- •Philipp Mainländer Die Philosophie der Erlösung Erster Band
- •Von Philipp Mainländer.
- •Verlag von Theobald Grieben.
- •Vorwort.
- •Analytik des Erkenntnißvermögens.
- •Physik.
- •Aesthetik.
- •Politik.
- •Varnhagen.
- •Metaphysik.
- •Anhang.
- •Lehren Kant’s und Schopenhauer’s.
- •Vorwort.
- •Analytik des Erkenntnißvermögens.
- •Physik.
- •Aesthetik.
- •Politik.
- •Metaphysik.
- •Schlußwort.
Aesthetik.
i113
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Est enim verum index sui et falsi.
Spinoza.
i115
1.
Die Aesthetik handelt von einem besonderen Zustande des menschlichen Willens, den eine besondere Auffassungsart der Ideen hervorruft, und ist eine Wissenschaft, weil sie unzählige Fälle unter bestimmte Gesichtspunkte und feste Regeln bringt. Indem wir sie aufbauen, wollen wir uns stets gegenwärtig halten, daß es in der Natur nur Ein Prinzip giebt: den individuellen Willen zum Leben, und daß er, unabhängig vom Subjekt, Ding an sich, abhängig von ihm, Objekt ist.
2.
Jeder Mensch will das Leben in einer bestimmten Weise, weil er einen bestimmten Willen und einen bestimmten Geist, d.h. eine bestimmte Bewegung hat. Faßt er nun die Dinge in gewöhnlicher Weise auf, so sind sie ihm entweder gleichgültig, oder sie erwecken in ihm ein Begehren, oder sie stoßen ihn ab, kurz sein Interesse ist der Maßstab für sie, und er beurtheilt sie nach der Relation, in der sie zu seinem Willen stehen. Von einer deutlichen und klaren Spiegelung des Objekts kann keine Rede sein; ebenso wenig erkennt der Mensch alsdann die volle und ganze Wirksamkeit eines Dinges oder die Summe seiner Relationen, weil er nur eine davon und diese durch sein Interesse gefälscht, entstellt, übertrieben oder unterschätzt auffaßt.
Soll er nun das Objekt rein abspiegeln, dessen Relationen richtig erfassen, so muß seine Relation zum Objekt eine Veränderung erfahren, d.h. er muß zu ihm in eine vollkommen interesselose Beziehung treten: es darf nur interessant für ihn sein.
Es handelt sich also in der Aesthetik, wie bemerkt, um eine ganz besondere Beziehung des Menschen zur Welt, welche einen besonderen Zustand seines Willens begründet. Die Beziehung nenne |
i116 ich die aesthetische Relation und den Zustand den aesthetischen Zustand oder die aesthetische Freude. Sie ist wesentlich von der gewöhnlichen Freude verschieden.
Jeder Mensch hat die Fähigkeit, in die aesthetische Relation einzutreten; doch findet der Uebergang in dieselbe bei dem Einen leichter, bei dem Anderen schwerer statt, und ist das, was sie bietet, bei dem Einen vollständiger und reicher, bei dem Anderen beschränkter und ärmer.
Der Bauer, welcher Abends, wann die Arbeit ruht, einen Blick in die Natur wirft und etwa die Form, die Farben und den Zug der Wolken betrachtet, ohne an die Nützlichkeit oder Schädlichkeit des Regens für seine Aussaat zu denken; oder sich am Gewoge der Kornfelder, der leuchtenden Röthe der Aehren beim Sonnenuntergang erfreut, ohne den Ertrag der Ernte zu erwägen, betrachtet die Dinge aesthetisch. Der Mäher, der ein Lerchennest freilegt und nun die schöngeformten und betupften Eierchen oder auch die pipenden Jungen und die Alten in ihrer großen Angst, die sich im verstörten Blick und dem unruhigen Hin- und Herflattern kund giebt, interesselos deutlich auffaßt, hat die gewöhnliche Erkenntnißart abgelegt und befindet sich im aesthetischen Zustande. Der Jäger, welcher beim plötzlichen Hervortreten eines prachtvollen Hirsches das Schießen vergißt, weil die Haltung, die Formen, der Gang des Wildes seinen Geist fesselt, ist in die aesthetische Relation zum Objekt getreten.
Es handelt sich hierbei allerdings um ein reines, gewissermaßen freies Erkennen, aber in keiner Weise um ein vom Willen abgelöstes, selbständiges Leben des Geistes. Der Wille ist immer und immer das Einzige, was wir vorfinden; wir mögen suchen, wo wir wollen, wir mögen die Natur durchwühlen so tief und so oft wir wollen: immer ist er da und nur seine Zustände wechseln.
3.
Die Ideen offenbaren ihr Wesen im Objekt auf sehr verschiedene Weise. Nehmen wir die höchste uns bekannte Idee, den Menschen, so offenbart er sein Wesen:
1) in der Form und Gestalt;
2) in der Gliederbewegung;
i117 3) im Mienenspiel und in den Augen;
4) in Worten und Tönen.
In dieser Reihenfolge tritt das Innere immer deutlicher im Aeußeren hervor; in Worten und Tönen ist es am deutlichsten objektivirt. Denn mit Objekten haben wir es immer in der Welt zu thun und nur wir selbst sind uns in unserem Inneren nicht Objekt. Diese Unterscheidung ist auch für die Aesthetik sehr wichtig. Ton und Wort haben den Grund ihrer Erscheinung in den Schwingungen des Willens, in seiner Bewegung, die sich der Luft mittheilt. Diese eigenthümliche Fortsetzung der Bewegung in einer fremden Idee wird von uns sinnlich wahrgenommen und substanziell objektivirt.
Töne und Worte sind mithin Objekte, wie alles Andere; und wenn auch der Zustand einer Idee in ihnen sich im leichtesten Schleier zeigt, so ist es doch nie das Ding an sich, das sich uns unmittelbar offenbart. Nur derjenige, welcher sich in den Zustand einer anderen Idee dadurch versetzt, daß er ihn in sich selbst willkürlich hervorruft, also namentlich der Künstler, erfaßt in seiner Brust den fremden Willen unmittelbar als Ding an sich und nicht als Objekt.
Die Objektivation einer Idee in Tönen und Worten ist aber so vollkommen, daß der Wille des objektivirenden Zuhörers von der Bewegung ergriffen wird und mitschwingt, während die einfache Betrachtung der Form und Gestalt eines Objekts dieselbe Wirkung nicht auf das aesthetisch gestimmte Subjekt ausübt.
Wir haben demgemäß zwei Hauptarten des aesthetischen Zustandes zu unterscheiden:
1) die aesthetische Contemplation und
2) das aesthetische Nachfühlen oder aesthetische Mitgefühl.
4.
In der tiefen aesthetischen Contemplation ist es dem Willen, als ob seine gewöhnliche Bewegung plötzlich aufgehört habe und er bewegungslos geworden sei. Er ist ganz in der Täuschung befangen, er ruhe vollständig, alle Begierde, aller Drang, aller Druck sei von ihm genommen und er sei nur noch ein rein erkennendes Wesen: ihm ist, als bade er in einem Elemente von wunderbarer Klarheit, ihm ist so leicht, so unaussprechlich wohl.
i118 In diesen echten Zustand der tiefen Contemplation können uns nur völlig ruhige Gegenstände versetzen. Weil sie keine äußere Bewegung haben, bringen wir sie schon gar nicht in ein Verhältniß zur Zeit. Zugleich werden wir zeitlos, weil die Bewegung unseres Willens ganz aus unserem Bewußtsein geschwunden und wir ganz im ruhigen Objekt versunken sind. Wir leben gleichsam in der Ewigkeit: wir haben durch Täuschung das Bewußtsein der absoluten Ruhe und sind unnennbar selig. Werden wir in der tiefsten Contemplation gestört, so erwachen wir in seltsamster Weise; denn unser Bewußtsein beginnt nicht, wie nach dem Schlafe, sondern die Bewegung erfüllt es nur wieder: wir treten aus der Ewigkeit in die Zeit zurück.
Am leichtesten versetzt uns die ruhige Natur in die tiefe Contemplation, namentlich der Anblick des glatten südlichen Meeres, aus dem sich, träumerisch-still, vom blauen Hauch der Ferne oder der Gluth der untergehenden Sonne umsponnen, die Küsten oder kleine Inseln erheben.
Den echten Ausdruck des tiefen contemplativen Zustandes in den Gesichtszügen und Augen hat kein Maler so über alles Lob erhaben, so wahr und ergreifend dargestellt, wie Raphael in den beiden Engelsköpfen, zu Füßen der Sixtinischen Madonna. Man muß den Blick geradezu von ihnen losreißen: sie nehmen uns ganz gefangen.
Sind dagegen die Objekte mehr oder weniger bewegt, so ist die Contemplation auch weniger tief, weil wir die Objekte in ein Zeitverhältniß bringen und dadurch das Verfließen der Gegenwart in uns merken. So umfängt uns denn in einem geringeren Grade der Zauber des schmerzlosen Zustandes.
Im aesthetischen Nachfühlen schwingt, wie ich schon oben sagte, unser Wille mit dem bewegten Willen des Objekts. So lauschen wir dem Gesange eines Vogels, oder dem Ausdruck der Gefühle anderer Thiere; oder begleiten Liebesgeflüster, Ausbrüche der Wuth und des Zornes, Klagen der Trauer, der Wehmuth, den Jubel der Freude, wobei wir kein direktes Interesse haben, mit mehr oder weniger starken Schwingungen unseres eigenen Willens. Wir schwingen nicht so stark wie die handelnden Personen, denn tritt dies ein, was oft genug geschieht, so werden wir aus aesthetisch gestimmten Zuhörern active Individuen und fallen aus der aesthetischen Relation in die |
i119 gewöhnliche. Im aesthetischen Nachfühlen vibrirt unser Wille nur leise mit, wie die Saite, welche neben einer tönenden liegt.
An diese zwei Hauptarten des aesthetischen Zustandes schließt sich zunächst eine Doppelbewegung an: die aesthetische Begeisterung. Ihr erster Theil ist entweder die aesthetische Contemplation, oder das aesthetische Mitgefühl, ihr zweiter Theil dagegen entweder Freude, Jubel, oder Muth, Hoffnung, Sehnsucht, oder eine sehr leidenschaftliche Erregung des Willens.
Sie entsteht selten aus der Contemplation und ist alsdann auch die schwächste Bewegung. Man möchte mit den Wolken über alle Länder ziehen, oder, wie der Vogel, leichtbeschwingt in den Lüften sich wiegen.
Es singt ein Vöglein: Witt, witt, witt!
Komm mit, komm mit! –
O könnt’ ich, Vöglein, mit dir ziehn,
Wir wollten über die Berge fliehn,
Durch die blauen schönen Lüfte zumal,
Zu baden im warmen Sonnenstrahl.
Die Erde ist eng, der Himmel weit,
Die Erd’ ist arm, hat nichts als Leid,
Der Himmel ist weit, hat nichts als Freud’! –
Das Vöglein hat sich geschwungen schon,
Durchwirbelnd die Luft mit dem süßen Ton.
O Vöglein, daß Dich Gott behüt’!
Da sitz’ ich am Ufer und kann nicht mit.
(Volkslied.)
Oder es taucht das sehnsüchtige Verlangen in uns auf: immer contemplativ sein, immer in der Seligkeit der Contemplation verweilen zu können.
Dagegen tritt sie sehr häufig als Verbindung eines Zustands mit dem aesthetischen Mitgefühl auf. Die Wirksamkeit der Nerven wird deutlich als kalte Ueberläufe empfunden; sie drängen gleichsam den Willen auf sich zurück, concentriren ihn; dann schlägt der zündende Funke in ihn ein und er lodert auf in heißer Gluth: es ist die Entflammung zur kühnen That. So wirken Reden, Kriegslieder, Trommelschlag, Militärmusik.
i120
5.
Wie jeder Mensch die Fähigkeit hat, in den aesthetischen Zustand versetzt zu werden, so kann auch jeder Gegenstand aesthetisch betrachtet werden. Jedoch wird der eine mehr, der andere weniger dazu einladen. Für viele Menschen ist es eine Unmöglichkeit, eine Schlange z.B. ruhig zu betrachten. Sie empfinden einen unüberwindlichen Abscheu vor diesem Thier und halten nicht Stand, selbst wenn sie es nicht zu fürchten haben.
6.
Jeder Mensch kann aesthetisch auffassen und jeder Gegenstand kann aesthetisch betrachtet werden, aber nicht jeder Gegenstand ist schön. Was heißt nun: ein Gegenstand ist schön?
Wir haben zu unterscheiden:
1) das Subjektiv-Schöne;
2) den Grund des Schönen im Ding an sich;
3) das schöne Objekt.
Das Subjektiv-Schöne, das man auch das Formal-Schöne nennen kann, beruht auf apriorischen Formen und Funktionen des Subjekts, resp. auf Verbindungen der Vernunft auf Grund apriorischer Formen, und theile ich es ein in das Schöne:
1) des (mathematischen) Raumes;
2) der Causalität;
3) der Materie (der Substanz);
4) der Zeit.
Das Formal-Schöne des Raumes drückt sich aus in der Gestalt der Objekte und im Verhältniß, in dem die Theile eines Objekts zum Ganzen stehen, und zwar in der regelmäßigen Gestalt und in der Symmetrie.
Die regelmäßige Gestalt ist zunächst ein Ganzes von Linien. Schöne Linien sind die gerade Linie, die runde Linie, die gerade runde Linie (Wellenlinie) und die gerade gewundene Linie (Spirale).
Das Schöne der Gestalt zeigt sich dann in den reinen Figuren der Geometrie und ihren Theilen, also namentlich im gleichseitigen Dreieck, im Quadrat, Rechteck, Sechseck, im Kreis, Halbkreis und in der Ellipse.
Ferner offenbart sich das Schöne der Gestalt in den Körpern der |
i121 Stereometrie, denen die reinen Figuren der Geometrie zu Grunde liegen, also namentlich in der Pyramide, dem Würfel, dem Pfeiler, der Kugel, dem Kegel und dem Cylinder (Säule).
Die Symmetrie schließlich zeigt sich in der harmonischen Anordnung der Theile eines Ganzen, d.h. im richtigen Verhältniß der Höhe zur Breite und Tiefe, im richtigen Abstand und in der genauen Wiederholung der Theile an den entsprechenden Stellen.
Das Formal-Schöne der Causalität enthüllt sich in der gleichmäßigen äußeren Bewegung, oder im fließenden Uebergang einer Bewegung in eine raschere oder langsamere und besonders in der Angemessenheit der Bewegung zum beabsichtigten Zweck, als Grazie.
Das Formal-Schöne der Materie, resp. der Substanz, tritt erstens in den Farben hervor und in der Zusammenstellung derselben, in der Farbenharmonie. Am deutlichsten offenbart es sich in den drei Grundfarben: Gelb, Roth und Blau und den drei reinen Mischungen derselben: Orange, Grün und Violett, welche sechs Farben die festen Punkte der langen Reihe von Farbennuancen sind, sowie in den Polen Weiß und Schwarz. Noch erfreulicher zeigt es sich, wenn die gedachten sechs Farben klaren Flüssigkeiten inhäriren.
Es offenbart sich dann noch in der Reinheit des Tons, im Wohlklang der Stimme.
Das Formal-Schöne der Zeit schließlich offenbart sich in der regelmäßigen Succession gleicher oder verschiedener Momente, d.h. im regelmäßigen Zeitmaß. Eine kurze Verbindung solcher Momente ist der Takt und eine Verbindung von Takten der Rhythmus.
Ich werde das Subjektiv-Schöne im Fortgang dieser Abhandlung noch öfters berühren müssen und alsdann seine weiteren Verzweigungen verfolgen. Hier war es mir nur darum zu thun, seine Hauptäste zu zeigen.
7.
Der Grund des Schönen ist nun dasjenige dem Ding an sich Inhärirende, was dem Subjektiv-Schönen entspricht, oder was das Subjekt zwingt, es als schön zu objektiviren.
Hieraus fließt von selbst die Erklärung des schönen Objekts. Es ist das Produkt des Dinges an sich und des Subjektiv-Schönen, |
i122 oder das schöne Objekt ist Erscheinung des im Ding an sich liegenden Grundes des Schönen.
Das Verhältniß ist dasselbe, wie das des Dinges an sich zum Objekt in der Vorstellung überhaupt. Das Subjekt bringt nicht allererst im Ding an sich etwas hervor, erweitert oder beschränkt sein Wesen in keiner Weise; sondern es objektivirt nur, seinen Formen gemäß, getreu und genau das Ding an sich. Wie aber die Süßigkeit des Zuckers oder die rothe Farbe des Krapps, obgleich sie auf ganz bestimmte Eigenschaften im Dinge an sich hinweisen, diesem nicht zugesprochen werden können, so hat zwar die Schönheit eines Objekts ihren Grund im Dinge an sich, aber das Ding an sich selbst darf nicht schön genannt werden. Nur das Objekt kann schön sein, weil nur in ihm der Grund des Schönen (Ding an sich) und das Subjektiv-Schöne (Subjekt) sich vermählen können.
Das Schöne wäre also so wenig ohne den Geist des Menschen vorhanden, wie ohne Subjekt die Welt als Vorstellung überhaupt. Das schöne Objekt steht und fällt mit dem Subjektiv-Schönen im Kopfe des Menschen, wie das Objekt steht und fällt mit dem Subjekt. »Schön« ist ein Prädicat, welches, wie materiell (substanziell), nur dem Objekt zukommt.
Dagegen ist ebenso richtig, daß, unabhängig vom Subjektiv-Schönen, der Grund des Schönen besteht; gerade so, wie unabhängig vom Subjekt, das Ding an sich, der Grund der Erscheinung, existirt. Aber wie hier das Objekt wegfällt, so dort das schöne Objekt.
Wenn nun, wie wir uns erinnern, das Ding an sich, unabhängig vom Subjekt, immateriell, nur Kraft, Wille, ist, was ist dann der Grund des Schönen, unabhängig vom Subjektiv-Schönen?
Hierauf giebt es nur eine Antwort: es ist die harmonische Bewegung.
Wir haben in der Analytik gesehen, daß vom individuellen Willen die Bewegung nicht zu trennen, daß sie sein einziges Prädicat ist, mit dem er steht und fällt. Weil dies der Fall ist, habe ich bisher manchmal von der Bewegung allein gesprochen; denn es verstand sich dabei stets von selbst, daß ihr der individuelle Wille zum Leben, die Idee, zu Grunde lag. Die Bewegung schlechthin ist Streben, innere Bewegung, die sich im Objekt sowohl äußert als |
i123 Gestalt und Form (objektivirte Kraftsphäre des Willens, die er, in unaufhörlicher Bewegung begriffen, erfüllt), wie auch in der äußeren Bewegung, die bei den höheren Ideen sich zeigt als Gliederbewegung, Mienenspiel, Augenleben, Sprache und Gesang.
Alles Streben, alle Bewegung in der Welt ist zurückzuführen auf die erste Bewegung, auf den Zerfall der einfachen Einheit in die Vielheit. Diese erste Bewegung war, weil sie die That einer einfachen Einheit war, nothwendig gleichmäßig und harmonisch, und da alle anderen Bewegungen nur Fortsetzungen von ihr waren und sind, so muß auch jedes Streben eines Dinges an sich im tiefsten Grunde harmonisch sein, oder, wie wir vorsorglich sagen wollen, sollte es im tiefsten Grunde harmonisch sein.
In der Mechanik des Himmels und in der unorganischen Natur liegt dies auch offen zu Tage. Wenn sich hier ein einheitliches Streben, oder eine resultirende aus gleichmäßig wirkenden Bestrebungen, rein, oder doch im Wesentlichen ungehindert, zeigen kann, haben wir es immer mit harmonischen oder, wenn objektivirt, mit schönen Gestalten oder schönen äußeren Bewegungen zu thun. So bewegen sich die Weltkörper in Ellipsen oder Parabeln um die Sonne; die Crystalle, wenn sie ungehindert anschießen können, sind durchaus schön; die Schneeflocken sind sechsseitige regelmäßige Sterne von den verschiedensten Formen; eine mit einem Fiedelbogen gestrichene Glasplatte ordnet den darauf liegenden Sand zu prachtvollen Figuren; fallende oder geworfene Körper haben eine schöne Bewegung.
Es ist gewiß bedeutungsvoll, daß, nach der Orphischen Philosophie, das Dionysoskind mit Kegeln, Kugeln und Würfeln spielte; denn Dionysos war der Weltbildner, der die Einheit in die Vielheit auseinander legende Gott, und es wurde auf diese Weise symbolisch die regelmäßige Gestalt des Weltalls und seine harmonische Bewegung angedeutet. Auch beruht die pythagoräische Philosophie auf der Uebereinstimmung des Weltalls mit dem Subjektiv-Schönen des Raumes und der Zeit. –
Aber schon im unorganischen Reich, wo doch das Streben des Willens einheitlich und außerordentlich einfach ist, ergiebt sich, daß im Kampf der Individuen mit einander (theilweise im Kampf um die Existenz) die harmonische innere Bewegung nur selten rein zum Ausdruck kommen kann. In dem organischen Reich, wo durchweg der Kampf um die Existenz und in viel größerer Intensität herrscht, |
i124 kann sich nun fast keine Bestrebung rein offenbaren. Bald wird dieser, bald jener Theil vorzugsweise gereizt, beeinflußt, und die Folge ist meist eine unharmonische Bewegung des Ganzen. Hierzu tritt, daß jedes Individuum schon bei der Zeugung eine mehr oder weniger verkümmerte Bewegung erhält; denn die innere Bewegung des Organismus ist keine einheitliche mehr, sondern eine resultirende aus vielen, und da die Organe virtualiter im befruchteten Ei enthalten sind, ein Organ aber auf Kosten des anderen stärker oder schwächer sein kann, so werden viele Individuen schon mit einer gestörten harmonischen Bewegung in die Welt treten.
Indessen finden wir gerade im organischen Reich die schönsten und die meisten schönen Objekte. Dies kommt daher, daß, theils auf natürlichem, theils auf künstlichem Wege, schädliche Einflüsse gerade dann vom Organismus abgehalten werden, wann er am empfindlichsten und in der wichtigsten Ausbildung begriffen ist. Namentlich auf den höheren Stufen des Thierreichs ist das neue Individuum für eine mehr oder weniger lange Zeit dem Kampfe um’s Dasein ganz entrückt, weil ihn die Eltern für dasselbe führen. Dann reibt und stößt sich fast Alles im unorganischen Reich, während die Organismen in nachgebenden Elementen (Wasser und Luft) sich entwickeln können.
So sehen wir denn überall da, wo eine Verkümmerung bei Entstehung von Organismen nicht stattfand und später schädliche Einflüsse sich wenig bemerkbar machten, immer schöne Individuen. Die meisten Pflanzen wachsen wie nach einem künstlerischen Entwurf, und die Thiere sind, mit wenigen Ausnahmen, regelmäßig gebaut. Dagegen finden wir nur selten sehr schöne Menschen, weil nirgends der Kampf um’s Dasein erbitterter geführt wird als im Staate und Beschäftigung und Lebensweise selten die harmonische Ausbildung des Ganzen erlauben.
Hier ist auch der Kunsttrieb der Thiere zu nennen. In den Produkten des Kunsttriebs, die wir so sehr anstaunen und bewundern, bewundern wir im Grunde nur die harmonische, im ächten Willen (hier Instinkt) zurückgebliebene ganze Bewegung. So baut die Biene regelmäßige sechsseitige Zellen; auch der rohe Wilde giebt seiner Hütte, nicht mit dem Geiste, sondern auf dämonischen Antrieb, den Kreis oder das Quadrat oder das Sechseck zur Grundform.
Hierdurch werden wir auf das Subjektiv-Schöne zurückge|führt.
i125 Der Geist des Menschen, in dem doch allein das Subjektiv-Schöne vorhanden ist, ist, wie wir wissen, nur gespaltene Bewegung. Er ist ein Theil der früheren ganzen Bewegung, die durch und durch harmonisch war. So können wir denn sagen, daß das Subjektiv-Schöne nichts Anderes ist, als die nach einer besonderen Richtung hin entwickelte, für alle Bewegungen in der Welt zur Norm und zum Spiegel gewordene einseitig ausgebildete, harmonische Bewegung. Dieselbe ist gleichsam in ein Heiligthum gebracht worden, das die Dinge zwar umfluthen, aber in welches sie nicht eindringen können. Hier thront sie in gesicherter Ruhe und bestimmt souverän was ihr gemäß und nicht gemäß, d.h. was schön sei, was nicht.
8.
Betrachten wir die schönen Objekte in der Natur etwas näher, so treffen wir im unorganischen Reich, aus den angeführten Gründen, nur selten schöne feste Körper. Die »wohlgegründete« Erde ist als ein furchtbarer erstarrter Kampf anzusehen. Man findet nur ausnahmsweise reine und völlig ausgebildete Crystalle in der Natur. Sie zeigen deutlich, daß sie im Anschießen gedrückt, geschoben, gestoßen, und ihre Bestrebungen sonst noch beeinträchtigt worden sind.
Besonders schön ist die Bewegung geworfener runder Körper.
Einzelne Berge und Gebirgszüge zeichnen sich durch ihre reinen Contouren aus.
Das Wasser ist fast immer schön. Besonders schön ist das Meer, in der Ruhe wie in der Bewegung, wobei sein Hauptreiz in der Farbe liegt, die sich zwischen dem tiefsten Blau und dem hellsten Smaragdgrün bewegt. Auch ist die schöne Form der Wasserfälle zu nennen, überhaupt das Fließen.
Sehr schön ist die Luft und viele Erscheinungen in ihr: das blaue Himmelsgewölbe; die mannigfach gestalteten Wolken; die Farben des Himmels und des Gewölks beim Sonnenuntergang; das Alpenglühen und der blaue Duft der Ferne; der Zug der Wolken; der Regenbogen; das Nordlicht.
In der organischen Natur treten uns zuerst die verschiedenen regelmäßigen Zellen der Pflanzen entgegen; dann einzelne Bäume, wie Palmen, Pinien und Tannen; dann diejenigen Pflanzen, welche besonders deutlich, im Stand der Blätter und Zweige, symmetrische |
i126 Verhältnisse zeigen; dann viele Blätter und die Blüthen. Fast jede Blüthe ist schön durch die Anordnung ihrer Blätter, durch ihre regelmäßige Form und ihre Farben. So auch alle Früchte, welche sich ungestört entwickeln konnten.
Im Thierreich sind die Objekte zunächst schön durch ihren symmetrischen Bau. Das Thier, in der Mitte getheilt, bildet fast immer zwei gleiche Hälften. Das Gesicht hat zwei Augen, die in gleichem Abstand von der Mitte liegen. Die Nase ist in der Mitte, der Mund gleichfalls u.s.w. Die Beine, Flossen, Flügel sind immer in Paaren vorhanden.
Dann sind manche Gestalten oder Theile des Körpers hervorragend schön, wie einzelne Pferde, Hirsche, Hunde, wie der Hals des Schwans u.s.w.
Ferner ist auf die Farben des Fells, des Gefieders, der Panzer, der Augen und auf die graziöse Bewegung vieler Thiere, sowie auf die reinen Formen der Vogeleier aufmerksam zu machen.
Schön vor Allem aber ist der schöne Mensch. Beim Anblick eines vollkommen schönen Menschen bricht in unserem Herzen das Entzücken, wie eine Rosenknospe, auf. Er wirkt durch den Fluß der Linien, die Farbe der Haut, des Haars und der Augen, die Reinheit der Form, die Anmuth seiner Bewegungen und den Wohlklang der Stimme.
9.
Fassen wir zusammen, so ist also das Subjekt der Richter und bestimmt nach seinen Formen was schön sei, was nicht. Die Frage ist jetzt: Muß jeder Mensch ein schönes Objekt schön finden? Ohne Zweifel! Wenn auch das Subjekt souveräner Richter über das Schöne ist, so steht es doch ganz unter der Nothwendigkeit seiner Natur und muß jeden Grund des Schönen im Ding an sich als schön objektiviren: es kann nicht anders. Bedingung ist nur, daß der Wille des urtheilenden Subjekts sich im aesthetischen Zustande befinde, also vollkommen interesselos dem Objekt gegenüberstehe. Aendert der Wille diese Relation, stellt sich z.B. bei der Beurtheilung der Formen eines Weibes der Geschlechtstrieb hinter das erkennende Subjekt, so ist ein allgemein gültiges Urtheil nicht mehr möglich. Erhält sich dagegen der Wille in der Reinheit der aesthetischen Relation, so kann das Subjekt nur dann irren, wenn |
i127 es mangelhaft organisirt ist. Solche Menschen aber haben kein Stimmrecht.
Worauf es hier allein ankommt, ist die Ausbildung des sogenannten Schönheitssinnes (einer Modification der Urtheilskraft), der unbestechlich, nach den Gesetzen des Subjectiv-Schönen, sein Verdict fällt. Er tritt, wie die Urtheilskraft, in unzähligen Abstufungen auf und kann, wie diese, vervollkommnet werden, welche Abänderungen sich vererben. Er kann einseitig auftreten als Formensinn, Farbensinn, musikalisches Gehör; was er aber in vollkommener Beschaffenheit für schön erklärt, das ist schön, wenn auch eine Menge von Individuen mit schwachem Schönheitssinn, oder mit interessirtem Herzen, gegen sein Urtheil sich auflehnt. Als Mensch, der nach seinem Willen, seiner Neigung urtheilt, kann ich den Rhein dem Comersee vorziehen; als rein aesthetischer Richter muß ich hingegen dem letzteren den Vorzug geben.
Der ächte Schönheitssinn irrt nie. Er muß den Kreis über das Dreieck, das Rechteck über das Quadrat, das mittelländische Meer über die Nordsee, den schönen Mann über das schöne Weib stellen, er kann nicht anders urtheilen; denn er urtheilt nach klaren und unwandelbaren Gesetzen.
10.
Wir haben gesehen, daß der Grund des Schönen im Ding an sich, unabhängig vom Subjekt, die innere harmonische Bewegung ist, welche nicht schön, sondern nur harmonisch, gleichmäßig genannt werden darf. Nur ein Objekt kann schön sein. Erfassen wir uns nun unmittelbar im Selbstbewußtsein, als Ding an sich, oder erfassen wir den Willen eines anderen Menschen als in harmonischer Bewegung begriffen, welche hier auftritt als ein ganz eigenthümliches Zusammenwirken von Willen und Geist, so können wir sehr wohl von einem harmonischen Willen oder, wenn wir Willen und Geist, dem Sprachgebrauche gemäß, als Seele zusammenfassen, von einer harmonischen Seele sprechen. Hierfür setzt man jedoch gewöhnlich den Ausdruck »schöne Seele«. Dieser Ausdruck ist falsch. Dennoch wollen wir ihn, da er einmal eingebürgert ist, beibehalten. Man bezeichnet mit schöner Seele diejenige Idee Mensch, deren Wille zum Geiste in einem ganz besonderen Verhältnisse steht, so zwar, daß sie sich immer maßvoll bewegt. Verliert sie ihren Schwerpunkt durch |
i128 Niedergeschlagenheit oder Leidenschaft, so findet sie ihn bald wieder und nicht stoßweise, sondern fließend.
11.
Das Häßliche kann ich sehr leicht definiren. Häßlich ist Alles, was den Gesetzen des Subjektiv-Schönen nicht entspricht. Ein häßliches Objekt kann, wie ein schönes, überhaupt wie jedes Objekt, aesthetisch betrachtet werden.
12.
Das Erhabene wird gewöhnlich neben das Schöne als ein ihm Aehnliches, ihm Verwandtes gestellt, was unrichtig ist. Es ist ein besonderer Zustand des Menschen, und sollte man deshalb stets vom erhabenen Zustand eines Menschen sprechen. Er ist eine Doppelbewegung. Zuerst schwankt der Wille zwischen Todesfurcht und Todesverachtung, mit entschiedenem Uebergewicht der letzteren, und hat die letztere gesiegt, so tritt er in die aesthetische Contemplation ein. Das Individuum wird von einem Objekt abgestoßen, auf sich zurückgestoßen und strömt dann in Bewunderung aus.
Es ist dem erhabenen Zustand eigenthümlich, daß er sich in den meisten Fällen immer neu erzeugt, d.h. seine Theile durchläuft, oder mit anderen Worten, wir erhalten uns nur schwer in seinem letzten Theil. Immer wieder sinken wir aus der Contemplation in den Kampf zwischen Todesfurcht und Todesverachtung zurück und immer wieder werden wir, für eine längere oder kürzere Zeit, contemplativ.
Das Objekt, welches uns über uns selbst erhebt, ist nie erhaben. Jedoch, hält man dies fest, und bezeichnet nur deshalb gewisse Objekte als erhaben, weil sie uns leicht erhaben stimmen, so ist gegen die Benennung Nichts einzuwenden.
Die Objecte werden unter diesem Gesichtspunkte sehr richtig eingetheilt in:
1) Dynamisch-Erhabene und
2) Mathematisch-Erhabene.
Dynamisch erhaben sind alle Naturerscheinungen, welche den Kern des Menschen, seinen Willen zum Leben, bedrohen. In der Wüste, in Einöden, welche keinerlei Nahrung bieten können, am Ufer des stürmischen Meeres, vor ungeheuren Wasserfällen, bei Gewittern u.s.w. wird der Mensch leicht in den erhabenen |
i129 Zustand versetzt, weil er dem Tode in die Augen starrt, sich aber in großer oder voller Sicherheit weiß. Er erkennt die Gefahr deutlich, in der er schwebt; es entsteht jedoch in ihm, auf Grund seiner Sicherheit, die Täuschung, daß er der Gefahr trotzen würde, wenn sie auf ihn eindränge. Es ist ganz gleichgültig, aus welchen Ueberzeugungen er die vermeintliche Kraft schöpft, ob er an seine Unsterblichkeit glaubt, ob er sich von der Hand eines allgütigen Gottes gehalten weiß, ob er das Leben verachtet und den Tod ersehnt, oder ob in ihm gar kein Raisonnement stattfindet, und er sich unbewußt über die Gefahr erhebt.
Daß die meisten Menschen nur durch Täuschung erhaben gestimmt werden, ist leicht einzusehen. Vielen muß erst umständlich nachgewiesen werden, daß auch nicht im Entferntesten an eine Gefahr zu denken ist, und dennoch haben sie alsdann nicht einmal die Kraft, für ganz kurze Zeit in den contemplativen Zustand überzugehen, sondern sind in beständiger Angst und drängen zum Fortgehen. Wie Wenige vermögen sich ganz dem Genusse eines kräftigen Gewitters hinzugeben! Sie machen es, wie der habgierige Lotteriespieler, der unaufhörlich den unwahrscheinlichsten Fall erwägt. Ebenso wird nur äußerst selten ein Mensch auf offener See einen Sturm in ächt erhabener Stimmung auffassen. Ist der Sturm dagegen glücklich abgelaufen, so wird der Mensch das Einzelne, was er in der verzehrendsten Angst flüchtig erblickte, zusammenstellen und sich mit Behagen nachträglich über sich selbst erheben.
Mathematisch erhaben sind diejenigen Objekte, welche uns zu einem Nichts verkleinern, uns unsere Unbedeutendheit gegenüber dem Weltganzen zeigen und uns auf die Kürze und Vergänglichkeit unseres Lebens, im Gegensatz zur sogenannten Ewigkeit der Welt, oder, wie Cabanis sagt, zur éternelle jeunesse de la nature aufmerksam machen. Aus diesem Zustand der Demüthigung, der Angst, ja der Verzweiflung, erheben wir uns über uns selbst, je nach unserer Bildung, durch die verschiedenartigsten Betrachtungen und werden contemplativ. Der Idealist aus der Schule Kant’s richtet sich an dem Gedanken auf: Zeit und Raum sind in mir, das Weltall ist nur in meinem Kopfe so unermeßlich groß, das Ding an sich ausdehnungslos, und das Verfließen der Erscheinung in der Zeit ist eine Täuschung; der Pantheist denkt: ich bin selbst dieses ungeheuere Weltall und unsterblich: hae omnes creaturae in totum |
i130 ego sum et praeter me aliud ens non est; der fromme Christ denkt: alle meine Haare auf dem Kopfe sind gezählt, ich stehe in einer treuen Vaterhand.
13.
Der erhabene Zustand beruht auf der eingebildeten Willensqualität Festigkeit oder Unerschrockenheit und entsteht durch Selbsttäuschung. Ist aber ein Wille wirklich unerschrocken und fest, so inhärirt die Erhabenheit, welche hier einfach zu definiren ist als Todesverachtung, dem Ding an sich und man spricht mit Recht von erhabenen Charakteren.
Ich unterscheide drei Arten von erhabenen Charakteren:
1) den Helden,
2) den Weisen,
3) den weisen Helden.
Der Held ist sich in ernsten Lagen vollkommen bewußt, daß sein Leben wirklich bedroht ist, und obgleich er es liebt, steht er doch nicht an, es, wenn nöthig, zu lassen. Ein Held ist also jeder Soldat im Feuer, der die Furcht vor dem Tode überwunden hat, und Jeder, der sein Leben auf das Spiel setzt, um ein anderes zu retten.
Der Weise hat die Werthlosigkeit des Lebens erkannt, welche Jesus Sirach so treffend in die Worte faßt:
Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben vom Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod;
und diese Erkenntnis) hat seinen Willen entzündet. Letzteres ist eine Bedingung sine qua non für den Weisen, den wir im Auge haben, weil die thatsächliche Erhebung über das Leben das einzige Kriterium der Erhabenheit ist. Die bloße Erkenntniß, daß das Leben werthlos sei, kann die süße Frucht der Resignation nicht zeitigen.
Der erhabenste Charakter ist der weise Held. Er steht auf dem Standpunkte des Weisen, erwartet aber nicht, wie dieser, resignirt den Tod, sondern betrachtet sein Leben als eine werthvolle Waffe, um für das Wohl der Menschheit zu kämpfen. Er stirbt mit dem Schwert in der Hand (im figürlichen oder wirklichen Sinne) für die Ideale der Menschheit, und in jeder Minute seines Daseins ist |
i131 er bereit, Gut und Blut für die Realisirung derselben hinzugeben. Der weise Held ist die reinste Erscheinung auf unserer Erde, sein bloßer Anblick erhebt die anderen Menschen, weil sie in der Täuschung befangen sind, sie hätten, eben weil sie auch Menschen sind, dieselbe Befähigung zu leiden und zu sterben für Andere, wie er. Er ist im Besitz der süßesten Individualität und lebt das ächte, selige Leben:
Denn sollte er groß Unglück han,
Was liegt daran?
14.
Dem erhabenen Zustand am nächsten verwandt ist der Humor. Ehe wir ihn jedoch bestimmen, wollen wir uns in das Wesen des Humoristen versenken.
Wir haben oben gefunden, daß der ächte Weise thatsächlich über dem Leben erhaben sein, daß sich sein Wille an der Erkenntniß der Werthlosigkeit des Lebens entzündet haben müsse. Ist nur diese Erkenntniß vorhanden, ohne daß sie gleichsam in das Blut, den Dämon, übergegangen ist, oder auch: erkennt der Wille, als Geist, daß er im Leben nie die Befriedigung finden wird, die er sucht, umschlingt er aber im nächsten Augenblick begierdevoll das Leben mit tausend Armen, so wird nie der ächte Weise in die Erscheinung treten.
Dieses merkwürdige Verhältniß zwischen Willen und Geist liegt nun dem Wesen des Humoristen zu Grunde. Der Humorist kann sich nicht auf dem klaren Gipfel, wo der Weise steht, dauernd erhalten.
Der gewöhnliche Mensch geht ganz im Leben auf; er zerbricht sich nicht den Kopf über die Welt, er fragt sich weder: woher komme ich? noch: wohin gehe ich? Seine irdischen Ziele hat er immer fest im Auge. Der Weise, auf der anderen Seite, lebt in einer engen Sphäre, die er selbst um sich gezogen hat, und ist sich – auf welchem Wege ist ganz gleichgültig – klar über sich und die Welt geworden. Jeder von Beiden ruht fest auf sich selbst. Nicht so der Humorist. Er hat den Frieden des Weisen gekostet; er hat die Seligkeit des aesthetischen Zustands empfunden; er ist Gast gewesen an der Tafel der Götter; er hat gelebt in einem Aether von durchsichtiger Klarheit. Und dennoch zieht ihn eine unwiderstehliche Gewalt zurück in den Schlamm der Welt. Er entflieht ihm, weil er nur ein einziges Streben, das Streben nach der Ruhe des Grabes, billigen kann und |
i132 alles Andere als Thorheit verwerfen muß; aber immer und immer wieder locken ihn die Sirenen zurück in den Strudel, und er tanzt und hüpft im schwülen Saale, tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden im Herzen; denn man kann ihn das Kind eines Engels und einer Tochter der Menschen nennen. Er gehört zwei Welten an, weil ihm die Kraft fehlt, einer von ihnen zu entsagen. Im Festsaale der Götter stört seine reine Freude ein Ruf von unten, und wirft er sich unten der Lust in die Arme, vergällt ihm die Sehnsucht nach oben den reinen Genuß. So wird sein Dämon hin- und hergeworfen und fühlt sich wie zerrissen. Die Grundstimmung des Humoristen ist Unlust.
Aber was in ihm nicht weicht und wankt, was felsenfest steht, was er ergriffen hat und nicht mehr losläßt, das ist die Erkenntniß, daß der Tod dem Leben vorzuziehen, »daß der Tag des Todes besser als der Tag der Geburt ist«. Er ist kein Weiser, noch weniger ein weiser Held, aber er ist dafür derjenige, welcher die Größe dieser Edlen, die Erhabenheit ihres Charakters voll und ganz erkennt und das selige Gefühl, das sie erfüllt, ganz und voll nachfühlt. Er trägt sie als Ideal in sich und weiß, daß er, weil er ein Mensch ist, in sich das Ideal verwirklichen kann, wenn – ja wenn »die Sonne günstig steht zum Gruße der Planeten«.
Hieran und an der festen Erkenntniß, daß der Tod dem Leben vorzuziehen sei, richtet er sich aus seiner Unlust auf und erhebt sich über sich selbst. Nun ist er frei von der Unlust und jetzt, was sehr zu beachten ist, wird ihm der eigene Zustand, dem er entronnen ist, gegenständlich. Er mißt ihn an dem Zustande seines Ideals und belächelt die Thorheit seiner Halbheit: denn das Lachen entsteht allemal, wenn wir eine Diskrepanz entdecken, d.h. wenn wir irgend etwas an einem geistigen Maßstabe messen und es zu kurz oder zu lang finden. In die geniale Relation zu seinem eigenen Zustande getreten, verliert er jedoch nicht aus dem Auge, daß er in die belächelte Thorheit bald wieder zurückfallen wird, weil er die Macht seiner Liebe zur Welt kennt, und so lacht nur das eine Auge, das andere weint, nun scherzt der Mund, während das Herz blutet und brechen möchte, nun verbirgt sich unter der Maske der Heiterkeit der tiefste Ernst.
Der Humor ist demnach eine sehr merkwürdige und ganz eigenthümliche Doppelbewegung. Ihr erster Theil ist ein unlustvolles |
i133 Hin- und Herschwanken zwischen zwei Welten, und ihr zweiter Theil kein rein contemplativer Zustand. Auch in ihm schwankt der Wille zwischen der vollen Freiheit von Unlust und thränenvoller Wehmuth.
Das Gleiche ist der Fall, wenn der Humorist in die Welt blickt. An jede Erscheinung in ihr legt er still sein Ideal und keine deckt dasselbe. Da muß er lächeln. Aber alsbald erinnert er sich, wie mächtig das Leben anlockt, wie unsagbar schwer es ist ihm zu entsagen, da wir ja Alle durch und durch hungriger Wille zum Leben sind. Nun denkt, spricht oder schreibt er über Andere ebenso köstlich milde, wie er sich beurtheilt, und mit Thränen in den Augen, lächelnd, scherzend mit zuckenden Lippen, bricht ihm fast das Herz vor Mitleid mit den Menschen:
»Der Menschheit ganzer Jammer faßt ihn an.« (Goethe.)
Da der Humor in jedem Charakter, jedem Temperament auftreten kann, so wird er immer von individueller Färbung sein. Ich erinnere an den sentimentalen Sterne, den zerrissenen Heine, den trocknen Shakespeare, den gemüthvollen Jean Paul und den ritterlichen Cervantes.
Es ist klar, daß der Humorist mehr als irgend ein anderer Sterblicher dazu geeignet ist, ein echter Weiser zu werden. Zündet einmal die unverlierbare Erkenntniß auf irgend eine Art im Willen, so flieht der Scherz von den lächelnden Lippen und beide Augen werden ernst. Dann tritt der Humorist, wie der Held, der Weise und der weise Held, vom aesthetischen Gebiete ganz auf das ethische.
15.
Das Komische hat mehrere Berührungspunkte mit dem Schönen und einen mit dem Humor.
Ich theile das Komische ein in:
1) das Sinnlich-Komische,
2) das Abstrakt-Komische.
Beim Sinnlich- Komischen haben wir zu unterscheiden:
1) den subjektiven Maßstab,
2) das komische Objekt, und
3) den komischen Zustand des Willens.
Der subjektive Maßstab, die unerläßliche Bedingung für das Komische überhaupt, ist für das Sinnlich-Komische eine |
i134 Normal-Gestalt mit bestimmten Bewegungen (der Glieder, Mienen, Augen), beziehungsweise, wenn nur die, gleichsam vom Objekt abgelösten Bewegungen: Worte und Töne, beurtheilt werden, eine mittlere normale Art zu sprechen oder zu singen.
Beide Normen hängen, obgleich sie einen Spielraum in ziemlich weiten Grenzen haben, doch nicht von der Willkür ab. Sie sind ein flüssiges Mittleres, welches nicht auf mechanische Weise, sondern durch einen »dynamischen Effekt« aus allen Menschenarten und der natürlichen Art sich zu geben ihrer Individuen gewonnen wird. Hierin liegt schon die Verurtheilung jedes auf einseitige Weise gewonnenen Maßstabs. Es liegt aber auch darin der große Unterschied, der zwischen dem subjektiven Maßstab für das Sinnlich-Komische und dem für das Schöne besteht. Jener ist flüssig, dieser fest bestimmt. Ein Kreis, der an einer Stelle nur ganz unbedeutend aus der ein für alle Male bestimmten Form heraustritt, ist nicht mehr schön. Dagegen wird der ziemlich weite Spielraum für die Maßstäbe des Komischen dadurch ausgeglichen, daß ein Objekt nur dann komisch ist, wenn sich bei der Messung mit den Maßstäben auch eine ziemlich große Diskrepanz ergiebt, die selbstverständlich jenseit des Spielraums fallen muß.
Das Schöne, resp. das Häßliche, steht in gar keiner Beziehung zum Komischen. Es kann ein Objekt sehr schön und zugleich komisch sein; es kann sehr häßlich und doch nicht komisch sein; endlich kann es häßlich und komisch sein. Ferner ist zu bemerken, daß große körperliche Mißbildungen allerdings komisch wirken (wie das Lachen und der Spott der Rohen täglich zeigt), aber das Komische wird alsdann in feineren Naturen sofort vom Mitleid erstickt.
16.
Komisch ist nun jedes Objekt, das dem subjektiven Maßstab nicht entspricht, d.h. welches, an ihn gehalten, entweder derartig kurz ist oder derartig ihn überragt, daß sich eine erhebliche Diskrepanz ergiebt.
Wie der subjektive Maßstab des Schönen, mit Absicht auf Bestimmtheit, wesentlich von dem des Komischen verschieden ist, so findet also auch das Subjekt in einer ganz anderen Weise das Objekt komisch, als es dasselbe schön findet. Schön ist ein Objekt, wenn es dem Subjektiv-Schönen entspricht; komisch dagegen ist ein |
i135 Objekt, wenn es dem subjektiven Maßstab nicht entspricht. Das Komische ist demnach, in seiner Beziehung zum Maßstab, negativ wie das Häßliche, weshalb ich auch unterlassen muß, den subjektiven Maßstab zu bestimmen. Das Sinnlich-Komische wird am Besten an den komischen Objekten selbst abgelesen.
Ich theile das Sinnlich-Komische, wie das Subjektiv-Schöne, ein in das Komische:
1) des Raumes,
2) der Causalität,
3) der Substanz (der Materie),
4) der Zeit.
Das Komische des Raumes zeigt sich zunächst in großen Abweichungen der Gestalt vom normalen Typus der Menschen: also in unmäßig langen, kleinen, spindeldürren und dicken Individuen; dann in Theilen des Körpers, wie in langen oder platten, unförmlich dicken oder zu dünnen, spitzen Nasen; in Mäulern; in zu langen oder zu kleinen Ohren, Füßen, Händen, Beinen, Armen, Hälsen u.s.w. Die außerordentliche Zierlichkeit kleiner Hände, Füße und Ohren bewundert man immer mit einem Lächeln. Man denke nur an den überaus komischen Eindruck, den die Händchen und Füßchen von Säuglingen machen, weil wir sie (hier allerdings ganz unpassend) mit unseren Händen und Füßen vergleichen. Das Komische des Raumes zeigt sich ferner in thurmartigen Haargeflechten und in denjenigen Trachten der Weiber, welche entweder dem Individuum einen kolossalen Umfang geben (Reifröcke), oder einzelne Körpertheile als unnatürlich entwickelt zeigen sollen: Wespentaille, falsche Busen, cul de Paris. Schließlich erwähne ich das Gesichterschneiden, die Fratzen, die Masken und Karikaturen.
Das Komische der Causalität tritt hervor im schwerfälligen Uebergang von der Wirkung zur Ursache, also in der Dummheit; in der unzweckmäßigen oder überflüssigen Bewegung: heftiges Gestikuliren, steifes Herumschweifen mit den Armen, affektirte Handbewegungen, gespreizter, hölzerner Gang, Schwänzeln, linkische Verbeugungen, überhaupt linkische Manieren, chinesisches Ceremoniell, Umständlichkeit, Pedanterie; in verunglückten Bewegungen: Ausgleiten, Stolpern, mißlungene Sprünge; im unverhältnißmäßigen Aufwand von Kraft zur Erreichung eines Zwecks: Einschlagen offener Thüren, wie Lärm um Nichts, gewaltige Vorbereitungen und ein winziges Resultat, |
i136 große Einleitungen, fabelhafte Umschweife; in der Anwendung falscher Mittel zu einem beabsichtigten Zweck: falscher Gebrauch von Fremdwörtern, falsche Citate, unrichtiger Ausdruck in einer fremden Sprache sowohl, als in der Muttersprache, Steckenbleiben in der Rede; in der Nachahmung, welche zum Wesen des Nachahmenden nicht paßt: alle Affektation, europäischer Hofstaat, Hofceremoniell, Titulaturen etc. auf den Sandwichinseln, Männer in Frauen-, Frauen in Männerkleidern; endlich in der Unzweckmäßigkeit der Tracht.
Das Komische der Zeit tritt hervor im zu raschen oder zu langsamen Tempo der Sprache: Ueberstürzung der Worte, salbungsvolles Dehnen der Worte; im Stottern; im Herauspoltern; im abrupten Hervorstoßen von Worten; im Ableiern von Melodien.
Das Komische der Substanz zeigt sich in der schreienden Zusammenstellung auffallender Farben in der Kleidung; im grunzenden, näselnden, dumpfen, hohlen oder ganz dünnen, feinen Ton der Stimmen.
17.
Der komische Zustand ist eine Doppelbewegung, deren erster Theil die aesthetische Contemplation ist; denn steht das Individuum nicht in der interesselosen Relation zum komischen Objekt, so wird die Diskrepanz am subjektiven Maßstab es nur ärgern oder verstimmen. Der zweite Theil ist eine fröhliche Expansion des Willens, die sich äußerlich, je nach ihrer Intensität, in den Abstufungen vom leichten Lächeln bis zum krampfhaften, zwergfellerschütternden Lachen bewegt. Hier ist auch der Berührungspunkt des Komischen mit dem Humor; denn hier, wie dort, erweckt die Wahrnehmung einer Diskrepanz Heiterkeit in uns.
18.
Beim Abstrakt- Komischen ist zu unterscheiden:
1) der subjektive Maßstab;
2) die an ihm sich zeigende Incongruenz.
Der Begriff spielt beim Abstrakt- Komischen die Hauptrolle, obgleich auch hier immer nur mehr oder weniger deutlich realisirte Begriffe mit einander verglichen werden, also Vorstellungen, von denen die eine der Maßstab, die andere das Gemessene ist.
i137 Das Abstrakt-Komische zerfällt in:
1) die Ironie,
2) die Satire,
3) den Witz,
4) die närrische Handlung,
5) das Wortspiel.
In der Ironie wird ein Mensch, wie er wirklich ist, zum Maßstab genommen. Neben denselben zeichnet der Spötter, im vollsten Ernste, mit Worten eine Copie, welche nun, es sei in der Gestalt oder im Charakter, wesentlich vom Original abweicht, und zwar entschieden zu seinen Gunsten abweicht. Jeder Aufmerksame erkennt sofort den Hohn, resp. die Diskrepanz zwischen Original und Copie, und muß lachen. Diejenigen werden natürlich am meisten die Ironie herausfordern, welche sich entweder wirklich für besser halten, als sie sind, oder doch besser, schöner, edler, talentvoller scheinen wollen, als sie sind. Der Spötter geht auf ihre Einbildung ein, verschönert oder veredelt sie auf geschickte, anscheinend harmlose Weise, bis endlich ein Ideal neben einer tristen Wirklichkeit steht: zwei Vorstellungen, welche, mit Ausnahme vielleicht des Verspotteten, kein Mensch unter einen Hut bringen kann.
Auch sind Meinungen, Ansichten, Hypothesen, Vorurtheile u.s.w. ein guter Boden für die Entfaltung der Ironie. Der Spötter geht scheinbar auf die Ansicht des zu Verspottenden ein, entwickelt sie nach allen Richtungen und zieht die Consequenzen. Da versinkt sie im Sumpfe des logischen Widerspruchs und der Absurdität, zum großen Ergötzen aller Anwesenden.
In der Satire werden faule politische oder sociale Zustände einer Nation, einer Provinz, einer Stadt, auch faule Zustände in Familien, an einem Ideal gemessen, dieses sei nun der guten alten Zeit oder dem Leben eines anderen Volks oder gar der fernen Zukunft der Menschen entlehnt, und dann wird die Diskrepanz schonungslos vom Satiriker bloßgelegt. Auch hier wird gelacht, aber es ist ein zorniges Hohngelächter, das erschallt.
Im Witze werden zuerst entweder zwei Vorstellungen durch passenden Vergleich unter einen Begriff gebracht, oder zwei unter einem Begriffe bereits stehende Vorstellungen in’s Auge gefaßt. Dann wird der Begriff realisirt, und von jeder der beiden Vorstellungen das Gleiche ausgesagt, wodurch aber beide sofort |
i138 auseinandertreten. Die Diskrepanz ist eine totale: der Maßstab und das Gemessene berühren sich nur an den Endpunkten.
In der sehr witzigen Grabschrift eines Arztes: »Hier liegt er, wie ein Held, und die Erschlagenen liegen um ihn her«, wird durch treffenden Vergleich zunächst der Arzt mit dem tapferen Heerführer unter den Begriff »Held« gebracht. Dann wird aber von Beiden das Selbe prädicirt, nämlich: daß sie unter den von ihnen Erschlagenen ruhten, was Beide wieder vollständig trennt; denn die Erschlagenen gereichen dem Einen zur Ehre, dem Anderen zur Schande. (Maßstab: der Held im engeren Sinne).
In der bekannten Anekdote vom Gascogner in der Sommerkleidung bei großer Winterkälte, über den der König lacht, und welcher darauf antwortet: »Hätten Sie angezogen, was ich angezogen habe, nämlich Ihre ganze Garderobe, so würden Sie nicht lachen«, stehen bereits zwei sehr verschiedene Objekte unter einem Begriffe: ganze Garderobe. Dann wird von Beiden das Gleiche ausgesagt, und sofort gehen die Objekte weit auseinander. (Maßstab: die große Garderobe des Königs).
In der närrischen Handlung geht der Handelnde von einem gegebenen Begriffe aus, wie z.B. Don Quixote von der allgemeinen Maxime: ein guter Christ soll allen Bedrängten helfen. Hiernach handelt er nun, absichtlich oder unabsichtlich, auch in solchen Fällen, die nicht mehr ganz unter der Regel stehen. So befreite Don Quixote Galeerensklaven, die allerdings Bedrängte waren, aber nicht solche, welchen ein Christ helfen soll. Hier ist der Maßstab der vernünftige Gedanke: Bedrängte soll man aus ihrer drückenden Lage befreien, aber nicht Verbrecher.
Im Wortspiel endlich werden gleich oder ähnlich lautende Begriffe (im vollendeten Wortspiel nur gleichlautende) von verschiedener Bedeutung nach Laune vertauscht. Hier ist das Wort in seiner gewöhnlichen Bedeutung der Maßstab und das Wort in seiner ferneren Bedeutung das Gemessene. Die Diskrepanz ist eine totale.
19.
Wir haben uns, behufs Bestimmung des Komischen, auf den höchsten Standpunkt stellen müssen. Dort haben wir die philosophischen Maßstäbe für das Sinnlich-Komische gefunden und können beruhigt sein. Wir wollen aber doch nicht schließen, ohne |
i139 einen Blick auf die schon erwähnten falschen Maßstäbe zu werfen, welche im gewöhnlichen Leben coursiren und sich darin behaupten.
Die Grundlage des Komischen: Maß und Gemessenes, darf natürlich nicht angetastet werden. Die Diskrepanz, die sich nur an einem bestimmten Maaßstab zeigen kann, ist conditio sine qua non des Komischen. Die Willkür kann sich nun nicht am Objekt geltend machen, denn wie es erscheint, so ist es. Es sind also die Maßstäbe allein, welche verändert werden können.
Für ihre Herstellung im Volke ist nun das Gewöhnliche die Richtschnur. Was einem Menschen ungewöhnlich vorkommt, nennt er ohne Weiteres komisch. So sagt man: du kommst mir heute so komisch vor, d.h. du giebst dich heute anders wie gewöhnlich. Ja, ich habe schon oft hören müssen: der Wein schmeckt komisch, die Uhr schlägt komisch, womit nur eine bestehende Diskrepanz angedeutet werden sollte.
So wird auch ein Bauer, der zum ersten Mal nach einer großen Stadt kommt, Alles daselbst komisch, d.h. ungewöhnlich finden und wird, wenn er, in der aesthetischen Relation stehend, eine große Diskrepanz entdeckt, herzlich lachen. Ein Chinese wird in Europa noch komisch befunden, in San Francisco nicht mehr, denn bei uns durchbricht er noch den engen Kreis des Gewöhnlichen, dort steht er in demselben.
Man spricht ferner oft von komischen Charakteren und versteht darunter excentrische Leute, Charaktere, deren Thun und Treiben eben ein anderes ist, als das des gewöhnlichen Menschen. Solche Individuen werden selten gerecht beurtheilt, da man sich nicht die Mühe giebt, in ihr Wesen einzudringen, meist aber auch, weil man überhaupt nicht die Fähigkeit hat, es zu thun. So wird dann immer derselbe kurze Maßstab an Alle gelegt, welche die große Heerstraße verlassen haben und eigene Wege wandeln. Der Spießbürger wird Manchen lächerlich finden, der einen edlen, freien Charakter hat, ja die tristen Geister sterben nicht aus, welche einen Weisen oder einen weisen Helden für einen Narren halten.
Die falschen Maßstäbe, wenn sie vom Individuum in der aesthetischen Relation angelegt werden, rufen natürlich denselben komischen Zustand hervor, wie die richtigen. Deshalb wird aber auch in der Welt mehr und weniger belacht, als belacht werden sollte.
i140 Es ist klar, daß fast nur der Mensch komisches Objekt sein kann. Es giebt sehr wenig komische Thiere (wie z.B. ein als Reitpferd benutztes Droschkenpferd). Sie werden hauptsächlich erst dann komisch, wenn man sie absichtlich in menschliche Situationen bringt (Reinecke Fuchs) oder sie mit dem Menschen geradezu vergleichen muß, wie die Affen.
20.
Blicken wir von hier aus zurück, so finden wir durchaus bestätigt, was ich am Anfang sagte, nämlich, daß die Aesthetik nur von einem einzigen besonderen Zustand des Menschen handelt, in den ihn eine besondere Auffassung der Ideen versetzt. Der Zustand, der aesthetische Zustand, zeigte uns zwei Hauptarten: die Contemplation und das aesthetische Mitgefühl.
Alle anderen Zustände, welche wir berührten, sind zusammengesetzte, entstanden aus der Verbindung des aesthetischen Zustands mit den in der Physik behandelten, welche ich, der Kürze wegen, hier physische nennen will. Nur im Humor fanden wir einen moralischen Zustand des Willens, das Mitleid (Mitleid mit sich selbst, Mitleid mit Anderen), das wir in der Ethik näher zu betrachten haben werden. Die aesthetische Begeisterung, der erhabene und komische Zustand sind also physisch- aesthetische Doppelbewegungen und der Humor eine physisch- aesthetisch- ethische Bewegung des Willens.
Der aesthetische Zustand beruht nicht auf einer Befreiung des Geistes vom Willen, was widersinnig und ganz unmöglich ist, sondern auf der Begierdelosigkeit des Dämons, die immer dann vorhanden ist, wann, physiologisch ausgedrückt, das Blut ruhig fließt. Dann actuirt es vorzugsweise das Gehirn, der Wille versenkt sich gleichsam ganz in eines seiner Organe und ihn umfängt hier, da das Organ alle Bewegungen spürt, nur nicht die eigene, die Täuschung, er ruhe vollständig. Erleichtert wird dem Dämon der Eintritt in die aesthetische Relation und er wird in ihr erhalten durch Objekte, welche ihn nicht aufstacheln. Begegnet ihm in der aesthetischen Relation ein Objekt, das seine Begierde weckt, so ist auch sofort alle Sammlung hin.
Ist der Wille nicht ganz befriedigt, so wird er nur sehr schwer contemplativ, ja die meisten Menschen werden alsdann die gewöhn|liche
i141 Betrachtungsart der Dinge nicht ablegen können. Bringt Jemanden, den es friert, der Schmerzen hat oder dessen Magen knurrt, vor das schönste Bild, in die herrlichste Natur, – sein Geist wird kein reiner Spiegel sein können.
Auf der anderen Seite gilt, daß, je entwickelter der Geist, namentlich je ausgebildeter der Schönheitssinn ist, desto häufiger der Wille die aesthetische Freude genießen wird; denn der Geist ist der aus dem Willen geborene Berather desselben, und je größer sein Gesichtskreis ist, desto größer ist auch die Anzahl mächtiger Gegenmotive, die er dem Willen vorlegen kann, bis er ihm zuletzt ein Motiv giebt, das ihn, wenn gluthvoll erfaßt, ganz gefesselt hält und alle anderen Begierden in ihm erstickt, wovon die Ethik handeln wird.
21.
So wären wir denn vor der Kunst und dem Künstler angelangt. Ehe wir denselben jedoch unsere Aufmerksamkeit schenken, wollen wir ein Feld betreten, wo der Mensch aesthetisch, d.h. den Gesetzen des Subjektiv-Schönen gemäß, auf natürliche Objekte einwirkt und sie gleichsam aesthetisch erzieht.
Zuerst begegnen wir dort dem Gärtner. Er trägt zunächst Sorge, durch Abhaltung aller schädlichen Einflüsse und Erhöhung der Reize, daß sich die Pflanzen ungehindert entwickeln und ihre innere harmonische Bewegung kraftvoll entfalten können. Er veredelt auf diese Weise den natürlichen Wuchs. Dann veredelt er, durch Einwirkung auf die Befruchtung, die Blüthen und auch die Früchte.
Dann gestaltet er die Bodenfläche um. Hier legt er kleine Hügel, dort Thäler an; er theilt das Terrain durch gerade oder schön geschwungene Wege ab und zeichnet auf die einzelnen Abschnitte Beete, welche regelmäßige Figuren: Kreise, Ellipsen, Sterne bilden.
Er benutzt auch das Wasser, indem er es bald in Teichen sammelt, bald von Felsen herabfallen, bald als Springbrunnen sich erheben läßt.
Dann bepflanzt er das vorbereitete Terrain. Hier zaubert er saftige, schöne Rasenflächen hervor, dort bildet er Alleen, hier Baumgruppen, deren Laub alle Abstufungen der grünen Farbe zeigt, dort wohlgepflegte Hecken. Er besetzt die Beete mit Blumen und Blattpflanzen nach Mustern (Teppichbeete) und bringt auf dem Rasen hie |
i142 und da einen seltenen, edlen Baum oder eine Gruppe größerer Pflanzen an. Auch zieht er von Baum zu Baum Guirlanden aus Schlingpflanzen, auf denen das Auge mit Vergnügen verweilt. –
Nur wenige Thiere können verschönert werden. Bei Einigen läßt sich Verschönerung indirekt durch Veredelung erreichen, dann direkt, in engen Grenzen jedoch, durch Dressur, wie beim Pferd, dessen Bewegungen man entschieden graziöser machen kann.
Dagegen ist der Mensch dasjenige natürliche Objekt, welches, nach verschiedenen Richtungen hin, sehr verschönerungsfähig ist. Der Mensch kann aesthetisch erzogen werden.
Durch Reinlichkeit und Pflege der Haut, sowie durch Mäßigkeit, kann man dem Körper zunächst eine Frische geben, die Wohlgefallen erweckt. Dann ist die geschmackvolle Anordnung des Haars bei beiden Geschlechtern und des Barts beim Manne ein wichtiges Verschönerungsmittel; denn oft giebt eine kleine Veränderung der Frisur, die veränderte Lage einer Locke, dem Gesicht einen anderen, viel ansprechenderen Ausdruck.
Das Hauptgewicht aber ist auf die Ausbildung des Körpers und auf die Verschönerung seiner Bewegungen zu legen. Jene wird durch fleißiges Turnen, Springen, Laufen, Reiten, Fechten, Schwimmen, diese durch Tanz und Erziehung im engeren Sinne erreicht. Grazie ist allerdings angeboren, aber sie läßt sich auch erlernen, wenigstens können eckige Bewegungen abgeschliffen und unnütze abgewöhnt werden. Die Leibesübungen geben dem Körper, außer der Geschmeidigkeit, oft noch eine veränderte Gestalt, weil sie ihn kräftigen und Muskelfülle, feste Abrundung der Fleischtheile, bewirken. Oft erhält auch das Gesicht einen gewinnenderen Ausdruck: der Mensch hat seine Kräfte kennen gelernt und vertraut ihnen.
Eine wichtige Institution für die aesthetische Erziehung des Mannes ist das Heer. Nicht nur wird der Körper des Soldaten durch die erwähnten Mittel ausgebildet, sondern es bildet sich auch sein Schönheitssinn an den regelmäßigen, schönen Bewegungen des Einzelnen und der Truppentheile; denn strammes Exerciren und fließendes Manövriren sind schön.
Der Mensch kann ferner den Klang seiner Stimme (a soft, gentle and low voice – an excellent thing in woman. Shakespeare.) und seine Sprache überhaupt verschönern; letzteres, indem er alles gedankenlose Geschwätz vermeidet, sich übt, fließend zu sprechen, |
i143 ohne in Wortschwall zu gerathen, und seinem Vortrage einen gewissen Adel verleiht.
Ferner verschönern den Menschen einfache Manieren.
Auch gehört eine deutliche Handschrift hierher.
Schließlich erwähne ich eine einfache, aber geschmackvolle und gutsitzende Kleidung, welche die Schönheit des Körpers hervortreten läßt, manchmal sogar erhöht. Die Farbe der Kleidung ist auch wichtig, namentlich für das Weib. Man sagt: diese Farbe kleidet eine Dame, steht ihr gut zu Gesicht. –
22.
Die Kunst ist die verklärte Abspiegelung der Welt, und derjenige, welcher diese Abspiegelung bewerkstelligt, heißt Künstler.
Die Erfordernisse für den Künstler sind: erstens die Fähigkeit, leicht in den aesthetischen Zustand überzugehen; zweitens der Reproductions- oder Schöpfungstrieb; drittens ein entwickelter Schönheitssinn; viertens eine lebhafte Einbildungskraft, eine scharfe Urtheilskraft und ein gutes Gedächtniß, d.h. die Hülfsvermögen der Vernunft müssen sehr ausgebildet sein.
Hiermit ausgerüstet, erfaßt er die Ideen als Erscheinungen (Objekte) und die Idee Mensch auch ihrem innersten Wesen nach, als Ding an sich, und bildet seine Ideale.
Die Ideen (die individuellen Willen zum Leben) sind in einem beständigen Flusse des Werdens begriffen. Bewegung ist Leben, und da wir uns den Willen ohne Bewegung nicht einmal denken können, so haben wir immer, wir mögen uns noch so weit in die Vergangenheit der Welt verlieren, oder noch so sehr ihre Zukunft anticipiren, den Fluß des Werdens. In ihm bekämpfen sich die Individuen unaufhörlich, tauchen unter und steigen zur Oberfläche wieder auf, als dieselben oder unmerklich modificirt. Diese Modifikationen können sich bei organischen Wesen vererben, können sich immer tiefer in das Wesen der Idee eingraben und ihr einen besonderen Charakter aufdrücken. Je tiefer die Idee auf der Stufenleiter steht, je einfacher ihr Wesen ist, desto constanter wird sie sein; je höher organisirt sie aber ist, desto weniger kann sie ihre Individualität im Kampfe behaupten, desto mehr muß sie den mannigfaltigsten Einflüssen nachgeben.
i144 Nirgends ist das Gedränge und die Reibung größer als im Staate der Menschen. Da ist immer schwere Noth und des Einen Tod ist des Anderen Leben. Wo man auch hinblicken mag, grinst uns der schamloseste Egoismus und die volle ganze Rücksichtslosigkeit an. Da heißt es aufpassen und Stöße, rechts und links, mit eingestemmten Armen geben, damit man nicht zu Boden gerissen und zertreten werde. Und so kommt es, daß kein Mensch dem anderen gleicht, und jeder einen besonderen Charakter hat.
Trotzdem ist Alles in der Natur nur individueller Wille zum Leben, und obgleich jeder Mensch einen eigenthümlichen Charakter hat, so spricht sich doch in jedem die allgemeine Idee des Menschen aus. Aber es ist ein großer Fehler – ein Fehler, der die Urtheilskraft mit einem Schleier umwindet und sie in ein phantastisches Traumleben versenkt – wenn man annimmt, daß, verborgen, hinter den ähnlichen Individuen eine Einheit ruhe, und daß diese Einheit die wahre und ächte Idee sei. Es heißt dies: Schatten für reale Dinge nehmen. Die Art oder Gattung ist eine begriffliche Einheit, der in der realen Wirklichkeit eine Vielheit von mehr oder weniger gleichen realen Individuen entspricht, – nichts weiter. Gehen wir an der Hand der Naturwissenschaft zurück und unterbrechen willkürlich den Fluß des Werdens, so können wir zu einer Urform gelangen, in der alle jetzt lebenden Individuen einer Art virtualiter praeexistirten. Aber diese Urform wurde zertrümmert, sie ist nicht mehr und auch keines der jetzt lebenden Individuen ist ihr gleich.
Das Ideal des Künstlers ist nun allerdings eine einzige Form, aber nicht die wissenschaftliche Urform, welche ein phantasievoller Naturforscher, auf Grund der Paläontologie, für eine Gattung, mehr oder weniger genau, wohl zu entwerfen vermöchte, sondern eine Form, die im Mittel der jetztlebenden Individuen einer Art schwebt. Der Künstler beobachtet die Individuen genau, erfaßt das Wesentliche und Charakteristische, läßt das Unwesentliche zurücktreten, kurz, urtheilt, verbindet und läßt das Verbundene von der Einbildungskraft festhalten. Dieses Alles geschieht durch einen »dynamischen Effekt«, nicht durch ein mechanisches Aufeinanderlegen der Individuen, um ein Mittleres zu erhalten, und im Verbinden schon ist der Schönheitssinn thätig. So gewinnt der Künstler ein halbfertiges Ideal, welches er dann, bei der Reproduction, wenn er ein idealer Künstler ist, ganz nach den Gesetzen des Subjektiv-Schönen ummodelt, es völlig |
i145 in die reinigende Fluth des Formal-Schönen untertaucht, aus der er dasselbe verklärt und thaufrisch herausnimmt.
Hier ist nun der Wurzelpunkt, wo die Kunst in zwei große Stämme auseinander tritt, in:
1) die ideale Kunst,
2) die realistische Kunst.
Das erkennende Subjekt muß sich, im gewöhnlichen Leben, der Außenwelt anbequemen, d.h. es muß objektiviren, was sich ihm darbietet, und zwar genau und ohne die allergeringste willkürliche Abänderung: es kann nicht anders. Es kann ein Objekt, das schmutzig grün ist, nicht rein grün sehen; es kann nicht eine unregelmäßige Figur regelmäßig sehen; es kann eine steife Bewegung nicht graziös sehen; es muß den Vortrag eines sprechenden, singenden, musicirenden Menschen hören, wie er lautet; es kann die Ketten von ungleichen, unregelmäßig auf einander folgenden Zeittheilen nicht als Reihen von rhythmischer Gliederung hören; es muß auch die Ausbrüche der Leidenschaft objektiviren, wie sie sind, und mögen sie noch so abschreckend sein. Mit einem Wort: das Subjekt muß die Außenwelt spiegeln, wie sie ist: häßliche, wie schöne, abstoßende, wie anziehende Objekte, schnarrende, quiekende, wie wohlklingende Töne.
Nicht so der Künstler. Sein Geist ist nicht der Sklave der Außenwelt, sondern erschafft eine neue Welt: eine Welt der Grazie, der reinen Formen, der reinen Farben; er offenbart das Innere der Menschen in Zuständen, die maßvoll sind, und verbindet Töne und wohlklingende Worte zu Reihen, die der Rhythmus beherrscht: kurz, er führt uns in das wundervolle Paradies, das nach den Gesetzen des Subjektiv-Schönen allein gebildet ist.
Bildet nun der Künstler nur schöne einzelne Objekte, oder Gruppen von solchen, in harmonischer Anordnung um einen Mittelpunkt; offenbart er uns die schöne Seele, so steht er im Dienste der idealen Kunst und ist ein idealer Künstler.
Aber die Kunst würde nicht die ganze Welt spiegeln, was ihre Aufgabe doch ist, wenn sie nur das Schöne wiedergäbe. Sie soll das Wesen alles Lebendigen enthüllen in der ihr eigenthümlichen zauberischen Weise, d.h. sie soll dem Menschen die bittere Frucht vom Baume der Erkenntniß, die er nur selten und widerstrebend aus der Hand der Religion und Philosophie annimmt, verzuckert |
i146 und durch und durch versüßt darreichen, damit er sie gern genieße und ihm die Augen dann aufgehen, oder, wie der Dichter sagt:
Così all’egro fanciul porgiamo aspersi
Di soave licor gli orli del vaso;
Succhi amari ingannato intanto ei beve
E dall’ inganno suo vita riceve.
Tasso.
(So reichen wir Arznei dem kranken Kinde,
Des Kelches Rand benetzt mit süßem Naß;
Es trinkt nun so getäuscht die bittern Säfte,
Und Täuschung bringt ihm neue Lebenskräfte.)
Was der nüchterne Begriff und die trockene Lehre nicht vermag, das bewirkt das fesselnde Bild und der einschmeichelnde Wohllaut. Zeigt nun der Künstler die Welt, wie sie ist: den entsetzlichen Kampf ihrer Individuen um das Dasein; die Tücke, Bosheit und Verruchtheit der Einen, die Milde, Sanftmuth und Erhabenheit der Anderen; die Qual der Einen, die Lust der Anderen, die Ruhelosigkeit Aller; die verschiedenen Charaktere und ihr Hereinscheinen in die Leiblichkeit, hier den Reflex der unersättlichen Begierde nach Leben, dort der Entsagung, – so ist er der realistische Künstler und steht im Dienste der realistischen Kunst.
Jede dieser Kunstgattungen hat ihre volle Berechtigung. Während die Erzeugnisse der idealen Kunst uns ungleich leichter als wirkliche Objekte in die aesthetische Stimmung versetzen und uns die Seligkeit der Ruhe genießen lassen, nach welcher wir uns, im schalen Treiben der Welt, immer inniger und inniger zurücksehnen, – versetzen uns die Werke der realistischen Kunst in den bewegten aesthetischen Zustand: wir erkennen, was wir sind, und erschüttert weichen wir zurück. Was für ein Gebiet der Kunst wir auch betreten, – immer sehen wir, im blauen Duft der Ferne, die sehnsuchtserweckenden Höhen des ethischen Gebietes, und hier zeigt sich deutlich die nahe Verwandtschaft der Kunst mit der Moral.
Der Aesthetiker verlangt nur Eines vom realistischen Künstler, nämlich, daß er idealisire und nicht reiner Naturalist sei, d.h. er soll die Wirklichkeit verklären, nicht photographisch getreu copiren. Thut er das letztere, so haben seine Werke nur durch Zufall Reiz, weil zufällig, wie oft bei Landschaften, die Wirklichkeit schon |
i147 ganzes volles Ideal ist; gewöhnlich werden sie platt und abstoßend sein. Er soll hier mildern, dort erhöhen, hier dämpfen, dort verstärken, ohne den Charakter zu verwischen. Namentlich soll er eine Begebenheit da erfassen, wo sie am interessantesten ist, den Ausdruck eines Gesichts dann, wann es den Charakter am deutlichsten zeigt, und keine auseinanderfaltenden Gruppen geben.
23.
Man kann neben die ideale und realistische Kunst noch eine dritte Art stellen: die phantastische Kunst. In ihren Gebilden spiegelt sich nicht die Welt ab, sondern nur Theile von ihr, die der Künstler entweder läßt, wie sie sind, oder willkürlich verändert, und die er alsdann zu einem Ganzen verbindet.
Solche Gebilde können von außerordentlicher Schönheit sein; gewöhnlich aber haben sie nur einen kulturgeschichtlichen Werth und sind, als ganze Objekte aufgefaßt, meist häßlich und abstoßend.
Die phantastische Kunst wurzelt im fetten Boden der Religion und muß als die Mutter der beiden anderen Kunstarten angesehen werden; denn in der Jugend der Menschheit, wo das Individuum noch ganz in den Banden der Natur lag und aus dem Zittern vor der Allmacht und Allgewalt des Ganzen, das es nicht begreifen konnte, nicht herauskam, rang der Mensch darnach, die übersinnlich gedachten Mächte zu gestalten und sie dadurch seinem Gefühl näher zu bringen. Er wollte seine Götter sehen und, bebend vor ihnen stehend, ihnen sein Liebstes opfern können, um sie zu versöhnen. Da ihm nun nichts Anderes zur Gestaltung von Götzen zu Gebote stand, als die anschauliche Welt, so mußte er in ihren Formen bilden; aber weil er die Götter auf der anderen Seite nicht mit sich auf gleiche Stufe stellen durfte, so blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Formen in’s Colossale zu steigern und außerdem das Ganze so zu bilden, daß ihm kein Wesen in der Natur entsprach. So entstanden die Götzen mit vielen Köpfen, unzähligen Augen, vielen Armen (womit zugleich die Allwissenheit und Allmacht symbolisch angedeutet wurde), die geflügelten Stiere und Löwen, die Sphinxe u.s.w. Später, als die Religion reiner und durchgeistigter geworden war, versahen die Künstler schöne Menschen mit Flügeln (Amor, Nike etc.). Die christlichen Künstler bildeten die schönsten phantastischen |
i148 Gestalten (wunderliebliche Kinder mit Flügeln), aber auch die häßlichsten (Teufel mit Hörnern, Pferde- und Bocksbeinen, Fledermausflügeln und thalergroßen Glasaugen).
Hierher gehören auch diejenigen Gebilde, welche nicht der Religion entsprossen sind, sondern die Sage und das Mährchen zum Boden haben, wie Lindwürmer, Centauren, Nixen, Kobolde u.s.w.
24.
Die Kunst umfaßt fünf einzelne Künste:
1) die Baukunst (Architektur),
2) die Bildnerkunst (Skulptur),
3) die Malerei,
4) die Dichtkunst (Poesie),
5) die Tonkunst (Musik), –
welche man die schönen Künste zu nennen pflegt, zur Unterscheidung von den nützlichen, welche im Gefolge der ersteren auftreten.
Die drei ersteren Künste haben es nur mit sichtbaren Objekten zu thun, und ihre Erzeugnisse sind mithin räumlich und materiell, aber frei von der Zeit. Poesie und Musik dagegen (erstere beschreibt und schildert nur nebenbei Objekte) befassen sich unmittelbar mit dem Ding an sich, indem der Tonkünstler in seiner eigenen Brust sämmtliche Zustände und der Dichter sämmtliche Zustände und Willensqualitäten des Menschen, mehr oder weniger deutlich, erfaßt; denn das Genie hat eben die Fähigkeit, vorübergehend Willensqualitäten, die ihm abgehen, in sich zu erzeugen und sich in jeden Zustand zu versetzen. Das Gefundene aber wird in substanziellen Objekten, in Worten und Tönen, niedergelegt, und sind mithin die Werke der Poeten und Tonkünstler frei von Raum und Materie, aber in der Zeit. (Die Substanz, das Gefäß, verschwindet vor dem Inhalt.)
25.
Die Architektur ist die subjektivste aller Künste, d.h. die von den Objekten unabhängigste; denn sie reproducirt nicht Objekte, sondern erschafft solche ganz frei. Der Architekt stellt nicht die chemischen Ideen dar, sondern er bildet nur in ihnen; sie sind bloßes Material, an dem er das Formal-Schöne des Raumes rein offenbart. Ein schönes Gebäude ist nichts Anderes, als das sichtbar |
i149 gewordene Formal-Schöne des Raumes nach einer bestimmten Richtung.
Die Ideen des Materials sind, wie gesagt, Nebensache. Sie sind nur insofern von Bedeutung, als ein Material mehr als ein anderes dem Formal-Schönen der Materie, durch seine Farbe, seinen Glanz u.s.w. entsprechen kann, was allerdings wichtig ist. Ein Tempel aus weißem Marmor wird wesentlich schöner sein als ein anderer, von derselben Form, aus rothem Sandstein. Betont man aber das Wesen des Materials, Schwerkraft und Undurchdringlichkeit, und setzt den Zweck der schönen Baukunst in die Darstellung des Spiels dieser Kräfte, macht man, mit anderen Worten, Stütze und Last zur Hauptsache und läßt die Form zurücktreten, so huldigt man einem großen Irrthum.
Die Baukunst offenbart mithin fast ausschließlich das Subjektiv-Schöne des Raumes durch Darstellung und Aneinanderreihung der schon oben erörterten schönen Figuren und Körper oder ihrer Theile.
Alle regelmäßigen Figuren und Körper sind schön, aber ihre Schönheit hat Grade.
In Anbetracht des Grundrisses, ist der Kreis die vollkommenste Figur. Nach ihm kommt das Rechteck, aus zwei Quadraten zusammengesetzt; diesem folgen die Rechtecke in anderen Verhältnissen der Länge zur Breite, das Quadrat u.s.f.
Im Aufriß herrscht die senkrechte gerade Linie vor, und entstehen Cylinder, Pfeiler, Würfel. Bestimmt die geneigte gerade Linie das Gebäude, so entstehen Kegel, Pyramiden.
Wenden wir uns schließlich zum Dach, so finden wir das mehr oder weniger hohe Giebeldach, die Kuppel etc. und im Innern die waagrechte, giebelige, tonnengewölbte, spitzbogige und hohlkugelige Decke.
Alle Verhältnisse und Gliederungen eines schönen Bauwerkes beherrscht, mit unerbittlicher Strenge, die Symmetrie und das Formal-Schöne der Causalität, welches in der Architektur als knappe Zweckmäßigkeit auftritt. Jeder Theil soll seinem Zwecke auf die einfachste Weise entsprechen, Nichts soll überladen oder unnütz gewunden sein. Wie störend ein Verstoß gegen das Schöne der Causalität wirkt, sieht man deutlich an den gewundenen Säulen.
Den freiesten Spielraum, innerhalb der Gesetze des Subjektiv-Schönen, hat der Architekt bei der Ausführung der Façaden. Man kann diese die Blüthen eines Bauwerkes nennen.
i150 Die Haupt-Baustile sind, wie bekannt, der griechische, der römische, der maurische, der gothische und der Renaissance-Stil. Der griechische ist von der edelsten Einfachheit und offenbart das Subjektiv-Schöne der Baukunst am herrlichsten. Man nennt ihn den classischen oder idealen Stil.
Im Gefolge der schönen Baukunst befinden sich: die nützliche Baukunst, die Schiffbaukunst, die Maschinenbaukunst, die technische Baukunst (Brückenbauten, Viadukte, Aquädukte etc.) das Tischler- und das Töpfergewerbe (Öfen). Auch ist die Edelsteinschleiferei zu nennen.
26.
In der Bildnerkunst handelt es sich nicht mehr darum, das Formal-Schöne ganz frei zu verwirklichen, sondern um die Darstellung von Ideen in reinen Formen. Der Künstler bildet sie entweder als Ideale, oder er idealisirt sie nur.
Das Subjektiv-Schöne des Raumes offenbart sich auf dem Gebiete der Skulptur im reinen Fluß der Linien, im proportionirten Körperbau und in der Abrundung der Fleischtheile; das der Materie in der Farbe und Reinheit des Materials; das der Causalität als Grazie. Jede Bewegung, jede Stellung muß im einfachsten Verhältniß zur Absicht stehen, und der Willensakt muß sich rein und klar darin aussprechen. Alle Steifheit, Hölzernheit, Gespreiztheit, sie trete noch so verhüllt auf, ist vom Übel.
Das Haupt-Objekt des Bildhauers ist der Mensch. In der Darstellung desselben ist er jedoch wesentlich beschränkt.
Zunächst kann sich das innere Leben des Menschen nur unvollkommen im Aeußeren ausdrücken: es tritt tief verschleiert an die Oberfläche. Es spiegelt sich, soweit es hier in Betracht kommt, am ungenauesten in der Gestalt, deutlicher in der Stellung und am klarsten im Antlitz, besonders in den Augen.
In der Darstellung dieses Aeußern ist der Bildhauer ferner sehr beschränkt. In der Gestalt vermißt man die warmen Farbentöne des Fleisches, die das schönste Material nicht zu ersetzen vermag. Diesen Mangel empfanden die feinsinnigen Griechen sehr wohl und sie versuchten ihn aufzuheben, indem sie das Kunstwerk aus verschiedenen Stoffen bildeten: die Fleischtheile aus Elfenbein, die Ge|wänder
i151 aus Gold. Ja sie gingen so weit, die Haare zu färben und farbige Augen einzusetzen. Der Mangel ist aber überhaupt nicht zu tilgen, und ein plastisches Werk, aus einfarbigem, schönem Material geformt, verdient immer den Vorzug. Eine Bemalung der Gestalt ist ganz unstatthaft, da der Contrast zwischen dem starren Bilde und der pulsirenden Wirklichkeit zu groß wäre. Vor einem Gemälde weiß man, daß man es nur mit Scheinkörpern zu thun hat, und eine Enttäuschung ist nicht möglich. In der Plastik aber würde die lebenswahre Statue erst täuschen, dann enttäuschen, und alle Sammlung im Subjekt ginge verloren.
Dann kann der Bildhauer das Objekt nur in einer Stellung zeigen. Ist diese nun der Ausdruck einer heftigen Bewegung, so liegt die Gefahr nahe (da sie wie erstarrt ist, während der natürliche Mensch nie eine und dieselbe Stellung lange behauptet), daß sie den Beschauer nicht lange contemplativ stimmt. Es bildet deshalb auch der Künstler gewöhnlich den Menschen im Zustand der Ruhe, in dem wir uns ein Individuum während einer beträchtlichen Dauer denken können, und deshalb der Contrast mit dem Leben nicht störend wirkt.
Aus demselben Grunde ist eine leidenschaftliche Bewegung in den Gesichtszügen nicht anzurathen. Die leidenschaftlichen Zustände, sie mögen noch so oft auftreten, sind doch immer vorübergehend. Es empfiehlt sich deshalb, in die Gesichtszüge nur die Sammlung für den Ausbruch, nicht diesen selbst, zu legen; die Spannung muß aber sehr deutlich und gleichsam sprechend ausgedrückt sein.
Schließlich wird der Bildhauer noch durch die Sprödigkeit des Materials und die Schwierigkeit beschränkt, leicht übersichtliche Gruppen zu bilden. Der Farnesische Stier ist, als Gruppe, ein verfehltes Kunstwerk. Die einzelne Gestalt und Gruppen von höchstens zwei, drei Personen wird der Künstler deshalb gewöhnlich bilden.
Freier kann er sich im Relief bewegen, wodurch die Plastik, so zu sagen, auf das Gebiet der Malerei übertritt. Auch kann die Bewegung im Relief leidenschaftlicher sein, da das Auge nicht beim Einzelnen lange verweilt.
Dagegen kann der Bildhauer die Gestalt, die Umrisse der Leiblichkeit, vollkommen darstellen.
Das Ideal der menschlichen Gestalt ist nicht ein einziges. Bei jeder Rasse wird es ein anderes sein. Aber das menschliche Ideal der Griechen wird sich durch alle Zeiten als das schönste und |
i152 edelste behaupten. Das griechische Volk war ein schöner Menschenschlag, und es ist anzunehmen, daß einzelne Individuen so hervorragend schön gewesen sind, daß der Künstler nur diese Schönheit zu erkennen und nachzubilden hatte. Hierzu trat ein öffentliches und privates Leben, welches die Entfaltung der Leiblichkeit zur höchsten Blüthe gestattete. Von frühester Jugend auf wurde der Körper der Edlen des Volks in der Gymnastik geübt; die Gelenke wurden geschmeidig und fähig gemacht, die größte Kraftäußerung mühelos und mit Grazie zu zeigen. Durch die socialen Einrichtungen waren alle groben Arbeiten, die den Körper zwingen, sich einseitig zu entwickeln, dem vornehmen Griechen abgenommen, während andererseits die Leidenschaften, die so zerstörend auf den Organismus einwirken können, durch Naturanlage und Sitte, in der Blüthezeit des Volkes, nur maßvoll sich äußerten. Wille und Geist standen, in den tonangebenden Individuen dieses begnadeten Volkes, im günstigsten Verhältniß zu einander.
Und so entstanden jene immer gültigen Muster der edelsten menschlichen Körperlichkeit, die, obgleich sie uns meistentheils nur in Copien vorliegen, unser Herz entzücken und uns so leicht in die aesthetische Contemplation erheben. Wie es vor den alten Griechen kein Volk gegeben hat, welches die Idee des Menschen so rein in der Gestalt, wie sie, ausdrückte, so wird auch in der Entwicklung des Menschengeschlechts kein zweites auftreten, welches, in sich und seinem Culturleben, die Bedingungen für solche Leistungen trüge. Bei den Griechen kam Alles zusammen: Schöne Objekte in Fülle, vollendeter Schönheitssinn, Jugend des Volkes, Aufgehen des ganzen Ich’s in harmonischer edler Sinnlichkeit, heitere Natur, freies öffentliches Leben, eine milde Religion, milde, aber streng waltende Sitten.
Gehen wir jetzt auf die Einzelheiten des Ideals näher ein, so zeigt zunächst das Gesicht ein edles Oval. Die Stirn ist mäßig hoch und glatt gewölbt. Die Augen blicken ruhig und klar. Die Nase ist die gerade Fortsetzung der Stirne, ihre Spitze ist ein wenig gerundet und den Nasenflügeln sieht man an, daß sie sich in der Erregung bewegen werden. Der Mund ist nicht zu klein und wird von anmuthig geschwellten Lippen gebildet. Das Kinn springt edel vor. Den prachtvoll gewölbten Schädel bedeckt volles Lockenhaar.
Der nicht zu kurze Hals ruht frei auf breiter Brust, und so |
i153 fließt der übrige Körper in strahlender Schönheit weiter als schlanker Leib, schmales Becken, starke Schenkel, volle Waden, bis zum wohlgeformten Fuße.
In dieses allgemeine Ideal trug nun der Künstler Jugend und Alter, oder den bestimmten Charakter des Gottes oder Helden, hier fortnehmend, dort auftragend.
Der weibliche Körper wurde in ähnlicher Weise gebildet. Die Brust ist schmäler, die Schultern fallen geneigter ab, das Becken ist breiter und die ganze Gestalt ist zarter, kraftloser, hingebender als die des Mannes.
Ist die Figur ganz oder zum Theil bekleidet, so bietet sich dem Künstler reichlich Gelegenheit, das Subjektiv-Schöne des Raumes im Fluß der Gewänder, im Faltenwurf etc. darzustellen.
27.
Hellenische Plastik und ideale Bildhauerkunst sind Wechselbegriffe.
In der realistischen Bildhauerkunst handelt es sich nun nicht darum, ideale Gebilde, in denen die individuellen Eigenthümlichkeiten ausgelöscht sind, darzustellen, sondern um Hervorhebung und Idealisirung der Individualität. Namentlich soll der große bedeutende Mann, der seine Zeitgenossen überragte, im Bilde den kommenden Geschlechtern erhalten werden. Das Objekt ist das durch die subjektiven Formen gegangene Ding an sich, und dieses prägt sich in ihm getreu aus, soweit es wahrnehmbar ist. Der Künstler hat sich also, in der realistischen Plastik, vorzugsweise an die gegebene Erscheinung zu halten, aber er hat einen hinreichenden Spielraum, um sie zu verklären. Das Individuum zeigt sich in mancherlei Stimmungen, welche die Züge verändern. Diese betrachtet der Künstler und wählt denjenigen Ausdruck, welcher der schönste ist. Man pflegt dann zu sagen: der Künstler habe das Individuum in seinem schönsten Momente erfaßt. Ferner kann er, ohne die Aehnlichkeit zu beeinträchtigen, hier einen häßlichen Zug mildern, dort einen schönen hervortreten lassen.
Die schönsten Werke der realistischen Plastik sind auf dem Boden der christlichen Religion, im 13. Jahrhundert, entstanden. Es sind gute, fromme, heilige Menschen, die ganz durchdrungen sind |
i154 vom Glauben an die erlösende Kraft des Evangeliums und das Gepräge der Sehnsucht nach dem ewigen, schmerzlosen Reiche Gottes tragen. Die ganze Gestalt ist gebrochen und voll Demuth; der Kopf anmuthig geneigt; die verklärten Gesichtszüge sprechen deutlich aus, daß hier die Begierde zum irdischen Leben voll und ganz erloschen ist, und aus den Augen, soweit die Plastik es überhaupt zeigen kann, leuchtet Keuschheit und Liebe und der Friede, der höher ist als alle Vernunft.
Im Gefolge der Skulptur treten die Gold- und Silberschmiedekunst, die Steinmetzkunst, die Holzschnitzerkunst und die Gewerbe auf, welche die mannigfaltigen Gegenstände aus Bronce und anderem Metall, aus gebranntem Thon, Glas, Porzellan, Lava etc. verfertigen. Auch ist die Steingravirkunst zu erwähnen.
28.
Die Malerei hat, wie die Bildnerkunst, die Darstellung der Ideen, als Erscheinungen, zum Zweck. Sie leistet aber mehr als diese und ist eine vollkommenere Kunst, erstens, weil sie, vermittelst der Farbe, die Wirklichkeit überhaupt und das innere Leben der Idee im Besonderen, welches sich in den Augen und im Mienenspiel so wunderbar spiegelt, treuer und besser wiedergeben kann; zweitens, weil sie, durch keine Schwierigkeit im Material behindert, die gesammte Natur und außerdem die Werke der Architektur und Plastik in den Bereich ihrer Darstellung zieht. Die mangelnde vollendete Körperlichkeit ersetzt sie genügend durch den Schein.
Je nach den Ideen, mit denen sie sich vorzugsweise beschäftigt, ist sie Landschafts-, Thier-, Portrait-, Genre- und Historien-Malerei, welche Zweige die specielle Aesthetik näher betrachtet.
Das Subjektiv-Schöne der Skulptur gilt auch in der Malerei; weil aber die Darstellung der Ideen durch die Malerei eine vollkommenere ist, so treten noch neue Gesetze hinzu. Das Schöne des Raumes fordert eine richtige Perspektive; das der Causalität die wirksame Gruppirung der Personen um einen wirklichen oder idealen Mittelpunkt, den klaren Ausdruck der Handlung in ihrem bedeutsamsten Moment und die sprechende Natur des Verhältnisses, in dem die Handelnden zu einander stehen: kurz, eine durchdachte Composition; das der Materie vollendetes Colorit, lebenswarme Fleischtöne, harmonische Farbenzusammenstellung, reine Wirksamkeit des Lichts |
i155 und richtig abgetönte Fernen (Mittelgrund, Hintergrund) in der Landschaft.
Wenn auch die griechische Skulptur das Ideal der menschlichen Gestalt festgestellt hat, so bildete und bildet noch immer die Malerei selbständig die reine schöne Leiblichkeit da, wo der Geist freies Spiel hat: auf dem Gebiete der Sage, der Mythologie und Religion. Wie ein rother Faden zieht sich die ideale Historienmalerei durch die Geschichte dieser Kunst, und erinnere ich an die Galathea Raphael’s, an seine Madonnen und an die Venusbilder Tizian’s.
Der idealen Historienmalerei schließt sich die ideale Landschaftsmalerei an. Die ideale Landschaft zeigt die Natur in ihrer höchsten Verklärung: den Himmel ohne Wolken oder mit solchen von zarter Form mit goldenen Säumen, klar und sehnsuchtserweckend:
»Es ist, als wollt’ er öffnen sich;«
das Meer in spiegelglatter Bläue; die Gebirge von schön geschwungenen Linien ruhen im Duft der Ferne; die Bäume im Vordergrund, die schönsten ihrer Art oder herrliche Phantasiegebilde, träumen in stiller Ruhe; unter ihnen liegt ein Liebespaar oder ein Hirt mit seiner Heerde oder eine heitere Gruppe. Pan schläft, und Alles ist selig, lichttrunken und athmet Frieden und Behagen. Es sind die Landschaften des unvergeßlichen Claude Lorrain.
Aber die ideale Richtung wird schwer überwogen von der realistischen. Weil der Maler leicht arbeiten kann, sucht er gern die Individualität auf und versenkt sich in ihre Besonderheit. Er zeigt die Natur in glühendster Tropenpracht und in eisiger Erstarrung, in Sturm und Sonnenschein; er zeigt Thiere und Menschen einzeln und in Gruppen, in Ruhe und in der leidenschaftlichsten Bewegung; er stellt das stille Glück der Familie und ihren zerstörten Frieden, wie die Gräuel der Schlachten und die wichtigsten Ereignisse im Culturleben der Menschheit dar. Auch die komischen Erscheinungen und das Häßliche bis zur Grenze, jenseit welcher es ekelhaft wirken würde, behandelt er. Wo er kann, idealisirt er und giebt seinen Gebilden das reinigende Bad im Subjectiv-Schönen.
Schon bei der Skulptur haben wir gesehen, wie zur Zeit der höchsten Blüthe des christlichen Glaubens Bildhauer die selige Innerlichkeit des frommen Menschen in Gesicht und Gestalt auszudrücken versuchten. Es gelang ihnen auch, innerhalb der Grenzen ihrer Kunst, |
i156 vollkommen. Die Heiligen-Maler des Mittelalters nun traten an die gleiche Idee heran und offenbarten sie in herrlichster Vollendung. In den Augen dieser ergreifenden Gestalten glüht ein überirdisches Feuer, und von ihren Lippen liest man das schönste Gebet ab: »Dein Wille geschehe!« Sie illustriren die tiefen Worte des Heilandes: »Sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.«
Besonders versuchten die genialsten Maler aller Zeiten, Christus selbst, den Gott-Menschen, seiner Idee nach voll und ganz zu erfassen und objektiv zu gestalten. In allen bedeutsamen Momenten seines erhabenen Lebens versuchte man, ihn darzustellen und seinen Charakter zu offenbaren. Unter den vielen betreffenden Bildern ist Tizian’s Zinsgroschen, Leonardo’s Studienkopf zum Abendmahl und Correggio’s Schweißtuch der Veronica hervorzuheben. Sie zeigen die geistige Überlegenheit, die keusche Heiligkeit, die vollendete Demuth und die überwältigend wirkende Standhaftigkeit in allen Leiden des weisen Helden. Sie sind die edelsten Perlen der bildenden Künste. Was ist, gegen sie gehalten, der Zeus von Otricoli, die Venus von Milo? So viel höher die Ueberwindung des Lebens über der Begierde nach Leben, oder die Ethik über der Physik steht, so viel höher stehen sie über diesen Gebilden aus der lebensfrohen, besten Zeit der Griechen. –
Im Gefolge der Malerei befindet sich die Mosaikkunst, die Kupferstechkunst, die Xylographie, die Lithographie, die Ornamentik, die Musterzeichnerei (für Tapeten, Stoffe, Stickereien).
Die Architektur und bildenden Künste unterstützen sich gegenseitig, denn im Grunde handelt es sich darum, die Wohnungen der Götter und Menschen nach den Gesetzen des Schönen herzurichten.
Wir können die Malerei und Plastik nicht verlassen, ohne der Pantomime, des Ballets und der lebenden Bilder gedacht zu haben. In ihnen vereinigen sich diese Künste mit dem wirklichen Leben; die Künstler bilden gleichsam in lebendem Stoff und stellen in ihm das Schöne vollkommen dar.
29.
Indem wir jetzt zur Poesie übergehen, halten wir uns gegenwärtig, daß wir es, in der Hauptsache, nicht mehr mit Objekten, sondern mit dem Ding an sich unmittelbar zu thun haben.
Wir mögen uns in unser Inneres so oft wir wollen und wann |
i157 immer versenken, stets werden wir uns in einem bestimmten Zustand fühlen. Wir haben in der Physik die Hauptzustände des Menschen untersucht, vom kaum merkbaren normalen Zustand bis zum leidenschaftlichsten Hasse, und haben, im Anfang dieser Aesthetik, noch andere kennen gelernt. Jeder Zustand ist zurückzuführen auf eine besondere innere Bewegung, entweder auf eine einfache oder eine Doppelbewegung.
Diese mit dem Selbstbewußtsein erfaßten Bewegungen sind das uns unmittelbar Gegebene und leiten uns zum nackten Kern unseres Wesens. Denn, indem wir zunächst auf Das achten, was uns überhaupt bewegt, was wir unermüdlich wollen, gelangen wir zu Dem, was wir sind, nämlich unersättlicher Wille zum Leben, und indem wir uns diejenigen Zustände merken, in welche wir am leichtesten übergehen und die Motive zusammenstellen, welche uns am leichtesten bewegen, erkennen wir die Canäle, in die sich unser Wille vorzugsweise ergießt und nennen dieselben Charakterzüge, deren Summe unser eigenthümlicher Charakter, unser Dämon, ist.
Es gehört nun zur Natur des Menschen, daß zunächst seine expansiven Bewegungen über die Sphäre der Individualität hinausdrängen, d.h. er hat das Streben, sich mitzutheilen und seinen Zustand zu verkündigen. So entstehen die Töne, welche nichts Anderes sind, als die hörbar gewordenen inneren Bewegungen: es sind Fortsetzungen der inneren Vibrationen in einem fremden Stoff.
Als mit den entwickelten und ausgebildeten höheren Geistesvermögen die Begriffe in das menschliche Leben traten, bemächtigte sich das Gefühl derselben und machte die Naturlaute zu Trägern derselben. So entstand die Sprache, die das vollkommenste Mittel der Menschen ist, sich mitzutheilen und Zustände zu offenbaren.
In Worten und in ihrer besonderen Klangfarbe zeigt also der Mensch sein Inneres, und sie sind deshalb das Material der Dichtkunst, welche sich mit der höchsten Idee, dem Menschen, fast ausschließlich beschäftigt; denn sie bedient sich der anderen Ideen nur, um den Gefühlen des Menschen einen Hintergrund zu geben, von dem sie sich deutlicher abheben, und die schwärmerischeste Naturbeschreibung ist doch nichts Anderes, als der Ausdruck der Empfindung des bewegten Menschenherzens.
Ich sagte, daß es besonders die expansiven Bewegungen sind, welche sich mittheilen wollen. Und in der That werden die von der |
i158 Peripherie zum Centrum gehenden Bewegungen gewöhnlich von Lauten und Worten nicht begleitet. Nur in der größten Trauer schluchzt der natürliche Mensch, in der höchsten Angst schreit er. Indessen sind wir durch die Civilisation Gern- und Vielsprecher geworden; die meisten Menschen sind redselig, hören sich mit Lust zu und sind glücklich, wenn sie ihren Haß, ihre Trauer, ihre Besorgnisse u.s.w. mittheilen: kurz, ihr Herz ausschütten können.
30.
Die Poesie ist die höchste Kunst, weil sie einerseits das ganze Ding an sich enthüllt, seine Zustände und seine Qualitäten, und andererseits auch das Objekt abspiegelt, indem sie es beschreibt und den Zuhörer zwingt, es mit der Einbildungskraft darzustellen. Sie umfaßt also im wahren Sinne die ganze Welt, die Natur, und spiegelt sie in Begriffen.
Hieraus ergiebt sich das erste Gesetz des Subjektiv-Schönen für die Poesie. Die Begriffe sind Inbegriffe und die meisten von ihnen Inbegriffe gleicher oder sehr ähnlicher Objekte. Je enger die Sphäre eines Begriffes der letzteren Art ist, desto leichter wird er realisirt, d.h. desto leichter findet der Geist einen anschaulichen Repräsentanten dafür, und je enger wiederum ein solcher Begriff durch eine nähere Bestimmung wird, desto anschaulicher wird auch der Repräsentant werden. Der Uebergang vom Begriff Pferd zur Vorstellung eines Pferdes wird leicht bewerkstelligt; es wird sich jedoch der Eine ein schwarzes, der Andere ein weißes, der Eine ein altes, der Andere ein junges, der Eine ein träges, der Andere ein feuriges u.s.w. vorstellen. Sagt der Dichter nun: ein feuriges schwarzes Pferd, so zwingt er den Leser oder Zuhörer zu einer bestimmten Vorstellung, die keine große Spielweite mehr für Modifikationen hat. Das Subjektiv-Schöne der Causalität fordert also vor Allem eine poetische Sprache, d.h. Begriffe, die den Uebergang zum Bilde leicht machen.
Ferner tritt das Schöne der Causalität in den Verbindungen von Begriffen, in den Sätzen, als Klarheit und Uebersichtlichkeit hervor. Je länger die Periode ist, je mehr Zwischenglieder sie enthält, desto weniger schön ist der Stil. Was klar gedacht oder rein empfunden ist, wird auch klar und rein gesprochen und geschrieben. Kein style empesé, sondern knappe Diktion, ein »keuscher Stil.«
i159 Spiegelt der Dichter lediglich Stimmungen, so fordert das Schöne der Causalität edle, prägnante Wiedergabe derselben und ein richtiges Verhältniß der Wirkung zur Ursache. Wird gejammert um Nichts, oder greift der Dichter nach dem Golde der Sonne, um seine Geliebte damit zu schmücken, so verliert sich das Schöne spurlos, denn es ist immer maßvoll.
Zeigt uns der Dichter dagegen Willensakte, so tritt das Schöne der Causalität als strenges Gesetz der Motivation auf, welches nie straflos verletzt werden kann. Es ist so unmöglich, daß Jemand ohne zureichendes Motiv handle, als ein Stein in der Luft verbleiben kann, und ebenso unmöglich ist es, daß er gegen seinen Charakter handle ohne zwingendes Motiv. Jede Handlung verlangt also eine genaue Begründung, und je faßlicher das Motiv zur Handlung ist, desto schöner ist es. Tritt der Zufall im engsten Sinne in’s Spiel, so darf er nicht aus heiterem Himmel kommen, sondern muß sich schon in der Ferne gezeigt haben; denn im wirklichen Leben versöhnt man sich bald mit überraschenden Zufällen, aber in der Kunst verstimmt jede Unwahrscheinlichkeit, weil man ihr Absicht unterschiebt, und jeder deus ex machina ist häßlich.
Das Schöne der Causalität zeigt sich schließlich noch in der gedrängten Entwicklung. Der gewöhnliche Fluß des Lebens ist nur zu häufig uninteressant, die Stimmungen sind auf Stunden vertheilt, Wirkungen zeigen sich oft erst nach Tagen, Monaten. Der Dichter concentrirt Alles und giebt gleichsam in einem Tropfen Rosenöl den Duft von tausend Rosen. Die Begebenheiten folgen rascher aufeinander, die Wirkungen werden näher an die Ursachen gerückt, und der Zusammenhang wird dadurch übersichtlicher, d.h. schöner.
Das Schöne der Zeit ist in der Poesie das Metrum. Die Begriffe sind einfache Sylben oder Zusammensetzungen solcher von ungleicher Länge und verschiedener Betonung. Werden nun die Worte ohne Rücksicht auf diese Quantität und Qualität verbunden, so fließt das Ganze nicht leicht hin, sondern ist einem Strome mit Eisplatten zu vergleichen, die sich reiben und stoßen. Es ist nicht nothwendig, daß die Rede durchaus gemessen sei, auch in der Prosa ist ein eleganter Fluß möglich, wenn die Massen wenigstens rhythmisch gegliedert sind, aber natürlich offenbart sich das Schöne der Zeit vollkommen in der gebundenen Rede. Jedes Versmaß ist |
i160 schön, das eine mehr, das andere weniger, und die Sapphische Strophe z.B.
– Î – Í – Î Î – Î – Í
– Î – Í – Î Î – Î – Í
– Î – Í – Î Î – Î – Í
– Î Î – Í
erfreut als bloßes Schema.
Wie ich schon oben erklärte, tritt in der Poesie (und in der Musik) auch das Formal-Schöne der Substanz auf, weil die Mittheilung von Gefühlen nur durch substanzielle Objekte, Worte und Töne, möglich ist. Es zeigt sich hier im Wechsel der Vocale (Vermeidung harter Consonantenhäufungen, melodische Vocalisation) und besonders im Reime, der oft von zauberhafter Wirkung ist; beim gesprochenen Wort offenbart es sich im Wohllaut der Stimme.
31.
Es ist klar, daß das hier erörterte Subjektiv-Schöne den Unterschied zwischen idealer und realistischer Poesie nicht begründen kann; denn die Poesie hat die Offenbarung des Dinges an sich zum Hauptzweck, und dieses ist unabhängig vom Subjektiv-Schönen. Das Subjektiv-Schöne, nach seinen verschiedenen Richtungen hin, legt sich nur um die Aeußerungen des inneren Menschen.
Die ideale Poesie beruht auf der schönen Seele, welche das echte Ideal der Poesie ist; denn es ist dem Ideal wesentlich, daß es ein Mittleres sei, und die schöne Seele ist gleichweit entfernt vom erhabenen Charakter, der in sich alle menschliche Begierde ausgelöscht hat und nicht mehr in dieser Welt wurzelt, wie vom reinen Naturmenschen, der noch nicht seine Individualität zur Persönlichkeit durchgebildet hat.
Wenn wir deshalb der gewöhnlichen Eintheilung der Poesie in lyrische, epische und dramatische Poesie folgen, so werden wir der idealen Lyrik den Zweck setzen, die Stimmungen der schönen Seele, die sich von allen Extremen fern hält, in makelloser Form zu offenbaren, ihre Thaten zu loben und zu preisen und ihr reines Verhältniß zur Gottheit zu besingen. Die schöne Seele ist nicht kalt an sich, wohl aber im Vergleich mit der leidenschaftlichen Individualität; denn diese ist eine heftig bewegte Flamme, jene ein ruhiges |
i161 klares Licht. Uebrigens liegt es ja im Wesen der schönen Seele, wie ich bereits hervorgehoben habe, daß sie der leidenschaftlichen Erregung wohl fähig ist, aber in einer Weise, welche die wohlthuende Gewißheit giebt, daß die Rückkehr zum Gleichgewicht bald wieder erfolgen wird. Ihre Empfindung darf also eine schwungvolle sein.
Der realistische Lyriker dagegen wird sich mehr gehen lassen und hingleiten auf den Wogen der verschiedenartigsten Empfindungen.
Da die epische Dichtkunst in ihren größeren Werken uns die Charaktere, Stimmungen und Handlungen vieler Personen vorführt, so muß das Feld für die Epik weiter abgesteckt werden. Man kann ihr nur die Aufgabe geben, die Mehrzahl der Charaktere frei von Rohheit einerseits und frei von ausgeprägtem Individualismus andererseits zu zeichnen. Die Gesänge Homer’s werden in dieser Hinsicht immer mustergiltig bleiben. Seine Helden sind nicht überschwänglich edel und nicht gemein; sie verfolgen reale Zwecke, durchweg getragen von einer jugendlich starken Weltanschauung; sie fürchten die Götter, ohne zu zittern; sie ehren ihre Führer ohne Sclavensinn und entfalten ihre Individualität in den Grenzen der Sitte.
Die realistische Epik dagegen führt alle Charaktere ohne Ausnahme vor: Weise und Narren, Böse und Gute, Gerechte und Ungerechte, leidenschaftliche und passive Naturen, und der realistische Epiker wird jeder Individualität gerecht.
Am vollkommensten spiegelt sich der Mensch im Drama. In diesem reden und handeln die Personen selbst und entschleiern ihre verstecktesten Charakterzüge. Nicht wie gedacht, empfunden und gehandelt werden soll, sondern wie thatsächlich in der Welt gehandelt, empfunden und gedacht wird, – das soll das gute Drama zeigen: den Triumph des Bösewichts und den Fall des Gerechten; die Reibung der Individuen, ihre Noth, ihre Qual und ihr vermeintliches Glück; den Gang des allgemeinen Schicksals, das sich aus den Handlungen aller Individuen erzeugt, und den Gang des Einzelschicksals, das sich bildet aus dem Zufall einerseits und den Trieben des Dämons andererseits. Shakespeare wird für alle Zeiten der größte realistische Dramatiker bleiben.
Der ideale Dramatiker dagegen wählt sich diejenigen Personen aus, welche vom Ideal der schönen Seele nicht allzu weit entfernt sind. Er zeigt sie uns in der Ruhe und in der Bewegung, schuld|voll
i162 und unschuldig, aber immer verklärt, nicht leblos oder unsinnig rasend, nicht excentrisch und ausschweifend. Unter den älteren Dramatikern hat namentlich Sophokles uns solche Menschen vorgeführt. Unter den jüngeren idealen Dramatikern ist unser großer Goethe allein zu nennen. Man kann den Tasso und die Iphigenie nicht lesen, ohne die tiefste Befriedigung zu empfinden. Die Prinzessin und Iphigenie sind die wahren und echten Urbilder der schönen Seele. Und wie wußte der Dichter, innerhalb der Grenzen der idealen Poesie, die anderen Charaktere so klar von einander abzuheben. Wo der Eine oder der Andere, wie Tasso oder Orest, ausschreiten wollte, da hielt er das magische Geflecht der Schönheit über die Flamme und sie trat zurück. –
Es ist klar, daß die Gesetze des Subjektiv-Schönen für den realistischen Dichter sowohl, als für den idealen gelten; sie sind verbindlich für beide und können nicht verletzt werden.
Im Gefolge der Poesie finden wir die Deklamations- und Schauspielkunst, welche den Werken der Dichtkunst ein erhöhtes Leben einhauchen und ihren Eindruck wesentlich verstärken.
32.
Wie wir gesehen haben, zeigt uns die Dichtkunst die Idee des Menschen einerseits als Ding an sich vollständig und andererseits als Objekt, indem sie das Subjekt, durch treffende Beschreibung, zwingt, ein Bild von ihr zu entwerfen, und sagte ich deshalb, daß sie die ganze Idee spiegele, das Innere und Aeußere; außerdem zieht sie durch Schilderung die sämmtlichen anderen Ideen in ihren Bereich, und sagte ich deshalb, daß sie die ganze Natur abspiegele und die höchste Kunst genannt werden müsse. Die Musik nun hat es nur mit dem Menschen zu thun, sämmtliche anderen Ideen sind ihr fremd, und zwar behandelt sie nur das Innere des Menschen und davon nur die Zustände. Sie ist demnach eine wesentlich unvollkommenere Kunst als die Poesie. Aber da ihr Material der Ton ist, nicht das tönende Wort, so redet sie eine für Alle verständliche Sprache und ist diejenige Kunst, welche uns am leichtesten in den aesthetischen Zustand versetzt, weshalb sie die mächtigste Kunst genannt werden muß.
Wir haben oben erkannt, daß die Töne nichts weiter sind, als die hörbar gewordenen inneren Bewegungen des Menschen oder Fort|setzungen
i163 der inneren Vibrationen in einem fremden Stoffe. Jedoch muß man wohl merken, daß der Ton nicht identisch mit der Gemüthsbewegung, sondern Objekt ist, ebenso wie die Farbe eines Objekts nicht mit der Beschaffenheit des Dinges an sich, die sie verursacht, identisch ist.
Der seelenbestrickende Zauber des menschlichen Gesanges besteht nun darin, daß die Töne den Willen des Zuhörers in denselben Zustand, aus dem sie entsprungen sind, versetzen, aber so, daß wir trauern und doch nicht trauern, jubeln und doch nicht jubeln, hassen und doch nicht hassen, lieben und doch nicht lieben, und ist dies nicht anders zu erklären, als daß die Töne uns nur theilweise die eigene Bewegung nehmen und uns die ihrige dafür geben. Wir verwandeln gleichsam nur an der Oberfläche unsere Bewegung, wie das Meer im heftigsten Sturme in der Tiefe ruhig ist. Dieselbe Wirkung üben auch die Töne von Instrumenten auf uns aus, wenn ihnen der Künstler, so zu sagen, seine Seele, seinen Willenszustand, eingehaucht hat, denn sonst ist ihre Wirkung mehr eine mechanische und erwärmt nicht.
33.
Das Material des Tonkünstlers ist also der Ton. Der Ton erklingt und verklingt. Er hat demnach eine Dauer, und man unterscheidet ganze, halbe, Viertel-, Achtel- etc. Töne. Das Formal-Schöne der Zeit zeigt sich nun im Rhythmus, der den Takt, den Accent, die Pause und das Tempo verbundener Töne umfaßt. Der Takt ist die regelmäßige Wiederkehr eines Zeitabschnittes, in dem sich ein Ton oder mehrere, die, zusammengefaßt, die Dauer des einen Tones haben, bewegen. Um die regelmäßige Wiederkehr deutlich zu markiren, bedient man sich des Accents, d.h. es wird immer der erste Ton eines Taktes hervorgehoben. Die ganze Bewegung verbundener Töne kann eine langsame, schnelle, gedehnte, schleppende, feurige u.s.w. sein und heißt Tempo.
Von der mächtigen Wirkung des Rhythmus allein überzeugt am besten der Trommelschlag.
Das Formal-Schöne der Substanz zeigt sich im reinen Klang des Tons, in den Klangfarben und in der Harmonie.
Die Höhe und Tiefe der Töne wurzelt in der Anzahl ihrer Schwingungen. Das eingestrichene c macht doppelt so viele Schwin|gungen
i164 als das c der kleinen Octave, die Sekunde 9/8, die Terz 5/4, die Quarte 4/3, die Quinte 3/2, die Sexte 5/3, die Septime 15/8 mal so viele, oder in einfachen Zahlen ausgedrückt, macht
c d e f g a h c
24 27 30 32 36 40 45 48
Schwingungen in der gleichen Zeit. Wenn nun auch der Ton auf der Bewegung, resp. der Zeit beruht, so fallen seine Schwingungen doch nicht in das Bewußtsein, sie werden als eine Einheit objektivirt, die nur durch ihre Dauer unter die Zeit zu stehen kommt, folglich zum Rhythmus gehört. Der Klang als solcher und seine Reinheit fallen unter das Formal-Schöne der Substanz.
Die Harmonie ist das gleichzeitige Ertönen mehrerer Töne, d.h. die Töne geben gleichsam ihre Individualität auf, und es entsteht, wie bei der chemischen Verbindung, eine neue Individualität, eine höhere Einheit. Die Harmonie ist vollkommen rein in der Consonanz. Sind die einzelnen Töne nicht ganz in ihr aufgehoben, sondern streitet noch der eine oder der andere mit ihr, so entsteht die Dissonanz. Consonanz und Dissonanz stehen sich gegenüber wie Befriedigung und Verlangen, welche Zustände durch die Musik ja auch dargestellt werden sollen, und müssen nothwendig abwechselnd hervortreten, da eine Folge konsonanter Akkorde nicht zu ertragen wäre.
Das Formal-Schöne der Substanz tritt dann noch in Dur und Moll hervor.
34.
Die Musik kann, abgesehen von idealer und realistischer Musik, nur eingetheilt werden in Instrumental- und Vocal-Musik, da sie, vom philosophischen Standpunkte aus, lediglich die Zustände der Menschen offenbart und deshalb an sich untheilbar ist. Ob ich ein einfaches Lied oder polyphonen Gesang, Duette, Terzette, oder eine Sonate, Cantate, Missa, Motette, große Hymne, ein Requiem, Oratorium, eine Sinfonie höre, immer und immer erzählt mir die Musik vom Wohl und Wehe, von der Trauer, der Liebe, der Sehnsucht, der Freude, der Verzweiflung, dem Frieden der Menschen.
Die ideale oder classische Musik behandelt vorzugsweise die Zustände der schönen Seele: die gemessene Freude, den gebundenen Jubel, die maßvolle Leidenschaft. Weil alle diese Willensbewegungen ohne Ueberstürzung stattfinden, so kann der ideale Tonkünstler das |
i165 Formal-Schöne vollkommen zur Geltung bringen. Seine Compositionen werden durchsichtig, klar, einfach, voll Adel und meistens in Dur, welches kräftig und gesund ist, sein.
Der realistische Tonkünstler dagegen schildert alle Zustände der Menschen: die Angst, die Verzweiflung, die kraftlose Ermattung, den ungemessensten Jubel, die jähen Uebergänge von Lust zu Unlust, die schrankenlose Leidenschaft, das zerrissene Gefühl. Um dies vollkommen bewerkstelligen zu können, muß er die Grenzen des Formal-Schönen sehr weit hinausrücken, doch wird sie der geniale realistische Componist, wie Beethoven, so oft er kann, wieder näher rücken. Er wird nicht oft den Rhythmus zerstören durch überlange Pausen, durch zu viele Syncopen, durch übermäßiges Aushalten der Töne, durch fortgesetzten Raub am Tempo; er wird nicht durch häufige Contraste wohlfeilen Effekt erzielen, den ganzen Sturm des Orchesters plötzlich in die Klänge einer Harfe fallen lassen, durch Verweilen auf wenigen Tönen in den höchsten Regionen geradezu physischen Schmerz erzeugen, er wird ferner die Klarheit der Harmonie nicht unaufhörlich verdunkeln durch Anhäufung von Septimen- und Nonenakkorden und die Auflösung der Dissonanzen nicht immer und immer wieder hinausschieben, sondern über dem wogendsten Meer der Empfindung das Schöne, ruhig und verklärend, hinschweben lassen.
In der Oper tritt die Musik ganz entschieden in den Dienst der Poesie, denn die Töne erleuchten gleichsam das Herz der handelnden Personen, enthüllen uns die Quellen, aus denen die Handlungen fließen, und lassen die Gemüthsbewegungen kräftiger auf uns einfließen, als bloße Worte es vermögen.
35.
Blicken wir zurück auf die Kunst, so zeigt sich uns zunächst, daß sie den Menschen leicht in den aesthetischen Zustand, den unaussprechlich glücklichen und seligen, versetzt. Sie läßt ihn das Brod und den Wein der reinsten sinnlichen Erkenntniß kosten und erweckt in ihm die Sehnsucht nach einem Leben voll ungestörter Ruhe. Und es lockert sich das Band, das ihn an die Welt der Rastlosigkeit, der Sorge und Qual kettet.
Sie weckt dann in ihm Liebe zum Maß und Haß gegen die Schrankenlosigkeit der Leidenschaft, denn was er sieht und hört, was ihn in Bild, Wort und Ton so hoch erfreut, das ist ja Alles nur |
i166 eitel Maß und Harmonie. Das Formal-Schöne entwickelt sich immer mehr in ihm, bis es sich zur Blüthe des vollkommenen Schönheitssinnes rein entfaltet.
Sie klärt ihn endlich auf über das wahre Wesen der Ideen, indem sie ihn auf geebneten, mit Blumen bestreuten Wegen, mit süßer Rede in sie hineinführt und den Schleier ihres Kerns vor ihm fallen läßt. Sie hält ihn lächelnd fest, wenn er entsetzt aus der Hölle zurückfliehen will, und führt ihn hart an den Rand der Abgründe, ihm zuflüsternd: es sind die Abgründe deiner Seele, du armes Menschenkind; hast du es nicht gewußt?
Und er weiß es fortan. Wohl wird die Fluth des Alltaglebens sich wieder über die Erkenntniß ergießen und die Begierde nach Leben trotzig wieder das Haupt erheben, aber die Erkenntniß hat unauslöschliche Spuren in seinem Herzen zurückgelassen; sie brennen wie Wunden und lassen ihm keine Ruhe mehr. Er verlangt sehnsüchtig nach einem anderen Leben; aber wo soll er es finden? Die Kunst kann es ihm nicht geben. Sie kann ihn nur, von Zeit zu Zeit, in den seligen aesthetischen Zustand versetzen, in dem kein dauerndes Verweilen ist. Da nimmt sich die Ethik seiner an.
36.
Die Geistesthätigkeit des Menschen, welcher in der aesthetischen Relation zu den Ideen steht, kann man aesthetisches Erkennen nennen, und da dieses nicht nur die Mutter der Kunst, sondern auch der Wissenschaft ist, so heißt es wohl am besten objektives oder geniales Erkennen.
Die Kunst bereitet das menschliche Herz zur Erlösung vor, aber die Wissenschaft allein kann es erlösen: denn sie allein hat das Wort, das alle Schmerzen stillt, weil der Philosoph, im objektiven Erkennen, den Zusammenhang aller Ideen und das aus ihrer Wirksamkeit continuirlich sich erzeugende Schicksal der Welt, den Weltlauf, erfaßt.
—————
Ethik.
i167
—————
Zu erwarten, daß Einer etwas thue, wozu ihn durchaus kein
Interesse auffordert, ist wie erwarten, daß ein Stück Holz sich
zu mir bewege, ohne einen Strick, der es zöge.
Schopenhauer.
————
Simplex sigillum veri: die nackte Wahrheit muß so einfach
und faßlich sein, daß man sie in ihrer wahren Gestalt Allen
muß beibringen können, ohne sie mit Mythen und Fabeln zu
versetzen.
Schopenhauer.
i169
1.
Die Ethik ist Eudämonik oder Glückseligkeitslehre: eine Erklärung, an der seit Jahrtausenden gerüttelt wird, ohne sie zu erschüttern. Die Aufgabe der Ethik ist: das Glück, d.h. den Zustand der Befriedigung des menschlichen Herzens, in allen seinen Phasen zu untersuchen, es in seiner vollkommensten Form zu erfassen und es auf eine feste Grundlage zu setzen, d.h. das Mittel anzugeben, wie der Mensch zum vollen Herzensfrieden, zum höchsten Glück, gelangen kann.
2.
Es ist nichts Anderes in der Welt, als individueller Wille, der Ein Hauptstreben hat: zu leben und sich im Dasein zu erhalten. Dieses Streben tritt im Menschen als Egoismus auf, der die Hülle seines Charakters, d.h. der Art und Weise ist, wie er leben und sich im Dasein erhalten will.
Der Charakter ist angeboren. Es tritt der Mensch mit ganz bestimmten Willensqualitäten in’s Leben, d.h. die Canäle sind angedeutet, in die sich sein Wille in der Entwicklung vorzugsweise ergießen wird. Daneben sind sämmtliche anderen Willensqualitäten der allgemeinen Idee Mensch als Keime vorhanden, mit der Fähigkeit sich zu entfalten.
Der Mensch ist die Verbindung eines bestimmten Dämons mit einem bestimmten Geiste; denn giebt es auch nur Ein Princip, den individuellen Willen, so unterscheiden sich doch die Individuen von einander durch ihre Bewegung. Im Menschen zeigt sich die Bewegung nicht als eine einfache, sondern als eine resultirende, und wir sind deshalb genöthigt, von einer Verbindung der Haupt- Bewegungsfaktoren zu sprechen. Aber diese Verbindung ist wesentlich untrennbar und die Bewegung dadurch doch nur Eine; denn was drückt: dieser bestimmte Charakter und dieser bestimmte Geist Anderes aus, als diese bestimmte Bewegung des Willens?
i170
3.
Der Egoismus des Menschen zeigt sich nicht nur als Erhaltungstrieb, sondern auch als Glückseligkeitstrieb, d.h. der Mensch will nicht nur im Leben, seinem Charakter gemäß, verbleiben, sondern er will auch, in jedem Augenblicke des Lebens, die volle Befriedigung seiner Wünsche, seiner Neigungen, seiner Begierden, in die er sein höchstes Glück setzt. Wunsch – sofortige Befriedung; neuer Wunsch – sofortige Befriedigung: das sind die Glieder einer Lebenskette, wie sie der natürliche Egoismus will.
Ein solches Leben, das ein unaufhörliches Taumeln von Begierde zu Genuß wäre, ist nirgends anzutreffen und faktisch unmöglich. Keine Idee ist vollkommen unabhängig und selbständig; sie wirkt zwar unablässig und will ihre Individualität zur Geltung bringen, sie sei eine chemische Kraft oder ein Mensch, aber ebenso unablässig wirkt die ganze übrige Welt auf sie und beschränkt sie. Nehmen wir einen großen Theil dieser Einflüsse fort und bleiben nur bei denjenigen stehen, welche von Menschen auf Menschen ausgeübt werden, so gewinnen wir schon das Bild des höchsten Kampfes, dessen Folge ist, daß unter hundert Wünschen nur einer befriedigt wird und fast immer der, dessen Befriedigung man am wenigsten ersehnt; denn jeder Mensch will die volle Befriedigung seiner besonderen Begierde, und weil sie ihm streitig gemacht wird, muß er darum kämpfen, und deshalb ist nirgends ein Lebenslauf anzutreffen, der aus der glatten Aneinanderfügung erfüllter Wünsche entstanden wäre, selbst da nicht, wo das Individuum mit der unbeschränkten Gewalt über Millionen bekleidet ist. Denn eben in dieser Stellung, ja im Individuum selbst, liegen unerschütterliche Schranken, an denen der Wille immer anbrandet und unbefriedigt auf sich zurückgeworfen wird.
4.
Da nun der natürliche Egoismus des Menschen ein solches Leben, das er auf’s Innigste will, nicht haben kann, so sucht er den Genuß (befriedigte Begierde) so oft als möglich zu erlangen, oder, da er auch in Lagen kommen kann, wo es sich gar nicht mehr um Genuß, sondern um Schmerz handelt, welche Lagen, der Art des Kampfes nach, die gewöhnlichen sind, den geringsten Schmerz. Steht der Mensch mithin vor zwei Genüssen, so will er sie beide; hat er aber nur die Wahl zwischen beiden, so will er den größeren. |
i171 Und steht er vor zwei Uebeln, so will er keines; muß er aber wählen, so wählt er das kleinere.
So handelt der Mensch vor gegenwärtigen Uebeln oder Genüssen, unter der Voraussetzung, daß sein Geist richtig abwägen kann. Da er aber, in Folge seiner höheren Erkenntnißvermögen, nicht auf die Gegenwart allein beschränkt ist, sondern die Folgen vorstellen kann, welche Handlungen in der Zukunft haben werden, so hat er noch die Wahl in zwölf anderen Fällen, nämlich zwischen:
1) einem Genuß in der Gegenwart und einem größeren Genuß in der Zukunft
2) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, kleineren Genuß i. d. Z.
3) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, gleichen ,, ,,
4) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, größeren Leid ,,
5) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, kleineren ,, ,,
6) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, gleichen ,, ,,
7) ,, Leid ,, ,, ,, ,, ,, größeren ,, ,,
8) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, kleineren ,, ,,
9) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, gleichen ,, ,,
10) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, größeren Genuß ,,
11) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, kleineren ,, ,,
12) ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, gleichen ,, ,,
Zu einem Kampf wird es in den Fällen
2, 3, 5, 6, 8, 9, 11, 12,
also in 8 Fällen, nicht kommen, denn der Wille muß
1) in den Fällen 2 und 3 einen Genuß in der Gegenwart einem kleineren oder gleichen Genuß in der Zukunft vorziehen;
2) in den Fällen 5 und 6 einen Genuß in der Gegenwart ergreifen, wenn ihn auch dafür in der Zukunft ein kleineres oder gleiches Leid trifft;
3) in den Fällen 8 und 9 einem Leid in der Gegenwart ein kleineres oder gleiches Leid in der Zukunft vorziehen;
4) in den Fällen 11 und 12 auf einen Genuß in der Zukunft verzichten, wenn ihn dafür in der Gegenwart ein größeres oder gleiches Leid treffen soll.
Der Wille müßte selbst dann so handeln, wenn er sicher wäre, daß er dem Leid, resp. dem Genuß, in der Zukunft begegnen wird. Da aber kein Mensch wissen kann, wie sich die Zukunft gestalten, |
i172 ob ihm der Genuß, resp. das Leid, begegnen wird, ferner ob er überhaupt noch zur Zeit leben wird, wo ihm der Genuß zu Theil werden, oder das Leid ihn treffen soll, so ist im practischen Leben die Nothwendigkeit noch bedeutend zwingender für den Menschen, in der angegebenen Weise zu handeln.
Dagegen wird der Wille in den Fällen 1, 4, 7, 10 heftig schwanken. Stellt er sich nun auf den Standpunkt der völligen Ungewißheit der Zukunft, so wird sich der Wille sehr oft für die genußreiche, resp. schmerzlose Gegenwart entscheiden; denn wer kann ihm
1) in den Fällen 1 und 10 den größeren Genuß garantiren, den er sich im Falle 1 durch Verzicht auf einen Genuß in der Gegenwart und im Falle 10 durch Erduldung eines Leids in der Gegenwart erkauft? und wer kann behaupten
2) daß er im Falle 4 nicht doch dem Leid entrinnt, das er, durch einen Genuß in der Gegenwart, einst erleiden soll, und daß er, im Falle 7, auch wirklich einem größeren Leid in der Zukunft dadurch entronnen ist, daß er ein Leid in der Gegenwart ertrug?
Ist jedoch der Wille der Zukunft auf irgend eine Weise gewiß – und es giebt ja Handlungen, deren Folge in der Zukunft den Menschen ganz bestimmt treffen, – so wird er zwar einen heftigen Kampf kämpfen, aber sich doch schließlich in allen vier Fällen, wenn er besonnen ist, für die Zukunft entscheiden. Dann muß er
1) in den Fällen 1 und 4 auf einen Genuß in der Gegenwart verzichten, um sich, im Falle 1, einen größeren Genuß in der Zukunft zu erkaufen, und um, im Fall 4, einem größeren Leid in der Zukunft zu entgehen;
2) in den Fällen 7 und 10 ein Leid in der Gegenwart erdulden, um, im Falle 7, einem größeren Leid in der Zukunft zu entfliehen, und, im Falle 10, einen größeren Genuß in der Zukunft zu erlangen.
Ich will indessen schon hier darauf hinweisen, daß, weil die Macht der Gegenwart die der Zukunft bedeutend überwiegt, sichere Genüsse in der Zukunft nur dann das Individuum zu sich ziehen, und sichere Uebel in der Zukunft es nur dann wirksam beeinflussen können, wenn sie bedeutend den Genuß in der Gegenwart, resp. das in der Gegenwart zu erduldende Leid, an Größe übertreffen. |
i173 Das Individuum muß klar und deutlich seinen Vortheil sehen, sonst wird es dem Zauber der Gegenwart unfehlbar unterliegen.
Hieraus ergiebt sich, daß der Mensch eine vollkommene Deliberationsfähigkeit, resp. eine vollkommene Wahlentscheidung hat und unter Umständen gegen seinen Charakter handeln muß, nämlich, wenn eine Handlung seinem Wohle, im Ganzen betrachtet, oder seinem allgemeinen Wohle, entgegen wäre.
5.
Es ist der Geist, der dieses allgemeine Wohl in jedem einzelnen Falle, oder auch ein für alle Mal, feststellt; denn obgleich es der Wille selbst ist, der denkt, wie er verdaut, greift, geht, zeugt u.s.w., so dürfen wir doch, aus dem oben angegebenen Grunde, das Erkenntnißvermögen vom Willen getrennt halten. Wir sind uns dabei stets bewußt, daß wir es mit einer untrennbaren Verbindung und, im Grunde, mit einem einzigen Princip zu thun haben, sowie ferner, daß, wie wir in der Physik gesehen haben, ein Antagonismus zwischen Willen und Geist nie stattfinden kann. Nur bildlich kann man sagen: der Geist giebt dem Willen Rath, oder hadert mit ihm u.s.w., denn immer ist es der Wille selbst, der vermöge eines seiner Organe, sich beräth, mit sich hadert. Aber völlig unzulässig, selbst im Bilde, ist vom Zwange der Vernunft und von einer möglichen Herrschaft derselben über den Willen zu sprechen; denn selbst, wenn wir es wirklich mit einer Zusammenschweißung zweier selbständigen Principien zu thun hätten, so würde doch nie der Geist zum Willen in das Verhältniß eines Herrn zum Diener treten, sondern höchstens sein machtloser Berather sein können.
Wie wir wissen, ist nun der Geist, obgleich er mit bestimmten Anlagen in das Leben tritt, sehr ausbildungsfähig. Die Hülfsvermögen der Vernunft, von denen der Grad der Intelligenz allein abhängt, können, je nach Behandlung, verkümmern, so daß Blödsinn eintritt, oder zu einer Entfaltung gebracht werden, die Genialität genannt wird. Den Geist zu entwickeln, ist die einzige Aufgabe der Erziehung, wenn man von der körperlichen Ausbildung absieht; denn auf den Charakter kann nur durch den Geist eingewirkt werden und zwar so, daß dem Zögling klar und deutlich die Nachtheile und Vortheile gezeigt werden, welche die Folgen von Handlungen sind, oder, mit |
i174 anderen Worten, daß man ihn deutlich erkennen läßt, wo sein wahres Wohl liegt.
Die gute Erziehung stärkt Urtheilskraft und Gedächtniß und weckt entweder die Phantasie, oder zügelt sie. Zu gleicher Zeit läßt sie den Geist eine größere oder kleinere Summe von Erkenntnissen in sich aufnehmen, die auf der Erfahrung beruhen und jederzeit von ihr bestätigt werden. Alle anderen Erkenntnisse, mit denen sie ihn vertraut macht, versieht sie mit dem Stempel der Ungewißheit.
Neben dieser guten Erziehung geht die schlechte, in Schule und Familie, her, welche den Kopf des Menschen mit Hirngespinnsten, Aberglauben und Vorurtheilen erfüllt und ihn dadurch unfähig macht, einen klaren Blick in die Welt zu werfen. Die spätere Erfahrung wird ihn allerdings untersuchen und vieles Eingebildete und Falsche herausnehmen, aber auch oft eben dieses Eingebildete und Falsche stärken und erst recht hervortreten lassen, wenn das Individuum das Unglück hat, in Kreise zu gerathen, wo alles Absurde in ihm gedeihliche Pflege empfängt.
Je nachdem nun der Geist eines Menschen ein mehr oder weniger gebildeter oder verbildeter, ein entwickelter oder ein verkümmerter ist, wird der Wille mehr oder weniger befähigt sein, sowohl sein echtes Wohl im Allgemeinen zu erkennen, als in jedem einzelnen Falle zu beurtheilen, welche Handlung seinem Interesse am besten entspricht, und hiernach sich entscheiden.
6.
Der Charakter des Menschen ist angeboren, aber nicht unveränderlich; seine Veränderlichkeit jedoch bewegt sich in sehr engen Grenzen, da das Temperament gar nicht und einzelne Willensqualitäten nur insofern eine Veränderung erleiden können, als durch frühe Einprägung von Lehren und durch Beispiele, oder durch die Keulenschläge des Schicksals, durch großes Unglück und schweres Leiden – was Alles von der Erkenntniß abhängt, da es nur durch den Geist auf den Willen einfließen kann – eine hervorstechende Willensqualität wieder zum bloßen Keim herabgedrückt, eine andere erweckt und entfaltet werden kann.
Wäre der menschliche Wille nicht erkennend, so würde er schlechthin unveränderlich sein, wie die Natur der chemischen Kraft, oder besser, es würden die unablässigen Einwirkungen des Klimas, des |
i175 Kampfes um das Dasein von Jahrtausenden nöthig sein, um eine leichte Veränderung hervorzubringen, wie sie an Pflanzen und Thieren nachgewiesen worden ist. Aber vermittelst seines Geistes ist er Einwirkungen ausgesetzt, die viel tiefer in ihn eindringen als die gedachten Einflüsse, die ihn würgen und erschüttern. Ja, wie wir später sehen werden, können ihn Erkenntnisse derartig entflammen, daß er schmilzt und insofern als ein total anderer angesehen werden muß, als seine Thaten jetzt ganz andere sind. Dann ist es, als ob ein Dornbusch plötzlich Feigen trüge, und dennoch hat sich kein Wunder begeben.
7.
In jedem Augenblicke seines Lebens aber ist der Mensch die Verbindung eines bestimmten Dämons und eines bestimmten Geistes, kurz, zeigt er eine ganz bestimmte Individualität, wie jedes Ding in der Natur. Jede seiner Handlungen ist das Produkt dieses für den Augenblick festen Charakters und eines zureichenden Motivs und muß mit derselben Nothwendigkeit erfolgen, mit der ein Stein zur Erde fällt. Wirken mehrere Motive zu gleicher Zeit auf ihn ein, sie mögen nun anschaulich vor ihm stehen oder in der Vergangenheit und Zukunft liegen, so findet ein Kampf statt, aus dem dasjenige siegreich hervorgeht, welches das stärkste ist. Dann erfolgt auch die That gerade so, als wäre von vornherein nur ein zureichendes Motiv vorhanden gewesen.
8.
Aus dem Bisherigen ergiebt sich, daß die Thaten des Menschen nicht stets auf die gleiche Weise entstehen: entweder folgt der Wille nur seiner Neigung in der Gegenwart, ohne die Zukunft zu berücksichtigen, ohne überhaupt auf sein Wissen im weitesten Sinne zu achten, oder er entscheidet sich nach seinem allgemeinen Wohle. Im letzteren Falle handelt er entweder in Uebereinstimmung mit der Natur seines Willens, oder gegen dieselbe.
Handelt er nun, unter dem Zauber der Gegenwart stehend, seiner Neigung gemäß, aber gegen sein besseres Wissen, so wird er nach der That, je nach ihrer Bedeutung, heftige oder leise Gewissensbisse empfinden, d.h. dieselbe Stimme in ihm, welche vor der That, im Hinblick auf sein allgemeines Wohl, rieth, dem |
i176 gegenwärtigen Genuß zu entsagen, wird nach der That wieder laut und wirft ihm seine Unbesonnenheit vor. Sie sagt ihm: du hast gewußt, daß die Unterlassung in deinem wahren Interesse lag und hast die That dennoch gethan.
Die Gewissensbisse steigern sich zur Gewissensangst, entweder aus Furcht vor Entdeckung einer strafwürdigen Handlung, oder aus Furcht vor einer gewissen Strafe nach dem Tode.
Vom Gewissensbisse verschieden, aber sehr nahe mit ihm verwandt, ist die Reue; denn die Reue entsteht nur aus einem nachträglichen Wissen. Habe ich in der Uebereilung gehandelt, d.h. hatte mein Gewissen keine Zeit, mich zu warnen, oder handelte ich unter dem Einflusse eines Motivs, das ich für echt hielt, das sich aber hintennach als falsch erwies, oder setze ich überhaupt später, in Folge einer berichtigten Erkenntniß, mein Wohl in etwas ganz Anderes, als zur Zeit der That, so bereue ich Thaten, die in keiner Weise mein Gewissen belasten können; denn die Stimme, die in der Reue zu mir spricht, hat vor der That nicht gesprochen.
Gewissensbisse, Gewissensangst und Reue sind ethische Zustände des Willens und zwar der Unlust.
Hierher gehört auch die Hallucination. Von Gewissensbissen gefoltert, kommt der Dämon (objektiv ausgedrückt: das Blut) in eine so gewaltige Aufregung, daß er den Geist zwingt, immer nur mit Einem Gegenstand sich zu beschäftigen, wodurch, und durch die erhöhte Actuirung des Gehirnlebens, die Eindrücke der Außenwelt unterdrückt werden und nun der Ermordete z.B. deutlich und rein objektiv aus der Dunkelheit hervortritt und sich vor den entsetzensvollen Dämon stellt.
9.
Es möchte nun scheinen, daß der Mensch das liberum arbitrium indifferentiae habe, d.h. daß sein Wille frei sei, weil er, wie wir gesehen haben, Thaten ausführen kann, die durchaus nicht seinem Charakter gemäß, vielmehr seiner Natur gänzlich zuwider sind. Dies ist aber nicht der Fall: der Wille ist niemals frei und Alles in der Welt geschieht mit Nothwendigkeit.
Jeder Mensch hat zur Zeit, wo ein Motiv an ihn herantritt, einen bestimmten Charakter, der, ist das Motiv zureichend, handeln muß. Das Motiv tritt mit Nothwendigkeit auf (denn jedes Motiv |
i177 ist immer das Glied einer Causalreihe, welche die Nothwendigkeit beherrscht), und der Charakter muß ihm mit Nothwendigkeit folgen, denn er ist ein bestimmter und das Motiv ist zureichend.
Nun setze ich den Fall: das Motiv sei zureichend für meinen Charakter, aber unzureichend für mein ganzes Ich, weil mein Geist mein allgemeines Wohl, als Gegenmotiv, aufstellt und dieses stärker als jenes ist. Habe ich nun frei gehandelt, weil ich einem für meinen Charakter zureichenden Motiv nicht nachgab? In keiner Weise! Denn mein Geist ist von Natur ein bestimmter und seine Ausbildung, nach irgend einer Richtung hin, geschah mit Nothwendigkeit, weil ich zu dieser Familie gehöre, in dieser Stadt geboren wurde, diese Lehrer hatte, diesen Umgang pflegte, diese bestimmten Erfahrungen machte u.s.w. Daß dieser mit Nothwendigkeit gewordene Geist mir, im Moment der Versuchung, ein Gegenmotiv geben kann, das stärker ist als alle anderen, durchbricht die Nothwendigkeit durchaus nicht. Auch die Katze handelt gegen ihren Charakter, unter dem Einflusse eines Gegenmotivs, wenn sie in Gegenwart der Köchin nicht nascht, und doch hat noch Niemand einem Thiere den freien Willen zugesprochen.
Ich deute ferner schon jetzt an, daß der Wille, durch Erkenntniß seines wahren Wohls, so weit gebracht werden kann, daß er seinen innersten Kern verneint und das Leben nicht mehr will, d.h. sich in vollen Widerspruch mit sich selbst setzt. Aber, wenn er dies thut, handelt er frei? Nein! Denn alsdann ist die Erkenntniß mit Nothwendigkeit in ihm aufgegangen und mit Nothwendigkeit muß er ihr folgen. Er kann nicht anders, so wenig als das Wasser bergauf fließen kann.
Wenn wir demnach einen Menschen nicht seinem bekannten Charakter gemäß handeln sehen, so stehen wir dennoch vor einer Handlung, die ebenso nothwendig eintreten mußte, wie die eines anderen Menschen, der nur seiner Neigung folgte; denn im ersteren Falle entstand sie aus einem bestimmten Willen und einem bestimmten deliberationsfähigen Geiste, welche beide mit Nothwendigkeit zusammen wirkten. Aus der Deliberationsfähigkeit des Geistes auf die Freiheit des Willens zu schließen, ist der größte Fehlschluß, der gemacht werden kann.
Wir haben es in der Welt immer nur mit nothwendigen Bewegungen des individuellen Willens zu thun, es seien nun einfache |
i178 oder resultirende Bewegungen. Nicht weil der Wille im Menschen mit einem deliberationsfähigen Geiste verbunden ist, ist er frei, sondern er hat nur aus diesem Grunde eine andere Bewegung als das Thier. Und hier liegt auch der Schwerpunkt der ganzen Untersuchung. Die Pflanze hat eine andere Bewegung als ein Gas oder eine Flüssigkeit oder ein fester Körper, das Thier eine andere als die Pflanze, der Mensch eine andere als das Thier. Das letztere ist der Fall, weil sich im Menschen die einseitige Vernunft zu einer vollkommenen weitergebildet hat. Durch dieses neue, aus dem Willen geborene Werkzeug übersieht der Mensch die Vergangenheit und blickt dem Zukünftigen entgegen: nun kann ihn, in jedem gegebenen Fall, sein Wohl im Allgemeinen bewegen, auf einen Genuß zu verzichten oder ein Leid zu erdulden, d.h. zu Thaten zwingen, welche seinem Willen nicht gemäß sind. Der Wille ist nicht frei geworden, aber er hat einen außerordentlich großen Gewinn gemacht: er hat eine neue Bewegung erlangt, eine Bewegung, deren große Bedeutung wir weiter unten voll erkennen werden.
Der Mensch ist also nie frei, ob er gleich ein Princip in sich trägt, das ihn befähigen kann, gegen seinen Charakter zu handeln; denn dieses Princip ist mit Nothwendigkeit geworden, gehört mit Nothwendigkeit zu seinem Wesen, da es ein Theil der ihm inhärirenden Bewegung ist, und wirkt mit Nothwendigkeit.
10.
Im Bisherigen haben wir von den Handlungen der Menschen im Allgemeinen gesprochen und gefunden:
1) daß der Wille des Menschen nicht frei ist;
2) daß alle seine Handlungen mit Nothwendigkeit geschehen;
3) daß er sich, auf Grund des Glückseligkeitstriebes und vermöge des Geistes, ein allgemeines Wohl bilden kann;
4) daß dieses Wohl ihn, unter Umständen, veranlassen kann, gegen seinen Charakter zu handeln.
Diese Resultate stehen gleichsam in der Vorhalle der Ethik. Jetzt betreten wir ihren Tempel, d.h. wir haben die Handlungen des in bestimmten Verhältnissen und Formen sich bewegenden Menschen zu prüfen und sein Glück zu untersuchen.
Das erste Verhältniß, dem wir begegnen, ist der Naturzustand. Wir haben denselben in der Ethik nur einfach zu definiren als |
i179 Negation des Staates, oder als diejenige Lebensform der Menschen, die dem Staate vorhergegangen ist.
Betrachten wir nun den Menschen unabhängig vom Staate, frei von dessen Gewalt, d.h. lediglich als einen Theil der Natur, wie jeden anderen individuellen Willen, so steht er unter keiner anderen Gewalt, als der der Natur. Er ist eine in sich geschlossene Individualität, die, wie jedes andere Individuum, es sei chemische Kraft, Pflanze oder Thier, das Leben in einer ganz bestimmten Weise will und unablässig strebt, sich im Dasein zu erhalten. In diesem Streben wird sie jedoch von sämmtlichen anderen Individuen beschränkt, die das gleiche Streben haben.
Hierdurch entsteht der Kampf um’s Dasein, aus welchem der Stärkste oder Listigste als Sieger hervorgeht. Jeder Mensch kämpft ihn, um sich im Dasein zu erhalten: dies ist sein ganzes Streben, und keine Stimme, weder aus der Höhe, noch aus der Tiefe, noch in ihm, beschränkt ihn in den Mitteln, die ihm dienen können. Alles ist seinem Egoismus gestattet, alle Handlungen, die wir im Staate Mord, Raub, Diebstahl, Lug, Trug, Schändung u.s.w. nennen; denn welcher anderen Macht steht er im Naturzustande gegenüber, als individuellen Willen, gleich ihm, die sich, wie er, im Dasein erhalten wollen?
Weder begeht er ein Unrecht in diesem Kampfe, noch hat er ein Recht: nur die Macht entscheidet oder die List. Er hat weder ein Recht auf sich selbst oder auf irgend ein Besitzthum, noch hat er ein Recht auf andere Wesen oder deren Besitzthum. Er ist einfach und sucht sich im Dasein zu erhalten. Kann er dies nur thun durch Mord und Raub, so mordet und raubt er ohne Unrecht zu thun, und kann er sich oder sein Besitzthum nicht vertheidigen, so wird er, ohne daß ihm Unrecht geschehe, beraubt und vernichtet; denn wer sollte ihn hindern? wer sollte die Anderen hindern? Ein gewaltiger, irdischer Richter? Es giebt im Naturzustand keinen Richter. Ein Gottesbewußtsein? Der Mensch hat im Naturzustand kein Gottesbewußtsein, so wenig wie das Thier.
Recht und Unrecht sind Begriffe, die im Naturzustand ohne irgend eine Bedeutung sind: sie haben nur im Staate einen Sinn, auf den wir jetzt übergehen wollen.
i180
11.
Jede Handlung des Menschen, die höchste wie die niedrigste, ist egoistisch; denn sie fließt aus einer bestimmten Individualität, einem bestimmten Ich, bei zureichendem Motiv, und kann in keiner Weise unterbleiben. Auf den Grund der Verschiedenheit der Charaktere einzugehen, ist hier nicht der Ort; wir haben sie einfach als Thatsache hinzunehmen. Es ist nun dem Barmherzigen ebenso unmöglich, seinen Nächsten darben zu lassen, wie dem Hartherzigen, dem Dürftigen beizuspringen. Jeder von Beiden handelt seinem Charakter, seiner Natur, seinem Ich, seinem Glück gemäß, folglich egoistisch; denn wenn der Barmherzige die Thränen Anderer nicht trocknete, wäre er glücklich? Und wenn der Hartherzige die Leiden Anderer linderte, wäre er befriedigt?
In der Folge wird die unumstößliche Wahrheit, daß jede Handlung egoistisch ist, ganz deutlich hervortreten. Ich habe sie an dieser Stelle erwähnt, da wir sie von jetzt an nicht mehr entbehren können.
Im Naturzustand ist der Kräftigste oder Listigste gewöhnlich der Sieger, der Schwache oder Dumme gewöhnlich der Besiegte. Es können aber auch Fälle vorkommen, wo der Kräftigste überwunden und der Listigste überlistet wird; denn wer schützt den Starken im Schlaf? oder wenn er alt oder krank ist? oder wie soll er siegen, wenn er von verbundenen Schwachen angegriffen wird? Diese leicht verschiebbaren Machtverhältnisse im Naturzustand mußten Alle, die Schwachen sowohl, als auch die Starken, zur Erkenntniß führen, daß eine gegenseitige Beschränkung der Macht im Interesse eines Jeden liege.
Es ist hier nicht meine Aufgabe, zu untersuchen, wie der Uebergang aus dem Naturzustand in den Staat stattfand, ob auf rein dämonischen Antrieb, oder durch vernünftige Wahl des kleineren von zwei Uebeln. Wir nehmen in der Ethik an, daß der Staat ein Werk der Vernunft ist und auf einem Vertrag beruht, den die Menschen widerwillig abgeschlossen haben: aus Noth, um einem größeren Uebel, als das der Beschränkung ihrer individuellen Macht war, vorzubeugen.
Der Grundcharakter des ächten Staates, auch in seiner unvollkommensten Form, ist, daß er seinen Bürgern mehr giebt als er |
i181 ihnen nimmt, daß er ihnen, Alles in Allem, einen Vortheil gewährt, der das Opfer überwiegt; denn wäre der Vortheil so groß wie das Opfer gewesen, so würde nie der Staat entstanden sein.
Es traten also Menschen, geleitet von der Erkenntniß, daß ein sicheres Leben im Naturzustand unmöglich, daß ein unsicheres Leben ein in der Einrichtung der Natur begründetes, auf gewöhnlichem Wege nicht zu zerstörendes Uebel sei, zusammen und sagten: »wir sind alle gewaltthätige Menschen; Jeder ist in seinem Egoismus eingeschlossen und betrachtet sich als die einzige Realität in der Welt; wo wir den Anderen zu unserem Vortheil schaden können, thun wir es; aber unser Wohl wird dadurch nicht gefördert. Wir müssen schlafen, wir müssen uns von unserer Hütte entfernen, weil wir sonst verhungern, wir können krank werden, und unsere Kraft schwindet im Alter dahin. Unsere Macht ist also bald groß, bald klein, und alle Vortheile, die wir uns erringen, wenn sie groß ist, zerfließen in einer Minute, wenn sie klein ist. Wir werden unserer Habe niemals froh, weil sie nicht gesichert ist. Was hilft uns demnach die Befriedigung unserer Begierden, wenn wir, Alles in Allem genommen, nur dadurch verlieren? Wir wollen also fortan die Habe eines Jeden von uns unangefochten lassen.« Und jetzt erst entstand der Begriff Diebstahl, der im Naturzustand gar nicht möglich war, denn er steht und fällt mit einem garantirten Besitz.
Sie sagten ferner: »Wir sind Alle gewaltthätige Menschen; wenn sich Einer zwischen uns und unseren Vortheil stellt, so sinnen wir nur darauf, wie wir ihn vernichten können, und trachten ihm nach dem Leben. Aber unsere Stärke oder List ist nicht immer die gleiche. Heute können wir siegen und morgen besiegt sein. Wir können somit unseres Lebens nie froh werden, weil wir beständig in Lebensgefahr schweben. Wir wollen also noch einen Theil unserer Macht opfern, damit unser Wohl im Ganzen wachse, und wir erklären: fortan soll das Leben eines Jeden von uns gesichert sein.« Und jetzt erst entstand der Begriff Mord, denn er bezeichnet die Vernichtung eines garantirten Lebens.
Auf diese Weise beschränkten sich die Menschen durch die Urgesetze:
1) keiner darf stehlen;
2) keiner darf morden.
i182 Es wurde also ein Vertrag abgeschlossen, der Staatsvertrag, und nun hatte Jeder, der ihn abschloß, Pflichten und Rechte, die er im reinen Naturzustand nicht haben konnte, denn sie stehen und fallen mit einem Vertrag. Jeder hatte jetzt die Pflicht, das Leben und das Besitzthum aller Anderen unangetastet zu lassen, und dafür hatte er ein Recht auf sein Besitzthum und sein Leben. Dieses Recht wurde verletzt, wenn er bestohlen und in seinem Leben bedroht wurde, und es geschah ihm dadurch Unrecht, was im Naturzustand ganz unmöglich war.
Die unmittelbare Folge dieser Gesetze war, daß jeder Einzelne die abgetretene Macht in die Hand eines Richters legte und so eine Gewalt geschaffen wurde, die größer war als die des Einzelnen. Jetzt konnte Jeder gezwungen werden, Recht zu thun, denn der Gesetzesübertretung folgte die Strafe, welche nichts Anderes ist, als ein Gegenmotiv für eine verbotene mögliche Handlung. Indem sie vollstreckt wird, wird das Gesetz lediglich in Wirksamkeit erhalten.
Wird im Staate ein Individuum in seinem Besitz oder Leben bedroht, soll ihm ein Unrecht geschehen, das der Staat, im Augenblick der Gefahr, nicht von ihm abhalten kann, so tritt es, dem Gesetzesübertreter gegenüber, in den Zustand der Nothwehr. Der Gesetzesübertreter hat sich willkürlich in den Naturzustand versetzt, und das angegriffene Individuum darf ihm dahin folgen. Nun sind diesem alle Mittel, wie im Naturzustand, erlaubt, und es kann den Angreifer mit Gewalt oder List, mit Lug und Trug vertreiben und ihn auch tödten, ohne Unrecht zu thun, wenn sein eigenes Leben bedroht ist.
Der Staat ist also diejenige Einrichtung, welche die Individualität des Einzelnen, sie möge noch so sehr erweitert sein (Weib, Kind, Besitz) beschützt und dagegen von ihm verlangt, die Individualität aller Anderen unangetastet zu lassen. Er verlangt mithin zunächst von jedem Bürger als erste Pflicht: Unterwerfung unter das Gesetz, Gehorsam. Dann verlangt er die Gewährung der Mittel, um sein schützendes Amt ausüben zu können, sei es gegen Gesetzesübertreter, sei es gegen äußere Feinde, also Opfer an Gut und Blut oder allgemein ausgedrückt, als zweite Pflicht: Schutz des Staates.
i183
12.
Durch die Urgesetze des Staates ist das Wissen des Menschen vergrößert worden. Er weiß jetzt, daß er Handlungen unterlassen muß, wenn er nicht sein allgemeines Wohl auf’s Spiel setzen will, und sein Geist hält ihm, in Momenten der Versuchung, die angedrohte Strafe als Gegenmotiv vor.
Prüfen wir nun zuerst das allgemeine Wohl des Menschen im Staate, – wir fassen den Staat hier in seiner Urform, als reine Zwangsanstalt mit den gedachten Gesetzen, auf, – so kann es nicht zweifelhaft sein, daß es viel größer ist als im Naturzustand; denn der Mensch ist jetzt herausgenommen aus der beständigen Sorge um Besitz und Leben. Beides ist ihm von einer Gewalt garantirt, die ihrer Verpflichtung faktisch nachkommen kann:
Und über jedem Hause, jedem Thron
Schwebt der Vertrag wie eine Cherubswaffe.
(Schiller.)
Aber wie steht es mit dem Glück des Menschen?
Hier ist nun der Ort, etwas näher auf das Glück überhaupt einzugehen. Der Wille ist, wie wir wissen, in unaufhörlicher Bewegung begriffen, weil er das Leben continuirlich will. Hörte er auch nur für einen Augenblick auf, es zu wollen, so würde er todt sein. Dieses Grund wollen ist objektivirt im Blutleben, das unabhängig ist von unserer Willkür, welche ein Wollen ist, das sich zusammensetzt aus Sensibilität, Irritabilität und Blutaction. Der Dämon, der ächte Wille zum Leben, ist zunächst befriedigt, wenn er das Leben überhaupt hat, und dann tritt er, wenn wir die Aufmerksamkeit nicht auf ihn lenken, nur schwach in’s Bewußtsein. Aber, wie wir gesehen haben, will der Mensch in zweiter Linie ein erhöhtes Leben: er will, mit Hülfe des Geistes, ein gesteigertes Lebensgefühl, und dadurch wird der Wille zum Leben zur Begierde nach Leben, zur Begierde nach einer bestimmten Lebensform. Jede Begierde nun ist im Grunde ein Mangel, denn so lange sie währt, besitzt sie nicht das, was sie begehrt. Sie ist deshalb ein lebhaftes Gefühl der Unlust. Wird sie aber befriedigt, so äußert sich die Befriedigung gleichfalls als ein erhöhtes Lebensgefühl, und zwar als Genuß, d.h. als ein lebhaftes Gefühl der Lust. Hierdurch findet eine Ausgleichung statt.
i184 Jedes lebhafte Gefühl der Lust muß also mit einem lebhaften Gefühl der Unlust erkauft werden, und, im Grunde genommen, hat der Wille bei einem jeden solcher Käufe Nichts gewonnen. Ja, da die Begierde viel länger anhält als das Gefühl ihrer Befriedigung, so ist der Wille sogar allemale, wenn er seinen Frieden unterbricht, um sich durch Begierde einen Genuß zu verschaffen, betrogen.
Glücklich ist demnach der Mensch im normalen Zustande, den wir in der Physik näher bestimmt haben, und in den erregteren Zuständen der Lust. Das Merkmal des Glücks ist also immer die Befriedigung des Herzens. Wir sind glücklich, wenn der glatte Spiegel des Herzens nicht bewegt wird, und wir sind auch glücklich während der Stillung der Begierde.
Aus dieser Bestimmung des Glücks fließt die des Unglücks von selbst. Unglücklich sind wir in den Zuständen der Unlust. Es möchte allerdings scheinen, daß wir in der Begierde nicht unglücklich sein können, daß in der lebhaften Bewegung nach dem Ziele schon ein großer Genuß liege. Aber dies ist nicht der Fall; denn empfinden wir in der Begierde schon Lust, so escomptiren wir, wie der Kaufmann sagen würde, die Befriedigung, und dieses Schwanken zwischen Begierde und vorausempfundener Stillung versetzt uns in einen gemischten Zustand, der uns den reinen Mangel nicht fühlen läßt. Tritt alsdann die Befriedigung ein, so ist sie auch wesentlich schwächer.
Unglücklich sind wir ferner dann, und zwar sehr unglücklich, wenn wir, mit Rücksicht auf unser allgemeines Wohl, eine Begierde hemmen und unterdrücken oder ein Uebel ertragen, kurz, wenn wir gegen unseren Charakter handeln müssen.
Jetzt können wir uns wieder vor die Frage stellen: Ist der Mensch glücklicher im Staate als im Naturzustand? Wir können dieselbe jedoch nicht in der Ethik beantworten, denn hierzu wäre vor Allem erfordert, daß der Entwicklungsgang der Menschheit klar vor uns läge. Wir werden in der Politik die Frage erledigen und begnügen uns hier mit der einfachen Untersuchung, ob der Mensch den obigen Staatsgesetzen gegenüber glücklich ist.
Hier springt sofort in die Augen, daß das nicht der Fall sein kann. Seinem Charakter nach möchte der Mensch wohl für sich die Wohlthaten des gesetzlichen Zustands, die Lasten jedoch verabscheut er und trägt sie mit großem Widerwillen. Er befindet sich |
i185 unter dem Zwang eines stärkeren Motivs, gerade so wie im Naturzustand, als er dem stärkeren Gegner aus dem Wege ging; er fühlt sich gebunden und durchaus nicht befriedigt. Wird er beleidigt, so möchte er sich maßlos rächen; beleidigt er dagegen, so möchte er sich unter den Schutz der Obrigkeit stellen können. Ferner, will er einen Richter haben, der ihm in Streitigkeiten sein gutes Recht zuspricht, ingleichen will er seine Habe und sein Leben geschützt wissen vor der Begierde fremder Macht, dagegen hält er die Hand krampfhaft auf sein Geld, wenn er den Richter bezahlen soll, und sträubt sich mit aller Macht dagegen, sein Vaterland mit der Waffe zu vertheidigen. So sinnt er beständig, wie er das Gesetz, ohne Strafe zu empfangen, umgehen, wie er die Lasten auf andere Schultern abwälzen und dabei die Vortheile der Gemeinschaft genießen kann. Sein allgemeines Wohl ist durch die Gesetze gewachsen, aber vor den Gesetzen fühlt er sich unglücklich.
13.
Der Staat, in der gedachten Form, bindet den Einzelnen nicht mehr, als er sich selbst durch den Vertrag gebunden hat. Er verlangt nur von ihm, daß er das Gemeinwesen beschützen helfe und seine Mitbürger nicht verletze. Er straft ihn, wenn er einen Bürger bestiehlt oder ermordet, er straft ihn dagegen nicht, wenn er einen Bürger, ohne das Gesetz zu verletzen, aussaugt, brodlos macht und verhungern läßt.
Es hat aber in dem nothwendigen Entwicklungsgang der Menschheit gelegen, daß der Mensch, aus dem Naturzustand heraustretend, noch weiter beschränkt, daß sein natürlicher Egoismus noch mehr gebunden werde, als der Staat zu thun vermochte. Die Gewalt, der diese Aufgabe zufiel, war die Religion.
Als sich der Thier-Mensch zum Menschen auf der untersten Stufe dadurch entwickelt hatte, daß die höheren Geistesvermögen das Vergangene mit dem Gegenwärtigen und dieses mit dem Zukünftigen verbanden, sah sich das Individuum hülflos in der Hand einer feindlichen Macht, die seine Habe und sein Leben jederzeit vernichten konnte. Der Mensch erkannte, daß weder er, noch der Verband, gegen diese Allmacht irgend etwas auszurichten im Stande war, und sank vor ihr, trostlos und im Gefühle vollständiger Ohnmacht, in den Staub. So entstand in den rohen Urmenschen die erste Beziehung zu einer unfaßbaren überweltlichen Gewalt, die sich in der |
i186 Natur furchtbar, vernichtend und verwüstend, offenbaren konnte, und sie bildeten sich Götter. Sie konnten gar nicht anders handeln, denn einerseits war die Uebermacht nicht wegzuleugnen, andererseits ihre Intelligenz so schwach, daß sie die Natur und ihren wahren Zusammenhang in keiner Weise begreifen konnten.
Es ist hier nicht der Ort, den Entwicklungsgang der Religion zu verfolgen. Wir werden ihm in der Politik näher treten, und stellen uns jetzt sofort an sein Ende, nämlich auf den Boden der christlichen Religion, welche als die vollkommenste und beste von jedem Einsichtigen anerkannt werden muß. Sie lehrt einen allweisen, allgütigen, allmächtigen und allwissenden außerweltlichen Gott und verkündigt seinen Willen. Sie bestätigt zunächst die Gesetze des Staates, indem sie dem Menschen im Namen Gottes gebietet: du sollst der Obrigkeit unterthan sein. Dann sagt sie: du sollst aber nicht nur die Gesetze nicht verletzen, also nicht stehlen, ehebrechen, nothzüchtigen, morden, sondern auch deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Unerhörte Forderung! Der kalte, rohe Egoist, dessen Wahlspruch ist: Pereat mundus, dum ego salvus sim, soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Wie sich selbst! O, er weiß ganz genau, was das bedeutet; er kennt die ganze Schwere des Opfers, das er bringen soll. Er soll sich vergessen, um verhaßter Wesen willen, denen er durchaus keine Berechtigung zu existiren zugestehen kann. Er kann sich nicht mit der Zumuthung aussöhnen und windet sich wie ein Wurm. Er lehnt sich gegen dieses Gebot mit seiner ganzen, unmittelbar erfaßten Individualität auf und beschwört die Priester, nicht das Unmögliche von ihm zu verlangen. Aber sie müssen immer wiederholen: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Wir nehmen hier, selbstverständlich nur vorübergehend, an, daß alle Menschen auf den Grundlagen des Christenthums stehen. Sie glauben an Gott, an die Unsterblichkeit ihrer Seele und an ein Gericht nach dem Tode. Jede Verletzung der Staatsgesetze, wie jede Uebertretung der Gebote Gottes, ist eine Sünde und keine entgeht dem allwissenden Gott. Und jede Sünde wird bestraft und jede gesetzliche Handlung wird belohnt. Sie glauben an ein Himmelreich, die Wohnung der Seligen, und an eine Hölle, die Wohnung der Verdammten.
i187
14.
Die christliche Religion bleibt aber bei dem Gebot der Nächstenliebe nicht stehen. Sie giebt zunächst diesem Gebote eine Verschärfung dadurch, daß sie vom Menschen verlangt, er solle seine Nächsten ohne Ausnahme, auch seine Feinde lieben.
Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben?
Und so ihr euch nur zu euern Brüdern freundlich thut, was thut ihr Sonderliches?
Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen.
(Matth. 5.)
Dann fordert sie Armuth und Mäßigkeit in jedem erlaubten Genuß. Sie fordert nicht die Unterdrückung des Geschlechtstriebes, aber der Virginität verspricht sie die höchste Belohnung: den unmittelbaren Eingang in das Reich Gottes.
Es ist klar, daß durch diese Gebote der natürliche Egoismus des Gläubigen ganz gebunden ist. Die Religion hat sich des ganzen Theils bemächtigt, den der Staat übrig ließ, und hat ihn gefesselt. Jetzt ist die Stimme des Gewissens viel lästiger. Der Mensch kann so gut wie keine Handlung mehr thun, ohne daß das Gewissen vorher spricht. Er muß jetzt sämmtliche Handlungen unterlassen, die aus seinem Charakter fließen möchten, wenn er nicht sein allgemeines Wohl gefährden will; denn dem Auge Gottes entgeht Nichts. Menschen kann er täuschen, die Obrigkeit kann er täuschen, aber vor Gott hat seine Kunst ein Ende.
In the corrupted currents of this world,
Offence’s gilded hand may shove by justice,
And oft ’t is seen, the wicked prize itself
Buys out the law, but ’t, is not so above:
There is no shuffling, there the action lies
In his true nature. (Shakespeare.)
(In den verderbten Strömen dieser Welt
Kann die vergold’te Hand der Missethat
Das Recht wegstoßen, und ein schnöder Beutel
Erkauft oft das Gesetz. Nicht so dort oben!
Da gilt kein Kunstgriff, da erscheint die Handlung
In ihrer wahren Art.)
i188 Es ist auch kein Entrinnen möglich. Der Tod muß kommen, und dann beginnt entweder ein ewiges Leben der Seligkeit, oder ein solches der Qual. Ein ewiges Leben! Was ist, gegen die Ewigkeit gehalten, die kurze Zeit des Lebens? Ewig selig sein; ewig leiden müssen! Und das Himmelreich wird geglaubt und die Hölle wird geglaubt: da liegt der Schwerpunkt.
Das echte Wohl des Menschen kann mithin nicht auf dieser Erde sein. Es liegt in einem ewigen Leben voll Seligkeit nach dem Tode, und ob auch das innerste Wesen des klugen Menschen sich auflehnt gegen die Gebote der Religion, – sie werden dennoch befolgt: der Hartherzige hilft seinem Nächsten, der Geizige giebt den Armen, es wird ja dereinst Alles hundertfältig und tausendfältig vergolten werden.
Lebt also der natürliche Egoist nach den Geboten der Religion, so ist keinem Zweifel unterworfen, daß sein Wohl, Alles in Allem erwogen, gewachsen ist; denn er glaubt an die Unsterblichkeit seiner Seele und hat an das ewige Leben zu denken. Aber ist er glücklich? In keiner Weise! Er hadert mit Gott: »warum kann ich nicht selig werden, ohne meine Triebe gebändigt zu haben? warum kann ich nicht hier und dort glücklich sein? Warum muß ich mir das selige Leben, jenseit des Grabes, so theuer erkaufen?« Er erfaßt zwar das kleinere Uebel, er erkauft sich das größere Wohl, aber mit grollendem, mit zerrissenem Herzen. Er ist unglücklich auf Erden, um nach dem Tode glücklich zu sein.
15.
Blicken wir von hier aus auf den Staat und die Religion zurück und erwägen die Handlungen, die, gegen den Charakter des Menschen, durch die gesetzten stärkeren Motive erzwungen werden, so tragen sie den Stempel der Legalität, aber sie haben keinen moralischen Werth.
Nun ist die Frage: was ist eine moralische Handlung? Daß sie übereinstimmen muß mit den Urgesetzen des Staates und den Geboten der Religion, oder mit anderen Worten, daß sie legal, dem staatlichen und göttlichen Gesetze gemäß, sein muß, darüber ist noch nie gestritten worden. Alle Moralisten sind darin einig, daß sie dem einen oder anderen Theil des Satzes:
Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva,
entsprechen müsse. Dies ist ein unumstößliches Kriterium. Es |
i189 reicht aber selbstverständlich nicht aus, und es muß sich ein anderes zu ihm gesellen, um eine moralische Handlung erkennen zu können.
Die Abwesenheit aller egoistischen Motivation kann nie das zweite Kriterium einer moralischen Handlung sein. Alle Handlungen sind egoistisch, und es ist eine Ausnahme völlig undenkbar, denn entweder handle ich meiner Neigung gemäß, oder gegen meinen Charakter: im ersteren Falle handle ich unbedingt egoistisch und im letzteren nicht anders, indem ich ein Interesse haben muß, wenn ich meinen Charakter zwingen will, weil ich sonst so wenig mich bewegen könnte, wie ein ruhender Stein. Also nicht, weil eine Handlung egoistisch ist, nicht, weil mich die Hoffnung auf Lohn (wozu auch die Zufriedenheit mit mir selbst gehört) oder die Furcht vor Strafe (wozu auch die Unzufriedenheit meines Herzens gehört) dazu trieb, hat sie keinen moralischen Werth: dies kann ihre ethische Bedeutsamkeit niemals aufheben.
Eine Handlung hat moralischen Werth, wenn sie:
1) wie schon bemerkt, den Gesetzen des Staates oder den Geboten der Religion entspricht, d.h. legal ist;
2) gern geschieht, d.h. wenn sie im Handelnden den Zustand tiefer Befriedigung, des reinen Glücks hervorruft.
Es ist klar, daß hiernach alle Diejenigen moralisch handeln, deren Charakter redlich und barmherzig ist, denn aus einem solchen Charakter fließen die moralischen Handlungen von selbst und geben dem Individuum die Befriedigung, welche Jeder empfindet, der seinem Charakter gemäß handeln kann. Aber wie steht es mit Denjenigen, welche keinen angeborenen guten Willen haben? Sind sie keiner moralischen Handlung fähig und können sie im günstigsten Falle nur legal handeln? Nein! Auch ihre Thaten können moralischen Werth haben; doch muß ihr Wille eine vorübergehende oder anhaltende Verwandlung erfahren: er muß sich an der Erkenntniß entzünden, die Erkenntniß muß ihn befruchten, entflammen.
16.
Ich erinnere daran, daß wir uns noch immer auf dem Boden des Staates und des Christenthums befinden.
Alle Handlungen des Menschen fließen mit Nothwendigkeit aus seiner Idee, und ist es ganz gleich, ob sie seinem Charakter gemäß oder gegen seinen Charakter, aber seinem allgemeinen Wohle gemäß, sind. Immer sind sie das Produkt seiner Idee und eines zureichen|den
i190 Motivs. Gegen den Charakter handeln, ohne einen Vortheil davon zu haben, kann schlechterdings Niemand: es ist eine baare Unmöglichkeit. Wohl aber kann Jeder seine Natur unterdrücken, wenn er einen Vortheil davon hat, und ist dann die Handlung so nothwendig, wie jede andere. Sie hat nur eine complicirtere Entstehung, da die Vernunft die Motive sichtet, erwägt, und der Wille dem stärksten folgt.
Nehmen wir nun zunächst einen ungebildeten Bürger, der seine Pflicht gegen den Staat mit Widerwillen, aus Furcht vor Strafe, erfüllt. Dies darf nicht Wunder nehmen, denn er hat keine klare Erkenntniß vom Wesen des Staats. Er hat nie über dasselbe nachgedacht und noch niemals hat sich Jemand die Mühe gegeben, ihn darüber aufzuklären. Dagegen hat er von Jugend auf Klagen über die Lasten des Staates gehört und dann an sich selbst erfahren, wie schmerzlich es ist, einer Institution schwere Opfer zu bringen, deren Nutzen man nicht einsehen kann. Trotzdem gehorcht er, weil er sich zu schwach dazu fühlt, mit der Obrigkeit zu kämpfen.
Jetzt setzen wir, daß die Erkenntniß dieses Menschen auf irgend eine Weise geläutert worden sei. Er empfinde in sich die Angst des Menschen im Naturzustand, er vergegenwärtige sich die Schrecknisse einer eintretenden Anarchie, oder eines Krieges mit fremder Macht auf dem heimathlichen Boden: er sieht die Früchte seines jahrelangen Fleißes in einem Augenblick vernichtet, sieht die Schändung seines Weibes, die Todesgefahr seiner Kinder, seiner Eltern, seiner Geschwister, kurz des Liebsten, was er hat. Er erkenne ferner den Werth des Volkes, zu dem er gehört, und die Achtung, die es bei anderen Völkern genießt: er empfindet Stolz und wünscht aufrichtig, daß es diese Achtung niemals verliere, daß er nie, in der Fremde, mit Verachtung behandelt werde, wenn er sein Vaterland nennt. Schließlich schwelge er noch in der Betrachtung, wie aller Culturfortschritt der Menschheit von der Rivalität der Völkerindividualitäten abhängt, und wie seinem Volke eine ganz besondere Mission in dieser Concurrenz zugefallen ist. Zugleich erkenne er recht klar, daß alles dieses nur erreicht, beziehungsweise vermieden wird, wenn jeder Bürger seine Pflicht voll und ganz erfüllt.
Diese Erkenntniß arbeitet fortan an seinem Willen. Wohl wird der natürliche Egoismus die Stimme erheben und meinen: es ist besser, wenn du die Anderen sich abmühen lassest und doch die |
i191 Früchte mit ihnen theilst. Aber die Erkenntniß ruht nicht und weist immer wieder darauf hin, daß Alles nur erreicht werden kann, wenn Jeder seine Pflicht thut. In diesem Kampfe mit sich selbst kann sich der Wille entzünden und die Vaterlandsliebe gebären. Die Erkenntniß, welche gleichsam nur wie ein Stückchen Holz auf der Oberfläche schwamm, kann schwer werden und auf den Grund des Willens sinken. Jetzt werden die verlangten Opfer gern gebracht und den Handelnden erfüllt eine große Befriedigung. Er fühlt sich ferner in Uebereinstimmung mit dem Gesetz, kurz, er handelt moralisch.
Nun wollen wir einen Menschen vornehmen, der widerwillig, nur aus Furcht vor Strafe, Jedem das Seine giebt. In einer günstigen Stunde erkenne er einmal recht deutlich, wie die Beschränkung, die der Staat dem Einzelnen auferlegt, eine durchaus nothwendige ist; wie es zwar angenehmer wäre, sich auf Kosten der Anderen bereichern zu können, daß aber, wenn Jeder dies wollte, der Rückfall in den Naturzustand stattfinden würde; zugleich vergegenwärtige er sich lebhaft den Krieg Aller gegen Alle und die Vortheile, die das Gesetz ihm so reichlich gewährt. Auch verweile er mit Wohlgefallen bei der Vorstellung einer Gesammtheit, von der jedes Glied, im Kleinsten und im Größten, ehrlich handelt. Trotz aller Einwürfe des natürlichen Egoismus kann sich der Wille an dieser Erkenntniß entzünden, und die Tugend der Gerechtigkeit in ihm Wurzel fassen. Es senkt sich gleichsam die Maxime: ich will immer ehrlich und redlich handeln, in’s Herz und jede Handlung begleitet seitdem das Gefühl reiner Befriedigung. Er fühlt sich ferner in Uebereinstimmung mit dem Gesetz, d.h. er handelt moralisch.
Schließlich denken wir uns einen gläubigen Christen, der die Noth seiner Nächsten lindert, wo er kann, jedoch nicht aus angeborener Barmherzigkeit, sondern aus Furcht vor der Hölle und um des Lohnes im Himmelreich willen.
Irgend ein Unglück: eine schwere Krankheit, ein großer Verlust, eine ihm widerfahrene bittere Ungerechtigkeit, habe ihn ganz auf sich zurückgeworfen und er suche, da er nirgends Trost finden kann, Trost bei Gott. Er denke über sein vergangenes Leben nach und sehe mit Schmerz, der mit Erstaunen gemischt ist, da er sich noch nie in einer solchen inneren Sammlung befunden hat und ihm deshalb noch nie die alltäglichsten Verhältnisse in so hellem Lichte er|schienen
i192 sind, daß sein Leben Nichts als eine Kette von Noth und Plage, Angst und Pein, großen Leiden und kurzen flüchtigen Freuden gewesen ist. Er lasse ferner das Leben von Bekannten an seinem Geiste vorbeiziehen; er stelle zusammen, was er im Geräusche des Tages erfahren und im Gewirr der Dinge bald aus den Augen verloren hatte, und verwundere sich über die Gruppirung: welche Menge von Unglück auf der einen, welche dürftigen Freuden auf der anderen Seite!
Es ist ein elend jämmerliches Ding um aller Menschen Leben; von Mutterleibe an bis sie in die Erde begraben werden, die unser Aller Mutter ist.
Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod; sowohl bei dem, der in hohen Ehren sitzt, als bei dem Geringsten auf Erden. Sowohl bei dem, der Seiden und Krone trägt, als bei dem, der einen groben Kittel an hat; da ist immer Zorn, Eifer, Widerwärtigkeit, Unfriede und Todesgefahr, Neid und Zank.
(Jesus Sirach. 40. Cap.)
Und nun vergegenwärtige er sich die Todesstunde, die über kurz oder lang kommen muß. Nicht an die Hölle denke er, sondern es schwebe ihm, in vollem Contrast zu dem eben erwogenen qualvollen irdischen Leben, das ewige Leben im Schooße Gottes vor. Er denkt es frei von Sorge, frei von Kummer, Noth, Unfrieden, Neid, Zank, frei von Unlust und physischem Schmerz, frei von Bewegung, frei von Geburt und Tod, und dann: voll von Seligkeit. Er erinnert sich des unaussprechlich glücklichen Zustandes seines Herzens, als er ganz versunken war in aesthetischer Contemplation und denkt sich nun einen solchen Zustand, ohne Unterbrechung, beim Anblick Gottes und der Herrlichkeiten seines Reichs, wogegen ja das Schönste in dieser Welt unrein und häßlich sein muß. Ewige, selige Contemplation!
Da kann ihn eine gewaltige Sehnsucht, ein heftiges Verlangen, wie er noch keines empfunden hat, ergreifen und sein Wille sich entzünden. Das Herz hat den Gedanken ergriffen und läßt ihn nicht mehr los: der Gedanke ist zur Denkungsart geworden. Nur auf Eines ist fortan das Verlangen gerichtet: auf das ewige Leben und seinen Frieden. Und in dem Maße, als dieses Verlangen glühender wird, stirbt er mehr und mehr der Welt ab. Alle Motive, die seinen Charakter erregen könnten, werden von dem einen Motiv: selig nach dem Tode zu sein, besiegt, und der Dorn|busch
i193 trägt thatsächlich Aprikosen, ohne daß ein Wunder oder ein Zeichen geschehen wäre. Es ist, als ob die Thaten aus einem guten Willen flössen und sie tragen den Stempel der Moralität. Der Mensch handelt in Uebereinstimmung mit den Geboten Gottes, an den er fest glaubt, und er hat das Himmelreich schon auf Erden; denn was ist das Himmelreich Anderes, als Herzensfrieden?
»Sehet das Reich Gottes ist inwendig in euch.«
17.
Die Umwandlung des Willens durch Erkenntniß ist eine Thatsache, an der die Philosophie nicht vorübergehen darf; ja, sie ist das wichtigste und bedeutsamste Phänomen in dieser Welt. Sie ist aber selten. Sie vollzieht sich an Einzelnen in der Stille und manchmal geräuschvoll an Mehreren zu gleicher Zeit, immer mit Nothwendigkeit.
Die Erkenntniß ist Bedingung, und zwar die klare Erkenntniß eines sicheren, großen Vortheils, der alle anderen Vortheile überwiegt. Dies müssen wir festhalten als eine Fundamental-Wahrheit der Ethik. Die heiligste Handlung ist nur scheinbar selbstlos; sie ist, wie die gemeinste und niederträchtigste, egoistisch, denn kein Mensch kann gegen sein Ich, sein Selbst, handeln: es ist schlechterdings unmöglich.
Es ist aber ein Unterschied zu machen, da illegale, legale und moralische Handlungen streng von der Philosophie auseinander gehalten werden können, ob sie gleich alle egoistisch sind, und sage ich deshalb, daß alle illegalen (vom Gesetze verbotenen) und alle legalen (mit Widerwillen, aus Furcht vor Strafe ausgeführten) Handlungen dem natürlichen Egoismus und alle moralischen Handlungen (sie mögen aus einem angeborenen guten oder aus einem entzündeten Willen entspringen) dem geläuterten Egoismus entfließen. Hierdurch sind sämmtliche menschlichen Handlungen, welche den Ethiker interessiren, classificirt. Ihr nothwendig egoistischer Charakter ist gewahrt und dennoch ein wesentlicher Unterschied gesetzt. Man kann auch sagen: der Egoismus ist die gemeinschaftliche Wurzel zweier Stämme: des natürlichen (rohen) und des geläuterten Egoismus, und zu irgend einem dieser Stämme gehört jede Handlung.
i194
18.
Je größer der Vortheil ist, je sicherer er ist, desto schneller entzündet sich der Wille an einer klaren Erkenntniß desselben; ja es ist sicher, daß der Wille sich entzünden muß, wenn der Vortheil alle anderen schwer überwiegt und von dem betreffenden Individuum nicht angezweifelt wird. Es ist hierbei ganz gleichgültig, ob der Vortheil wirklich ein großer und sicherer ist, oder ob er nur in der Einbildung als ein solcher besteht. Mögen alle Anderen ihn verurtheilen und belachen, wenn nur das betreffende Individuum nicht an demselben zweifelt und von seiner Größe durchdrungen ist.
Die Geschichte belegt die Thatsache der moralischen Entzündung des Willens unwidersprechlich. Man wird einerseits nicht an der wahren und echten Vaterlandsliebe der Griechen zur Zeit der Perserkriege, andererseits nicht daran zweifeln, daß gerade ihnen das Leben besonders werthvoll erscheinen mußte; denn was fehlte diesem begnadeten Volke? Es war der einzige Zweig der Menschheit, der eine schöne glückliche Jugend hatte; allen anderen erging es wie den Individuen, die, durch irgend welche Umstände, nicht zum Bewußtsein ihrer Jugend kommen und das ihnen vorenthaltene Glück erst sterbend verschmerzen. Und gerade weil die Griechen das Leben in ihrem Lande zu schätzen wußten, mußten sie in gluthvoller Vaterlandsliebe ihre Bürgerpflicht ausüben; denn sie waren ein kleines Volk, als sie von der colossalen Uebermacht der Perser angegriffen wurden, Jeder mußte überzeugt sein, daß nur dann, wenn Jeder mit seinem Leben einstand, der Sieg möglich wäre, und Jeder wußte, welches Loos ihm eine Niederlage brachte: Fortschleppung in die Sklaverei. Da mußte sich der Wille entzünden, da mußte jeder Mund aussprechen: lieber den Tod!
Wie anders, beiläufig bemerkt, liegen die Verhältnisse heutzutage. Gewiß verliert noch ein besiegtes Culturvolk viel; aber der Nachtheil ist bedeutend kleiner als früher, und die meisten Individuen kommen gar nicht dazu, ihn zu erkennen. Dabei wirkt das zersetzende Gift des Kosmopolitismus, das, in den jetzigen Verhältnissen, nur mit der größten Vorsicht einem Volke eingegeben werden darf, wenn es günstig wirken soll. »Alle Menschen sind Brüder; wir kämpfen nicht gegen unsere Brüder; die Welt ist unser Vaterland«; so rufen die unreifsten Geister, die nicht einmal die Geschichte ihres Landes, geschweige den mühesamen Gang der Menschheit nach einem |
i195 einzigen großen, unwandelbaren Gesetze kennen, das sich in den verschiedensten Gestaltungen offenbart. Und darum trifft man jetzt so selten die echte ausdauernde Vaterlandsliebe an, die nicht verwechselt werden darf mit Rauflust oder mit dem rasch verfliegenden patriotischen Rausch. –
Ferner bewirkte der echte felsenfeste Glaube die plötzlichsten Bekehrungen. Man erinnere sich an die erhebenden Erscheinungen aus den drei ersten Jahrhunderten des Christenthums. Menschen, welche noch am Tage vor ihrer Umwandlung durch und durch weltlich gesinnt waren, schwelgten und praßten, dachten auf einmal an nichts Anderes mehr, als an das Heil ihrer unsterblichen Seele und verhauchten gern ihr Leben unter den gräßlichsten Martern. War ein Wunder geschehen? In keiner Weise! Sie hatten deutlich erkannt, wo ihr Heil lag; sie hatten erkannt, daß Jahre der Qual Nichts sind, gehalten gegen eine qualvolle Ewigkeit; daß das glücklichste irdische Leben Nichts ist gegen die ewige Seligkeit. Und die Unsterblichkeit der Seele, sowie ein Gericht, wie die Kirche es lehrte, wurde geglaubt. Da mußte der Mensch in die Wiedergeburt, da mußte sich der Wille entzünden, wie der Stein zur Erde muß. Wie er vorher prassen und ängstlich bemüht sein mußte, jeden Schmerz von sich abzuhalten, so mußte er jetzt den Armen seine Habe schenken und gehen, um zu bekennen: »ich bin ein Christ«; denn es war einfach über Nacht ein unwiderstehlich starkes Motiv in sein Wissen getreten:
Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater.
(Matth. 10.)
Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr.
(Matth. 5.)
Die Atmosphäre war so erfüllt von der neuen Lehre, daß sie sogar eine geistige Epidemie hervorrief. Es drängten sich ganze Massen um das Tribunal der römischen Statthalter und erflehten den qualvollsten Tod. Wie Tertullian erzählt, rief ein Prätor einer solchen Menge zu: »Elende! Wenn ihr sterben wollt, so habt ihr ja Stricke und Abgründe«. Er wußte nicht, daß es sich um das Himmelreich handelte und dieses am leichtesten, der Verheißung gemäß, durch den Märtyrertod erlangt wurde.
Sehen wir indessen von den Märtyrern ab und betrachten die einfacheren Erscheinungen, so strahlt uns von allen Seiten die reine echte Nächstenliebe bei Menschen entgegen, aus deren Charakter sie |
i196 nicht fließen konnte. Sie waren Alle wie verwandelt, aber – das wollen wir fest halten – mit Nothwendigkeit, auf ganz natürliche Weise.
19.
Die moralische Entzündung des Willens ist eine Thatsache, die ich im Vorhergehenden rein immanent zu erklären versuchte. Sie ist eine Thatsache, wie die Umwandlung des normalen Zustandes einer chemischen Idee in den electrischen, wie die Umwandlung des normalen Zustandes des Menschen in den Affekt. Ich will sie die moralische Begeisterung nennen. Sie ist, wie die aesthetische, eine Doppelbewegung, aber wesentlich von ihr verschieden. Zunächst ist sie nicht, wie diese, eine zusammenhängende Bewegung, denn ihre Theile liegen in der Zeit weit auseinander. Der erste Theil, zusammengerückt, ist ein durch geniales Erkennen hervorgerufenes heftiges Schwanken des Willens zwischen Lust und Unlust, während der erste Theil der aesthetischen Begeisterung der schmerzlose aesthetische Zustand ist. Ihr zweiter Theil dagegen ist kein heftiges Ausströmen des Willens, sondern der reine Herzensfriede. Dieser Herzensfriede ist einer Steigerung fähig, was sehr merkwürdig ist. Er kann sich nämlich, unter dem fortgesetzten Einfluß der klaren Erkenntniß (also nicht durch die Unlust einer Begierde), steigern zu:
1) dem moralischen Muth,
2) der moralischen Freude,
3) der moralischen Liebe.
Das Individuum, welches in der moralischen Begeisterung steht, sie sei nun eine vorübergehende oder anhaltende, sie sei auf dem reinen Boden des Staates, oder mit Hülfe des Glaubens, oder durch den Glauben allein entstanden, hat nur das eine Ziel im Auge, wo sein wirklicher oder vermeintlicher Vortheil liegt, und für alles Andere ist es todt. So stößt der Edle, der sich an der Mission seines Vaterlandes entzündet hat, Weib und Kind zurück mit den Worten: »bettelt, wenn ihr hungrig seid«; so bricht der Gerechte lieber am Wege zusammen und verhungert stumm, als daß er seine reine, lichte Seele mit Schlechtigkeit beflecke; so verläßt der Heilige seine Mutter, seine Schwestern und Brüder, ja, er verleugnet sie und spricht: »wer ist meine Mutter und meine Brüder?« denn alle |
i197 Bande, die ihn an die Welt gefesselt hielten, sind zerrissen, und nur sein ewiges Leben hält sein ganzes Wesen gefangen.
20.
Wir haben gesehen, daß eine moralische Handlung darin besteht, daß sie mit den Satzungen des Staates und des Christenthums übereinstimmt und gern geschieht, und haben dabei keinen Unterschied gemacht, ob sie aus einem ursprünglich guten, oder einem entzündeten Willen entspringt. Wir haben ferner gesehen, daß sich der Wille nur an der klaren Erkenntniß eines großen Vortheils entzünden kann. Dies ist sehr wichtig und muß festgehalten werden.
Es erhellt endlich aus dem Bisherigen, daß ein echter Christ, dessen Wille sich durch und durch an der Lehre des milden Heilands entzündet hat – also ein Heiliger – der denkbar glücklichste Mensch ist; denn sein Wille ist einem klaren Wasserspiegel zu vergleichen, der so tief liegt, daß ihn der stärkste Sturm nicht kräuseln kann. Er hat den vollen und ganzen inneren Frieden, den Nichts mehr auf dieser Welt, und wäre es das, was die Menschen als das größte Unglück ansehen, beunruhigen und trüben kann. Hierbei wollen wir auch bemerken, daß die Umwandlung zwar nur geschehen kann durch die klare Erkenntniß des großen Vortheils, daß aber, nachdem sie sich vollzogen hat, die Hoffnung auf das Himmelreich nach dem Tode ganz verschwinden kann, wie das Zeugniß »vergotteter« Menschen (wie die Mystiker sagen) deutlich beweist. Der Grund liegt zu Tage. Sie stehen in einer solchen inneren Freudigkeit, Ruhe und Unanfechtbarkeit, daß ihnen Alles gleichgültig wird: das Leben, der Tod und das Leben nach dem Tode. Sie haben an ihrem Zustand die Gewißheit, daß er gar nicht vergehen kann, und das Himmelreich, das in ihnen ist, schließt das Himmelreich, das erst kommen soll, vollkommen in sich. Sie leben unaussprechlich selig in der Gegenwart allein, d.h. im Gefühl beständiger innerer Unbeweglichkeit, wenn dies auch nur eine Täuschung ist; oder mit anderen Worten: der flüchtige Zustand der tiefsten aesthetischen Contemplation ist beim Heiligen permanent geworden, er dauert immer fort, weil Nichts in der Welt im Stande ist, den innersten Kern des Individuums zu bewegen. Und wie bei der aesthetischen Contemplation das Subjekt sowohl, als das Objekt, aus der Zeit herausgehoben sind, so lebt auch der Heilige zeitlos; |
i198 ihm ist unbeschreiblich wohl in dieser scheinbaren Ruhe, dieser dauernden inneren Unbeweglichkeit, ob sich gleich noch der äußere Mensch bewegen, empfinden und leiden muß. Und dieses Leben würde er nicht lassen:
ob er auch eines Engels Leben dafür haben möchte.
(Der Franckforter.)
Hier finde auch die Ekstase oder die intellectuelle Wonne einen Platz. Sie ist wesentlich von dem gleichmäßigen, ruhigen Frieden des Heiligen verschieden. Sie entspringt der heftigen Begierde, das Reich Gottes schon in dieser Welt zu sehen. Der Wille, durch Kasteiung und Einsamkeit in die furchtbarste Aufregung gebracht, concentrirt seine ganze Kraft in einem einzigen Organ. Er zieht sich aus dem peripherischen Nervensysteme zurück und flüchtet sich gleichsam in das Gehirn. Das Nervenleben wird dadurch auf die höchstmögliche Stufe getrieben, die Eindrücke der Sinne werden vollständig überwunden, und nun zeichnet der Geist in die Leere, wie im Schlafe, das, was der Wille so sehr zu erblicken verlangt. Aber während der Vision sind die Augen des Verzückten offen und sein Bewußtsein ist klarer und heller als je. In der Verzückung muß der Mensch die denkbar höchste Wonne empfinden, weshalb man den Zustand auch sehr treffend die intellectuelle Wonne genannt hat; aber wie theuer wird sie erkauft! Die Unlust vorher und die furchtbare Erschlaffung nachher machen sie zum kostspieligsten Genuß.
21.
Die immanente Philosophie muß den Zustand des Heiligen als den glücklichsten anerkennen; aber kann sie die Ethik schließen, nachdem sie das größte Glück des Menschen beleuchtet und gezeigt hat, wie auch ein schlechter Wille, trotzdem ihm das liberum arbitrium fehlt, seiner theilhaftig werden kann? Durchaus nicht. Denn wenn auch der echte Heilige:
in einer Freiheit steht, also daß er verloren hat Furcht der Pein oder der Hölle und Hoffnung des Lohns oder des Himmelreichs,
(Der Franckforter.)
so konnte sich doch nur sein Wille entzünden an dieser Hoffnung des Lohns oder des Himmelreichs, weil es ein Fundamentalsatz der immanenten Ethik ist, den die Erfahrung immer und immer bestätigt, daß der Mensch ohne Vortheil so wenig gegen seinen Charakter |
i199 handeln kann, wie das Wasser bergauf laufen kann ohne entsprechenden Druck.
Es ist also der Glaube eine conditio sine qua non des seligsten Zustands, während sich die immanente Philosophie nur vorübergehend, um die Ethik zu entwickeln, gleichsam ihr Gebiet abzustecken, auf den Boden des Christenthums stellen durfte. Das Resultat unserer bisherigen Forschungen ist demnach, daß wir wohl den glücklichsten Zustand des Menschen gefunden haben, aber unter einer Voraussetzung, die wir nicht anerkennen dürfen, und die Ethik kann nicht eher abgeschlossen werden, als bis wir untersucht haben, ob dieser selige Zustand auch aus einem immanenten Erkenntnißgrunde fließen kann, oder ob er schlechterdings Jedem, der nicht glauben kann, verschlossen ist, d.h. wir stehen vor dem wichtigsten Problem der Ethik. Gewöhnlich faßt man dasselbe in die Frage nach der wissenschaftlichen Grundlage der Moral, d.h. ob auch Moral begründet werden könne, ohne Dogmen, ohne die Annahme eines offenbarten göttlichen Willens. Hatte St. Johannes Recht, als er schrieb:
Wer ist aber, der die Welt überwindet, ohne der da glaubet, daß Jesus Gottes Sohn ist?
(1. Epist. 5, 5.)
22.
Die immanente Philosophie, welche keine anderen Quellen, als die offen vor den Augen Aller liegende Natur und unser Inneres anerkennen kann, verwirft die Annahme einer verborgenen einfachen Einheit in, über oder hinter der Welt. Sie kennt nur unzählige Ideen, d.h. individuelle Willen zum Leben, die, in ihrer Gesammtheit, eine fest in sich geschlossene Collectiv-Einheit bilden.
Wir erkennen mithin auf unserem jetzigen Standpunkte keine andere Autorität zunächst an, als die von den Menschen errichtete des Staates. Sie ist mit Nothwendigkeit in die Erscheinung getreten, weil der mit Vernunft begabte Wille, nach richtiger Erkenntniß des Wesens zweier Uebel, das kleinere wählen muß. Er kann nicht anders handeln; denn sehen wir einen Menschen von zwei Uebeln das größere wählen, so haben wir uns entweder in der Beurtheilung geirrt, weil wir uns nicht in die Individualität des Wählenden versenken konnten, oder er hat nicht erkannt, daß das gewählte Uebel das größere war. Hätte er in letzterem Falle unseren |
i200 Geist gehabt, der sich über die Wahl wundert, so hätte er nicht wählen können, wie er gewählt hat. Dieses Gesetz steht so fest wie das, daß jede Wirkung eine Ursache haben muß.
Der einsichtige Mensch kann nicht wollen, daß der Staat vernichtet werde. Wer dies aufrichtig will, der will nur eine vorübergehende Außerkraftsetzung der Gesetze, nämlich so lange, als er Zeit braucht, um sich eine günstige Situation zu verschaffen. Hat er diese erlangt, so will er mit derselben Inbrunst den Schutz der Gesetze, mit der er vorher deren Suspension wollte.
Der Staat ist also für die natürlichen Egoisten ein nothwendiges Uebel, welches sie ergreifen müssen, weil es das kleinere von zweien ist. Stießen sie es wieder um, so würden sie das größere dafür in Händen haben.
Der Staat verlangt nur Aufrechterhaltung des Staatsvertrags, strenge Erfüllung der eingegangenen Verpflichtung, nämlich die Gesetze zu achten und den Staat zu erhalten. Wir dürfen annehmen, daß so gut wie kein Mensch diese Pflichten gern erfüllt; denn selbst der Mensch mit einem guten Herzen wird nicht immer redlich gegen seine Mitmenschen handeln und meistens ungern dem Staate zahlen, sowie unwillig seiner Militärpflicht genügen, wenn ihn nicht unüberwindliche Neigung zum Soldatenstand zieht. Wir wollen indessen vorsichtig zugestehen, daß es Menschen giebt, die von Natur aus von unverbrüchlicher Redlichkeit sind und ihr Vaterland aufrichtig und von Herzen lieben. Sie geben Jedem das Seine gern und bringen gern dem Staate die Opfer, welche er zu seiner Erhaltung von ihnen fordern muß. Ihr Friede – ihr Glück – wird demnach durch alle diese Handlungen nicht gestört. Wir scheiden sie aus und beschäftigen uns jetzt mit jenen, welche nur aus Furcht vor Strafe und mit dem größten Widerwillen den Staatsgesetzen sich unterwerfen. Sie haben keinen Frieden in sich und sind unglücklich vor den Gesetzen. Ihr Charakter zieht sie nach dieser Richtung und die Gewalt nach jener. So werden sie hin- und hergezerrt und stehen Qualen aus. Fallen sie auf die Seite der Gewalt, so opfern sie mit grollendem Herzen; folgen sie dagegen ihrer Neigung, weil das angedrohte Uebel durch Reflexion (Wahrscheinlichkeit, nicht entdeckt zu werden) kraftlos wird, so schweben sie, nach vollbrachter That, in Furcht vor Entdeckung und werden ihres Gewinns nicht froh. Wird gar das Verbrechen entdeckt und trifft sie die Strafe, so quält |
i201 das Gewissen in unerträglicher Weise, und gegen den Zwang und die endlose Kette von Entbehrungen stürmt ohne Ruhe das freiheitsbedürftige Herz an: erfolglos und unglücklich.
Nun gehen wir weiter und denken uns, daß viele solcher Menschen, die nur aus Furcht vor Strafe gehorsam sind, sich an der klaren Erkenntniß ihres Vortheils entzünden. Wir sehen einstweilen davon ab, daß der erkannte Vortheil der Redlichkeit, wie er aus einer Betrachtung, wie die oben angestellte, hervorspringen könnte, so gut wie nicht wirken kann. Sehr schön drückt dies St. Paulus in dem Satze aus:
Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Uebertretung. Derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen.
(Röm. 4, 15. 16.)
Wir sehen ferner davon ab, daß der erkannte Vortheil des Staatsschutzes heutzutage gleichfalls den Willen nur höchst selten entzünden kann und nehmen an, daß die Entzündung überhaupt zu Stande komme.
Auf diese Weise haben wir, mit Absicht auf die Gesetze, glückliche Menschen im Staate: Gerechte durch natürliche Anlage und Gerechte durch erleuchteten Willen. Ja wir wollen so weit gehen und annehmen, es gäbe nur Gerechte in unserem Staate. In diesem Staate leben mithin alle Bürger in Uebereinstimmung mit den Gesetzen und werden durch die Forderungen der staatlichen Autorität nicht unglücklich. Jeder giebt Jedem das Seine, aber auch nicht mehr. Es herrscht volle Redlichkeit im ganzen Verkehr; Niemand betrügt; Alle sind ehrlich. Kommt aber ein hungriger Armer zu ihnen und verlangt ein Stückchen Brod, so schlagen sie die Thüre vor ihm zu, mit Ausnahme Derjenigen, welche barmherzig sind; denn würden diese nicht geben, so würden sie ja gegen ihren Charakter handeln und unglücklich sein.
Wir haben mithin in unserem Staate nur eine beschränkte Moralität; denn alle Handlungen, die in Uebereinstimmung mit den Gesetzen sind und gern geschehen, haben moralischen Werth und sind nicht bloß legal. Der Barmherzige aber handelt nicht moralisch, wenn er die Nothleidenden aufrichtet, so wenig wie der Hartherzige illegal handelt, wenn er den Armen vor seiner Thüre verhungern läßt; denn es ist kein Gesetz vorhanden, welches Wohlthätigkeit |
i202 befiehlt und es ist eine der Bedingungen für eine moralische Handlung, daß sie mit dem Gesetze übereinstimme. Natürlich kann auch der Barmherzige nicht illegal handeln, wenn er den Dürftigen unterstützt. Seine Handlung hat überhaupt keinen besonderen Charakter, sondern trägt nur den allgemeinen egoistischen. Er folgt lediglich seinem geläuterten Egoismus, verstößt gegen kein Gesetz und ist glücklich.
Gegen diese Auseinandersetzung lehnt sich unser Inneres auf, und wir fühlen, daß sie falsch sein müsse. Dies ist jedoch auf unserem jetzigen Standpunkte keineswegs der Fall. Was in unserem Gefühl wirkt, ist entweder Barmherzigkeit, oder Spuk aus unseren Lehrjahren; denn wenn wir uns auch noch so sehr emancipirt von allen Vorurtheilen dünken, so tragen wir doch Alle, mehr oder weniger, Ketten des Glaubens, Ketten theurer Erinnerungen, Ketten liebevoller Worte aus verehrtem Munde. Auf unserem jetzigen Standpunkte aber darf nur die kalte Vernunft sprechen und sie muß sprechen wie oben. Es kann sich später eine andere Lösung herausstellen: jetzt ist es unmöglich. Die Autorität der Religion existirt nicht für uns, und an ihre Stelle ist noch keine andere getreten. Wäre es nicht eine offenbare Thorheit, wenn sich der Hartherzige zu Gunsten des Armen beschränkte, d.h. gegen seinen Charakter handelte, ohne zureichendes Motiv? Ja, wäre es denn überhaupt nur möglich? Und wie sollte eine barmherzige That moralisch sein ohne den Willen eines allmächtigen Gottes, der die Werke der Nächstenliebe gebietet?
Aus diesem Grunde würden wir auch einen Irrweg einschlagen, wollten wir die Barmherzigkeit, oder den Zustand, in den fremdes Leid den barmherzigen Willen versetzt: das Mitleid, zur Grundlage der Moral machen. Denn wie dürften wir uns anmaßen zu dekretiren: barmherzige Thaten, Thaten aus Mitleid sind moralische Thaten? Ihre Unabhängigkeit von einer gebietenden Autorität würde gerade verhindern, daß sie es sein können. Hätte nicht Jeder das Recht, unser unverschämtes Dekret umzustoßen? Und was wollten wir dem Hartherzigen oder Grausamen antworten, wenn er mit dem ganzen Trotze seiner rebellischen Individualität uns früge: »wie könnt ihr, ohne die Annahme des allmächtigen Gottes, sagen, daß ich unmoralisch handle? Ich behaupte mit demselben Rechte, daß barmherzige Thaten unmoralisch sind.« Seid aufrichtig! Könntet |
i203 ihr ihm antworten, ohne euch auf den Boden der christlichen oder überhaupt einer Religion zu stellen, welche die Nächstenliebe im Namen einer anerkannten Macht gebietet?
Wir müssen also einstweilen dabei bleiben, daß in unserem gedachten Staate barmherzige Thaten nicht moralisch sein können, weil keine Macht sie gebietet und Handlungen nur dann moralischen Werth haben, wenn sie gern geschehen und mit einem Gesetze übereinstimmen.
Die Bürger unseres gedachten Staates sind, wie angenommen wurde, Alle gerecht, d.h. sie kommen nie in Zwiespalt mit sich selbst, wenn der Staat eine Forderung, zu deren Leistung sie sich durch Vertrag verpflichteten, an sie stellt. Sie gehorchen gern und es ist deshalb unmöglich, daß die Gesetze sie unglücklich machen können.
Nun gehen wir weiter und sagen: gut; fassen wir das Leben dieser Bürger nur in seiner Beziehung zum Staate und dessen Grundgesetzen auf, so ist es ein glückliches. Aber das Leben ist doch keine Kette von nichts Anderem, als erfüllten Pflichten gegen den Staat: von unterlassenem Diebstahl, unterlassenem Mord, Steuerzahlungen und Kriegsdienst; die anderen Beziehungen wiegen entschieden darin vor. Und deshalb fragen wir: Sind unsere Gerechten auch sonst glücklich?
Diese Frage ist sehr wichtig, und ehe sie beantwortet ist, können wir keinen Schritt vorwärts in der Ethik machen. Unsere nächste Aufgabe besteht demnach darin, ein Urtheil über den Werth des menschlichen Lebens selbst abzugeben.
23.
Ich weiß wohl, daß alle Diejenigen, welche nur ein einziges Mal rein objektiv über den Werth des Daseins nachgedacht haben, das Urtheil des Philosophen nicht mehr bedürfen; denn entweder sind sie zur Ueberzeugung gelangt, daß aller menschliche Fortschritt nur ein scheinbarer sei, oder zu der anderen, daß das Menschengeschlecht sich thatsächlich immer durch bessere Zustände nach besseren bewege: in beiden Fällen aber wurde schmerzlich bekannt, daß das menschliche Leben in seinen jetzigen Formen ein wesentlich unglückliches sei.
Auch würde ich mich nicht dazu verstehen können, das jetzige |
i204 Leben zu prüfen. Andere haben dies gethan und haben es so meisterhaft gethan, daß für jeden Einsichtigen die Acten darüber geschlossen sind. Nur Diejenigen, welche keinen Ueberblick über das Leben in allen seinen Formen haben, oder Diejenigen, deren Urtheil ein noch zu heftiger Drang nach Leben fälscht, können ausrufen: es ist eine Lust zu leben und Jeder muß sich glücklich preisen, daß er athmet und sich bewegt. Mit ihnen soll man sich in keine Discussion einlassen, eingedenk der Worte des Skotus Erigena:
Adversus stultitiam pugnare nil est laboriosius. Nulla enim auctoritate vinci fatetur, nulla ratione suadetur.
Sie haben noch nicht genug gelitten und ihre Erkenntniß liegt im Argen. Sie werden, wenn nicht in ihrem individuellen Leben noch, so doch in ihren Nachkommen einst erwachen, und ihr Erwachen wird ein schreckliches sein.
Nicht mit dem Leben, wie es jetzt im freiesten und besten Staat dahinfließt, werden wir uns also befassen, – denn es ist verurtheilt – sondern wir nehmen den Standpunkt der erwähnten vernünftigen Optimisten ein, welche in die Zukunft blicken und der ganzen Menschheit dereinst ein glückliches Leben zusprechen, weil die reale Entwicklung immer vollkommeneren Zuständen entgegen nicht geleugnet werden kann. Wir werden mithin einen idealen Staat zu construiren und das Leben in ihm zu beurtheilen haben. Wir lassen ganz dahingestellt, ob derselbe je in der Entwicklung der Dinge liegen könne; aber es ist klar, daß wir ihn construiren dürfen, weil wir ja bestrebt sind, das Leben in einem günstigen Lichte zu erblicken.
Wir stellen uns gleich mitten in diesen idealen Staat, ohne uns mit seinem Werden zu beschäftigen.
Er umfaßt »Alles, was Menschengesicht trägt«, er umfaßt die ganze Menschheit. Es giebt keine Kriege mehr und keine Revolutionen. Die politische Macht ruht nicht mehr in bestimmten Klassen, sondern die Menschheit ist ein Volk, das nach Gesetzen lebt, an deren Abfassung Alle mitgewirkt haben. Das sociale Elend ist erloschen. Die Arbeit ist organisirt und drückt keinen mehr. Der Erfindungsgeist hat sämmtliche schweren Arbeiten auf Maschinen abgewälzt und die Leitung derselben raubt den Bürgern nur wenige Stunden des Tages. Jeder, der erwacht, kann sagen: der Tag ist mein.
i205 The whips and scorns of time,
The oppressor ’s wrong, the proud man ’s contumely,
— — — —, the law ’s delay,
The insolence of office, and the spurns
That patient merit of the unworthy takes.
(Shakespeare.)
(Der Zeiten Spott und Geißel,
Des Mächt’gen Druck, des Stolzen Mißhandlungen
— — — — des Rechtes Aufschub,
Der Uebermuth der Aemter, und die Schmach,
Die Unwerth schweigendem Verdienst erweist –)
alles Dieses ist getilgt.
Die Armuth ist von der Erde, wo sie entsetzliches Unglück Jahrtausende lang anrichtete, entflohen. Jeder lebt ohne Sorgen um des Leibes Nothdurft. Die Wohnungen sind gesund und bequem. Keiner kann mehr den Anderen ausbeuten, denn um den Stärkeren sind Schranken gelegt, und den Schwächeren schützt die Gesammtheit.
Wir nehmen also an, daß die mißlichen politischen und socialen Verhältnisse, deren Betrachtung so Viele zur Ueberzeugung führte, daß das Leben der Mühe darum nicht werth sei, sämmtlich zum Wohle jedes Menschen geordnet seien. Wenig Arbeit, viel Vergnügen: das ist die Signatur des Lebens in unserem Staate.
Zugleich nehmen wir an, daß die Menschen, im Laufe der Zeit, durch Leiden, Erkenntniß und allmähliche Entfernung aller schlechten Motive, maßvolle und harmonische Wesen geworden sind, kurz, daß wir es nur noch mit schönen Seelen zu thun haben. Sollte wirklich noch irgend etwas in unseren Staate sein, was die Leidenschaft oder den Seelenschmerz erregen könnte, so findet das erregte Individuum bald sein Gleichgewicht wieder und die harmonische Bewegung ist wieder hergestellt. Das große Unglück, dem leidenschaftliche Charaktere nicht entrinnen können:
The heart-ache, and the thousand natural shocks
That flesh is heir to,
(Shakespeare.)
(Das Herzweh und die tausend Stöße,
Die uns’res Fleisches Erbtheil –)
auch Dieses ist von der Erde verschwunden.
Der überspannteste Anbeter des Willens zum Leben wird eingestehen müssen, daß in Anbetracht, daß der Mensch nicht ganz frei |
i206 von Arbeit sein kann, da er essen, sich kleiden und wohnen muß eine bessere gesellschaftliche Ordnung und Wesen, welche die Bedingungen zu einem besseren Leben in sich trügen, nicht möglich sind; denn wir haben allen Menschen eine edle Individualität gegeben und vom Leben Alles fortgenommen, was man als nicht wesentlich damit verbunden ansehen kann.
Es verbleiben mithin nur vier Uebel, die durch keine menschliche Macht vom Leben getrennt werden können: Wehen der Geburt, sowie Krankheit, Alter und Tod jedes Individuums. Der Mensch im allervollkommensten Staate muß mit Schmerzen geboren werden, er muß eine kleinere oder größere Anzahl von Krankheiten durchmachen, er muß, wenn ihn nicht
in der Jugend Kraft
Die Norne rafft, (Uhland)
alt, d.h. körperlich siech und geistig stumpf werden; schließlich muß er sterben.
Die kleineren mit dem Dasein verknüpften Uebel rechnen wir für Nichts; doch wollen wir einige davon erwähnen. Wir haben zuerst den Schlaf, der ein Drittel der Lebenszeit raubt (ist das Leben eine Freude, so ist selbstverständlich der Schlaf ein Uebel); dann die erste Kindheit, welche nur dazu dient, den Menschen mit den Ideen und ihrem Zusammenhang soweit vertraut zu machen, um sich in der Welt zurecht finden zu können (ist das Leben eine Freude, so ist die erste Kindheit selbstredend ein Uebel); dann die Arbeit, die sehr richtig im alten Testament als Folge eines göttlichen Fluchs hingestellt wird; endlich verschiedene Uebel, welche Papst Innocenz III., wie folgt, zusammenstellte:
Unreine Erzeugung, ekelhafte Ernährung im Mutterleibe, Schlechtigkeit des Stoffs, woraus der Mensch sich entwickelt, scheußlicher Gestank, Absonderung von Speichel, Urin und Koth.
Man halte diese Uebel nicht für allzu gering. Wer eine gewisse Stufe der Nervenverfeinerung erreicht hat, nimmt mit Recht Anstoß an mehreren derselben. Konnte doch Byron die Gräfin Guiccioli nicht einmal essen sehen, wovon der Grund viel tiefer lag, als der englische spleen liegt.
Wir übergehen, wie gesagt, diese Uebel und verbleiben bei den erwähnten vier Hauptübeln. Aber auch von diesen legen wir drei auf die Seite. Wir nehmen an, daß die Geburt des Menschen in |
i207 Zukunft ohne Schmerzen von Statten gehe, daß es der Wissenschaft gelinge, den Menschen vor jeder Krankheit zu bewahren, schließlich, daß das Alter solcher beschirmten Menschen ein frisches und kräftiges sei, welchem ein sanfter schmerzloser Tod plötzlich ein Ende mache (Euthanasie).
Nur den Tod können wir nicht fortnehmen, und wir haben mithin ein kurzes leidloses Leben vor uns. Ist es ein glückliches? Sehen wir es genau an.
Die Bürger unseres idealen Staates sind Menschen von sanftem Charakter und entwickelter Intelligenz. Ein, so zu sagen, fertiges Wissen, frei von Verkehrtheit und Irrthum, ist ihnen eingeprägt worden, und, wie sie auch darüber nachdenken mögen, sie finden es immer bestätigt. Es giebt keine Wirkungen mehr, deren Ursachen räthselhaft wären. Die Wissenschaft hat thatsächlich den Gipfel erreicht, und jeder Bürger wird mit ihrer Milch gesättigt. Der Schönheitssinn ist mächtig in Allen entfaltet. Dürfen wir auch nicht annehmen, daß Alle Künstler sind, so haben sie doch Alle die Fähigkeit, leicht in die aesthetische Relation einzutreten.
Alle Sorgen sind von ihnen genommen, denn die Arbeit ist in unübertrefflicher Weise organisirt und Jeder regiert sich selbst.
Sind sie glücklich? Sie wären es, wenn sie nicht eine entsetzliche Oede und Leere in sich empfänden. Sie sind der Noth entrissen, sie sind wirklich ohne Sorgen und Leid, aber dafür hat die Langeweile sie erfaßt. Sie haben das Paradies auf Erden, aber seine Luft ist erstickend schwül.
Man muß etwas zu wünschen übrig haben, um nicht vor lauter Glück unglücklich zu sein. Der Leib will athmen und der Geist streben.
(Gracian.)
Sollten sie wirklich noch genug Energie haben, um ein solches Leben bis zum natürlichen Tode zu ertragen, so haben sie gewiß nicht den Muth, es nochmals, als verjüngte Wesen, durchzumachen. Die Noth ist ein schreckliches Uebel, die Langeweile aber das schrecklichste von allen. Lieber ein Dasein der Noth, als ein Dasein der Langeweile, und daß schon jenem die völlige Vernichtung vorzuziehen ist, muß ich gewiß nicht erst nachweisen. Und so hätten wir zum Ueberfluß auch indirekt gezeigt, daß das Leben im besten Staate unserer Zeit werthlos ist. Das Leben überhaupt ist ein »elend jäm|merliches
i208 Ding«: es war immer elend und jämmerlich und wird immer elend und jämmerlich sein, und Nichtsein ist besser als Sein.
24.
Nun könnte man aber sagen: wir geben Alles zu, nur nicht, daß das Leben in diesem idealen Staate wirklich langweilig sei. Du hast den Bürger falsch gezeichnet und deine Schlüsse aus seinem Charakter und seinen Beziehungen sind deshalb falsch.
Durch einen direkten Beweis kann ich diesen Zweifel nicht heben; wohl aber durch einen indirekten.
Ich werde mich nicht auf den allgemein anerkannten Erfahrungssatz stützen, daß Leute, welche der Noth glücklich entronnen sind, mit dem Dasein Nichts anzufangen wissen; denn man kann hiergegen mit Recht einwenden, daß sie sich, aus Mangel an Geist oder Bildung, nicht zu beschäftigen wüßten. Noch weniger werde ich das Dichterwort zu Hülfe rufen:
Alles in der Welt läßt sich ertragen,
Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.
(Goethe.)
obgleich es eine unumstößliche Wahrheit ausspricht. Ich stütze mich lediglich darauf, daß, wenn es auch auf dieser Erde noch keinen idealen Staat gegeben hat, doch schon viele Bürger, wie ich sie oben schilderte, gelebt haben. Sie waren frei von Noth und führten ein behaglich arbeitsames Leben. Sie hatten einen edlen Charakter und einen hochentwickelten Geist, d.h. sie hatten eigene Gedanken und nahmen fremde nicht ungeprüft in sich auf.
Alle diese Einzelnen hatten den großen Vorzug vor den gedachten Bürgern eines idealen Staates, daß ihre Umgebung eine viel saftigere und interessantere war. Wohin sie blickten, fanden sie ausgeprägte Individualitäten, eine Fülle von markigen Charakteren. Die Gesellschaft war noch nicht nivellirt und auch die Natur befand sich nur zum kleinsten Theil unter der Botmäßigkeit des Menschen. Sie lebten unter dem Reize der Gegensätze; ihre behagliche eximirte Stellung schwand selten aus ihrem Bewußtsein, denn sie hob sich, wohin sie auch sehen mochten, wie ein helles Bild von dunklem Hintergrund, von den anderen Lebensformen ab. Die Wissenschaft war ferner noch nicht auf dem Gipfel der Vollendung angelangt; noch gab es Räthsel in Menge, Wirkungen genug, über deren Ursachen |
i209 man sich den Kopf zerbrach. Und wer schon empfunden hat, welche reine Freude im Suchen nach der Wahrheit, im Verfolgen ihrer Spur liegt, der wird zugestehen, daß jene Einzelnen thatsächlich im Vortheil waren; denn hatte nicht Lessing Recht, als er ausrief:
Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzig inneren regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und zu mir spräche: wähle! ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke.
Und trotzdem haben alle diese hervorragenden Einzelnen, welche eine Kette bilden, die aus der Urzeit des Menschengeschlechts bis in unsere Tage reicht, das Leben als ein wesentlich glückloses verurtheilt und das Nichtsein über dasselbe gestellt. Ich werde mich nicht damit aufhalten, sie Alle zu nennen und ihre treffendsten Aussprüche zu wiederholen. Ich beschränke mich darauf, zwei von ihnen namhaft zu machen, die uns näher stehen als Budha und Salomo, und die alle Gebildeten kennen: den größten Dichter und den größten Naturforscher der Deutschen, Goethe und Humboldt.
Ist es nöthig, daß ich ihre glücklichen Lebensumstände erzähle, ihren Geist und ihren Charakter preise? Ich will nur wünschen, daß alle Menschen im Besitze einer so vortrefflichen Individualität sein und in so günstiger Lage, wie sie eine hatten, sich befinden möchten. Und was sagte Goethe?
»Wir leiden Alle am Leben.«
»Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von Neuem gehoben sein wollte.«
(Gespräche mit Eckermann.)
Und was sagt Humboldt?
»Ich bin nicht geschaffen, um Familienvater zu sein. Außerdem halte ich das Heirathen für eine Sünde, das Kindererzeugen für ein Verbrechen.
Es ist auch meine Ueberzeugung, daß derjenige ein Narr, noch mehr ein Sünder ist, der das Joch der Ehe auf sich nimmt. Ein |
i210 Narr, weil er seine Freiheit damit von sich wirft, ohne eine entsprechende Entschädigung zu gewinnen; ein Sünder, weil er Kindern das Leben giebt, ohne ihnen die Gewißheit des Glücks geben zu können. Ich verachte die Menschheit in allen ihren Schichten; ich sehe es voraus, daß unsere Nachkommen noch weit unglücklicher sein werden, als wir –; sollte ich nicht ein Sünder sein, wenn ich trotz dieser Ansicht für Nachkommen, d.h. für Unglückliche sorgte? –
Das ganze Leben ist der größte Unsinn. Und wenn man achtzig Jahre strebt und forscht, so muß man sich doch endlich gestehen, daß man Nichts erstrebt und Nichts erforscht hat. Wüßten wir nur wenigstens, warum wir auf dieser Welt sind. Aber Alles ist und bleibt dem Denker räthselhaft, und das größte Glück ist noch das, als Flachkopf geboren zu sein.
(Memoiren.)
»Wüßten wir nur wenigstens, warum wir auf dieser Welt sind!« Also im ganzen reichen Leben dieses begabten Mannes Nichts, Nichts, was er als Zweck des Lebens hätte auffassen können. Nicht die Schaffensfreude, nicht die köstlichen Momente genialen Erkennens: Nichts!
Und in unserem idealen Staate sollten die Bürger glücklich sein? –
25.
Jetzt können wir die Ethik zu Ende bringen.
Wir stoßen zunächst unseren idealen Staat wieder um. Er war ein Phantasiegebilde und wird nie in die Erscheinung treten.
Was aber nicht geleugnet werden kann, das ist die reale Entwicklung der menschlichen Gattung und daß eine Zeit kommen wird, wo nicht der von uns construirte, aber doch ein idealer Staat errichtet wird. Es wird meine Aufgabe in der Politik sein, nachzuweisen, wie alle Entwicklungsreihen, vom Beginn der Geschichte an, auf ihn, als ihren Zielpunkt, deuten. In der Ethik müssen wir ihn ohne Beweis hinstellen. Die Gesellschaft wird thatsächlich in demselben nivellirt sein und jeder Bürger die Segnungen einer hohen geistigen Cultur erfahren. Die ganze Menschheit wird schmerzloser leben als jetzt, als jemals.
Hieraus ergiebt sich eine nothwendige, mit unwidersteh|licher
i211 Gewalt sich vollziehende Bewegung der Menschheit, welche keine Macht aufzuhalten oder abzulenken vermag. Sie stößt die Wollenden und die Nichtwollenden unerbittlich auf der Bahn weiter, die zum idealen Staate führt, und er muß in die Erscheinung treten. Diese reale, unabänderliche Bewegung ist ein Theil des aus den Bewegungen aller einzelnen, im dynamischen Zusammenhang stehenden Ideen continuirlich sich erzeugenden Weltlaufs und enthüllt sich hier als nothwendiges Schicksal der Menschheit. Es ist ebenso stark, ebenso jedem Einzelwesen an Kraft und Macht überlegen – weil es ja auch die Wirksamkeit jedes bestimmten Einzelwesens in sich enthält – wie der Wille einer einfachen Einheit in, über oder hinter der Welt, und wenn die immanente Philosophie es an die Stelle dieser einfachen Einheit setzt, so füllt es den Platz vollkommen aus. Während aber die einfache Einheit geglaubt werden muß und stets Anfechtungen und Zweifeln ausgesetzt war und sein wird, wird das Wesen des Schicksals, vermöge der zur Gemeinschaft erweiterten allgemeinen Causalität, vom Menschen klar erkannt und kann deshalb niemals bestritten werden.
Wenn es nun ein Gebot Gottes für die Menschen war, gerecht und barmherzig zu sein, so fordert das Schicksal der Menschheit mit der gleichen Autorität von jedem Menschen strengste Gerechtigkeit und Menschenliebe; denn wenn auch die Bewegung zum idealen Staate sich trotz Unredlichkeit und Hartherzigkeit Vieler vollziehen wird, so verlangt sie doch von jedem Menschen laut und vernehmlich Gerechtigkeit und Menschenliebe, damit sie sich rascher vollziehen könne.
Jetzt ist auch die Schwierigkeit gelöst, die wir oben unvermittelt stehen lassen mußten, und wogegen sich unser Inneres auflehnte, nämlich, daß eine barmherzige That, im Staate ohne Religion, keinen moralischen Werth haben könne; denn nun trägt auch sie den Stempel der Moralität, weil sie mit der Forderung des Schicksals übereinstimmt und gern geschieht.
Der Staat ist die Form, in welcher sich die gedachte Bewegung vollzieht, das Schicksal der Menschheit sich entfaltet. Seine Grundform, wie wir sie oben feststellten und benutzten, hat er schon längst fast überall erweitert: er hat sich aus einer Zwangsanstalt, damit nicht gestohlen, nicht gemordet und er selbst erhalten werde, zu einer weiten Form für den Fortschritt der Menschheit zur denkbar besten Gemeinschaft weitergebildet. An seine |
i212 Bürger und Institutionen heranzutreten und sie so lange umzumodeln, bis sie passend für die ideale Gemeinschaft geworden sind, d.h. bis die ideale Gemeinschaft real geworden ist, – das ist der Sinn, der den geforderten Tugenden der Vaterlandsliebe, Gerechtigkeit und Menschenliebe zu Grunde liegt, oder mit anderen Worten: das unerbittliche Schicksal der Menschheit fordert von jedem Bürger, die vom großen Herakleitos schon mit tief in das Herz sich eingrabenden Worten gelehrte Hingabe an das Allgemeine, geradezu die Liebe zum Staate. Es soll Jeder, den idealen Staat als Musterbild vor Augen habend, rüstige Hand an das gegenwärtige Reale legen und es umgestalten helfen.
Das Gebot ist also vorhanden, und einer Macht ist es entflossen, die, wegen ihrer furchtbaren Gewalt, es jedem Einzelnen gegenüber aufrecht erhält und, unwandelbar, immer aufrecht erhalten wird. Die Frage ist nur: wie stellt sich der Einzelne dem Gebote gegenüber?
Erinnern wir uns hierbei an den schon oben angeführten tiefen Ausspruch des Apostels Paulus:
Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Uebertretung. Derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen.
Die immanente Philosophie ändert den letzten Satz dahin ab:
Derhalben muß die Hingabe an das Allgemeine durch das Wissen kommen.
Der durch natürliche Anlage Gerechte und Barmherzige hat einen leichteren Stand vor dem Gebote als der natürliche Egoist. Er giebt, seinem Charakter gemäß, gern Jedem das Seine, oder besser, er läßt ihm gern das Seine, und ist sein Nächster in bedrängter Lage, so wird er ihn nach Kräften unterstützen. Aber man sieht sofort, daß dieses Benehmen der Forderung des Schicksals nicht ganz entsprechen kann. Jedem das Seine zu lassen, ihn nicht zu betrügen, ist nicht genug. Dem nothdürftigen Mitmenschen, wenn mein Weg gerade an ihm vorbeiführt, zu geben, ist nicht genug. Ich, als Gerechter, soll so wirken, daß ihm Alles das wird, was er als Staatsbürger verlangen kann, soll so wirken, daß jedem Bürger alle Wohlthaten des Staates zu Theil werden, und ich, als Menschenfreund, soll so wirken mit allen anderen Barmherzigen, daß die Noth aus dem Staate ganz verschwindet.
i213 Eine solche Denkungsart kann aber im Menschen, der durch natürliche Anlage gerecht und barmherzig ist, nur unter dem Reiz der Erkenntniß, eines Wissens entstehen, wie sich die Knospe nur unter dem Reize des Lichts öffnen kann. Oder, mit anderen Worten, der ursprünglich gute Wille sowohl, als der schlechte, können sich nur dann entzünden, d.h. sich dem Allgemeinen ganz und voll hingeben, sich gern in die Richtung der Bewegung der Menschheit stellen, wenn ihnen die Erkenntniß einen großen Vortheil davon verspricht.
Ist dies möglich?
Der natürliche Egoist, dessen Wahlspruch ist: Pereat mundus, dum ego salvus sim, zieht sich vor dem Gebot ganz auf sich zurück und stellt sich der realen Bewegung feindlich entgegen. Er denkt nur an seinen persönlichen Vortheil und kann er ihn nur (ohne jedoch mit den Gesetzen in Conflikt zu kommen) auf Kosten der Ruhe und des Wohlstandes Vieler erlangen, so bekümmern ihn die Klagen und Schmerzen dieser Vielen in keiner Weise. Er läßt die Goldstücke durch die Finger gleiten, und für die Thränen der Beraubten sind seine Sinne wie todt.
Ferner: der durch natürliche Anlage Gerechte und Barmherzige wird zwar Jedem gern das Seine lassen und hie und da die Noth seiner Mitmenschen lindern; aber sich derartig in die Bewegung der Menschheit einstellen, daß er seine ganze Habe opfert, Weib und Kind verläßt und sein Blut verspritzt für das Wohl der Menschheit: das wird er nicht.
Das Christenthum drohte seinen Bekennern mit der Hölle und versprach ihnen das Himmelreich, aber die immanente Ethik kennt kein Gericht nach dem Tode, keine Belohnung, keine Bestrafung einer unsterblichen Seele. Dagegen kennt sie die Hölle des gegenwärtigen Staates und das Himmelreich des idealen Staates, und indem sie auf beide hinweist, steht sie fest auf der Physik.
So erfaßt sie Jeden da, wo er in der Menschheit und im Leben wurzelt und ruft ihm zu: du lebst in deinen Kindern fort, in deinen Kindern feierst du deine Wiedergeburt, und was sie treffen wird, das trifft dich in ihnen. So lange aber der ideale Staat nicht real geworden ist, so lange wechseln die Lagen und Stellungen im Leben. Der Reiche wird arm und der Arme wird reich; der Mächtige wird gering und der Geringe mächtig; der Starke |
i214 wird schwach und der Schwache stark. In einer solchen Ordnung der Dinge bist du heute Amboß, morgen Hammer, heute Hammer, morgen Amboß. Du handelst also gegen dein allgemeines Wohl, wenn du diese Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten bestrebt bist. Dies ist die Drohung der immanenten Ethik; ihre Verheißung aber ist der ideale Staat, d.h. eine Ordnung der Dinge, in welchem alles vom Leben abgetrennt ist, was nicht wesentlich damit verbunden ist: Elend und Noth. Sie flüstert dem armen Menschenkind zu: es wird keine Angst und kein Geschrei mehr sein, es werden keine Thränen und keine müden Augen mehr sein wegen Noth und Elends.
Dieses Wissen des Menschen, der im Leben wurzelt – denn dies ist Bedingung: er muß ungebrochener Wille zum Leben sein, muß leben und über den Tod hinaus im Leben sich erhalten wollen – dieses Wissen des Menschen, sage ich,
1) daß er in seinen Kindern weiterlebt, oder, allgemein ausgedrückt, daß er in der Menschheit wurzelt, nur in ihr und durch sie sich im Leben erhalten kann;
2) daß die jetzige Ordnung der Dinge den Wechsel der Lagen nothwendig bedingt (die Hamburger sagen: der Geldsack und der Bettelsack hängen nicht hundert Jahre vor einer und derselben Thüre);
3) daß im idealen Staate das denkbar beste Leben Allen garantirt ist;
4) schließlich, daß die Bewegung der Menschheit, trotz der Nichtwollenden und Widerstrebenden den idealen Staat zum Ziele hat und erreichen wird;
dieses Wissen, diese jedem Denkenden sich aufdrängende Erkenntniß kann den Willen entzünden: allmählich oder blitzschnell. Dann tritt er vollständig in die Bewegung der Gesammtheit ein, dann schwimmt er mit dem Strome. Nun kämpft er muthig, freudig und liebevoll im Staate und, so lange sich die Bewegung der Menschheit noch im Großen hauptsächlich erzeugt aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken großer Völkerindividualitäten, großer Einzelstaaten, auch mit seinem Staate (und eventuell dessen Verbündeten) gegen andere Staaten für den idealen Staat. Nun durchglüht ihn der echte Patriotismus, die echte Gerechtigkeit, die echte Liebe zur Menschheit: er steht in der Bewegung des Schicksals, er handelt in Uebereinstimmung mit dessen Gebot und gern, d.h. seine Handlungen sind eminent moralisch |
i215 und sein Lohn ist: Friede mit sich selbst, reines helles Glück. Nun giebt er willig, wenn es sein muß, in moralischer Begeisterung sein individuelles Leben hin; denn aus dem besseren Zustand der Menschheit, für den er kämpfte, ersteht ihm ein neues, besseres individuelles Leben in seinen Kindern.
26.
Aber ist auch die Grundstimmung des Helden ein tiefer Frieden, also reines Glück, so durchglüht es doch nur selten, fast nur in großen Momenten, seine Brust; denn das Leben ist ein harter Kampf für Jeden, und wer noch fest wurzelt in der Welt – wenn auch die Augen ganz trunken sind vom Licht des idealen Staates – wird nie frei sein von Noth, Pein und Herzeleid. Den reinen andauernden Herzensfrieden des christlichen Heiligen hat kein Held. Sollte er, ohne den Glauben, wirklich nicht zu erreichen sein? –
Die Bewegung der Menschheit nach dem idealen Staate ist eine Thatsache; allein es bedarf nur eines kurzen Nachdenkens, um einzusehen, daß im Leben des Ganzen so wenig wie im Leben des Einzelnen je ein Stillstand eintreten kann. Die Bewegung muß eine rastlose sein bis dahin, wo überhaupt von Leben nicht mehr geredet werden kann. Befindet sich die Menschheit demnach im idealen Staate, so kann keine Ruhe eintreten. Aber wohin soll sie sich dann noch bewegen können? Es giebt nur eine einzige Bewegung noch für sie: es ist die Bewegung nach der völligen Vernichtung, die Bewegung aus dem Sein in das Nichtsein. Und die Menschheit (d.h. alle einzelnen dann lebenden Menschen), wird die Bewegung ausführen, in unwiderstehlicher Sehnsucht nach der Ruhe des absoluten Todes.
Der Bewegung der Menschheit nach dem idealen Staate wird also die andere, aus dem Sein in das Nichtsein, folgen, oder, mit anderen Worten: die Bewegung der Menschheit überhaupt ist die Bewegung aus dem Sein in das Nichtsein. Halten wir aber beide Bewegungen getrennt, so tritt, wie aus der ersteren das Gebot der vollen Hingabe an das Allgemeine getreten ist, aus der letzteren das Gebot der Virginität, die in der christlichen Religion allerdings nicht gefordert, aber als die höchste und vollkommenste Tugend anempfohlen wurde; denn wenn auch die Bewegung sich vollziehen wird trotz thierischem Geschlechtstrieb und trotz Wollust, so |
i216 tritt sie doch an jeden Einzelnen mit der ernsten Forderung heran keusch zu sein, damit sie rascher zum Ziele komme.
Vor dieser Forderung schrecken Gerechte und Ungerechte, Barmherzige und Hartherzige, Helden und Verbrecher zurück, und mit Ausnahme der Wenigen, welche, wie Christus sagte, aus Mutterleibe verschnitten geboren wurden, kann kein Mensch sie gern erfüllen, ohne eine totale Umwandlung seines Willens erfahren zu haben. Alle Umwandlungen, alle Entzündungen des Willens, die wir seither betrachtet haben, waren Umänderungen eines Willens, der das Leben auch ferner wollte, und der Held, wie der christliche Heilige, opferte es nur, d.h. er verachtete den Tod, weil er ein besseres Leben dafür erhielt. Nun aber soll der Wille nicht mehr bloß den Tod verachten, sondern er soll ihn lieben, denn Keuschheit ist Liebe zum Tode. Unerhörte Forderung! Der Wille zum Leben will Leben und Dasein, Dasein und Leben. Er will für alle Zeit leben und da er nur im Dasein verbleiben kann durch die Zeugung, so concentrirt sich sein Grundwollen im Geschlechtstrieb, der die vollkommenste Bejahung des Willens zum Leben ist und alle andern Triebe und Begierden an Heftigkeit und Stärke bedeutend übertrifft.
Wie soll nun der Mensch die Forderung erfüllen, wie soll er den Geschlechtstrieb, der sich jedem redlichen Beobachter der Natur geradezu als unüberwindlich darstellt, überwinden können? Nur die Furcht vor einer großen Strafe, in Verbindung mit einem alle Vortheile überwiegenden Vortheil, kann dem Menschen die Kraft geben, ihn zu besiegen, d.h. der Wille muß sich an einer klaren und ganz gewissen Erkenntniß entzünden. Es ist die schon oben erwähnte Erkenntniß, daß Nichtsein besser ist als Sein oder die Erkenntniß, daß das Leben die Hölle, und die süße stille Nacht des absoluten Todes die Vernichtung der Hölle ist.
Und der Mensch, der erst klar und deutlich erkannt hat, daß alles Leben Leiden ist, daß es, es trete in was immer für einer Form auf, wesentlich unglücklich und schmerzvoll (auch im idealen Staate) ist, so daß er, wie das Christuskind auf den Armen der Sixtinischen Madonna, nur noch mit entsetzenerfüllten Augen in die Welt blicken kann, und der dann die tiefe Ruhe erwägt, das unaussprechliche Glück in der aesthetischen Contemplation und das, im Gegensatz zum wachen Zustande, durch Reflexion empfundene Glück des zustandslosen Schlafs, dessen Erhebung in die Ewigkeit der |
i217 absolute Tod nur ist, – ein solcher Mensch muß sich entzünden an dem dargebotenen Vortheil, – er kann nicht anders. Der Gedanke: wiedergeboren zu werden, d.h. in unglücklichen Kindern rast- und ruhelos auf der dornigen und steinigen Straße des Daseins weiterziehen zu müssen, ist ihm einerseits der schrecklichste und verzweiflungsvollste, den er haben kann; andererseits ist der Gedanke: die lange, lange Entwicklungsreihe abbrechen zu können, in der er immer mit blutenden Füßen, gestoßen, gepeinigt und gemartert, verschmachtend nach Ruhe, vorwärts mußte, der süßeste und erquickendste. Und ist er nur erst auf der richtigen Bahn, so beunruhigt ihn mit jedem Schritt der Geschlechtstrieb weniger, mit jedem Schritt wird es ihm leichter um’s Herz, bis sein Inneres zuletzt in derselben Freudigkeit, seligen Heiterkeit und vollen Unbeweglichkeit steht, wie der echte christliche Heilige. Er fühlt sich in Uebereinstimmung mit der Bewegung der Menschheit aus dem Sein in das Nichtsein, aus der Qual des Lebens in den absoluten Tod, er tritt in diese Bewegung des Ganzen gern ein, er handelt eminent moralisch, und sein Lohn ist der ungestörte Herzensfriede, die »Meeresstille des Gemüths,« der Friede, der höher ist als alle Vernunft. Und dieses Alles kann sich vollziehen ohne den Glauben an eine Einheit in, über oder hinter der Welt, ohne Furcht vor einer Hölle oder Hoffnung auf ein Himmelreich nach dem Tode, ohne mystische intellektuelle Anschauung, ohne unbegreifliche Gnadenwirkung, ohne Widerspruch mit der Natur und unserem Bewußtsein vom eigenen Selbst: den einzigen Quellen, aus denen wir mit Gewißheit schöpfen können, – lediglich in Folge einer vorurtheilsfreien, reinen, kalten Erkenntniß unserer Vernunft, »des Menschen allerhöchste Kraft«.
27.
So hätten wir das Glück des Heiligen, welches wir als das größte und höchste Glück bezeichnen mußten, unabhängig von irgend einer Religion, gefunden. Zugleich haben wir das immanente Fundament der Moral gefunden: es ist die vom Subjekt erkannte reale Bewegung der Menschheit, die die Ausübung der Tugenden: Vaterlandsliebe, Gerechtigkeit, Menschenliebe und Keuschheit fordert.
Hieraus ergiebt sich auch die wichtige Consequenz, daß die Bewegung der Menschheit so wenig eine moralische ist, wie die Dinge an sich schön sind. Vom Standpunkte der Natur aus handelt kein |
i218 Mensch moralisch; Der, welcher seinen Nächsten liebt, handelt nicht verdienstvoller als Der, welcher ihn haßt, peinigt und quält. Die Menschheit hat nur einen Verlauf, den der moralisch Handelnde beschleunigt. Vom Standpunkt des Subjekts dagegen ist jede Handlung moralisch, die, bewußt oder unbewußt, in Uebereinstimmung mit der Grundbewegung der Menschheit ist und gern geschieht. Die Aufforderung, moralisch zu handeln, zieht ihre Kraft daraus, daß sie dem Individuum entweder den vorübergehenden Seelenfrieden und ein besseres Leben in der Welt, oder den dauernden Seelenfrieden in diesem Leben und die völlige Vernichtung im Tode, also den Vortheil zusichert, früher erlöst zu werden als die Gesammtheit. Und dieser letztere Vortheil überwiegt so sehr alle irdischen Vortheile, daß er das Individuum, das ihn erkennt, unwiderstehlich in die Bahn zieht, wo er liegt, wie das Eisen an den Magnet muß.
An denjenigen Menschen, welche einen angeborenen barmherzigen Willen haben, vollzieht sich die Umwandlung am leichtesten; denn es sind Willen, die der Weltlauf bereits geschwächt, deren natürlichen Egoismus der Weltlauf bereits in den geläuterten übergeführt hat. Das Leiden ihres Nächsten bringt in ihnen den ethischen, außerordentlich bedeutsamen Zustand des Mitleids hervor, dessen Früchte echt moralische Thaten sind. Wir empfinden im Mitleid ein positives Leid in uns; es ist ein tiefes Gefühl der Unlust, das unser Herz zerreißt, und das wir nur aufheben können, indem wir den leidenden Nächsten leidlos machen.
28.
Die Entzündung des Willens an der Erkenntniß, daß sich die Menschheit aus dem Sein in das Nichtsein bewege, und an der anderen, daß Nichtsein besser ist als Sein, oder auch an der letzteren allein, welche, unabhängig von jener, durch einen klaren Blick in die Welt erlangt werden kann, – ist die philosophische Verneinung des individuellen Willens zum Leben. Der also entzündete Wille will bis zum Tode den glücklichen Zustand des Herzensfriedens, ohne Unterbrechung, und im Tode die völlige Vernichtung, die volle und ganze Erlösung von sich selbst. Er will aus dem Buche des Lebens ausgestrichen sein für immer, er will mit der erloschenen Bewegung das Leben und mit dem Leben den innersten Kern seines Wesens vollständig verlieren. Diese bestimmte Idee |
i219 will vernichtet, dieser bestimmte Typus, diese bestimmte Form, will für immer zerbrochen sein.
Die immanente Philosophie kennt keine Wunder und weiß Nichts von Ereignissen in einer unerkennbaren anderen Welt zu erzählen, welche Folgen von Handlungen in dieser Welt wären. Deshalb giebt es für sie nur eine vollkommen sichere Verneinung des Willens zum Leben; es ist die durch Virginität. Wie wir in der Physik gesehen haben, findet der Mensch im Tode absolute Vernichtung; trotzdem wird er nur scheinbar vernichtet, wenn er in Kindern weiterlebt; denn in diesen Kindern ist er bereits vom Tode auferstanden: er hat in ihnen das Leben neuerdings ergriffen und es für eine Zeitdauer bejaht, die unbestimmbar ist. Dies fühlt Jeder instinktiv. Die unüberwindliche Abneigung der Geschlechter nach der Begattung, im Thierreich, tritt im Menschen als eine tiefe Trauer auf. In ihm klagt eine leise Stimme, wie Proserpina:
Wie greift’s auf einmal
Durch diese Freuden,
Durch diese offene Wonne
Mit entsetzlichen Schmerzen,
Mit eisernen Händen
Der Hölle durch! – –
Was hab’ ich verbrochen,
Daß ich genoß?
Und höhnisch ruft die Welt:
Du bist unser!
Nüchtern solltest wiederkehren
Und der Biß des Apfels macht dich unser!
(Goethe.)
Deshalb auch kann die immanente Philosophie der Todesstunde nicht die allergeringste Wichtigkeit und Bedeutung beilegen. In ihr steht dem Menschen keine Entscheidung mehr darüber zu, ob er das Leben nochmals will, oder todt sein will für immer. Die Reue über schlechte Thaten, welche auf dem Sterbebette deshalb so oft auftritt, weil die Erkenntniß plötzlich sich ändert und man deutlich und klar einsieht, wie nutzlos doch alles irdische Streben war – Alles, woran das Herz hing, muß verlassen werden – ist die thörichteste Selbstquälerei. Der Sterbende sollte Alles vergessen, im Hin|blick
i220 darauf, daß er genug in diesem Leben gelitten und Alles schon lebend verbüßt hat, und sollte sich nur an seine Nachkommen richten, sie eindringlich ermahnend, abzulassen vom Leben, dem das Leiden wesentlich ist. Und in der Hoffnung, daß seine Worte auf günstigen Boden gefallen sind, daß er bald in seinen Kindern erlöst werden wird, möge er ruhig sein Leben verhauchen.
Dagegen legt die immanente Philosophie der Stunde, in welcher ein neues Leben entzündet werden soll, die allergrößte Wichtigkeit bei; denn in ihr hat der Mensch die volle Entscheidung darüber, ob er weiterleben, oder im Tode wirklich vernichtet sein will. Nicht der Kampf des Lebens mit dem Tode auf dem Sterbebette, in dem der Tod siegt, sondern der Kampf des Todes mit dem Leben bei der Begattung, in dem das Leben siegt, ist bedeutungsvoll. Wenn das Individuum in heftigster Leidenschaft seine Zähne in das Dasein schlägt und es mit stahlharten Armen umklammert: im Taumel der Wollust wird die Erlösung verscherzt. Im tollen ausgelassenen Jubel merkt der arme Bethörte nicht, daß ihm der kostbarste Schatz aus den Händen gewunden wird. Für die kurze Wonne hat er nicht endloses, aber vielleicht langes, langes Leiden, schwere Daseinspein eingetauscht, und es frohlocken die Parzen:
Du bist unser!
während sein Genius sich verhüllt.
29.
Obgleich demnach die Verneinung des Willens nur dann den Lebensfaden des Individuums wirklich im Tode abschneidet, wenn sie sich auf dem Grunde vollkommener Keuschheit vollzieht, so kann sie doch auch solche Menschen ergreifen, welche in Kindern bereits weiterleben. Sie bewirkt aber alsdann nur das Glück des Individuums für den Rest der Lebensdauer. Doch sollen und werden die unvollkommenen Folgen der Verneinung in solchen Fällen das Individuum nicht beunruhigen. Es wird versuchen, in den Kindern die wahre Erkenntniß zu erwecken und sie auf sanfte Weise auf den Weg der Erlösung zu führen. Dann wird es vollen Trost aus der Gewißheit schöpfen, daß neben der individuellen Erlösung die allgemeine herschreitet, daß der ideale Staat über kurz oder lang die gesammte Menschheit umfassen und diese dann das »große Opfer«, wie die Inder sagen, bringen wird. Ja, er wird |
i221 hieran Veranlassung nehmen, sich voll und ganz dem Allgemeinen hinzugeben, damit der ideale Staat so bald als möglich real werde.
30.
Diejenigen, welche mit Sicherheit der Erlösung durch den Tod entgegenblicken, stehen zwar entwurzelt in der Welt und haben nur das eine Verlangen: bald aus ihrem tiefen Herzensfrieden in die volle Vernichtung überzutreten, aber ihr ursprünglicher Charakter ist nicht todt. Er ist nur in den Hintergrund getreten; und wenn er auch das Individuum nicht mehr zu Thaten veranlassen kann, die ihm gemäß wären, so wird er doch dem übrigen Leben des in der Verneinung Stehenden eine besondere Färbung geben.
Aus diesem Grunde werden Diejenigen, welche in der Gewißheit der individuellen Erlösung stehen, nicht eine und dieselbe Erscheinung darbieten. Nichts würde verkehrter sein, als dies anzunehmen. Der Eine, der stolz und schweigsam war, wird nicht redselig und leutselig werden, der Andere, dessen liebevolles Wesen überall, wohin er kam, die wohlthuendste Wärme verbreitete, wird nicht scheu und finster werden, ein Dritter, der melancholisch war, wird nicht ausgelassen heiter werden.
Ebenso wird die Thätigkeit und Beschäftigung nicht bei Allen die gleiche sein. Der Eine wird sich von der Welt vollkommen abschließen, in die Einsamkeit entfliehen und sich, wie die religiösen Büßer, kasteien, weil er von der Erkenntniß ausgeht, daß nur ein stets gedemüthigter Wille in der Entsagung erhalten werden kann; ein Anderer wird nach wie vor in seinem Berufe bleiben; ein Dritter wird nach wie vor die Thränen der Unglücklichen stillen mit Wort und That; ein Vierter wird kämpfen für sein Volk oder für die ganze Menschheit, wird sein ihm durchaus werthloses Leben einsetzen, damit die Bewegung nach dem idealen Staate, in welchem allein die Erlösung Aller stattfinden kann, eine beschleunigtere werde.
Wer sich in der Verneinung des Willens ganz auf sich zurückzieht, verdient die volle Bewunderung der Kinder dieser Welt; denn er ist ein »Kind des Lichts« und wandelt auf dem richtigen Weg. Nur Unwissende oder Schlechte können es wagen, ihn mit Koth zu bewerfen. Aber höher muß und soll man Denjenigen schätzen, der, unbeweglich im Innern, den äußeren Menschen heftig bewegen und leiden läßt, um seinen verdüsterten Brüdern zu |
i222 helfen: unermüdlich, strauchelnd, blutend sich wieder erhebend, die Fahne der Erlösung nimmer aus der Hand lassend, bis er zusammenbricht im Kampfe für die Menschheit und das herrliche sanfte Licht in seinen Augen erlischt. Er ist die reinste Erscheinung auf dieser Erde: ein Erleuchteter, ein Erlöser, ein Sieger, ein Märtyrer, ein weiser Held. –
Nur darin werden Alle übereinstimmen, daß sie der Gemeinheit abgestorben und unempfänglich sind für Alles, was den natürlichen Egoismus bewegen kann, daß sie das Leben verachten und den Tod lieben. – Und ein Erkennungszeichen werden alle tragen: die Milde. »Sie eifern nicht, sie blähen sich nicht, sie ertragen Alles, sie dulden Alles,« sie verurtheilen nicht und steinigen nicht, sie entschuldigen immer und werden nur freundlich den Weg anempfehlen, auf dem sie so köstliche Ruhe und den herrlichsten Frieden gefunden haben. –
Ich erwähne hier noch den merkwürdigen Zustand, der der Verneinung des Willens vorhergehen kann: den Haß gegen sich selbst. Er ist ein Uebergangszustand und der schwülen Frühlingsnacht zu vergleichen, in der die Knospen sich öffnen.
31.
Zum Schlusse will ich noch ein Wort über die Religion der Erlösung sagen.
Indem Christus nur Dem das Himmelreich versprach, welcher nicht bloß gerecht und barmherzig ist, sondern auch Ungerechtigkeiten und Peinigungen ohne Bitterkeit erträgt:
Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel, sondern so dir jemand einen Streich giebt auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar. (Matth, 5, 39.)
verlangte er vom Menschen beinahe vollständige Selbstverleugnung. Indem er aber ferner Demjenigen, welcher den Geschlechtstrieb unterdrückt, eine ganz besondere Belohnung verhieß, forderte er den Menschen auf, seine Individualität vollständig aufzugeben, seinen natürlichen Egoismus ganz zu ertödten.
Warum stellte er diese schweren Forderungen? Die Antwort liegt eben in der Verheißung des Himmelreichs; denn nur Der, welcher seine ursprüngliche Individualität verloren hat, in dem Adam |
i223 gestorben und Christus auferstanden ist, kann wahrhaft glücklich werden und den inneren Frieden erlangen.
Weil dies eine Wahrheit ist, die nie umgestoßen werden kann, ja weil es die höchste Wahrheit ist, kann auch die Philosophie keine andere an ihre Stelle setzen. Und darum ist der Kern des Christenthums ein unzerstörbarer und enthält die Blüthe aller menschlichen Weisheit. Weil die unabänderliche Bewegung der Menschheit der Boden des Christenthums ist, ruht seine Ethik auf unerschütterlicher Basis und kann erst untergehen, wann die Menschheit selbst untergeht.
Wenn nun auch die immanente Philosophie die Forderungen des milden Heilands einfach bestätigen muß, so kann sie dagegen selbstverständlich die dogmatische Begründung derselben nicht anerkennen. Dem Gebildeten unserer Zeit ist es ebenso unmöglich, die Dogmen der Kirche zu glauben, wie es dem gläubigen Christen des Mittelalters unmöglich war, gegen seinen Erlöser die Götter Griechenlands und Roms oder den zornigen Gott des Judenthums einzutauschen. Damit nun der unzerstörbare Kern der christlichen Lehre nicht mit dem Glauben fortgeworfen werde, und auf diese Weise die Möglichkeit für den Menschen schwinde, des wahren Herzensfriedens theilhaftig zu werden, ist es Aufgabe der Philosophie, die Heilswahrheit in Uebereinstimmung mit der Natur zu begründen.
Diese Ethik ist der erste Versuch, diese Aufgabe auf rein immanentem Gebiete, mit rein immanenten Mitteln, zu lösen. Er konnte nur gemacht werden, nachdem das transscendente Gebiet vom immanenten vollständig getrennt und nachgewiesen worden war, daß beide Gebiete nicht neben einander, oder in einander liegen, sondern, daß das eine unterging, als das andere entstand. Das immanente folgte dem transscendenten und besteht allein. Die einfache vorweltliche Einheit ist in der Vielheit untergegangen, und diese machte der Ursprung aus einer einfachen Einheit zu einer fest in sich geschlossenen Collectiv-Einheit mit einer einzigen Bewegung, welche, soweit sie die Menschheit betrifft, die Bewegung aus dem Sein in den absoluten Tod ist.
32.
Der Muhammedanismus und das Christenthum: ersterer die beste aller schlechten Religionen, letzteres die beste aller großen ethischen Religionen, verhalten sich zur immanenten Philosophie, in |
i224 Absicht auf das, was nach dem Tode für Moralität der Gesinnung versprochen wird, wie die beiden ältesten Töchter Lear’s zu seiner jüngsten, Cordelia. Während der Muhammedanismus dem Tugendhaften ein Leben voll Rausches und Wollust, also ein erhöhtes Blutleben verspricht und das Christenthum ihm den Zustand ewiger Contemplation und der intellektuellen Wonne, also ein aus dem Bewußtsein geschwundenes Blutleben verheißt, kann ihm die immanente Ethik nur den Schlaf, »die beste Speise an des Lebens Mahl,« darbieten. Aber wie der körperlich Ermattete Alles ausschlägt und nur den Schlaf will, so will auch der Lebensmüde nur den Tod, die absolute Vernichtung im Tode, und dankbar nimmt er aus der Hand des Philosophen die Gewißheit, daß ihn kein neuer Zustand erwartet, weder der Wonne, noch der Qual, sondern daß alle Zustände von selbst mit der Vernichtung seines innersten Wesens verschwinden.
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