- •Inhalt
- •Vorwort
- •1 Flucht in die Unsterblichkeit
- •2 Die Eroberung von Byzanz
- •3 Georg Friedrich Händels Auferstehung
- •4 Das Genie einer Nacht
- •5 Die Weltminute von Waterloo
- •6 Die Marienbader Elegie
- •7 Die Entdeckung Eldorados
- •8 Heroischer Augenblick
- •9 Das erste Wort über den Ozean
- •10 Die Flucht zu Gott
- •11 Der Kampf um den Südpol
- •12 Der versiegelte Zug
- •13 Cicero
- •14 Wilson versagt
- •Nachbemerkung des Herausgebers
Nachbemerkung des Herausgebers
»Ich finde die neue Fraktur, die Sie für das Insel-Buch anwenden wollen, sehr hübsch; mir wollen nur die Zeilen ein bißchen zu nahe aneinandergerückt erscheinen. Ich empfinde sie wenigstens als etwas massiv in ihrer Wirkung. Aber Sie können das sicherlich besser beurteilen. Ich freue mich, dann die Korrekturen zu bekommen... « Dieser Brief Stefan Zweigs vom 27. Juni 1927 an M. C. Wegner, einen Mitarbeiter in der Herstellung des Insel-Verlags in Leipzig, gibt den frühesten Hinweis auf die erste Ausgabe seiner „Sternstunden der Menschheit. Fünf historische Miniaturen. Der Verlag hatte ihn, von dem er seit Jahren, wie z. B. auch von Hugo von Hofmannsthal, literarisch beraten wurde, vorab über die typographische Gestaltung seines neuen Buches informiert. Bereits am 13. August 1927 konnte Stefan Zweig, der sich gerade auf einer Reise durch die Schweiz befand, aus Zuoz im Oberengadin nach Leipzig schreiben: »Ich höre eben von Hause, daß die „Sternstunden“ bereits fertiggestellt sind und freue mich, das Büchlein bei der Rückkehr zu sehen. Da es bisher in Buchform noch ungedruckte Arbeiten enthält, bitte ich Recensionsexemplare wie bei anderen Novitäten zu versenden, was ja sonst bei der I[nsel] B[ücherei], glaube ich, nicht geschieht. « Ob man dieser Bitte entsprochen hat oder nicht, ein Jahr später, am 2. Oktober 1928, heißt es in einem Brief an den Insel-Verlag: »Ich habe mich gleichfalls über die Mitteilung von dem unerwarteten Erfolg der „Sternstunden“ sehr gefreut und halte es doch für richtig, daß Sie auf diese Recordund Jubiläumszahl innerhalb eines Jahres in der Presse besonders hinweisen. « Bis zum Ende des Jahres 1928 wurden insgesamt 7 Auflagen, 130000 Exemplare, gedruckt, und der Erfolg setzte sich fort: bis 1986 wurden 40 Auflagen mit 694000 Exemplaren verkauft.
Diese erste Ausgabe enthielt - außer dem Vorwort -“Die Weltminute von
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Waterloo“, »Die Marienbader Elegie“, „Die Entdeckung Eldorados“, »Heroischer Augenblick und „Der Kampf um den Südpol“. Die Anordnung entspricht nicht der Chronologie der jeweiligen Niederschrift. Der Begriff »Sternstunden der Menschheit für diese »neue episch-dramatische Gattung«, wie Franz Theodor Csokor sie in einem Brief an Stefan Zweig vom Dezember 1927 bezeichnete, wurde von ihm vermutlich erst mit der Idee, die bis dahin entstandenen Miniaturen zu einem Buch zusammenzustellen, entwickelt. Die früheste „Sternstunde“ allerdings ist auch hier die erste: als „Grouchy“ war sie am 13. September 1912 in der »Neuen Freien Presse“ in Wien veröffentlicht worden. Stefan Zweig war seinerzeit skeptisch. Im Tagebuch hatte er festgehalten: »Mein Grouchy Feuilleton erschienen: es dünkt mir irgendwie leer, auch das Tempo könnte leichter sein, mein Stil ist heute noch nicht einmal sicher, sondern formt sich immer am Gegenstand (so wie ich mich im Gespräch zuviel anpasse, ich bin irgendwie vorausgenommenes Echo. )« Für die Buchausgabe sah er den Text noch einmal durch. - Die zweite „Sternstunde“ innerhalb der ersten Ausgabe von 1927 ist aus gutem Grund 1923 entstanden: »Denkwürdiger Tag. Zum hundertsten Geburtstage der „Marienbader Elegie“„. Am 2. September 1923 wurde sie in der »Neuen Freien Presse“ in Wien abgedruckt; mit derselben Überschrift übernahm sie der Insel-Verlag in seine Hauszeitschrift »Das Inselschiff“, 4. Jg., H. 4 (Herbst 1923); für die Erstausgabe der »Sternstunden der Menschheit wurde dann die endgültige Überschrift »Die Marienbader Elegie. Goethe zwischen Karlsruhe und Weimar, 5. September: 823“ gewählt. - »Die Entdeckung Eldorados. J. A. Suter, Kalifornien, Januar 1848«, die dritte Miniatur der ersten Ausgabe, wurde vermutlich eigens für diesen Band geschrieben. Ein früherer Druck ist nicht nachgewiesen. - Die vierte „Sternstunde“ in der Ausgabe der Insel-Bücherei war wie die erste bereits 1912 entstanden. Sie wurde zunächst in den »Insel-Almanach auf das Jahr 1913 „ (Leipzig 1912) unter dem Titel »Der Märtyrer. Dostojewski, 22. Dezember
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i849“ aufgenommen; die in der vorliegenden Ausgabe wiedergegebene veränderte Fassung ist die auch in die erste Ausgabe von 1927 aufgenommene. Von ihr war gleichzeitig ein auf 25 Exemplare limitierter, numerierter und signierter Einzeldruck erschienen: »Heroischer Augenblick. Dostojewski, Petersburg, Semenowskplatz, 22. Dezember i849“, Leipzig: Staatliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe (1927). - Die letzte, die fünfte der »epischdramatischen« Studien in der Erstausgabe war erstmals unter der Überschrift »Kapitän Scotts letzte Fahrt« am 28. Januar 1914 von der »Neuen Freien Presse« in Wien veröffentlicht worden. Für die erste Buchausgabe der „Sternstunden“ wurde die später immer wieder übernommene Überschrift „Der Kampf um den Südpol. Kapitän Scott, 90. Breitengrad, 16. Januar 1912« formuliert.
Im Herbst 1933 trennte sich Stefan Zweig aufgrund einer Indiskretion vom Insel-Verlag - ein persönlicher Brief an den Leiter Anton Kippenberg war, während dessen Abwesenheit vom Verlag, an das »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« weitergeleitet und dort veröffentlicht worden; Zweig hatte darin mitgeteilt, daß er eine zuvor gegebene Zusage an Klaus Mann, ihm für dessen im Exil in Amsterdam erscheinende Zeitschrift »Die Sammlung« einen Abschnitt aus seinem nächsten Buch »Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam«
(Leipzig: Insel-Verlag 1934) zur Verfügung zu stellen, wegen des, entgegen früherer Information, »politischen Charakters« des Periodikums zurücknehme. Bis 1938 erschienen Zweigs Bücher nun im Herbert Reichner Verlag (Wien, Leipzig, Zürich), 1936 - seit März lebte Stefan Zweig in London - u. a. ein Sammelband mit dem Titel „Kaleidoskop“. Er enthielt drei Gruppen: „Erzählungen“, „Legenden“, „Sternstunden der Menschheit. Darin wurden die fünf Miniaturen der Erstausgabe, ohne Vorwort, in der gleichen Folge aufgenommen und um zwei -weitere ergänzt. „Die Eroberung von Byzanz, 29.
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Mai 1453“ wurde vermutlich eigens für diese Ausgabe geschrieben; ein früherer Druck ist nicht nachgewiesen. »Georg Friedrich Händels Auferstehung, 21. August iy4i“ war bereits ein Jahr zuvor, am 21. April 1935, in der „Neuen Freien Presse“ in Wien abgedruckt worden.
Am 2i. Juni 1937 schrieb Stefan Zweig an seinen Freund Felix Braun: »Reichner bringt dann die Auswahl meiner Aufsätze aus dreißig Jahren mit verschollenen Dingen wie die Erinnerungen an Verhaeren, die Rilke-Rede, die Desbordes-Valmore. Außerdem habe ich neue Sternstunden geschrieben. Mir geht es eigentlich so, daß ich in depressiven Zuständen immer am meisten arbeite. « Als Stefan Zweig am 23. Februar 1942 in Petropolis in Brasilien, wohin er sich im August 1941 zurückgezogen hatte, zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte aus dem Leben geschieden war, fand man in seinem Nachlaß die in dem zitierten Brief erwähnten neuen „ Sternstunden“.
Stefan Zweigs Verleger der Jahre seit 1939 war Gottfried Bermann Fischer, sein Nachlaßverwalter Richard Friedenthal, mit dem er seit den zwanziger Jahren befreundet gewesen war. 1942 hat der Bermann-Fischer Verlag in Stockholm posthum zuerst „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“ herausgebracht. Im Jahr darauf veröffentlichte er eine erweiterte Neuausgabe der „Sternstunden der Menschheit“ mit dem Untertitel »Zwölf historische Miniaturen«. In den Jahren 1943 bis 1947 brachte der Stockholmer Exilverlag 3 Auflagen mit zusammen 16000 Exemplaren heraus; seit 1949, seit Rückkehr des Verlags aus dem Exil, wurden hier, zusammen mit den Taschenbuchausgaben, noch einmal i 200000 Exemplare gedruckt. „Sternstunden der Menschheit“ ist Stefan Zweigs populärstes und erfolgreichstes Buch geblieben.
Die Anordnung der „Sternstunden“ in der Neuausgabe des Bermann-Fischer Verlags in Stockholm 1943 ist aufgrund der Erweiterung um fünf Miniaturen gegenüber den früheren deutschen Ausgaben verändert worden. Diese Ordnung wurde seither bei allen Auflagen beibehalten. Mit Ausnahme von „Die Flucht zu
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Gott“ - im August 1927 während der Arbeit am Tolstoi-Essay für den Band „Drei Dichter ihres Lebens“ geschrieben - lassen sich für die übrigen vier neu aufgenommenen »Sternstunden“ -“Flucht in die Unsterblichkeit“, »Das Genie einer Nacht“, „Das erste Wort über den Ozean“ und »Der versiegelte Zug“ - keine Entstehungsdaten oder Vorabdrucke feststellen. Der oben zitierte Brief Stefan Zweigs an Felix Braun vom Juni 1937 läßt vermuten, daß er sie direkt nacheinander 1937 geschrieben hat. Die letzten beiden in die vorliegende Ausgabe integrierten »Sternstunden“ sind nachweislich erst danach entstanden. Im Juli 1939 war Stefan Zweig von London nach Bath übersiedelt, wo er sich ein Haus gekauft hatte. Am i. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus, am 23. September starb der von ihm verehrte Sigmund Freud in London (Stefan Zweig hielt ihm die Grabrede). Aufgrund der Ereignisse resignierend, notierte er im Tagebuch: »Nichts! Ich beschäftige mich ein wenig mit dem Cicero. Aber kein ernstlicher Wunsch zu arbeiten, da ich nicht weiß, wo es veröffentlicht werden soll - und dabei bin ich heute einer der bekanntesten Autoren der Welt. « - »Noch kann ich nicht arbeiten«, heißt es in einem Brief an Romain Rolland vom ii. Oktober 1939. »Ich habe eine historische Miniatur geschrieben, eine „Sternstunde“ wie meine ändern - den Tod Ciceros, des ersten Humanisten, der von einer Diktatur zertreten wurde. Man hat Cicero immer kleiner gemacht, um Caesar größer erscheinen zu lassen..., aber ich war überrascht, als ich sein „De re publica“ und „De officiis“ las. Er ist unser Mann, der für unsere Ideen starb, in Zeiten, die grausam den unseren glichen. « Wenige Tage nach diesem Brief, am 21. Oktober 1939, schrieb er erneut an Romain Rolland: »Was mich... bedrückt, ist die moralische oder vielmehr amoralische Atmosphäre unseres alten Europas, dieser gefährliche Rückfall und das Fehlen einer schöpferischen Idee - oder vielleicht bildet sich die Idee selbständig, ohne durch den Mund der Menschen verkündet zu werden... Wie jene sich getäuscht haben (ich selber auch in meinem jugendlichen Idealismus), die nach 1918 glaubten, die Rolle der
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Diplomatie sei ausgespielt! („ Am 15. März 1925 hatte die Zeitschrift „Europe“, Paris (2. Jg., H. 15), einen Beitrag von Stefan Zweig in französischer Übersetzung gebracht: „Le Visage enigmatique de Wilson“. Das deutsche Original ist nicht bekannt.). Armer Wilson, armer und weiser Träumer - wie bin ich versucht, eines Tages seine tragische Gestalt zu zeichnen mit allen ihren Fehlern -und, trotzdem, mit ihrem schönen Glauben. «
Unter den Überschriften „The Head upon the Rostrum. Cicero's Death“ und „Wilson's Failure, March 15, I9i9“ wurden diese beiden „Sternstunden“ zuerst 1940 in der englischen Übersetzung von Eden und Cedar Paul veröffentlicht. Der Sammelband „The Tide of Fortune. Twelve Historical Miniatures“ (New York: Viking Press) enthielt im übrigen, mit Ausnahme von „Heroischer Augenblick“ und „Dic Flucht zu Gott“, die offensichtlich zugunsten der beiden neuen Miniaturen ausgeschieden wurden, um das Zwölfermaß zu erhalten, genau die „Sternstunden“, die drei Jahre später posthum auch in die deutsche Neuausgabc aufgenommen wurden. Der Grund, weswegen „Cicero“ und „Wilson“ 1943 in der Stockholmer Ausgabe ausgelassen wurden, läßt sich nur vermuten: entweder wurden die deutschen Originale nicht rechtzeitig gefunden, oder aber man entschied sich auch hier dafür, das Dutzend nicht zu überschreiten, ohne der englischen Vorlage sonst im einzelnen zu folgen.
Im Januar 1925 hatte Stefan Zweig die Biographie Julius Caesar“ von dem dänischen Zeitkritiker und Literarhistoriker Georg Brandes (1842-1927) gelesen. »Dieser große Alte verfügt über eine seltene Feinheit des Takts: er langweilt nie mit Details und wählt nur die treffendsten«, schrieb er am 26. Januar 1925 an Romain Rolland. »Sein Porträt Ciceros im „Caesar“ ist unvergeßlich - da ist er der erste Literat, stark vor Schwachen, feige vor Starken, elegant und geschmeidig, glücklich im Grunde, an Mut versagend, wenn er die ändern (Catilina, Caesar) schon verloren sieht. Er hätte 1914 gute Figur gemacht. In solchen Porträts ist das Buch von Brandes hervorragend: er kennt die Menschen
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nicht allein aus der Geschichte, wie die Historiker. Um die Männer der Vergangenheit gut zu beschreiben, muß man die Lebenden gekannt haben... Ein Historiker genügt nie, er muß auch Psychologe sein, der die Gegenwart kennengelernt hat. Das ist die große Fähigkeit von Brandes: er vergleicht mit dem Leben, und das macht seine Geschichte so lebendig. « Georg Brandes' Darstellung von Persönlichkeiten und Ereignissen aus der Vergangenheit wurde für Stefan Zweig zum Vorbild -besonders für die „Sternstunden der Menschheit.
September 1996 |
Knut Beck |
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