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Stefan Zweig - Buchmendel.doc
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☆

Immerhin etwas Besonderes sein. So erlaubte er Mendel, diese Briefe zu

beantworten und seine Gцnner um Fьrsprache zu bitten. Die blieb nicht aus.

Mit der leidenschaftlichen Solidaritдt aller Sammler kurbelten die Exzellenz

sowie der Dekan ihre Verbindungen krдftig an, und ihre vereinte Bьrgschaft

erreichte, daЯ Buchmendel im Jahre 1917 nach mehr als zweijдhriger

Konfinierung wieder nach Wien zurьckdurfte, freilich unter der Bedingung,

sich tдglich bei der Polizei zu melden. Aber doch, er durfte wieder in die

freie Welt, in seinen alten, kleinen, engen Mansardenraum, er konnte wieder

an seinen geliebten Bьcherauslagen vorbei und vor allem zurьck in sein Cafй

Gluck.

Diese Rьckkehr Mendels aus seiner hцllischen Unterwelt in das Cafй

Gluck konnte mir die brave Frau Sporschil aus eigener Erfahrung schildern.

"Eines Tages - Jessas, Marand Joseph, ich glaub, ich trau meine Augen nicht

- da schiebt sich die Tьr auf, Sie wissen ja, in der gewissen schiefen Art,

nur grad einen Spalt weit, wie er immer hereingekommen ist, und schon

stolpert er ins Cafй, der arme Herr Mendel. Einen zerschundenen

Militдrmantel voller Stopfen hat er angehabt und irgendwas am Kopf, was

Vielleicht einmal ein Hut war, ein weggeworfener. Keinen Kragen hat er

angehabt, und wie der Tod hat er ausgeschaut, grau im Gesicht und grau das

Haar und so mager, daЯ es einen derbarmt hat. Aber er kommt herein, grad,

als ob nix gwesen war, er fragt nix, er sagt nix, geht hin zu dem Tisch da

und zieht den Mantel aus, aber nicht wie frьher so fix und leicht, sondern

schwer schnaufen mьssen hat er dabei. Und kein Buch hat er mitghabt wie

sonst -- er setzt sich nur hin und sagt nix, und tut nur hinstarren vor sich

mit ganz leere, ausgelaufene Augen. Erst nach und nach, wie wir ihm dann den

ganzen Pack bracht haben von die Schriften, die was fьr ihn kommen waren aus

Deutschland, da hat er wieder angfangen zu lesen. Aber er war nicht

derselbige mehr."

Nein, er war nicht derselbe, nicht das Miraculum mundi mehr, die

magische Registratur aller Bьcher: alle, die ihn damals sahen, haben mir

wehmьtig das gleiche berichtet. Irgend etwas schien rettungslos zerstцrt in

seinem sonst stillen, nur wie schlafend lesenden Blick; etwas war

zertrьmmert: der grauenhafte Blutkomet muЯte in seinem rasenden Lauf

schmetternd hineingeschlagen haben auch in den abseitigen, friedlichen, in

diesen alkyonischen Stern seiner Bьcherwelt. Seine Augen, jahrzehntelang

gewцhnt an die zarten, lautlosen, insektenfьЯigen Lettern der Schrift, sie

muЯten Furchtbares gesehen haben in jener stacheldrahtumspannten

Menschenhьrde, denn die Lider schatteten schwer ьber den einst so flinken

und ironisch funkelnden Pupillen, schlдfrig und rotrandig dдmmerten die

Vordem so lebhaften Blicke unter der reparierten, mit dьnnem Bindfaden

mьhsam zusammengebundenen Brille. Und furchtbarer noch: in dem

phantastischen Kunstbau seines Gedдchtnisses muЯte irgendein Pfeiler

eingestьrzt und das ganze Gefьge in Unordnung geraten sein; denn so zart ist

ja unser Gehirn, dies aus subtilster Substanz gestaltete Schaltwerk, dies

feinmechanische Prдzisionsinstrument unseres Wissens zusammengestimmt, daЯ

ein gestautes Aderchen, ein erschьtterter Nerv, eine ermьdete Zelle, daЯ ein

solches verschobenes Molekьl schon zureicht, um die herrlich umfassendste,

die sphдrische Harmonie eines Geistes zum Verstummen zu bringen. Und in

Mendels Gedдchtnis, dieser einzigen Klaviatur des Wissens, stockten bei

seiner Rьckkunft die Tasten. Wenn ab und zu jemand um Auskunft kam, starrte

er ihn erschцpft an und verstand nicht mehr genau, er verhцrte sich und

vergaЯ, was man ihm sagte - Mendel war nicht mehr Mendel, wie die Welt nicht

mehr die Welt war. Nicht mehr wiegte ihn vцllige Versunkenheit beim Lesen

auf und nieder, sondern meist saЯ er starr, die Brille nur mechanisch gegen

das Buch gewandt, ohne daЯ man wuЯte, ob er las oder nur vor sich hin

dдmmerte. Mehrmals fiel ihm, so crzдhltedieSporschil, der Kopf schwer nieder

auf das Buch, und er schlief ein am hellichten Tag, manchmal starrte er

wieder stundenlang in das fremde stinkende Licht der Azetylenlampe, die man

ihm in jener Zeit der Kohlennot auf den Tisch gestellt. Nein, Mendel war

nicht mehr Mendel, nicht mehr ein Wunder der Welt, sondern ein mьd atmender,

nutzloser Pack Bart und Kleider, sinnlos auf dem einst pythischen Sessel

hingelastet, nicht mehr der Ruhm des Cafй Gluck, sondern eine Schande, ein

Schmierfleck, ьbelriechend, widrig anzusehen, ein unbequemer, unnцtiger

Schmarotzer.

So empfand ihn auch der neue Besitzer, namens Florian Gurtner aus Retz,

der, an Mehl- und Butterschiebungen im Hungerjahr 1919 reich geworden, dem

biedern Standhartner fьr achtzigtausend rasch zerblдtterte Papierkronen das

Cafй Gluck abgeschwatzt hatte. Er griff mit seinen festen Bauernhдnden

scharf zu, krempelte das altehrwьrdige Kaffeehaus hastig auf nobel um,

kaufte fьr schlechte Zettel rechtzeitig neue Fauteuils, installierte ein

Marmorportal und verhandelte bereits wegen des Nachbarlokals, um eine

Musikdiele anzubauen. Bei dieser hastigen Verschцnerung stцrte ihn natьrlich

sehr dieser galizische Schmarotzer, der tagsьber von frьh bis nachts allein

einen Tisch besetzt hielt und dabei im ganzen nur zwei Schalen Kaffee trank

und fьnf Brote verzehrte. Zwar hatte Standhartner ihm seinen alten Gast

besonders ans Herz gelegt und zu erklдren versucht, was fьr ein bedeutender

und wichtiger Mann dieser Jakob Mendel sei, er hatte ihn sozusagen bei der

Ьbergabe mit dem Inventar als ein auf dem Unternehmen lastendes Servitut

mitьbergeben. Aber Florian Gurtner hatte sich mit den neuen Mцbeln und der

blanken Aluminiumzahlkasse auch das massive Gewissen der Verdienerzeit

zugelegt und wartete nur auf einen Vorwand, um .diesen letzten lдstigen Rest

vorstдdtischer Schдbigkeit aus seinem vornehm gewordenen Lokal

hinauszukehren. Ein guter AnlaЯ schien sich bald einzustellen; denn es ging

Jakob Mendel schlecht. Seine letzten gesparten Banknoten waren zerpulvert in

der Papiermьhle der Inflation, seine Kunden hatten sich verlaufen. Und

wieder als kleiner Buchtrцdler Treppen zu steigen, Bьcher hausierend

zusammenzuraffen, dazu fehlte dem Mьdgewordenen die Kraft. Es ging ihm

elend, man merkte das an hundert kleinen Zeichen. Selten lieЯ er sich mehr

vom Gasthaus etwas herьberholen, und auch das kleinste Entgelt fьr Kaffee

und Brot blieb er immer lдnger schuldig, einmal sogar drei Wochen lang.

Schon damals wollte ihn der Oberkellner auf die StraЯe setzen. Da erbarmte

sich die brave Frau Sporschil, die Toilettenfrau, und bьrgte fьr ihn.

Aber im nдchsten Monat ereignete sich dann das Unglьck. Bereits

mehrmals hatte der neue Oberkellner bemerkt, daЯ es bei der Abrechnung nie

recht mit dem Gebдck stimmen wollte. Immer mehr Brote erwiesen sich als

fehlend, als angesagt und bezahlt waren. Sein Verdacht lenkte sich

selbstverstдndlich gleich auf Mendel; denn mehrmals war schon der alte

wacklige Dienstmann gekommen, um sich zu beschweren, Mendel sei ihm seit

einem halben Jahre die Bezahlung schuldig, und er kцnne keinen Heller

herauskriegen. So paЯte der Oberkellner jetzt besonders auf, und schon zwei

Tage spдter gelang es ihm, hinter dem Ofenschirm versteckt, Jakob Mendel zu

ertappen, wie er heimlich von seinem Tische aufstand, in das andere vordere

Zimmer hinьberging, rasch aus einem Brotkorb zwei Semmeln nahm und sie

gierig in sich hineinstopfte. Bei der Abrechnung behauptete er, keine

gegessen zu haben. Nun war das Verschwinden geklдrt. Der Kellner meldete

sofort den Vorfall Herrn Gurtner, und dieser, froh des langgesuchten

Vorwands, brьllte Mendel vor allen Leuten an, beschuldigte ihn des

Diebstahls und tat sogar noch dick, daЯ er nicht sofort die Polizei rufe.

Aber er befahl ihm, sogleich und fьr immer sich zum Teufel zu scheren. Jakob

Mendel zitterte nur, sagte nichts, stolperte auf von seinem Sitz und ging.

"Ein Jammer war's", schilderte die Frau Sporschil diesen seinen

Abschied. "Nie werd ich's vergessen, wie er aufgestanden ist, die Brille

hinaufgeschoben in die Stirn, weiЯ wie ein Handtuch. Nicht Zeit hat er sich

genommen, den Mantel anzuziehen, obwohl's Januar war, Sie wissen ja, damals

im kalten Jahr. Und sein Buch hat er liegen lassen auf dem Tisch in seinem

Schreck, ich hab's erst spдter bemerkt und wollt's ihm noch nachtragen. Aber

da war er schon hinabgestolpert zur Tьr. Und weiter auf die StraЯen hatt ich

mich nicht traut; denn an die Tьr hat sich der Herr Gurtner hingstellt und

ihm nachgschrien, daЯ die Leut stehenblieben und zusammengelaufen sind. Ja,

eine Schand war's, gschдmt hab ich mich bis in die unterste Seel! So was hat

nicht passieren kцnnen bei dem alten Herrn Standhartner, daЯ man einen

ausjagt nur wegen ein paar Semmeln, bei dem hдtt er umsonst essen kцnnen

noch sein Leben lang. Aber die Leute von heut, die haben ja kein Herz. Einen

wegzutreiben, der ьber dreiЯig Jahre wo gsessen ist Tag fьr Tag - wirklich,

eine Schand war's, und ich mцcht's nicht zu verantworten haben vor dem

lieben Gott - ich nicht."

Ganz aufgeregt war sie geworden, die gute Frau, und mit der

leidenschaftlichen Geschwдtzigkeit des Alters wiederholte sie immer wieder

das von der Schand und vom Herrn Standhartner, der zu so was nicht imstande

gewesen wдre. So muЯte ich sie schlieЯlich fragen, was denn aus unserm

Mendel geworden sei und ob sie ihn wiedergesehen. Da rappelte sie sich

zusammen und wurde noch erregter. "Jeden Tag, wenn ich vorьbergegangen hin

an seinem Tisch, jedesmal, das kцnnen S' mir glauben, hat's mir einen StoЯ

geben. Immer hab ich denken mьssen, wo mag er jetzt sein, der arme Herr

Mendel, und wenn ich gwuЯt hдtt, wo er wohnt, ich war hin, ihm was Warmes

bringen; denn wo hдtt er denn das Geld hernehmen sollen zum heizen und zum

Essen? Und Verwandte hat er auf der Welt, soviel ich weiЯ, niemanden gehabt.

Aber schlieЯlich, wie ich immer und immer nix gehцrt hab, da hab ich mir

schon denkt, es muЯ vorbei mit ihm sein, und ich wьrd ihn nimmer sehen. Und

schon hab ich ьberlegt, ob ich nicht sollt eine Messe fьr ihn lesen lassen;

denn ein guter Mensch war er, und man hat sich doch gekannt, mehr als

fьnfundzwanzig Jahr.

Aber einmal in der Frьh, um halb acht Uhr im Februar, ich putz grad das

Messing an die Fensterstangen, auf einmal (ich mein, mich trifft der

Schlag), auf einmal tut sich die Tьr auf, und herein kommt der Mendel. Sie

wissen ja: immer ist er so schief und verwirrt hereingschoben, aber diesmal

war's noch irgendwie anders. Ich merk gleich, den reiЯt's hin und her, ganz

glanzige Augen hat er gehabt und, mein Gott, wie er ausgschaut hat, nur Bein

und Bart! Sofort kommt's mir entrisch vor, wie ich ihn so seh: ich denk mir

gleich, der weiЯ von nichts, der geht am hellichten Tag umeinand als ein

Schlafeter, der hat alles vergessen, das von die Semmeln und das vom Herrn

Gurtner und wie schandbar sie ihn hinausgschmissen haben, der weiЯ nichts

von sich selber. Gott sei Dank! der Herr Gurtner war noch nicht da, und der

Oberkellner hat grad seinen Kaffee trunken. Da spring ich rasch hin, damit

ich ihm klarmach, er solle nicht dableiben, sich nicht noch einmal

hinauswerfen lassen von dem rohen Kerl" (und dabei sah sie sich scheu um und

korrigierte rasch) "ich mein, vom Herrn Gurtner. Also, Herr Mendel', ruf ich

ihn an. Er starrt auf. Und da, in dem Augenblick, mein Gott, schrecklich war

das, in dem Augenblick muЯ er sich an alles erinnert haben; denn er fahrt

sofort zusammen und fangt an zu zittern, aber nicht bloЯ mit die Finger

zittert er, nein, als ein Ganzer hat er gescheppert, daЯ man's bis an die

Schultern kennt hat, und schon stolpert er wieder rasch auf die Tьr zu. Dort

ist er dann zusammgfallen. Wir haben gleich um die Rettungsgesellschaft

telephoniert, und die hat ihn weggefьhrt, fiebrig, wie er war. Am Abend ist

er gestorben, Lungenentzьndung, hochgradige, hat der Doktor gesagt, und

auch, daЯ er schon damals nicht mehr recht gewuЯt hat von sich, wie er noch

einmal zu uns kommen ist. Es hat ihn halt nur so hergetrieben, als einen

Schlafeten. Mein Gott, wenn man sechsunddreiЯig Jahr einmal so gesessen ist

jeden Tag, dann ist eben so ein Tisch einem sein Zuhaus."

Wir sprachen noch lange von ihm, die beiden letzten, die diesen

sonderbaren Menschen gekannt, ich, dem er als jungem Mann trotz seiner

mikrobenhaft winzigen Existenz die erste Ahnung eines vollkommen

umschlossenen Lebens im Geiste gegeben sie, die arme, abgeschundene

Toilettenfrau, die nie ein Buch gelesen, die diesem Kameraden ihrer untern

armen Weit nur verbunden war, weil sie ihm durch fьnfundzwanzig Jahre den

Mantel gebьrstet und die Knцpfe angenдht hatte. Und doch, wir verstanden

einander wunderbar gut an seinem alten, verlassenen Tisch in der

Gemeinschaft des vereint heraufbeschworenen Schattens; denn Erinnerung

verbindet immer, und zwiefach jede Erinnerung in Liebe Plцtzlich, mitten im

Schwatzen, besann sie sich: "Jessas, wie ich vergessig bin das - Buch hab

ich ja noch, das was er damals am Tisch liegen lassen hat. Wo hдtt ich's ihm

denn hintragen sollen? Und nachher, wie sich niemand gemeldt hat, nachher

hab ich gmeint, ich dьrft's mir behalten als Andenken. Nicht wahr, da ist

doch nix Unrechts dabei?" Hastig brachte sie's heran aus ihrem rьckwдrtigen

Verschlag. Und ich hatte Mьhe, ein kleines Lдcheln zu unterdrьcken; denn

gerade dem Erschьtternden mengt das immer spielfreudige und manchmal

ironische Schicksal das Komische gerne boshaft zu. Es war der zweite Band

von Hayns Bibliotheca Germanorum crotica et curiosa, das jedem Buchsamrnler

wohlbekannte Kompendium galanter Literatur. Gerade dies skabrцse Verzeichnis

- habent sua fata libelli - war als letztes Vermдchtnis des hingegangenen

Magiers zurьckgefallen in diese abgemьrbten, rot aufgesprungenen,

unwissenden Hдnde, die wohl nie ein anderes als das Gebetbuch gehalten. Ich

hatte Mьhe, meine Lippen festzuklemmen gegen das unwillkьrlich von innen

aufdrдngende Lдcheln, und dies kleine Zцgern verwirrte die brave Frau. Ob's

am Ende was Kostbares wдr, oder ob ich meinte, daЯ sie es behalten dьrft?

Ich schьttelte ihr herzlich die Hand. "Behalten Sie's nur ruhig, unser

alter Freund Mendel hдtte nur Freude, daЯ wenigstens einer von den vielen

Tausenden, die ihm ein Buch danken, sich noch seiner erinnert." Und dann

ging ich und schдmte mich vor dieser braven alten Frau, die in einfдltiger

und doch menschlichster Art diesem Toten treu geblieben. Denn sie, die

Unbelehrte, sie hatte wenigstens ein Buch bewahrt, um seiner besser zu

gedenken, ich aber, ich hatte jahrelang Buchmendel vergessen, gerade ich,

der ich doch wissen sollte, daЯ man Bьcher nur schafft, um ьber den eigenen

Atem hinaus sich Menschen zu verbinden und sich so zu verteidigen gegen den

unerbittlichen Widerpart alles Lebens: Vergдnglichkeit und Vergessensein.

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