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☆

§ 27. Die Bereicherung, des Wortschatzes in der althochdeutschen Zeit

Die althochdeutschen Sprachdenkmдler zeugen davon, dass die deut­sche Sprache schon in jener Zeit einen reichen Wortschatz besaЯ Neben den Wцrtern des alltaglichen Verkehrs besaЯ das Althochdeutsche einen reichen Schatz von Wortern aus dem Bereich des Geisteslebens, der Dich­tung, der Viehzucht und des Ackerbaus, des Bau-. Rechts- und Heereswe­sens In den althochdeutschen Sprachdenkmalern kommt das stдndige Wachstum des Wortschatzes im Zusammenhang mit der Entwicklung der feudalen Kultur, der klerikalen Bildung, des Staats- und Rechtswesens, mit der Ьbertragung zahlreicher lateinischer theologischer und philoso­phischer Schriften in die deutsche Sprache und der Schaffung der dazu notwendigen Terminologie zum Ausdruck.

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Im althochdeutschen Wonschatz finden wir Schichten verschiedenen Al­ters, in denen sich die wichtigsten Etappen der Geschichte seiner Traget widerspiegeln.

Den Grundstock, des althochdeutschen Wonschatzes bildete das von den westgermanischen Gronstдmmen aus der gemeingermantschen Zeil ererbte Wortgut (s S. 41). das sich in der vorall hoc hdeut sehen Zeit im Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkrдfte, mit den neuen gesellschaftlichen Verhallnissen der fruhfeudalcn Epoche, mit den Ver­kehrsbeziehungen und dem kulturellen Austausch jener Zeit sowie mit der Entwicklung der epischen Dichtung weiter bereicherte.

VnrallhochdctitsclH- Entlehnungen im althochdeutschen Wortschatz, Aus

der voral(hochdeutschen Zeit stammt die erste bedeutende Schicht von lateini­schen Entlehnungen, die den Verkehr westgermanischer Stamme mit den Rц­mern in den ersten Jahrhunderten u. Z widerspiegeln. Es sind Benennungen neuer Ackerbaugerate: lal. secuta - ahd. sihhila Sichel*, lat. flageltum - ahd. tlrvil Flegel': Wцrter aus dem Bereich von Wein. Garten- und Gemьsebau: lal. vtnum - ahd. win Wem", lat vinilor - ahd winzuril 'Winzer', lat. calix - ahd. kehlt 'Kelch . lat. mustum - ahd. most Mцsl', lat. iractanus - ahd. trahtдri "Trichter', lat. acetum - ahd. eyjh 'Essig' lat. ceresia - ahd. hrsa Kirsche*, lat. prunum - ahd. pfriana 'Pflaume', lal. pirum - ahd Iura 'Birne', lat persica -ahd pfersich Pfirsich", lat. plantare - ahd. pflanr/m 'pflanzen", lat. cauiis - ahd. Kцln 'Kohl', lal. radix - ahd. rann "Rettich', lal. Cucurbita - ahd kurbi^ 'Kьr­bis', lat. sitwpis - ahd. senej 'Senf'. Zahlreich sind die Worter aus dem Bereich von Steinbau und Wohnungseinnchtung lal miinis ahd. ntьra Mauer', lat retlarium - ahd kellari 'Keller . lat camera - ahd chamara Kammer", lat. pilarium - ahd. pfilдti 'Pfeiler", \at.fenestra - uhd.jcnstar 'Fenster', lal. tegula -ahd. ziagal 'Ziegel', lat. calx - ahd. kalk Kalk-, lal plastrum - ahd pflastar 'Pflaster', Benennungen verschiedener Wohnungsgerale lal senmutn ahd schrini 'Schrein*, lat. cista - ahd. kista Kiste", lal. camts-ahd. karra 'Karren', lal pattna - ahd. phanna 'Pfanne*, lat. <atinus - afid. ke^it "Kessel", lal scuttl Ia - ahd. scu^yila 'Schussel', lat specutum - ahd. spiagal "Spiegel". Eine beson­dere Schicht von Entlehnungen bilden auch die Wцrter aus dem Bereich des Handelsverkehrs, des Staats- und Verwallungswcsens. des Heereswesens: lal caupa 'Schankwirt' - ahd. kaufen 'kaufen', lal./w/u/d - ahd ptimi 'Pfund', lal. moneta - ahd. muntzzit "Mьnze", lat. saccus - ahd. sac 'Sack', lal. corbis - ahd. k.irb "Korb", lal. caner - ahd. karkдri 'Kerker*, lat. tolцneian - ahd. zol "Zoll (haus)", lat. talonanus - ahd zolonдrt Zollner", lat eampus 'Kriegslager' -ahd. kдmpf Kampf. Kncg', lal. ptlian - ahd pfil 'Pfeil', lal vallum - ahd. wai Wall', lal. via strata 'Heeresslrafle' - ahd. HMlgfl 'StraЯe'.

Aus dem Lalcm sind auch die Monulsbezeichnungen entlehnt Durch Lehnьbersetzung entstanden die Namen der Wochenlage (die Sicbentage-wochc wurde von den Germanen im 3.-5. Jh. unter gnechischem und rцmi­schem Einfluss eingefьhrt): lat. Martium - ahd. rnarzeo, merza 'Marz', lat. Malus - ahd. meio "Mai", lal. Augustus-dhd. a(u)gusto 'August', lat. dies Solis - ahd. sunnьntag 'Sonntag', lat. dies Lunae - ahd. manatag 'Montag'.

Di* Bedeutung des Schrifttums. In dei althochdeutschen Zeil vollzieht sich die weitere Entwicklung und Bereicherung des deutschen Wortschatzes im engen Zusammenhang mtl der Entwicklung des deutschen Schrifttums. Die Ьbertragung theologische! und philosophischer Schriften ms Deutsche, die freie Nachdichtung des Evangeliums und die weitere Entwicklung der dichterischen Kunst (s. S. 641 erforderten nicht nur die Verwertung des ge­samten vorhandenen Wortschatzes, sondern auch die Schaffung neuer Aus­drucksmittel.

Als Hauptquelle hei der Bereicherung des Wortschatzes diente natьrlich das bereits vorhandene heimische Wortgut, das durch Ableitung Zusammen Setzung und Bedeutungswandel den neuen Bedurfnissen angepasst wurde So werden zum Adjektiv mni rem' das abstrakte Substantiv reim, reinida Rein­heit'. Schцnheit' sowie die Verben reinцn, gireinцn 'reinigen' irreinцn 'reini­gen', 'veredeln' gebildet, zum Adjektiv mihi 'mild', gnдdig* entwickeln sich das abstrakte Substantiv milti. miitida. 'Gule'. 'Barmherzigkeil'. 'Gnade', das Verb muten sich erbarmen', 'gnadig sein', zum Stamm des Verbs kunnun 'kцnnen', 'verstehen', 'wissen wud das abstrakte Substantiv kunst 'Wissen', Verstдndnis*. 'Geschicklichkeit'. 'Weisheit' gebildet.

Einige einlache Wцrter werden zu Kernwцrtern grober Wortfamilien.

Beispiele:

faran "fahren", gehen', wandern' »abfaran 'verschwinden' arfaran 'aus­gehen', 'weggehen', einholen', erreichen", 'erfahren', forafaran voraus­gehen', furfaran 'vorьbergehen', 'vergehen', 'zugrunde gehen', 'sterben'. Juntchfaran 'durchgehen', 'durchdringen . durchforschen'.hmafanm 'weg­gehen', tnfarttn "entgehen", entkommen', ingeginfaran entgegengehen'. ьzjartin ausgehen' herausgehen', zifaran vergehen" - fort 'Weg". Reise'. "Fahrt*, wegefart 'Wanderung*. 'Reise", giferte 'Gefдhrtc'./ertig zum Ab­gang, zur Reise fertig' > 'fertig'; neman nehmen" - bineman 'wegnehmen'. 'enlreiUen', 'entziehen', firneman 'wegnehmen', 'dahinraffen', wahrneh­men', 'verstehen', gmeman wegnehmen", entreiЯen', ьzneman herausneh­men' "herausziehen* -numft Wegnahme', 'Einverstдndnis'.Jirnumfi Ver­nunft' (zufirnetmin), heri 'Volksmenge', 'Schaar', 'Heer' - heri-scaf' Volks­menge'. Haufe". 'Heer*.heri-berga Feldlager', 'Herberge'.heri-strдyi 'Hee­resstraЯe', heri-zogo 'Heercsfuhrer' > 'Herzog'

Kennzeichnend fьr die auЯerordentliche Intensitдt der Wortbildungs­prozesse in dieser Zeit ist. dass nicht nur unzдhlige neue Wцrter durch Ableitung ins Leben gerufen werden, sondern auch neue Ableitungsmittel enlstehen. In dieser Zeit entwickeln sich die Suffixe heit, -scafl. tuom. -Ith (s. S. 82. 84).

Die Entwickjung des Schrifttums fuhrt nicht nur zum zahlenmдЯigen Wachs tum des Wortschatzes, sondern auch zu einer gewissen qualitativen Verдnde­rung in seiner Zusammensetzung, Der Charakter der schriftlichen Sprachdenk maier erforderte vor allem ein rasches Anwachsen der abstrakten Lexik, die in der vorausgehenden Zeit beim ausschlieЯlich mundlichen Gehrauch der wer­denden deutschen Sprache keine sonderliche Rolle spielen konnte.

So enthalten bereits die Bibcltextc eine betrдchtliche Anzahl abstrakter Wцrter, z. B. geist "Geist", vidank 'Gedanke', lern 'Lehre "Belehrung wtstuom 'Weisheit', war, wдrnisst. wдrheit "Wahrheit", muol Sinn*. 'Geisr". 'Gemьt', miltida 'Gьte'. 'Barmherzigkeil'. 'Gnade', kunsl 'Wissen'. 'Verstand nis', 'Geschicklichkeit'. 'Weisheil', remi, rvinida Reinheit' u a. in

Die stдrkste Entfaltung der abstrakten Lexik ist hei iler Ьbertragung theo­logischer und philosophischer Traktate zu beobachten So enthalt zum Bei­spiel bereits die Ubersetzung des Traktats von Isidor viele Neubildungen, die die lateinischen theologischen und philosophischen Termini wiedergeben: ein-ni\sa Einheit' (lat. unilas), rehttunga 'Gerechtigkeit". 'Rechtsspruch*, (lat. justitia). tuuiarskeit 'Unterschied' dat. distinetio) das deutsche Wort zu skeid-an 'trennen', teilen', bigin Ursprung' Gut. origo. onus), infleisenissa 'Ver­kцrperung' (lat. incarporatto), das deutsche Wort zu fleisc 'Mosch*.

Besonders reich an abstrakter Lexik sind die Schriften Notkers, der bei der Ьbersetzung philosophischer Termini eine groЯe Anzahl neuer Worter durch Lehn Ьbersetzung und Umschreibung schuf. So bediente er sich der Lehnuber­setzung bei der Wiedergabe folgender Termini: \M. pnmeipium Prinzip' ('An­fang') - ahd. anegenge (zu anegangan "anfangen'): lul. infinitus unendlich' -ahd. unentlich: lat indtuduu* unteilbar i/u dmdere teilen'I- ahd. wupalitx (zu spaltan 'spalten"). Durch Umschreibung schuf er folgende Termini lat. subjektum - ahd daj, andere ('was zugrunde liegt'). lat praedicatum - ahd. da, ubarzimber ('was auf der Grundlage weilergebaul wurde')

Die oben angefьhrten Beispiele zeugen davon, dass die meisten neuen abstrakten Woner aus heimischem Sprachgut geschaffen sind, wobei aber die Lehnьbersetzung eine grolle Rolle spielt.

Die lateinischen Entlehnungen der althochdeutschen Zeil. Unmittel­bare Entlehnung von Wцrtern findet auch in dieser Epoche stall Die neue Schicht lateinischer Wцrter kommt durch Vermittlung der Kircltc und Kloslerschulen in die deutsche Sprache. Es sind entsprechende Wцrter aus dem Bereich des Kir­chen und des Schulwesens Aus dem Bereich des Kiichenlebens stammen die Wцrter lat. claustnim - ahd klnstar Kloster', lal templunt - ahd lentpal 'Tem­pel', lat. manьstenum - ahd- rnunntri "Munster lal motunhu\ - ahd. muiuh 'Mцnch', lat. nonna - ahd. nutuui "Nonne' lat. abluts. abbaten! - ahd. abbat 'Abt*, lat. peregrtnus - ahd. piligrim 'Pilger', lat. irucem - ahd. kritzi 'Kreuz*, lat. prtsbyter - ahd. priestar Priester'. Aus dem Bereich des Schulwesens stam men die Entlehnungen lat. xcola ahd. \cuola 'Schule', lat sertbere - ahd. scri-Imm 'schreiben", lat. thwta - ahd. tineta 'Tinte*, lat. tabula - ahd. MflaJl Tafel", lat breve - ahd. briaf 'Bricr. lal. pergamenum - ahd ptrganьn Pergament*.