- •Stefan Zweig. Buchmendel
- •Verdumpfung tat beinahe wohl. Aber plцtzlich ward ich auf merkwьrdige Weise
- •Immer nix. Gehalt einstecken, dos is das einzige, was die kцnnen!
- •Infusorium, jeden Stern in dem ewig schwingenden und stдndig umgerьttelten
- •Verzeichnis von Titeln und Namen, in die weiche Gehirnrinde eines
- •Immer an wenigen Punkten einige kleine Facetten eingesprengt, die ein und
- •Ihm ein minderes Buch vorlegte, den Deckel verдchtlich zuklappte und nur
- •Ich leist ein Jurament", sagte sie erregt, die alte Frau, "der Herr Mendel
- •Vertцlpelten SpaЯ? Jedenfalls, er stand auf, klappte die Hacken zusammen und
- •Immerhin etwas Besonderes sein. So erlaubte er Mendel, diese Briefe zu
- •Vielleicht einmal ein Hut war, ein weggeworfener. Keinen Kragen hat er
- •Vordem so lebhaften Blicke unter der reparierten, mit dьnnem Bindfaden
Immer nix. Gehalt einstecken, dos is das einzige, was die kцnnen!
Ziegelsteine sollten sie lieber schupfen, diese Herrn Doktors, statt bei die
Bьcher sitzen."
Mit dieser krдftigen Herzentladung war das Eis gebrochen, und eine
gutmьtige Handbewegung lud mich zum erstenmal an den viereckigen, mit
Notizen ьberschmierten Marmortisch, diesen mir noch unbekannten Altar
bibliophiler Offenbarungen. Ich erklдrte rasch meine Wьnsche: die
zeitgenцssischen Werke ьber Magnetismus sowie alle spдteren Bьcher und
Polemiken fьr und gegen Mesmer; sobald ich fertig war, kniff Mendel eine
Sekunde das linke Auge zusammen, genau wie ein Schьtze vor dem SchuЯ. Aber
wahrhaftig, nur eine Sekunde dauerte diese Geste konzentrierter
Aufmerksamkeit, dann zдhlte er sofort, wie aus einem unsichtbaren Katalog
lesend, zwei oder drei Dutzend Bьcher flieЯend auf, jedes mit Verlagsort,
Jahreszahl und ungefдhrem Preis. Ich war verblьfft. Obwohl vorbereitet, dies
hatte ich nicht erwartet. Aber meine Verdutztheit schien ihm wohlzutun; denn
sofort spielte er auf der Klaviatur seines Gedдchtnisses die wunderbarsten
bibliothekarischen Paraphrasen meines Themas weiter. Ob ich auch ьber die
Somnambulisten etwas wissen wolle und ьber die ersten Versuche mit Hypnose
und ьber GaЯner, die Teufelsbeschwцrungen und die Christian Science und die
Blavatsky? Wieder prasselten die Namen, die Titel, die Beschreibungen; jetzt
erst begriff ich, an ein wie einzigartiges Wunder von Gedдchtnis ich bei
Jakob Mendel geraten war, tatsдchlich an ein Lexikon, an einen
Universalkatalog auf zwei Beinen. Ganz benommen starrte ich dieses
bibliographische Phдnomen an, eingespult in die unansehnliche, sogar etwas
schmierige Hьlle eines galizischen kleinen Buchtrцdlers, der, nachdem er mir
etwa achtzig Namen heruntergerasselt, scheinbar achtlos, aber innerlich
wohlgefдllig ьber seinen ausgespielten Trumpf, sich die Brille mit einem
vormals vielleicht weiЯ gewesenen Taschentuch putzte. Um mein Staunen ein
wenig zu bemдnteln, fragte ich zaghaft, welche von diesen Bьchern er mir
allenfalls besorgen kцnne. "Nu, man wird ja sehen, was sich machen lдЯt",
brummte er. "Kommen Sie nur morgen wieder her, der Mendel wird Ihnen
inzwischen schon eppes auftreiben, und was sich nicht findet, werd sich
anderswo finden. Wenn einer Sechel hat, hat er auch Glьck." Ich dankte
hцflich und stolperte aus lauter Hцflichkeit sofort in eine dicke Dummheit
hinein, indem ich vorschlug, ihm meine gewьnschten Buchtitel auf einen
Zettel zu notieren. Im gleichen Augenblick spьrte ich schon einen warnenden
EllbogenstoЯ meines Freundes. Aber zu spдt! Schon hatte mir Mendel einen
Blick zugeworfen - welch einen Blick! -, einen gleichzeitig triumphierenden
und beleidigten, einen hцhnischen und ьberlegenen, einen geradezu
kцniglichen Blick, den shakespearischen Blick Macbeths, wenn Macduff dem
unbesiegbaren Helden zumutet, sich kampflos zu ergeben. Dann lachte er
abermals kurz, der groЯe Adamsapfel an seiner Kehle kollerte merkwьrdig hin
und her, anscheinend hatte er ein grobes Wort mьhsam verschluckt. Und er
wдre im Recht gewesen mit jeder erdenklichen Grobheit, der gute, brave
Buchmendel; denn nur ein Fremder, ein Ahnungsloser (ein "Amhorez", wie er
sagte) konnte eine derart beleidigende Zumutung stellen, ihm, Jakob Mendel,
einen Buchtitel aufzunotieren wie einem Buchhandlungslehrling oder
Bibliotheksdiener, als ob dieses unvergleichliche, dieses diamantene
Buchgehirn solch grober Hilfsmittel jemals bedurft hдtte. Erst spдter
begriff ich, wie sehr ich sein abseitiges Genie mit diesem hцflichen Angebot
gekrдnkt haben muЯte; denn dieser kleine, zerdrьckte, ganz in seinen Bart
eingewickelte und ьberdies bucklige galizische Jude Jakob Mendel war ein
Titan des Gedдchtnisses. Hinter dieser kalkigen, schmutzigen, von grauem
Moos ьberwucherten Stirn stand in der unsichtbaren Geisterschrift jeder Name
und Titel wie mit StahlguЯ eingestanzt, der je auf einem Titelblatt eines
Buches gedruckt war. Er wuЯte von jedem Werk, dem gestern erschienenen wie
von einem zweihundert Jahre alten, auf den ersten Hieb genau den
Erscheinungsort, den Verfasser, den Preis, neu und antiquarisch, und
erinnerte sich bei jedem Buch mit fehlloser Vision zugleich an Einband und
Illustrationen und Faksimilebeigaben, er sah jedes Werk, ob er es selbst in
den Hдnden gehabt oder nur von fern in einer Auslage oder Bibliothek einmal
erspдht hatte, mit der gleichen optischen Deutlichkeit wie der schaffende
Kьnstler sein inneres und der andern Welt noch unsichtbares Gebilde. Er
erinnerte sich, wenn etwa ein Buch im Katalog eines Regensburger
Antiquariats um sechs Mark angeboten wurde, sofort, daЯ ebendasselbe in
einem anderen Exemplar vor zwei Jahren in einer Wiener Auktion um vier
Kronen zu haben gewesen war, und zugleich auch des Erstehers; nein: Jakob
Mendel vergaЯ nie einen Titel, eine Zahl, er kannte jede Pflanze, jedes
