Vielfalt der Museen
Museum: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Fremdwort, das zuerst nur „Studierzimmer“ bedeutete und erst im 17. Jh. in den Bedeutungen „Kunstsammlung, Altertumssammlung“ erscheint – danach heute auch „Ausstellungsgebäude für Kunstgegenstände und wissenschaftliche Sammlungen“ – ist aus lat. museum „Ort für gelehrte Beschäftigung; Bibliothek; Akademie“ entlehnt. Dies stammt aus griech. mouseion „Musensitz, Musentempel“, einer Bildung zu griech. mousa „Muse; Kunst; Wissenschaft, feine Bildung“.
Moderne Museen sind ein Ort der Begegnung und Diskussion. Sie fordern Ausstellungsbedingungen, die ein genaues Hinsehen möglich machen, d.h. Räume, in denen die Kunstwerke oder Ausstellungsgegenstände optimal zur Geltung kommen. So erfüllen sie ihre Aufgabe zu erklären und dienen damit ihrem eigentlichen Zweck, nämlich der Bildung des Publikums.
Traditionelle ebenso wie moderne Museen versuchen heute, Menschen aller Bildungsschichten auf ansprechende Weise zu erreichen. Sie schaffen Erlebniswelten und beziehen auch die Möglichkeiten von Video mit ein. Cafeterias, Bistros und Läden machen dem Besucher den Aufenthalt zusätzlich angenehm. Das Ergebnis: Die Leute gehen heute so zwanglos ins Museum wie früher ins Kino; bei Einzelausstellungen großer Maler der klassischen Moderne gibt es lange Warteschlangen vor den Museumskassen. Weit über 100 Millionen Menschen zieht es Jahr für Jahr in die Museen, die sich in manchen Großstädten zu ganzen Museumslandschaften formiert haben.
Die Vielfalt der Museen in Russland hat eine lange Tradition. Im Laufe der Jahrhunderte sind sie aus Sammlungen der russischen Zaren, aus kirchlichen und später bürgerlichen Sammlungen entstanden. Zur Bildung und Unterhaltung der Allgemeinheit waren die Sammlungen der Fürsten allerdings nicht gedacht. Vielmehr sollten sie den Reichtum an Kostbarkeiten und Schätzen der Herrscher vor Augen führen. Auch manchе wohlhabende Bürger legten sich eine eigene Sammlung zu. Auf Grund dieser Sammelleidenschaft kam es zu einer fast lückenlosen Musealisierung aller Kunst- und Tätigkeitsbereiche.
Vor allem größere Museen zeigen sich bemüht, eine möglichst breite Palette ihrer Objekte zu präsentieren, so dass zwischen den Museen häufig ein fruchtbarer Wettstreit entsteht. Wie früher wirken auch wohlhabende Bürger als Mäzene am Museumsboom mit.
Kunstfreunde und Liebhaber alten Zeiten finden in Russland viele große Kunstwerke. An ersten Stelle stehen zweifellos die prachtvollen Gemäldesammlungen, vor allem solche Perlen, wie die Tretjakow-Galerie, das Puschkin-Museum, das Russische Museum sowie weitere Museen in Moskau und St. Petersburg. Mehrere davon haben Weltruf. Es gibt auch richtige Glanzstücke in anderen russischen Städten: Wladimir, Susdal, Nowgorod. Wer sie aufzuzählen versucht, hat es schwer.
Aus der Vielzahl der Museen in Russland seien im Folgenden nur einige der bedeutendsten herausgegriffen.
Die im Herzen der Stadt St. Petersburg an der Newa gelegene Eremitage ist heute eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Ursprünglich trug nur die Kleine Eremitage diese Bezeichnung. Heute ist mit Eremitage ein Komplex aus mehreren im 18. und 19. Jh. entstandenen Bauwerken gemeint. Neben der Kleinen Eremitage besteht er noch aus der Alten Eremitage, der Neuen Eremitage, dem Eremitage-Theater und dem dominierenden Teil, dem Winterpalast, der ehemaligen Hauptresidenz der russischen Zaren. Im mehr als 350 Sälen u.a. des Winterpalais sind über 60 000 Exponate ausgestellt, im Archiv befinden sich fast drei Millionen Objekte. Darunter befindet sich neben archäologischen Exponaten auch die neben dem Louvre oder dem Prado bedeutendste Sammlung klassischer europäischer Kunst. Unter den ausgestellten Bildern sind Werke holländischer und französischer Meister wie Rembrandt, Rubens, Matisse und Gauguin. Außerdem sind zwei Gemälde des italienischen Universalgenies Leonardo da Vinci sowie 31 Gemälde des spanischen Malers Pablo Picasso ausgestellt. Das Museum hat etwa 2500 Mitarbeiter. Die Eremitage ist ein zentraler Bestandteil der zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten St. Petersburger Innenstadt.
Der „Moskauer Kreml“ … bei diesen Worten taucht vor Augen eine bekannte Silhouette auf – ein herrliches Ensemble mit gezahnten Mauern auf einer Anhöhe, mit prächtigen Türmen verschiedener Größe und golden glänzenden Kuppeln von Kathedralen. Wahrscheinlich gibt es keinen zweiten Ort in Russland, an dem so viele Denkmäler der russischen Geschichte und Kultur an einem Platz versammelt sind. Der Kreml und der Rote Platz sind ein untrennbarer Architektur- und Kunstkomplex. Die orthodoxe Symbolik ist in der Planung, in der Anzahl und Wechselbeziehungen der Bauten, sowie in ihrer äußeren Form spürbar. Hier herrscht immer ein reges Treiben.
1813 wurde in der Rüstkammer (im Kreml) das erste russische, allgemein zugängliche Museum eröffnet, in dem man sich an Waffen und Werken der dargestellten Kunst erfreuen konnte. Seit der Herrschaft Iwans des Schrecklichen bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Rüstkammer die Schatzkammer der Moskauer Herrscher. Die Präsente ausländischer Gesandter wurden hier gesammelt sowie Waffen und Schmuck hergestellt. 1851 ließ Zar Nikolaus I. dieses Museum innerhalb des Kremls errichten. Nach der Revolution konnte auch die Öffentlichkeit die dort gesammelten reichen Schätze bewundern. Der Besucher bekommt einen bleibenden Eindruck vom Prunk und der Verschwendungssucht (nicht ein wenig übertrieben?) der russischen Herrscher. Das Museum gilt als eines der bedeutendsten der Welt für prachtvolle Kutschen, Waffen, Rüstungen, Tafelgeschirr, Kronen, Gewänder. Herausragend sind zum Beispiel die "Mütze des Manomach" (13. Jahrhundert), die bis zur Zeit Peters I. Zarenkrone war; der Thron Iwans des Schrecklichen mit prächtigen Elfenbeinverzierungen aus dem 16. Jahrhundert oder der mit 800 Diamanten geschmückte Thron des Zaren Alexej Romanow aus dem 17. Jahrhundert. Der "Diamantenfonds" verwahrt die größten Schätze, etwa den Orlow-Diamanten von 189,62 Karat, ein Geschenk an die Zarin Katharina II. von ihrem Liebhaber Alexej Graf Orlow.
Das Staatliche Historische Museum in Moskau, im Backsteingebäude am Roten Platz untergebracht, dokumentiert mit seinen 5 Millionen Exponaten in 48 Sälen die Geschichte Russlands von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Es wurde 1872 gegründet, 1883 öffnete es seine Pforten. Das Museum hat alljährlich über zwei Millionen Besucher.
Die Moskauer Tretjakow-Galerie enthält die größte Sammlung russischer und sowjetischer Kunst (50 000 Exponate). Die Grundlage für das Museum schuf 1856 der reiche Kaufmann Pawel Tretjakow (1832-1898) mit dem Erwerb erster Bilder für eine Gemäldesammlung. Er verfolgte die Idee einer Nationalgalerie und schenkte 1892 seinen gesamten Besitz, inklusive der von seinem Bruder Sergej hinterlassenen Sammlung, der Stadt Moskau. Die Bilder hängte man ursprünglich im Wohnhaus der Tretjakows auf. An dieser Stelle entstand 1902 nach Entwürfen des Märchenmalers Viktor Wasnezow das heutige Bauwerk im altrussischen Märchenstil. Die aus mehreren Gebäuden bestehende Galerie wurde bis 1994 umgebaut und restauriert. Die Sammlung, eine Augenweide für Kenner, reicht von russischen Ikonen aus dem 12. Jahrhundert über Heiligenbilder des berühmtesten Ikonenmalers, Andrei Rubljow, bis zu Werken russischer Malerei aus der Zeit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Dieses Museum ist ein besonderes Bonbon, und als solches macht es von sich reden. Wandert man durch die Säle der Galerie, so macht man gleichsam eine Reise durch Russland: man bewundert die Vielfalt der Landschaften, und die der russischen Volksseele, eigenwüchsig dargestellt von Künstlern wie Rubljow, Repin, Kramskoi, Serow, Wrubel, Surikow, Korowin, Nesterow oder Lewitan, eine wunderbare Exposition, die jeden Betrachter bezaubert und ganz in ihren Bahn zieht.
Das Puschkin-Museum für bildende Künste in Moskau beherbergt die nichtrussische Kunst. 1912 wurde das Museum in einem neoklassizistischen Bau eröffnet, erhielt seine eigentliche Bedeutung jedoch erst nach 1937, als es zum 100. Todestag Puschkins umbenannt wurde. Ausgestellt werden hier Werke ausgezeichneter westeuropäischer Meister aus verstaatlichtem Privatbesitz, etwa Brueghel, Rembrandt und El Greco, aber vor allem die Exponate der Moskauer Sammler Sergej Schtschukin und Iwan Morosow, die seit 2006 links neben dem Hauptgebäude ihre eigene Impressionisten-Galerie haben. Manet, Cézanne, Renoir, Degas und andere große Franzosen wie Matisse, außerdem zum Beispiel Picasso, werden nun in 26 Räumen gezeigt. Die Galerie ist ein Teil des Programms zur 100-Jahr-Feier des Museums im Jahre 2012. Bis dahin soll um das Hauptgebäude herum ein Museumsstädtchen entstehen. Weiterhin gibt es Kunst des Altertums von Ägypten bis Rom zu sehen. Regelmäßig werden auch Sonderausstellungen geboten. Eine ständige Sonderausstellung zeigt Schliemanns Troja-Gold.
Die Ausstellungen in den Museen und Kunsthallen bieten weitere Höhepunkte im Kulturleben des Landes. Diese wichtigsten Schauplätze der Kunst haben sich schon einen Namen sowohl auf dem klassischen als auch auf dem modernen Feld gemacht und locken nach wie vor Tausende Besucher. In verschiedenen Regionen des Landes zeigen die Künstler in Museum- und Ausstellungshallen ihre neuen Werke. Die Städte tauschen ständig Bildersammlungen aus. Häufig treffen auch Kollektionen aus dem Ausland ein, ein Leckerbissen für Kunstfreunde.
Es gibt auch andere Museen: Für Kunstgewerbe, Spielzeug, Orientalische Kunst, Bühne, Musik und Architektur. Unter den Museen haben die kulturhistorischen und völkerkundlichen Institute wegen der Breite ihres Angebots eine besondere Bedeutung. Man bekommt hier eine ganze Menge von wertvollen Gegenständen unserer geschickten Vorfahren zu sehen. Man findet vieles, das einen entzückt und immer wieder anzieht, das so viele Eindrücke bereithält und überrascht.
Höchst sehenswert sind auch die Literaturmuseen und die Gedenkstätten berühmter Dichter. Hier sind ihr Leben und Werk in zahlreichen Dokumenten nachzuvollziehen. Ein Besuch dieser Museen bringt einem diese Dichter wie auch ihre Helden näher. Man kann dabei so viel erleben, dass es für immer im Gedächtnis, ja auch im Herzen bleibt.
Texterläuterungen
1. feine Bildung – высшее образование;
2. zur Geltung kommen – проявиться, сказаться, найти применение;
3. eine Augenweide für Kenner – отрадное зрелище для знатоков
4. ein besonderes Bonbon sein (umg.) – разг. нечто особенное;
5. von sich reden machen – снискать себе славу;
6. ganz in (ihren) Bahn ziehen – увлечь, захватить;
7. viele Eindrücke bereithalten – поражать воображение.
ÜBUNGEN UND AUFGABEN
17.18. Beantworten Sie die Fragen.
1. Seit wann existiert der Begriff «Museum»? 2. Woraus ist dieses Wort entlehnt? 3. Welche Funktion erfüllen Messen und Ausstellungen? 4. Auf welche Weise kam es zur Musealisierung aller Kunst- und Tätigkeitsbereiche? 5. Welche Mäzene auf diesem Gebiet kennen Sie? 6. Welche Institute unter den Museen haben eine besondere Bedeutung? 7. Wie soll man sich ein Bild von russischen Museen machen? 8. Welche russischen Städte liegen mit ihrem Angebot an Museen an der absoluten Weltspitze? 9. Welche berühmten Museen in der Welt gibt es?
17.19. Raten Sie, um welches Museum es geht.
1. … gilt als eine der bedeutendsten Sammlungen Russlands und besitzt die größte Sammlung russischer Kunst, die von Ikonen bis zu (und weiter?) In 62 Sälen werden etwa 140.000 Werke ausgestellt. Darunter wichtige Ikonen der orthodoxen Kirche aus dem 12. Jh., aber auch zahlreiche andere Skulpturen, Grafiken und Gemälde von den bedeutenden Malern des 19.Jh. – Repin, Lewitan, Iwanow, Brüllow u.a. – und der Avangarde (Kandinskij und Malewitsch).
2. … ist die alte Schatzkammer der Zaren. Vom 16.-18. Jh. hatte sie die Aufsicht über Herstellung, Ankauf und Aufbewahrung von Waffen, sie unterhielt zudem Werkstätten für Ikonen- und Bildmalerei. Vom 17.-20. Jh. wurden hier sowohl die Schätze der Zaren, als auch Gegenstände von historischem und künstlerischem Wert, sowie verschiedene Sammlungen aufbewahrt. Heute befinden sich im Erdgeschoß die Schatzkammer und der „Diamantenfonds“.
3. … enthält eine reiche Sammlung französischer Maler des 19. und 20. Jahrhunderts: Manet, Monet, Renoir, Cezanne, Gauguin u.a. und erfreut sich immer großer Beliebtheit beim Publikum. Ab 2009 wird aber das Museum wegen umfassender Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten geschlossen und vom britischen Star-Architekten Sir Norman Foster modernisiert. Die Wiedereröffnung ist für das Jubiläumsjahr 2012 geplant.
4. … gilt als das bedeutendste Museum der russischen Geschichte und überzeugt schon in seiner Architektur. In 16 Fachabteilungen, angefangen von der archäologischen Abteilung, über eine Numismatik-Abteilung bis hin u einer Edelmetall-Abteilung, finden sich die verschiedensten Objekte russischer Geschichte.
17.20. Lesen Sie weitere Informationen über die Tretjakow-Galerie und das Puschkin-Museum für bildende Kunst und vergleichen Sie diese mit der Information im Text. Was haben Sie schon gewusst? Was haben Sie Neues erfahren? Erzählen Sie über a) die Tretjakow Galerie, b) das Puschkin-Museum für bildende Kunst auf Grund der beiden Texte.
