- •1.3. Wortschatzerweiterung durch übernahme aus anderen sprachsystemen (entlehnung)
- •1.3.1. Allgemeines zur art und form lexikalischer entlehnungen
- •1.3.2. Soziale und innersprachliche ursachen der entlehnung
- •1.3.3. Die einwirkung der puristischen tätigkeit auf den wortbestand des deutschen
- •1.3.5. Lexikalische entlehnungen in der deutschen gegenwartssprache
- •1.3.6. Die klassifikationen des entlehnten wortgutes
1.3.6. Die klassifikationen des entlehnten wortgutes
Die Entlehnungen verändern sich im Deutschen, sie assimilieren sich gewöhnlich, d. h. sie passen sich dem System der deutschen Sprache an. Man unterscheidet dabei die phonetische, morphologische und orthographische Assimilation.
Unter der phonetischen Assimilation verstehen wir die Anpassung der Entlehnung an die phonetischen Normen der aufnehmenden Sprache. Sie wird durch den Unterschied in der Aussprache einzelner Laute, in der Betonung und auch durch gesetzmäßige phonetische Sprachbesonderheiten (der Art der 1. und 2. Lautverschiebungen u. a.) bedingt. So entspricht dem lat. tegula das dt. Ziegel (nach der zweiten Lautverschiebung), dem lat. moneta — das ahd. munizza, das nhd. Münze (die zweite Lautverschiebung und später der sekundäre Umlaut und die Reduktion), dem lat. bicariutn — das dt. Becher, dem lat. strata — das dt. Straße.
Bei der morphologischen Assimilation handelt es sich um die Anpassung der Entlehnung an das morphologische System der Sprache. In der deutschen Sprache ist es die Hinzufügung des Artikels, der Mehrzahlsuffixe und Kasusflexionen zu den Substantiven, Verbalsuffixe und Verbalflexionen zu den Verben. So entspricht dem lat. discus das dt. der Tisch, dessen Formen schon des Tisches, die Tische usw. sind; das lat. Verb scribere entwickelt sich im Deutschen zu schreiben, das ein starkes Verb der I. Ablautsreihe ist. Das französische Verb danser bekommt im Deutschen die Form tanzen und wird als gewöhnliches schwaches Verb konjugiert. In diesem Fall findet gleichzeitig die morphologische und phonetische Assimilation statt. Dasselbe sehen wir in dem Wort die Schule aus dem lat. scola. Das entlehnte Wort kann auch durch die Anfügung der wortbildenden Morpheme assimiliert werden. So bildet das griechische Wort Biologie durch die Anfügung des deutschen Suffixes -isch das Adjektiv biologisch. Auf dieselbe Weise entstehen die Wörter politisch, Politiker von Politik; telephonisch von Telephon; Kameradschaft, kameradschaftlich von Kamerad u. a.
Bei der orthographischen Assimilation werden Substantive groß geschrieben, fremde Buchstaben und Buchstabenverbindungen werden durch deutsche ersetzt, z. B. das Cafe (aus dem frz. cafe) wird zu Kaffee, Bureau zu Büro, Telephon verwandelt sich in Telefon, Chauffeur wird jetzt auch Schofför geschrieben, Chef als Schef, Vestibüle ah Vestibül, Friseur als Frisör u.a.
Es sind verschiedene Stufen der Assimilation zu unterscheiden:
1. Vollständige Assimilation des entlehnten Wortes; in diesem Fall passt sich das Wort allmählich dem phonetischen und grammatischen System der deutschen Sprache vollständig an und unterscheidet sich gar nicht vom allgemeinen deutschen Wortschatz: Sichel, Fenster, Tisch, Mann, Stiefel, Tanz, fehlen, Schanze u. a. Aussprache, Betonung, morphologische Form verraten in diesen Fällen die fremde Herkunft dieser Wörter nicht mehr.
2. Unvollständige Assimilation:
a) Solche Wörter, in denen nur die Betonung die fremde Herkunft verrät (wobei sie meist auf das Suffix fällt). Was die orthographischen und morphologischen Merkmale anbetrifft, so sind die Wörter in dieser Hinsicht völlig assimiliert: Maschine, Fabrik, Student, Doktoren, Professoren u.a.
b) Manche Wörter, die noch einige andere fremdsprachige Kennzeichen bewahren — Suffixe, Präfixe, einzelne orthographische und phonetische Besonderheiten: Archivarius — mit dem Suffix -arius und v anstatt äа, Villa — v statt w, Organisation mit dem Suffix -tion, Observatorium — Suffix -ium und v anstatt w, amoral mit dem Präfix a-. Hier haben wir es mit einem schwächeren Grad der Assimilation als in anderen Fällen zu tun.
c) Es gibt auch Fälle, in denen die fremde orthographische und zum Teil die phonetische Gestaltung völlig beibehalten ist, die morphologische Assimilation aber durchgeführt wird.
Die fremdartige Gestaltung des Wortes ist hier noch deutlich ausgeprägt: Ingenieur, Genre, Gentleman, Niveau u. a.
3. Unassimilierte Wörter sind solche, die im Deutschen in ihrer unveränderten fremden Gestalt vorkommen: ca ira, nota bene, ca., pars pro Mo, fortissimo, studiosus medicinae.
Das Alter der Entlehnung, insbesondere die Häufigkeit ihres Gebrauchs und die Wichtigkeit des ausgedrückten Begriffs spielen eine bedeutende Rolle bei der Assimilation der entlehnten Wörter.
Je früher die Entlehnung vor sich gegangen ist, je gebräuchlicher das entlehnte Wort ist, desto schneller und vollständiger lässt es sich assimilieren. Das lässt sich dadurch beweisen, dass die Mehrheit der völlig assimilierten Wörter die ältesten Entlehnungen sind: Wein, Tisch, Straße, Fenster, Pflanze von lat. vinum, discus, strata, fenestra, planta. Doch manchmal findet man auch bei Entlehnungen der jüngsten Zeit völlig assimilierte Wörter; das sind gerade nur die, welche wichtige Begriffe bezeichnen, z. B. viele Sowjetismen Sowjet, sowjetisch u. a.
Im engen Zusammenhang mit der Assimilationsfrage der entlehnten Wörter steht auch das Problem ihrer Einteilung. Verschiedene Aspekte bei der Betrachtung des entlehnten Wortgutes fanden ihren Ausdruck in den verschiedenen Klassifikationen der entlehnten Lexik.
In erster Linie ist hier die traditionelle Klassifikation zu nennen, die seit Beginn des 20. Jhs. in der deutschen Germanistik (H.Hirt, O.Behaghel, F. Wrede u.v.a.) allgemein gebraucht wurde. Danach wird das entlehnte Wortgut in zwei Gruppen eingeteilt: 1. Lehnwörter, 2. Fremdwörter.
Zu den Lehnwörtern rechnet man Entlehnungen, die im Deutschen völlig assimiliert sind, d.h. sich dem Deutschen in Lautgestalt, Betonung, Flexion und Schreibung völlig angepasst haben. Als Fremdwörter bezeichnet man Entlehnungen, die ihren fremden Charakter bewahrt haben. Zu Lehnwörtern gehören dementsprechend:
1. die allerältesten Entlehnungen in den germanischen Sprachen - keltische Entlehnungen aus dem 5. - 3. Jh. v.u.Z. Eisen, Amt, voralthochdeutsche lateinische Entlehnungen: Mauer, Ziegel, Fenster, Straße u.a., voralthochdeutsche und althochdeutsche lateinische und griechische Entlehnungen, die mit der Christianisierung der germanischen Stämme und der Entwicklung der Klöster übernommen wurden: Kloster, Mönch, Münster, Schule, Tafel, Tinte, Priester u.a.;
2. französische Entlehnungen der mittelhochdeutschen Periode: tanzen, Banner, Turnier u.a.; französische Entlehnungen des 16. und 17. Jhs.: Weste, Tasse, Nische u.a.;
3. slawische Entlehnungen der alt-, mittel- und frühneuhochdeutschen Periode: Zobel, Quark, Gurke;
4. italienische Entlehnungen: Kapelle, Oper, Konzert u.a.;
5. englische Entlehnungen: Sport, Streik u.a.
Zu Lehnwörtern gehören ferner Entlehnungen aus anderen Sprachen, die auf verschiedenen Wegen ins Deutsche gekommen waren und eine vollständige Assimilation aufweisen wie Zucker, Reis, Kaffee u.a.
Fremdwörter sind entsprechend dieser Klassifikation Entlehnungen, die von ihrer fremden Lautung, Betonung, Flexion und Schreibung im Deutschen noch etwas bewahren, z.B. Journal, Feuilleton, Chiffre, Milieu, Valuta.
Da dieser Klassifikation praktisch nur der Grad der formalen Anpassung zu Grunde liegt und eine völlige Assimilation für die meisten germanischen, althochdeutschen, mittelhochdeutschen und z.T. frühneuhochdeutschen Entlehnungen typisch war, wurde die Unterscheidung in Lehn- und Fremdwörter mit dem Kriterium der Entlehnungszeit verbunden: So werden alle Entlehnungen bis zum 15. Jh. als Lehnwörter, alle Entlehnungen vom 16. Jh. ab als Fremdwörter betrachtet.
Dieses Einteilungsprinzip, nach dem alle Entlehnungen, die in der althochdeutschen und mittelhochdeutschen Zeit aufgekommen waren, als Lehnwörter und alle etwa nach 1500 übernommenen als Fremdwörter bezeichnet wurden, wurde in der älteren und neueren einschlägigen Literatur mit Recht vieler Inkonsequenzen überführt. Denn Wörter wie Streik, Sport, Kaffee u.v.a.m., die erst in neuerer oder neuester Zeit in den deutschen Wortbestand übernommen wurden, sind völlig assimiliert, während andere, die schon viele Jahrhunderte im Deutschen gebräuchlich sind, als Fremdwörter empfunden werden.
Die moderne Wortforschung rückte bei der Analyse des entlehnten Wortgutes neue Aspekte in den Vordergrund. Das ist vor allem eine synchrone Betrachtung der funktionalen Leistung der Entlehnungen im lexikalisch-semantischen System der entlehnenden Sprache.
Der erste Versuch, die deutschen Entlehnungen aus neuer Sicht zu analysieren, wurde in unserer Germanistik von L. R. Zinder und T. V. Strojeva unternommen. Im Wortgut der deutschen Gegenwartssprache wurden drei Gruppen unterschieden: 1. Deutsche Wörter, 2. Internationalismen, 3. Fremdwörter.
Die erste Gruppe deutsche Wörter umfasst die deutschen Stammwörter und Lehnwörter, die im Wortbestand völlig assimiliert sind und sich nur durch ihre Herkunft unterscheiden: Mauer, Ziegel, Fenster, Straße u.a.
Die zweite Gruppe bilden Wörter, die sich in vielen Sprachen der Welt finden und überwiegend Fachausdrücke verschiedener Wissenszweige sind, z.B. Fachausdrücke der Natur- und Gesellschaftswissenschaften u.a.: Atom, Absorption, Demokratie, Klasse, Sozialismus, materiell.
Die dritte Gruppe umfasst Entlehnungen, die (a) ihre fremde Lautung beibehalten, (b) parallel zu deutschen Synonymen bestehen, (c) schwache wortbildende Produktivität und (d) in einigen Fällen auch eine spezifische lexikalische Bedeutung haben: Gentleman, Spleen, Snob.
Im weiteren erfuhr diese Klassifikation eine Veränderung, wobei zur Gruppe der deutschen Wörter auch die Internationalismen hinzukamen.
Von großem Interesse ist der Versuch des Germanisten K.Heller (ehem. DDR), das Fremdwort aus der Sicht der Systemhaftigkeit der Lexik zu erforschen.
Das semantische Verhältnis zwischen Fremdwort und deutschem Wort liegt seiner Klassifikation zu Grunde, nach der folgende Fälle unterschieden werden: 1. Fremdwörter mit direkter deutscher Entsprechung, 2. Fremdwörter ohne direkte deutsche Entsprechung, 3. vieldeutiges Fremdwort, 4. umfassendes Fremdwort.
Diese Klassifikation gewährt einen Einblick in die Angleichung der Bedeutung des Fremdwortes an das deutsche lexikalisch-semantische System.
