- •Vorlesung 1 Grammatik und ihr Gegenstand. Morphologie und Syntax. Wechselbeziehungen zwischen Grammatik, Lexik, Phonetik und Stilistik
- •2. Morphologie und Syntax
- •3. Wechselbeziehungen zwischen Grammatik, Lexik, Phonetik und Stilistik
- •Vorlesung 2 Die grammatische Bedeutung, grammatische Form und grammatische Kategorie
- •Vorlesung 3 Die grammatischen Formen des Wortes. Der morphologische Formenbestand des Wortes
- •1. Die grammatischen Formen des Wortes
- •2. Der morphologische Formenbestand des Wortes
- •Vorlesung 4 Die Wortarten (Redeteile)
- •1. Die Wortarten
- •2. Die Begriffswörter
- •3. Die Hilfswörter
- •4. Konversion
Vorlesung 2 Die grammatische Bedeutung, grammatische Form und grammatische Kategorie
Die Grammatik hat es mit den grammatischen Formen der Wörter und Sätze und mit der grammatischen Bedeutung dieser Formen zu tun.
Die Gesamtheit der grammatischen Formen einer Sprache bildet das, was man gewöhnlich als die "Grammatik" oder den "grammatischen Bau" der Sprache bezeichnet.
1. Die grammatische Form ist eine sprachliche Einheit, jede Änderung des Wortes, die einen bestimmten Inhalt hat.
Jede grammatische Form erfüllt irgendeine Funktion im Bau der Sprache. Diese Funktionen sind sehr verschiedenartig. Diese Funktion kann z.B. darin bestehen, daß die betreffende Form eine verallgemeinerte und abstrahierte Bedeutung ausdrückt, irgend etwas "bedeutet" (z. B. das Formans -er als Bezeichnung des Plurals in der Wortform Bücher). Die grammatische Form kann auch dem Zweck dienen, die Struktur der grammatischen Einheiten aufzubauen (eine solche Rolle spielt z. B. der verbale Rahmen, der den deutschen Satz zu einer streng geschlossenen Struktur formt).
Für das typische Wort in der deutschen Sprache (dasselbe gilt auch für viele andere Sprachen) ist nicht das einfache Benennen, die "reine Nominierung" eines Dinges oder einer Erscheinung charakteristisch, sondern die Bezeichnung dieses Dinges, dieser Erscheinung unter gleichzeitiger Hinzufügung allgemeiner abstrahierter Begriffe, die notwendig miterwähnt werden müssen, obgleich sich das Interesse des Redenden in der Regel keineswegs darauf richtet. Diese Bedeutungen sind die "grammatischen Bedeutungen".
2. Die grammatische Bedeutung ist also ein verallgemeinerter Begriff aller grammatischen Merkmale, die dem Wort als zu einer Wortart angehörend eigen sind. Die grammatischen Bedeutungen einer Wortform werden oft Grammeme oder Sememe genannt.
Die grammatische Form und die grammatische Bedeutung bilden eine Einheit; das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Jede grammatische Bedeutung ist durch eine bestimmte grammatische Form gekennzeichnet. Zur Bildung grammatischer Formen gibt es verschiedene sprachliche Mittel: Endungen, Suffixe, Präfixe, Wortstellung, usw. So äußert sich z. B. die grammatische Bedeutung des Kasus in der entsprechenden grammatischen Form des Wortes: der Tisch - des Tisches usw. Die grammatische Bedeutung der Person, der Zeit usw. wird durch die Personalform des Verbs ausgedrückt: (ich) komme, (er) kam, (er) käme; (wir) arbeiten, (du) arbeitest usw. Der semantische Inhalt des Wortes bleibt unverändert. Die grammatische Bedeutung verändert sich jedoch mit der Veränderung der grammatischen Form.
Jede Form kann eine Hauptbedeutung (Grundbedeutung oder paradig-matische Bedeutung) oder Nebenbedeutung (syntagmatische Bedeutung) haben, abhängig von den Redebedingungen.
Die Hauptbedeutung wird in einem neutralen Kontext realisiert, die Nebenbedeutung wird in einem "günstigen" Kontext realisiert. Der neutrale Kontext hat keine anderen Merkmale, der Kontext ist günstig im Zusammenhang mit den anderen formalen Merkmalen, z. B.:
Er fährt nach Hause.
Morgen fährt er nach Hause.
Die grammatische Bedeutung und die grammatische Form bilden zusammen die grammatische (morphologische bzw. syntaktische) Kategorie.
3. Der Fachausdruck "grammatische Kategorie" bezeichnet das System der durch irgendein grammatisches Merkmal verbundenen grammatischen Formen, z. B. die Kategorie der Zahl. Oft verwendet man diesen Ausdruck auch zur Bezeichnung der einzelnen grammatischen Formen selbst (z. B. die Kategorie des Nominativs), oder ganzer Formensysteme (z. B. die Kategorie des Verbs).
Es gibt verschiedene Arten von grammatischen Kategorien, unabhängig von ihrem Umfang. Besonders bedeutsam ist die von A. M. Peskovskij eingeführte Gegenüberstellung von "objektiven" und "subjektiv-objektiven" Kategorien. Die objektiven Kategorien bringen in verallgemeinerter und abstrahierter Form die sich im menschlichen Bewußtsein widerspiegelnden Sachverhalte der objektiven Wirklichkeit zum Ausdruck (z. B. Akkusativ als Bezeichnung des Objekts der Handlung, die Kategorie der Zahl). Anders bezeichnet man diese Kategorien als "logisch-grammatische".
Den logisch-grammatischen Kategorien stehen die Kategorien gegenüber, welche mit dem Prozeß der Sprachkommunikation verbunden sind und ihn aufzubauen helfen (z. B. die grammatischen Kategorien der Person, der Zeit, des Modus). Zum Teil kann man ihre Bedeutung nur vom Standpunkte des redenden Subjekts aus verstehen (der Unterschied zwischen den Modi beruht z.B. im wesentlichen darauf, wie der Redende die Realität der Aussage einschätzt). Das sind die "objektiv-subjektive" oder anders gesagt "kommunikativ-grammatische" Kategorien.
Die beiden Arten von Kategorien (die logisch-grammatische und die kommunikativ-grammatische) sind nicht immer genau voneinander geschieden und haben sehr viele gemeinsame Züge.
Es gibt noch eine Abart der Kategorien - die "strukturell-grammatischen", welche der formalen Organisierung der Redeeinheiten dienen (z. B. die Rahmen-konstruktion als ein Mittel zur Zusammenschweißung des Satzes).
