihn loswerden wollte. »Bleiben Sie noch hier?« fragte er.

»Warum?« Graeber schob seinen Teil an den Konserven zu ihm hinüber. »Ich kann mehr holen. Ich gehe noch einmal und bringe mehr.»

»Es ist schon zuviel. Ich darf nicht viel Gepäck haben. Und ich muß jetzt fort. Ich kann nicht länger warten.»

»Zigaretten. Ich habe Zigaretten vergessen. Es sind genug da. Ich kann welche mitbringen.« Josefs Gesicht veränderte sich. Es wurde auf einmal gelöst und fast sanft. »Zigaretten«, sagte er, als spräche er von einem Freunde. »Das ist etwas anderes. Die sind wichtiger als Essen. Darauf warte ich natürlich.«

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22Eine Anzahl Leute wartete bereits im Kreuzgang der Katharinenkirche. Fast alle saßen auf Koffern und Körben oder waren umringt von Bündeln und

Paketen. Die meisten waren Frauen und Kinder. Graeber stellte sich mit dem Bettbündel und den Koffern dazu. Eine alte Frau mit einem Pferdegesicht saß neben ihm. »Wenn sie uns nur nicht als Flüchtlinge abschieben!« sagte sie. »Man hört so allerhand. Baracken und wenig zu essen und die Bauern knauserig und böse.»

»Das ist mir egal!« erwiderte ein mageres Mädchen. »Ich will hier raus. Alles besser als tot. Wir haben unsern ganzen Besitz verloren. Man muß für uns sorgen.»

»Vor ein paar Tagen kam ein Zug mit Flüchtlingen aus dem Rheinland durch. Wie die aussahen! Sie fuhren nach Mecklenburg.»

»Mecklenburg? Da gibt es reiche Bauern.»

»Reiche Bauern!« Die Frau mit dem Pferdegesicht lachte böse. »Arbeiten muß man bei denen, daß einem das Fleisch von den Knochen fällt. Dafür kriegt man dann knapp das Essen. Der Führer sollte das wissen!« Graeber sah das Pferdegesicht und das magere Mädchen an. Hinter ihnen, durch den offenen romanischen Säulengang leuchtete im ersten Grün der Domgarten. Narzissen blühten am Fuß der Steinbilder des Kreuzgangs. Eine Drossel saß auf der Darstellung der Geißelung Christi und sang.

»Sie müssen uns kostenlos einquartieren«, erklärte das magere Mädchen. »Bei denen, die genug haben. Wir sind

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