- •Stefan Zweig. Buchmendel
- •Verdumpfung tat beinahe wohl. Aber plцtzlich ward ich auf merkwьrdige Weise
- •Immer nix. Gehalt einstecken, dos is das einzige, was die kцnnen!
- •Infusorium, jeden Stern in dem ewig schwingenden und stдndig umgerьttelten
- •Verzeichnis von Titeln und Namen, in die weiche Gehirnrinde eines
- •Immer an wenigen Punkten einige kleine Facetten eingesprengt, die ein und
- •Ihm ein minderes Buch vorlegte, den Deckel verдchtlich zuklappte und nur
- •Ich leist ein Jurament", sagte sie erregt, die alte Frau, "der Herr Mendel
- •Vertцlpelten SpaЯ? Jedenfalls, er stand auf, klappte die Hacken zusammen und
- •Immerhin etwas Besonderes sein. So erlaubte er Mendel, diese Briefe zu
- •Vielleicht einmal ein Hut war, ein weggeworfener. Keinen Kragen hat er
- •Vordem so lebhaften Blicke unter der reparierten, mit dьnnem Bindfaden
Ich leist ein Jurament", sagte sie erregt, die alte Frau, "der Herr Mendel
kann nichts Unrechtes getan haben. Die haben sich geirrt, da leg ich meine
Hand ins Feuer. Es war ein Verbrechen an dem armen, unschuldigen Menschen,
ein Verbrechen!"
Und sie hatte recht, die gute, rьhrende Frau Sporschil. Unser Freund
Jakob Mendel hatte wahrhaftig nichts Unrechtes begangen, sondern nur (erst
spдter erfuhr ich alle Einzelheiten) eine rasende, eine rьhrende, eine
selbst in jenen irrwitzigen Zeiten ganz unwahrscheinliche Dummheit,
erklдrbar bloЯ aus der vollkommenen Versunkenheit, aus der Mondfernheit
seiner einmaligen Erscheinung. Folgendes hatte sich ereignet: auf dem
militдrischen Zensuramt, das verpflichtet war, jede Korrespondenz mit dem
Ausland zu ьberwachen, war eines Tages eine Postkarte abgefangen worden,
geschrieben und unterschrieben von einem gewissen Jakob Mendel,
ordnungsgemдЯ nach dem Ausland frankiert, aber - unglaublicher Fall - in das
feindliche Ausland gerichtet, eine Postkarte an Jean Labourdaire,
Buchhдndler, Paris, Quai de Grenelle, adressiert, in der ein gewisser Jakob
Mendel sich beschwerte, die letzten acht Nummern des monatlichen "Bulletin
bibliographique de la France" trotz vorausbezahltem Jahresabonnement nicht
erhalten zu haben. Der eingestellte untere Zensurbeamte, ein
Gymnasialprofessor, in Privatneigung Romanist, dem man einen blauen
Landsturmrock umgestьlpt hatte, staunte, als ihm dieses Schriftstьck in die
Hдnde kam. Ein dummer SpaЯ, dachte er. Unter den zweitausend Briefen, die er
allwцchentlich auf dubiose Mitteilungen und spionageverdдchtige Wendungen
durchstцberte und durchleuchtete, war ihm ein so absurdes Faktum noch nie
unter die Finger gekommen, daЯ jemand aus Цsterreich einen Brief nach
Frankreich ganz sorglos adressierte, also ganz gemьtlich eine Karte in das
kriegfьhrende Ausland so einfach in den Postkasten warf, als ob diese
Grenzen seit 1914 nicht umnдht wдren mit Stacheldraht und an jedem von Gott
geschaffenen Tage Frankreich, Deutschland, Цsterreich und RuЯland ihre
mдnnliche Einwohnerzahl gegenseitig um ein paar tausend Menschen kьrzten.
Zunдchst legte er deshalb die Postkarte als Kuriosum in seine
Schreibtischlade, ohne von dieser Absurditдt weitere Meldung zu erstatten.
Aber nach einigen Wochen kam abermals eine Karte desselben Jakob Mendel an
einen Bookseller John Aldridge, London, Holborn Square, ob er ihm nicht die
letzten Nummern des "Antiquarian" besorgen kцnnte, und abermals war sie
unterfertigt von ebendemselben merkwьrdigen Individuum, Jakob Mendel, das
mit rьhrender Naivitдt seine volle Adresse beischrieb. Nun wurde es dem in
die Uniform eingenдhten Gymnasialprofessor doch ein wenig eng unter dem
Rock. Steckte am Ende irgendein rдtselhafter chiffrierter Sinn hinter diesem
Vertцlpelten SpaЯ? Jedenfalls, er stand auf, klappte die Hacken zusammen und
legte dem Major die beiden Karten auf den Tisch. Der zog beide Schultern
hoch: sonderbarer Fall! Zunдchst avisierte er die Polizei, sie solle
ausforschen, ob es diesen Jakob Mendel tatsдchlich gдbe, und eine Stunde
spдter war Jakob Mendel bereits dingfest gemacht und wurde, noch ganz
taumelig von der Ьberraschung, vor den Major gefьhrt. Der legte ihm die
mysteriцsen Postkarten vor, ob er sich als Absender erkenne. Erregt durch
den strengen Ton und vor allem, weil man ihn bei der Lektьre eines wichtigen
Katalogs aufgestцbert hatte, polterte Mendel beinahe grob, natьrlich habe er
diese Karten geschrieben. Man habe wohl noch das Recht, ein Abonnement fьr
sein gezahltes Geld zu reklamieren. Der Major drehte sich im Sessel schief
hinьber zu dem Leutnant am Nebentisch. Die beiden blinzelten sich
einverstдndlich an: ein gebrannter Narr! Dann ьberlegte der Major, ob er den
Einfaltspinsel nur scharf anbrummen und wegjagen sollte oder den Fall ernst
aufziehen. In solchen unschlьssigen Verlegenheiten entschlieЯt man sich bei
jedem Amt fast immer, zunдchst ein Protokoll aufzunehmen. Ein Protokoll ist
immer gut. Nьtzt es nichts, so schadet es nichts, und nur ein sinnloser
Papierbogen mehr unter Millionen ist vollgeschrieben.
In diesem Falle aber schadete es leider einem armen, ahnungslosen
Menschen, denn schon bei der dritten Frage kam etwas sehr Verhдngnisvolles
zutage. Man forderte zuerst seinen Namen: Jakob, recte Jainkeff Mendel.
Beruf: Hausierer (er besaЯ nдmlich keine Buchhдndlerlizenz, nur einen
Hausierschein). Die dritte Frage wurde zur Katastrophe: der Geburtsort.
Jakob Mendel nannte einen kleinen Ort bei Petrikau. Der Major zog die Brauen
hoch. Petrikau, lag das nicht in Russisch-Polen, nahe der Grenze?
Verdдchtig! Sehr verdдchtig! So inquirierte er nun strenger, wann er die
цsterreichische Staatsbьrgerschaft erworben habe. Mendels Brille starrte ihn
dunkel und verwundert an: er verstand nicht recht. Zum Teufel, ob und wo er
seine Papiere habe, seine Dokumente? Er habe keine andern als den
Hausierschein. Der Major schob die Stirnfalten immer hцher. Also wie es mit
seiner Staatsbьrgerschaft stehe, solle er endlich einmal erklдren. Was sein
Vater gewesen sei, ob Цsterreicher oder Russe? Seelenruhig erwiderte Jakob
Mendel: natьrlich Russe. Und er selbst? Ach, er hдtte sich schon vor
dreiunddreiЯig Jahren ьber die russische Grenze geschmuggelt, seither lebe
er in Wien. Der Major wurde immer unruhiger. Wann er hier das
цsterreichische Staatsbьrgerrecht erworben habe? Wozu? fragte Mendel. Er
habe sich um solche Sachen nie gekьmmert. So sei er also noch russischer
Staatsbьrger? Und Mendel, den diese цde Fragerei innerlich lдngst
langweilte, antwortete gleichgьltig: "Eigentlich ja."
Der Major warf sich so brьsk erschrocken zurьck, daЯ der Sessel
knackte. Das gab es also! In Wien, in der Hauptstadt Цsterreichs, ging
mitten im Kriege, Ende 1915, nach Tarnow und der groЯen Offensive, ein Russe
unbehelligt spazieren, schrieb Briefe nach Frankreich und England, und die
Polizei kьmmerte sich um nichts. Und da wundern sich die Dummkцpfe in den
Zeitungen, daЯ Conrad von Hцtzendorf nicht gleich nach Warschau
vorwдrtsgekommen ist, da staunen sie im Generalstab, wenn jede
Truppenbewegung durch Spione nach RuЯland weitergemeldet wird. Auch der
Leutnant war aufgestanden und stellte sich an den Tisch: das Gesprдch
schaltete sich scharf um zum Verhцr. Warum er sich nicht sofort gemeldet
habe als Auslдnder? Mendel, noch immer arglos, antwortete in seinem
singenden jьdischen Jargon: "Wozu hдtt ich mich melden sollen auf einmal?"
In dieser umgedrehten Frage erblickte der Major eine Herausforderung und
fragte drohend, ob er nicht die Ankьndigungen gelesen habe? Nein! Ob er etwa
auch keine Zeitungen lese? Nein!
Die beiden starrten den vor Unsicherheit schon leicht schwitzenden
Jakob Mendel an, als sei der Mond mitten in ihr Bьrozimmer gefallen. Dann
rasselte das Telefon, knackten die Schreibmaschinen, liefen die Ordonnanzen,
und Jakob Mendel wurde dem Garnisonsgefдngnis ьberantwortet, um mit dem
nдchsten Schub in ein Konzentrationslager abgefьhrt zu werden. Als man ihm
bedeutete, den beiden Soldaten zu folgen, starrte er ungewiЯ. Er verstand
nicht, was man von ihm wollte, aber eigentlich hatte er keinerlei Sorge. Was
konnte der Mann mit dem goldenen Kragen und der groben Stimme schlieЯlich
Bцses mit ihm vorhaben? In seiner obern Welt der Bьcher gab es keinen Krieg,
kein Nichtverstehen, sondern nur das ewige Wissen und Nochmehrwissenwollen
von Zahlen und Worten, von Titeln und Namen. So trollte er gutmьtig zwischen
den beiden Soldaten die Treppe hinunter. Erst als man ihm auf der Polizei
alle Bьcher aus den Manteltaschen nahm und die Brieftasche abforderte, in
der er hundert wichtige Zettel und Kundenadressen stecken hatte, da erst
begann er wьtend um sich zu schlagen. Man muЯte ihn bдndigen. Aber dabei
klirrte leider seine Brille zu Boden, und dies sein magisches Teleskop in
die geistige Welt brach in mehrere Stьcke. Zwei Tage spдter expedierte man
ihn im dьnnen Sommerrock in ein Konzentrationslager russischer
Zivilgefangener bei Komorn.
Was Jakob Mendel in diesen zwei Jahren Konzentrationslager an
seelischer Schrecknis erfahren, ohne Bьcher, seine geliebten Bьcher, ohne
Geld, inmitten der gleichgьltigen, groben, meist analphabetischen Gefдhrten
dieses riesigen Menschenkotters, was er dort leidend erlebte, von seiner
obern und einzigen Bьcherwelt abgetrennt wie ein Adler mit zerschnittenen
Schwingen von seinem дtherischen Element - hierьber fehlt jede Zeugenschaft.
Aber allmдhlich weiЯ schon die von ihrer Tollheit ernьchterte Welt, daЯ von
allen Grausamkeiten und verbrecherischen Ьbergriffen dieses Krieges keine
sinnloser, ьberflьssiger und darum moralisch unentschuldbarer gewesen als
das Zusammenfangen und Einhьrden hinter Stacheldraht von ahnungslosen,
lдngst dem Dienstalter entwachsenen Zivilpersonen, die viele Jahre in dem
fremden Lande als in einer Heimat gewohnt und aus Treuglдubigkeit an das
selbst bei Tungusen und Araukanern geheiligte Gastrecht versдumt hatten,
rechtzeitig zu fliehen - ein Verbrechen an der Zivilisation, gleich sinnlos
begangen in Frankreich, Deutschland und England, auf jeder Scholle unseres
irrwitzig gewordenen Europa. Und vielleicht wдre Jakob Mendel wie hundert
andere Unschuldige in dieser Hьrde dem Wahnsinn verfallen oder an Ruhr, an
Entkrдftung, an seelischer Zerrьttung erbдrmlich zugrunde gegangen, hдtte
nicht knapp rechtzeitig ein Zufall, ein echt цsterreichischer, ihn noch
einmal in seine Welt zurьckgeholt. Es waren nдmlich mehrmals nach seinem
Verschwinden an seine Adresse Briefe von vornehmen Kunden gekommen; der Graf
Schцnberg, der ehemalige Statthalter von Steiermark, fanatischer Sammler
heraldischer Werke, der frьhere Dekan der theologischen Fakultдt Siegenfeld,
der an einem Kommentar des Augustinus arbeitete, der achtzigjдhrige
pensionierte Flottenadmiral Edler von Pisek, der noch immer an seinen
Erinnerungen herumbesserte - sie alle, seine treuen Klienten, hatten
wiederholt an Jakob Mendel ins Cafй Gluck geschrieben, und von diesen
Briefen wurden dem Verschollenen einige in das Konzentrationslager
nachgeschickt. Dort fielen sie dem zufдllig gutgesinnten Hauptmann in die
Hдnde, und der erstaunte, was fьr vornehme Bekanntschaften dieser kleine
halbblinde, schmutzige Jude habe, der, seit man ihm seine Brille zerschlagen
(er hatte kein Geld, sich eine neue zu verschaffen), wie ein Maulwurf, grau,
augenlos und stumm in einer Ecke hockte. Wer solche Freunde besaЯ, muЯte
