2. Vokale [a:], [ε:], [ə], [ɐ]
Im Vokalsystem des Deutschen existierte eine lange Zeitperiode die Gegenüberstellung von einem langen "dunklen" [a: ], der zur hinteren Reihe gehörte und einen [ɔ]-ähnlichen Klang hatte, und einem "hellen" vorderen [a], der einen [ε]- ähnlichen Klang hatte, z. В.: Waal [va:l] - Wall [val]. In der letzten Zeit aber wurde das "dunkle" [a:] heller. Das bedeutet, dass sich die beiden [a] - Laute nur nach ihrer Dauer unterscheiden, die Klangfarbe bleibt dabei gleich.
Diese Eigenschaft erlaubt, das System des deutschen Vokalismus nicht anhand des Vokaltrapezes, sondern anhand des Vokaldreiecks vorzulegen.
Die Opposition /e:/-/ε:/ wird im gegenwärtigen Deutschen zugunsten des /e:/ aufgehoben, das auch von Untersuchungen mehrerer Forscher bestätigt wurde.
Die Existenz des Phonems /ε:/ ist im Deutschen immer wieder geleugnet worden. Man hat verschiedene Gründe angeführt, um es aus dem Vokalsystem zu beseitigen, weil es dessen Symmetrie stört. Meist wird darauf hingewiesen, dass eine offene Aussprache des langen [ε:] als sekundär über die Schrift ins Neuhochdeutsche eingegangen sei.
Im Redefluss aber wird das lange ungespannte offene [ε:] 100% -ig als [e:] realisiert, was dazu beiträgt, es aus dem Vokalsystem des Deutschen zu verschieben.
Der reduzierte (Schwa-) Vokal [ə] tritt ausschließlich in unbetonten Silben, nämlich in den Präfixen be-, ge- und in den Suffixen -e, -en auf, dabei sind seine phonetischen Charakteristiken verschieden. Die Resultate der Höranalyse zeigen, dass der Murmellaut solche qualitativen Eigenschaften hat: vor den gerundeten betonten Vokalen wie in den Wörtern Besuch [bə°'zu:χ], genommen [gə°'nɔmən] wird er gerundet (labialisiert) ausgesprochen; vor den nicht labialisierten Vokalen wie in gelingen [gə'lɪŋən], Gesicht [gə'zɪçt] hat er den i-ähnlichen Klang, vor dem betonten [a:] (bekam [bə'ka:m]) ist er sehr offen und einem [ε] ähnlich. Anders ist seine Klängung im Suffix -e, wo er in der Regel einem breiten [ε] ähnlich ist. Die Daten der akustischen Analyse haben alle diese Eigenschaften des Murmellautes völlig bestätigt.
Das unbetonte [ə] ist der einzige unbetonte Vokal des Deutschen und kann als die reduzierte Form aller betonten Vokale angesehen werden.
Vom Gesichtspunkt der Gegenwartssprache diskutiert man auch das Problem des phonologischen Status vom Vokal [ə], weil er in Opposition zu den Vokalen [œ], [ε], [e], [ɪ] und auch [ɐ] stehen kann, was man am Beispiel der folgenden Minimalpaare sieht: bitte [bɪtə] - bitter [bɪtɐ]. Folgt man dem Prinzip "einmal Phonem, immer Phonem, so berechtigen die oben genannten Minimalpaare zum Schluss, dass /ə/ ein selbständiges Phonem realisiert.
Also, man kann anhand der erwähnten Analyse bestätigen, dass der Murmellaut [ə] in dreierlei Beziehungen charakterisiert werden kann:
1) als Schwa - Laut, der in unbetonten Präfixen be-, ge- und in den Suffixen -e, -en auftritt; 2) als reduzierte Form aller unbetonten Vokale;
3) er kann auch als Phonem /ə/ interpretiert werden.
Der Murmelvokal ist zu sprechen:
1) in den Präfixen be-, ge;
2) im Suffix - en spricht man [ə] bald aus, bald fällt er aus:
[a] fällt aus:
nach Verschlusslauten: hatt(e)n ['hatn], geword(e)n [ga'voɐdn];.
nach Engelauten: laufen ['laofn], essen ['εssn], Aktiven [ak'ti:vn], lesen [1e:zn], waschen [vafn];
nach den Affrikaten: Apfel ['apfl], Katzen ['katsn].
Die Vokalisierung des Phonems /r/ als [ɐ], die nach allen Vokalen möglich ist, und seine Elision, die besonders intensiv in der gesprochenen Sprache vorkommt, bringt ins Deutsche eine wesentliche Einwirkung auf die phonetischen Eigenschaften sowohl der Monophtonge als auch der Diphthonge. So z. B. erwerben phonologisch kurze Vokale einen diphthongierten Charakter: fort [fɔɐt], Kurt [kυɐt], wird [vɪɐt], sie können auch länger werden, wenn das [ɐ] elidiert, dabei entsteht anhand der Ersatzdehnung eine neue Gruppe von phonetisch langen ungespannten offenen Vokalen wie [ɔ:, υ:, ɪ:, ʏ:].
Besonders oft erscheint die Ersatzdehnung nach dem kurzem [a], aber sie kann auch nach allen Kurzvokalen in ein- und mehrsilbigen Wörtern üblich sein.
Dabei entsteht eine neue Klasse der Laute mit neuen Qualitätseigenschaften: das sind lange ungespannte offene Vokale wie [ɪ:], [ε:], [y:], [ɔ:] [υ:], [œ:]. Diese Erscheinung erinnert an die gleichen Prozesse im Englischen des 16. Jahrhunderts, als die ähnliche Vokalisierung des Konsonanten [r] nach allen Kurzvokalen zur Entstehung eines neuen Phonems /ə:/ beibrachte.
Die deutsche Sprache kann ihren eigenen Weg für die mögliche Entwicklung des Vokalsystems finden. Und es kann sein, dass es an Stelle "Kurzvokal + [ɐ]" nicht ein Phonem, sondern mehrere Phoneme neuer Qualität erscheinen.
Die vokalische Realisierung des /r/ nach Langvokalen und phonologischen Diphthongen kann der Entstehung von phonetischen Diphthongen und Triphthongen beibringen, wovon die Information später folgt.
