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1.3.5. Lexikalische entlehnungen in der deutschen gegenwartssprache

Der bedeutende wirtschaftliche, soziale, politische, militärische und kul­turelle Einfluss der USA auf die Bundesrepublik verursachte eine starke Übernahme englischamerikanischen Fremdwortgutes.

Charakteristisch für diese Entlehnungen aus dem Amerikanischen war die Tatsache, dass neben terminologischer Lexik oder Lexik, die die „ameri­kanische Lebensweise" (American Way of Live) oder Mode, Werbung u. dgl. widerspiegelt, auch zahlreiche Wörter entlehnt wurden, die deutsche Lexeme dublierten, z.B. comeback — „Wiederauftreten".

Wenn man dabei in Betracht zieht, dass die überwiegende Mehrheit englisch-amerikanischer Fremdwörter formale Entlehnungen sind, so bietet sich hier eine einmalige Gelegenheit, Systemhaftigkeit in den Wechselbe­ziehungen zwischen Lehn- und Stammgut zu verfolgen.

Die Übernahme der Angloamerikanismen nach 1945 in alle Lebensbe­reiche erfolgte in einem solchen Umfang, wurde zu einer solchen Massener­scheinung, dass man seinerzeit dieser amerikanischen Sprachinvasion mit Besorgnis entgegensah. Nach einer cirka fünfzigjährigen Entwicklung der amerikanischen Entlehnungen auf deutschem Boden kann man heute einen Einblick in gewisse Gesetzmäßigkeiten gewinnen, die davon zeugen, dass das lexikalisch-semantische System einer Sprache ein zweck- und funkti­onsgerechter Mechanismus ist. Diese Eigenschaft des Systems kann man, wie oben erwähnt, vor allem auf Grund der Dubletten-Entlehnungen nach­weisen.

Bezeichnend für die Dubletten-Entlehnungen ist heute die Tatsache, dass sehr viele davon sich auseinanderentwickelt oder differenziert haben, so­wohl von Lexemen der Quellensprache als auch von den deutschen Entsprechungen. Das bedeutet die Entwicklung eines der wichtigsten Merkmale der systemhaften Assimilation — Entwicklung der semantischen Selbständig­keit. Dieser Vorgang wird vielfach von anderen Kennzeichen der System­haftigkeit begleitet, nämlich der Reduzierung der semantischen Struktur bei ihrer Einfügung ins lexikalisch-semantische System des Deutschen. Folgen­de Beispiele mögen das veranschaulichen: Comeback ist aus dem Englischen bzw. aus dem Amerikanischen nur mit einer Bedeutung entlehnt — „Rück­kehr" (zu einer alten Stellung). In der Quellensprache gibt es noch eine gan­ze Reihe anderer lexisch-semantischer Varianten, wie „Genesung", „Vergel­tung" und im amerikanischen Slang noch „schlagfertige Antwort". Folglich liegt hier im Vergleich zur Quellensprache eine Reduzierung der semanti­schen Struktur des Fremdwortes vor.

Zweitens hat der Angloamerikanismus auf deutschem Boden eine seman­tische Auseinanderentwicklung von der entlehnten lexisch-semantischen Variante („Rückkehr zu einer alten Stellung") durchgemacht. Comeback bedeutet jetzt im Deutschen „erfolgreiches Wiederauftreten eines bekannten Sportlers, Künstlers oder Politikers nach längerer Pause". Hier sind zwei zusätzliche Seme hinzugekommen, das eine fakultativ: „erfolgreich", das zweite obligatorisch: „nach längerer Pause", vgl. den Gebrauch des Fremd­wortes im Text: In Westdeutschland inszenierte er (Erwin Piscator — I.C.) nach 1952 gastweise an verschiedenen Bühnen, bis er 1962 die Westberli­ner Volksbühne übernahm und dort noch als Siebzigjähriger, ein Comeback als Regisseur politisch brisanter Zeitdramatik erleben konnte.

Das Fremdwort erweitert außerdem seine Bedeutung, indem es jetzt auch auf Sachen bezogen wird. Vgl.: An ein Comeback des Nahtstrumpfes glaubt der Modekreis nicht.

Eine Spezialisierung der Bedeutung liegt bei dem Angloamerikanismus die Band vor, denn im Deutschen ist es nur die Bezeichnung für eine moder­ne Tanzkapelle, und Band ist in der einschlägigen Forschung folgenderwei­se erläutert: „Tanzkapellen spielen Walzer und Tangos usw., Bands dagegen, ,heiße Musik' (d.i. moderne Musik mit Jazzbegleitung)".

Eine semantische Auseinanderentwicklung ist bei dem Angloamerika­nismus Teenager und dem deutschen Synonym Backfisch festzustellen, denn heute verbinden sich mit den beiden Lexemen andere Vorstellungen und Emotionen: im Vergleich zu Backfisch ist Teenager ein selbstbewusstes mo­dernes Mädchen mit betont sicherem Auftreten. Eine Reduzierung der Bedeutungsstruktur des Angloamerikanismus bei der Einfügung ins Deutsche und eine weitere Spezialisierung der Bedeutung ist an dem Lexem Ticket zu sehen. Das Wort hat in der Quellensprache eine entwickelte Bedeutungsstruktur, darunter auch das Semem Fahr-, Flug-, Eintrittskarte (für Kino, Theater, Ausstellung). Diese lexisch-semantische Variante wurde übernom­men, aber im Deutschen vornehmlich auf die Bedeutung „Flugkarte", „Flug­schein" spezialisiert. Heute hat diese Entlehnung einen festen Platz in der thematischen Reihe: Fahrkarte — Billett — Eintrittskarte — (Flug)ticket, wo sie den herkömmlichen Wörtern Flugschein, Flugkarte erfolgreich Kon­kurrenz gemacht hat.

Semantische Selbständigkeit wird auch beim Angloamerikanismus Hob­by verzeichnet. Es sind heute deutliche Unterschiede zum deutschen Syn­onym Steckenpferd zu erkennen. Während Steckenpferd eine Lieblingsbe­schäftigung bezeichnet, die den Neigungen einer Person entspringt und un­ter Umständen als abseitig oder skurill, von Außenstehenden vielleicht so­gar als liebenswerte Schrulle belächelt wird, der man sich aber in seiner Freizeit mit großem Vergnügen hingibt, ist Hobby eine als Ausgleich zur Tagesarbeit gewählte Beschäftigung, mit der man seine Freizeit ausfüllt; meist handelt es sich dabei um etwas, was allgemein Mode ist.

Außer den oben erörterten Prozessen der Anpassung der Angloamerikanismen an das lexikalisch-semantische System des Deutschen sind auch an­dere Triebkräfte der semantischen Assimilation zu erwähnen, die Einfügung und Verwurzelung dieser Entlehnungen bedingen.

Es geht hier vor allem um die sprachökonomische Tendenz. Angloamerikanische Formative sind meistens kürzer als deutsche, besonders, wenn es sich um korrespondierende Wendungen handelt, vgl. das Make-up und die deutsche Umschreibung Verschönerung (des Gesichts) mit kosmetischen Mitteln.

Mit Kategorisierungstendenzen hängt wohl die Übernahme solcher Wör­ter zusammen, die im Gegensatz zu den konkreten Einzelbezeichnungen der deutschen Sprache umfassender sind. Man vergleiche z.B. den Gebrauch des Fremdwortes Baby neben den deutschen Wörtern Kleinstkind, Säugling, Neugeborenes, Kindlein. In vielen Fällen lässt sich Baby nur durch Kind, nicht aber durch Kleinstkind, Säugling oder Neugeborenes ersetzen.

Die semantische Struktur vieler Angloamerikanismen ist z.Z. mehrdeu­tig oder erweitert. Dieser Umstand ist bereits in der Lexikographie wieder­gegeben. So bringt beispielsweise das Universalwörterbuch folgende lexisch-semantische Varianten für cool: l. nicht nervös werden, sich nicht aus der Fassung bringen; 2. keine Emotionen zeigend, zurückhaltend; 3. Blasiert; allgemein positiv wertend (cooles Buch, coole Musik). Oder: Power: 1. gro­ße Leistung entfalten: 2. mit großem Aufwand fördern; 3. Durchsetzungs­vermögen, Tätigkeit, Stärke, Energie, Antrieb, Lebenslust haben.

Aus dieser Perspektive gesehen, können die angloamerikanischen Ent­lehnungen als Bereicherung des deutschen Lexikons betrachtet werden, was auch seitens einiger Germanisten geschieht, vgl. einen Auszug aus dem Auf­satz mit dem Titel „Droht der deutschen Sprache die Anglisierung": „ ... Auch joggen bereichert den deutschen Wortschatz, bezeichnet doch das Verb eine Form des Dauerlaufs, bei dem regelmäßig und bewusst in einem gleich­mäßigen, eher ruhigen Tempo längere Strecken zurückgelegt werden. Job ist ebenso wenig mit „Arbeit" oder „Beruf gleichzusetzen wie Handicap mit „Behinderung" oder „Nachteil"; cool ist nicht identisch mit „kühl" oder „ruhig", fair weist zumindest graduelle Unterschiede zu „anständig" ... auf.

Die Folge der semantischen Selbständigkeit, die die Angloamerikanis­men im Deutschen entwickeln, ist ihre bedeutende wortbildende Produktivi­tät. In dieser Beziehung fungieren sie gleich anderen Wortklassen des deut­schen lexikalischen Systems. Sie können bilden: (a) Zusammensetzungen und Zusammenbildungen: Hitmusik, Hitparade, Ferienjob, Jobsucher, Teen-modelle, Rückflugticket; (b) Ableitungen: Hobbyst, Hobbysmus; (c) Wort­artwechsel: Job —jobben.

Von besonderem Interesse sind die Belege des Wortartwechsels, denn die Wortbildungsmodelle, die hier wirken, geben regelmäßige Beziehungen verschiedener Wortklassen in der Paradigmatik wieder, vgl. Job für „Arbeit auf Zeit" —jobben für „auf Zeit arbeiten".

Wenn man noch den Umstand beachtet, dass einige Angloamerikanis­men systemhafte Beziehungen im deutschen Wortbestand zeigen, auch im Falle der Neutralisierung der Mehrdeutigkeit auf paradigmatischer Ebene, so ist die Einwirkung des lexikalisch-semantischen Systems auf das Lehngut deutlich zu sehen.

Wenn man dazu in Betracht zieht, dass eine Schicht der Angloamerika­nismen bereits sich als Internationalismen entwickelt hat und in verschiede­nen Bereichen wie Technik, Wissenschaft, Sport, vor allem die Computerwelt und das Internet auch der deutschen Sprache ihren Stempel aufdrückt, bleiben praktisch nur Sprachmode und Prestigegründe Objekte der Kritik hinsichtlich des übermäßigen Gebrauchs des angloamerikannischen Sprach­gutes. Pauschalurteile sind, wie der Autor des oben zitierten Aufsatzes meint, dem multikausalen Sprachphänomen nicht gerecht und bedürfen einer diffe­renzierten Analyse.

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