- •Inventur
- •4. Vergangenheitsbewältigung im Drama
- •1.Appelle zu Kritik und Verweigerung in der Lyrik
- •2.Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartskritik im Roman
- •3.Politisch-moralisches Parabel-Theater:
- •Die Siebziger Jahre: Historische Erinnerungsarbeit, Autobiographie und «Neue Sensibilität»
- •VIII. Die achtziger Jahre: Neue Unübersichtlichkeit - Traditionalismus, Kunstgewerbe und Provokationen
2.Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartskritik im Roman
Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953), Tod in Rom (1954); Heinrich Böll: Haus ohne Hüter (1954), Billiard um halb zehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963); Günter Grass: Die Blechtrommel (1959), Katz und Maus (1962); Martin Walser: Ehen in Phillipsburg (1957), Halbzeit (1960); Max Frisch: Stiller (1954), Homo Faber (1956).
Wolfgang Koeppen geboren am 23.6.1906 in Greifswald, arbeitete in den zwanziger Jahren als Schiffskoch und Platzanweiser im Kino. Nach einer Tätigkeit als Dramaturg und Regievolontär fand er eine feste Anstellung beim «Berliner Börsen-Courier». 1934 emigrierte er nach Holland. Dort schrieb er seine ersten Romane Eine unglückliche Liebe (1934) und Die Mauer schwankt (1935), die wenig Resonanz bei der Kritik fanden. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erlangte er erst mit den drei Romanen der Nachkriegszeit Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953) und Der Tod in Rom (1954). «Ihr gemeinsamer Gegenstand: Kritik an der restaurativen Entwicklung im Westen Deutschlands, Kritik an der Fortdauer einer nicht-bewältigen, nicht einmal bearbeiteten Vergangenheit. Ihre gemeinsame Herkunft: eine erzählerische Tradition der Moderne, die sich mit den Namen James Joyce, John Dos Passos, Alfred Döblin benennen läßt. Ihr gemeinsames Ziel: als Warnrufe vor den erkannten drohenden Gefahren der Restauration verstanden und beachtet zu werden (Schnell 1986. S.145). Die Unfähigkeit der Deutschen, sich mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen, und die Kontinuität faschistischer Denkweisen in der BRD thematisiert er in besonderem Maße in Der Tod in Rom. Die drei Werke brachten ihm neben breiter Zustimmung auch scharfe Ablehnung aus konservativen Kreisen ein. Koeppens Erzählklima wird oft als ‘dämonisch’ bezeichnet, da stets die metaphysische Entwurzelung des einzelnen im Mittelpunkt steht. Gegen Ende der 50er Jahre veröffentlichte Koeppen Reiseberichte, die vom Rundfunkt in Auftrag gegeben wurden. Sowohl die Reiseberichte als auch der autobiographische Bericht Jugend, der 1976 in endgültiger Fassung vorlag, schildern jeweils auf ihre Weise die Erfahrungen eines sich selbst und der Welt fremd gewordenen Individuums. 1992 erschienen Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch, ein Bericht über das Schicksal des jüdischen Briefmarkenhändlers Jakob Littner im zweiten Weltkrieg, den Koeppen 1948 unter dem Namen des Betroffenen veröffentlicht hatte. Zur Zeit lebt er in München.
Tauben im Gras (1951): Die Handlung beschränkt sich auf achtzehn Stunden eines Tages. Es geht hier um ein buntes Kaleidoskop verschiedener Menschen, die, in München lebend, an einem beliebigen Tag - man erinnere sich an Joyces ‘Ulysses’ - auf ihrer Suche nach dem Glück vorgeführt werden: «ein alternder Filmstar, der sich von seiner verblichenen Frau abgestoßen fühlt und seine eigene Vergangenheit bei jungen Mädchen sucht; ein Chemiker, der in dem Keller eines zerstörten Hauses mit Drogen experimentiert; zwei schwarze US-Soldaten; bildungsreisende Lehrerinnen aus Massachusettes; und Philipp, ein Schriftsteller mittleren Alters, der eines der reisenden amerikanischen Mädchen kennenlernt, mit ihr ein billiges Zimmer mietet und doch nichts mehr fühlt als Kälte und Einsamkeit.» (Demetz 1973. S.216) Koeppen zeichnet ein nüchternes Bild des modernen, des unbehausten Menschen. Der unbehauste Mensch ist zugleich aber auch immer der extrem gefährdete Mensch, anfällig für totalitäre Ideologien.
Koeppens Romane irritieren aber auch in ihrer Erzählhaltung die zeitgenössische Leser: an der klassischen Moderne geschult, arbeitet Koeppen mit harten Schnitten und Zäsuren, montiert er in seinem Roman avancierte Darstellungstechniken, die den Einfluß des Films erkennen lassen, hinein. Typisch ist etwa der Anfang von Tauben im Gras:
«Flieger waren über der Stadt, unheilverkündete Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf. - Öl aus den Adern der Erde, Steinöl, Quallenblut, Fett der Saurier, Panzer der Echsen, das Grün der Farnwälder, die Riesenschachtelhalme, versunkene Natur, Zeit vor dem Menschen, vergrabenes Erbe, von Zwergen bewacht, geizig, zauberkundig und böse, die Sagen, die Märchen, der Teufelsschatz: er wurde ans Licht geholt, er wurde dienstbar gemacht. Was schrieben die Zeitungen? Krieg um Öl, Verschärfung im Konflikt, der Volkswille, das Öl den Eingeborenen, die Flotte ohne Öl, Anschlag auf die Pipeline, Truppen schützen Bohrtürme, Schah heiratet, Intrigen um den Pfaufenthron, die Russen im Hintergrund, Flugzeugträger im Persischen Golf».
Das Treibhaus (1953): «Gilt Tauben im Gras als der avangardistischste unter Koeppens Romanen, so Das Treibhaus als der konventionellste - und skadalöseste. Beides mit gutem Grund, aber nur geringem Recht. Denn zwar spielt der Roman in Bonn, im ‘Treibhaus’ der Restauration. Zwar lag es nahe, das Werk deshalb als Schlüsselroman zu lesen» (Schnell 1986. S.146).
Schauplatz der Handlung ist Bonn, dessen berüchtigtes, durch die Kessellage bedingtes Treibhausklima für Koeppen in genauer Analogie steht zur Atmosphäre der Zeit:
«Ein Treibhausklima gedieh im Kessel zwischen den Bergen; die Luft staute sich über dem Strom und seinen Ufern. Villen standen am Wasser, Rosen wurden gezüchtet, die Wohlhabenheit schritt mit der Heckenschere durch den Park, knirschender Kies unter dem leichten Altersschuh (...). Deutschland war ein großes öffentliches Treibhaus, Keetenheuve sah seltsame Floren, gierige, fleischfressende Pflanzen, Riesenphallen, Schornsteinen gleich voll schwelenden Rauches, blaugrün, rotgelb, giftig, aber es war eine Üppigkeit ohne Mark und Jugend, es war alles morsch, es war alles alt, die Glieder strotzten, aber es war eine Elephatiasis arabum ...» (Zit. nach: Illustrierte Geschichte.... Band VI.S.261)
«Sein Anti-Held Keetenheuve liebt die Politik und verachtet sie tief; als früherer Emigrant, der nach Deutschland zurückkehrte, um seinem Land als Mitglied der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion zu dienen, fühlt er sich von der täglichen Routine immer mehr gelangweilt und abgestoßen. Er hat eben seine junge Frau begraben und sieht sich steigendem politischem Druck gegenüber: Die herrschende konservative Partei will ihn in ein neues Exil schicken und bietet ihm den Posten eines Botschafters in Guatemala an, aber auch innerhalb seiner eigenen Fraktion wachsen die Konflikte, denn der Parteivorsitzende Knurrewahn haßt den Intellektuellen und Pazifisten Keetenheuve, der sich dem Wunsch der Partei widersetzt, eine neue demokratische Armee aufzubauen. Keetenheuve verbringt (als zentrale Sensibilität des Romans) drei ruhelose Tage in Konferenzen und Sitzungen; wieder sucht er Wärme in den Umarmungen eines Mädchens von der Heilsarmee und läuft endlich, von der schäbigen Vereinigung ernüchtert, zum Fluß und stürzt sich von der Brücke. Die Neonlichter eines in der Nähe gelegenen Cafes strahlen das magische Wort Rheinlust ironisch in die Nacht hinaus: letzte Erfüllung, Tod durch Ertrinken im deutschen Rhein». (Demetz 1973. S.217) Koeppen schildert Korruption, Parteienfilz und politischen Schmutz mit geradezu divinatorischer Weitsicht - was die Aktualität seiner Texte bis heute beweist. Geradezu apokalyptisch das Schlußtableau, in dem Keetenheuve, unmittelbar vor seinem Sprung von der Rheinbrücke, Visionen einer ewigen Wiederkehr hat: rechts und links sind verbündet, überall lauern Todesboten:
«Überall auf den Mauerstümpfen, in hohlen Fenstern, auf der geborstenen Säule aus des Sängers Fluch saßen die gefräßigen heraldischen Tiere, hockten dumme aufgeplusterte mordgierige Wappenmaler mit geröteten Schnäbeln, fette selbstzufriedene Schildlöwen mit blutverschmiertem Maul, züngelnde Greife mit dunkel-feuchten Klauen, ein Bär brummte drohend, Mecklenburgs Ochse sagte Muh, und SA marschierte, Totenkopfverbände paradierten, Fememordbataillone rückten mit klingendem Spiel an, Hakenkreuzbanner entfalteten sich aus moorverschmierten Hüllen, (...). Dann kamen die Marxisten mit roten Fahnen gezogen. Sie schleppten schwer an einem Gipsbild des großen Hegel, und Hegel reckte sich und rief: ’Die großen Individuen in ihren partikularen Zwecken sind die Verwirklichung des Substantiellen, welches der Wille des Weltgeistes ist’. Der ausgemergelte Dauerklavierspieler aus dem Nachtlokal spielte dazu die Internationale».
Der Tod in Rom: «Koeppen entwickelt eine melodramatische Geschichte von erstaunlichen Zufallsbegegnungen und Generationskonflikten: Bürgermeister Pfaffrath, früher ein hoher Nazifunktionär, reist mit seiner ganzen Familie nach Rom, um seinen Schwager, den früheren SS-General Judejahn zu treffen und dessen Rückkehr aus einem der arabischen Staaten (wo er als militärischer Berater dient) in ein neokonservatives und vergessenbereites Deutschland vorzubereiten. Doch die Söhne verweigern ihre Mithilfe bei diesem Geschäft: Siegfried Pfaffrath, ein Komponist, der schwierige Symphonien im Stile Adrian Leverkühns schreibt, träumt von einer Wiedergeburt in fernen afrikanischen Landschaften, und Adolf Judejahn, der Sohn des Generals, studiert in einem Seminar, um sich auf den Beruf des Priesters vorzubereiten. Judejahn aber herrscht mit seiner physischen Kraft, seinem blinden Gehorsam zu vergangenen Befehlen und seiner sexuellen Aggressivität über die individuellen Schicksale: er erschießt, um die letzten Befehle seines Führers zu erfüllen, in seinem letzten Ausbruch der Wut und Enttäuschung eine Jüdin und stirbt in der glühenden Mittagshitze an einem Schlaganfall. Koeppen spielt auf Thomas Manns Schlußsätze in Tod in Venedig an, die besagen, daß eine ‘respektvoll erschütterte Welt die Nachricht’ vom Tod des Dichters empfing, und meint trocken, daß die geschäftige Welt nicht im geringsten geneigt war, von Judejahns Tod oder dem seines Opfers Notiz zu nehmen.» (Demetz 1973. S.218)
Aus der Novelle von Th.Mann Der Tod in Venedig:
«Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode.»
Der Schlußsatz des Romans Der Tod in Rom:
«Die Zeitungen meldeten noch am Abend Judejahns Tod, der durch die Umstände eine Weltnachricht geworden war, die aber niemand erschütterte»
«Man muß Wolfgang Koeppens Romantrilogie als die Einheit lesen, die sie literarhistorisch darstellt, will man ihrer ästhetischen Bedeutung gerecht werden. Dann nämlich lassen sich die drei Romane als komplementäre, einander sinnvoll ergänzende Teile eines einzigen großen Entwurfs begreifen, der nichts Geringeres zu sein beansprucht als eine Gesamtdiagnose der bundesdeutschen Nachkriegsentwicklung von photographischer Tiefenschärfe und Detailtreue». (Schnell 1986. S.149)
Heinricn Böll
Haus ohne Hüter (1954): Eine besondere Stellung im Gesamtwerk des Autors nimmt der Roman Haus ohne Hüter ein, weil Böll hier ein ebenso differenziertes wie umfassendes zeitkritisches Bild der Nachkriegsgesellschaft liefert: «In diesem Roman sprechen fünf Stimmen vom Leben ohne Väter und Gatten: Nella Bach und Frau Brielach, ihre Söhne Martin und Heinrich, und der loyale Albrecht, der seinen besten Freund verloren hat, versuchen ungeachtet aller Verluste weiterzuleben. Für Nella, die einer gutsituierten Familie entstammt, und auch für die plebejische Frau Brielach, gehört die Begegnung mit dem Glück der Vergangenheit an, und beide versuchen, jede auf ihre Art, ihren Bürden zu entfliehen. Frau Brielach verbindet ihr Leben und das ihres Sohnes mit einer Reihe von ‘Onkeln’, die alle bei ihr leben, den Jungen streicheln oder schelten und eines Tages verschwinden, um dem nächsten ‘Onkel’ Platz zu machen; Nella hat einige unbedeutende Affären, schwankt zwischen hektischem Party-Going und schamloser Apathie, sucht Erlösung in der ‘dritten Ebene’ möglicher Erinnerungen und träumt davon, ‘das Leben zu leben, das nie gelebt worden war und nie würde zu leben sein’, denn die Zeit dafür ist schon vergangen.» (Demetz 1973.S.241)
Der Literaturwissenschaftler Jochen Vogt, der über Heinrich Böll ein lesenswertes Buch veröffentlicht hat, stellt resümierend über den frühen Böll fest: «Unverkennbar ist, daß Böll mit Haus ohne Hüter ein Spektrum von Themen und Motiven, von ‘positiven’ und kritisch gesehenen Figuren entfaltet, das für sein Schaffen auf längere Zeit bestimmend bleibt. Im Bereich der erzählerischen Technik ist ein verstärktes Experementieren festzustellen: eine emblematisch wirkende Motivtechnik, die Leitbegriffe wie Geld, unmoralisch usw. Explizit und topographisch hervorhebt, ist ebenso auffällig wie die Ansätze erzählerischer Montagetechnik oder die durchgängige Verwendung der Film-Metaphorik, die die Distanz von Realität und Scheinwelt im Bewußtsein der Hauptfiguren veranschaulicht.» (Vogt 1987. S.57)
Billiard um halb Zehn (1959): An der Entwicklung Heinrich Bölls während der 50er Jahre läßt sich eine Tendenz zu größerer epischer Komplexität ablesen, deren Höhepunkt Billard um halb Zehn darstellt. Vergangeheitsbewältigung und Gegenwartskritik sind in diesem Roman untrennbar miteinander verbunden. Ausgehend von einem einzigen Tag, dem 6.September 1958, und wieder in diesen einmündend, wird in Rückblenden die Entwicklung dreier Generationen der Architektenfamilie Fähmel seit 1907 geschildert. Dabei umfaßt die erzählte Zeit die Jahre 1907-1958, so daß im Gesamtzusammenhang auch die deutsche Entwicklung vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis hin zur Wirtschaftswundergesellschaft der Bundesrepublik entfaltet wird. Das durchgängige Symbol für Aufbau und Zerstörung ist die Abtei Sankt Anton, die zu bauen Heinrich Fähmel 1907 beauftragt worden war, die sein Sohn in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs durch eine Sprengung zerstörte - um «ein Denkmal für die Lämmer, die niemand geweidet hatte», zu setzen - und schließlich Roberts Sohn Joseph während seiner Architektenausbildung wieder aufzubauen helfen soll. Auf den 6.September konzentriert sich die Entwicklungsgeschichte dieser drei Generationen. An diesem Tag entdeckt Joseph Fähmel die Kreidemale, die sein Vater zur Anbringung der Sprengladung gezeichnet hatte; an diesem Tag kehrt ein Freund Robert Fähmels aus dem Exil zurück und muß feststellen, daß nach ihm noch immer gefahndet wird, während die alten Nazis als ‘demokratische’ Repräsentanten des Staates Bundesrepublik Deutschland etabliert sind; an diesem Tag verläßt Johanna Fähmel, Roberts Mutter und Ehefrau Heinrich Fähmels, eine Heilanstalt, um am 80.Geburtstag ihres Mannes einen Altfaschisten zu erschießen (sie erschießt dann nicht diesen, sondern, Symbol der Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, einen Opportunisten, der die alten Faschisten vor seinen politischen Karren spannen will). Diese Handlungselemente sind höchst komplex aufeinander bezogen: Die Erinnerungen werden als innere und äußere Monologe und in erlebter Rede vergegenwärtigt, zeitlich gegeneinander versetzt und ineinander verschränkt, sind verbunden durch vielfältige Symbole und Leitmotive, Assoziationen und Zitate, montiert zu einem vielfach verschlungenen und gebrochenen «Weg aus den Schichten vergangener Vergänglichkeit in eine vergängliche Gegenwart» (Böll).
Ansichten eines Clowns (1963): «Die Rahmenhandlung umfaßt nur einen Tag. Hauptfigur ist der gesellschaftliche Außenseiter, der Clown Hans Schnier, Sohn eines rheinischen Braunkohlemillionärs. In inneren Monologen, aus der Perspektive Schniers, der die Welt mit den Augen seines Kindes wahrnimmt, werden Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Institutionen und Ideologien der Bundesrepublik entlarvt als solche, die dem natürlichen Menschen nicht gemäß sind. Das wird entwickelt am Beispiel bestimmter Figuren und repräsentativer Situationen. Schnier, keiner Konfession zugehörig und auch nicht religiös, sondern einfach ein offener Mensch, der alle überindividuellen Institutionen und Organisationen als Zwänge empfindet - dieser Schnier hat sechs Jahre lang ohne Trauschein mit der katholischen Marie zusammengelebt. Nun hat sie ihn verlassen, um einen einflußreichen Katholiken zu heiraten. Den Verlust der Geliebten verwindet Schnier nicht. Wird an diesem Handlungsstrang das Problem der Ehe als kirchlich sanktionierter oder als allein sittlich fundierter zum Thema, so in anderen Zusammenhängen das Problem der Gegenwart als einer bloßen Fassade vor einer nicht bewältigten Vergangenheit: Kurz vor Kriegsende schickte Schniers Mutter seine Schwester als Flakhelferin in den sicheren Tod zur Verteidigung vor den «jüdischen Yankees»; bald nach dem Kriege wurde die Mutter Vorsitzende eines Kommittees zur Versöhnung rassischer Gegensätze. Mit solchen Gegenüberstellungen satirischer Art demaskiert Böll eine Wohlstandsgesellschaft, deren Moral Opportunismus und Lüge ist. Schnier zerbricht in dieser Gesellschaft. Am Ende sitzt er verloren auf den Stufen des Bonner Hauptbahnhofs, zum Bettler degradiert, und singt das Lied vom «armen Papst Johannes». Aber noch in seinem Scheitern bleibt der Clown ein Bild der Provokation». (Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur. Band VI. S.152)
Günter Grass, der seit 1955 zur Gruppe 47 gehörte, wurde 1927 in Danzig geboren. Im Zweiten Weltkrieg war er erst Flakhelfer, schließlich Panzerschütze; nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft absolvierte er in den Jahren 1947/47 ein Steinmetzpraktikum. Von der Ausbildung her ist Grass bildender Künstler: 1948-1952 studierte er Graphik und Bildhauerei in Düsseldorf, von 1952 bis 1956 Bildhauerei bei Karl Hartung in Berlin. Eigene Dichtungen, wie z.B. die Gedichtbände Die Vorzüge der Windhühner (1956), Gleisdreieck (1960) oder Ausgefragt (1967), illustrierte er selbst, wie er auch den unnachahmlichen Umschlag zum Roman Die Blechtrommel (1959) selbst entwarf. Aus diesem Roman las er 1958, aus Paris angereist, wo er mit Frau und drei Kindern wohnte, auf der Tagung der Gruppe 47 in Großholzleute und begründete damit seinen Ruhm, indem er zugleich den der Gruppe erneuerte. 1960 siedelte er von Paris nach Berlin über. Ab 1961 engagierte sich Grass als aktiver Wahlhelfer des SPD in allen Bundestagswahlkämpfen, nicht immer zur Freude der Gesamtpartei. Denn sein Engagement beruhte hauptsächlich auf einer persönlichen Verbindung mit Willy Brandt. Als Schriftsteller verkörperte Grass den neuen, lange vermißten Typus, mit dem im internationalen Literaturbetrieb Staat zu machen war. Grass wirkte unbefangen, kraftvoll, dynamisch, war Interviews abgeneigt. Seine Sprache war prall, sinnlich, bildhaft, Die Blechtrommel eine Sensation. Zusammen mit der Novelle Katz und Maus (1961) und dem Roman Hundejahre (1963) bildet sie die von Grass später so genannte Danziger Trilogie, in der er am Beispiel des Modells Danzig Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit aus der Perspektive von Kleinbürgern schildert. 1979 wurde Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff verfilmt und mehrfach preisgekrönt. Aber bis zur Mitarbeit am Drehbuch hatte Grass schon einen weiten Weg in seiner schriftstellerischen Entwicklung zurückgelegt.
Mit seinem neuesten Werk, dem 1995 erschienenen Roman Ein weites Feld, der die gerade erst fünf Jahre zurückliegende Wiedervereinigung Deutschlands zum Thema hat, geriet Günter Grass in die politische Schußlinie - vom Literatur-Kritiker-Streit ganz abgesehen. Schließlich war es ja auch seine erklärte Absicht, mit seinem Roman eine «literarische Korrektur und Gegenstimme» zu der «Geschichtsdarlegung von der gelungenen Einheit» vorzulegen.
Die Blechtrommel: Die Veröffentlichung des Romans brachte Grass schlagartig Erfolg und Ruhm. Der Kritiker Heinrich Vormweg beschreibt die zeitgenössische Wirkung auf die damals jüngere Generation; die, wenn überhaupt, so gerade noch aktiv den Krieg mitgemacht hat, um dann - wissensdurstig und auch sonst hungrig - in das intellektuelle Vakuum des Nachkriegs zu fallen: «Für mich jedenfalls war Die Blechtrommel ein Werk, das mir drastisch Einblick gegeben hat in die Praxis, wie aus einem unüberschaubaren Stoff, den auch ich kannte und doch nicht kannte, ein literarisches Gebilde entstehen konnte, von dem aus der zeitgeschichtliche Stoff überraschend und plötzlich faßlich begreifbar, überschaubar wurde und dabei Selbsterkenntnis ermöglichte.» (Vormweg 1986. S.62) Vormweg weist im weiteren darauf hin, daß Grass nicht nur für sich, sondern stellvertretend für eine ganze Generation einen «mächtigen Befreiungsschlag» führt, denn er macht «jene längst unvorstellbare Enge, jene schrecklichen Zwänge, jenen gespenstischen ideologischen Mief kenntlich (...), in dem zur erzählten Zeit jedermann vegetierte und sich wehrte, so gut er konnte.» ( Vormweg 1986. S.65). Für den Literaturwissenschaftler und - kritiker Jürgen Manthey gar ist der Roman heute noch genauso «frisch» wie vor dreißig Jahren, « so neu, als sei es nicht das Väter-Buch der nach ihm schreibenden Söhne, nicht das Ablösemanifest einer anderen Generation, nicht bloß der verspätete Kahlschlag, wie er seit 1945 immer wieder beschworen wurde, aber bis zum Erscheinen der Blechtrommel 1959 ausgeblieben war, sondern der schon alles einlösende Beginn einer Nachkriegsliteratur, ein Beginn, dem der Autor selbst, wie die anderen, später nur hinterherschreiben konnte.» (Manthey 1988. S.24) Ein mögliches Erklärungsmodell für die überragende und weitreichende Bedeutung des Textes bietet wiederum Hans Mayer an, der in einem Essay von 1967 Thomas Manns Felix Krull mit Grass’ Oskar Matzerath und auch Bölls Hans Schnier aus dem 1963 erschienenen Roman Ansichten eines Clowns vergleicht und dabei zu dem Resultat gelangt, daß diese Außenseiter der Gesellschaft - Hochstapler, Clowns, Autoren - «die zweckmäßigsten Repräsentanten einer Literatur der verlorenen Sprache und der abgerissenen Kontakte» sind. (Mayer 1969. S.65)
Der Roman ist auf zwei Zeitebenen angelegt. Oskar Matzerath, Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt in Düsseldorf, schreibt zwischen 1952 und 1954, seinem 30. Geburtstag, seine Memoiren. Zugleich ist er in einen rätselhaften Mordprozeß, aufgrund dessen er auch in die Anstalt eingewiesen wurde, verwickelt. In seinen Memoiren berichtet Oskar seine Lebensgeschichte und die Geschichte seiner Familie von 1899 bis 1954. Das beginnt mit der Zeugung seiner Mutter auf einem kaschubischen Kartoffelfeld in der Nähe von Danzig. Oskar wird 1924 geboren. Es bleibt fraglich, ob der rheinische Lebensmittelhändler Alfred Matzerath oder der polnische Onkel Jan Bronski sein wirklicher Vater ist. Zum dritten Geburtstag bekommt er die Blechtrommel geschenkt, mit der er in der Folge dann für allerlei Verwirrung sorgt. Auch entdeckt er die erstaunliche Fähigkeit an sich, mit seiner Stimme Glas zersingen zu können: «mein Schrei», schreibt Oskar an einer Stelle, «tötete Blumenvasen; mein Gesang ließ Fensterscheiben ins Knie brechen und Zugluft regieren; meine Stimme schnitt gleich einem keuschen und deshalb unerbittlichen Diamanten Vitrinen auf und verging sich im Inneren der Vitrinen, ohne dabei die Unschuld zu verlieren, an harmonischen, edel gewachsenen, von lieber Hand geschenkten, leicht verstaubten Likörgläsern.» (Grass 1974. S.49) Durch einen absichtlichen Kellersturz verhindert Oskar sein weiteres Wachstum: er bleibt zunächst 94 cm klein. Die Familiengeschichte spiegelt die Machtergreifung der Nazis und den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Onkel Bronski wird von den Nazis erschossen, Oskars Mutter stirbt an einer ungeklärten Fischvergiftung. Alfred Matzerath nimmt ein junges Mädchen, Maria, ins Haus, schwängert sie (wobei im im dunklen bleibt, ob er oder aber Oskar der Vater des kleinen Kurt ist). Während die deutsche Wehrmacht nach Rußland zieht, schlägt Oskar seine Schlachten hinter der Front im Schoß der Gemüsehändlerin Greff:
«Auch Oskar begann, Mitte Oktober einundvierzig kräftig im Schlamm zu wühlen. Man mag mir nachsehen, daß ich den Schlammerfolg der Heeresgruppe Mitte meine Erfolge im unwegsamen und gleichfalls recht schlammigen Gelände der Frau Linda Greff gegenüberstelle. Ähnlich wie sich dort, kurz vor Moskau, Panzer und LKW’s festfuhren, fuhr ich mich fest; zwar drehten sich dort noch die Räder, wühlten den Schlamm auf, zwar gab auch ich nicht nach - es gelang mir wörtlich im Greffschen Schlamm Schaum zu schlagen - aber von Geländegewinn konnte weder kurz vor Moskau noch im Schlafzimmer der Greffschen Wohnung gesprochen werden.» (Grass 1974. S.250)
Mit dem Liliputaner und väterlichen Freund Bebra macht Oskar «Fronttheater» für die deutschen Truppen an der Westfront. Seine Geliebte Roswitha kommt bei der amerikanischen Invasion um. 1945 kehrt Oskar nach Danzig zurück. Die Rote Armee rückt ein; Oskar zwingt seinen Vater, sein Parteiabzeichen der NSDAP zu verschlucken. Dabei wird er von den Russen erschossen. Oskar und Maria flüchten nach Westen, wo beide schließlich als Nachtklub-Entertainer Karriere machen, bevor er dann in der Anstalt endet.
«Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirschen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen, feiere ich heute meinen dreißigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin - Amen.» (Grass 1974.S.490)
Grass’ Sprache ist ebenso derb-zupackend wie eindringlich, konkret und prall. Die Erzählweise oszilliert zwischen einer traditionell auktorialen Position und einer personalen Erzählerstimme, die sich nicht immer sicher ist und daher hinter eine subjektive Sicht, eine ‘Mutmaßung’, zurückzieht. Die Sexualität, das Beschreiben sexueller Handlungen hat Funktion in Grass’ Roman. Das ganze Buch ist eine einzige Auseinandersetzung mit dem Kleinbürgertum, mit kleinbürgerlichen Verhaltensweisen, Verklemmtheiten, Moralvorstellungen, einer bestimmten Art zu denken; es ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Faschismus - nämlich mit dem in jedermanns Kopf. Zugleich beschäftigt sich Grass mit der Eltern- und Großelterngeneration, mit deren Versagen, Verschweigen und Stillhalten.
Zu Recht schreibt der Literaturwissenschaftler Eberhard Mannack daher: «Trommel und Glaszersingen sind Instrumente des Protestes, zu dem sich Oskar angesichts des Versagens der Erwachsenen veranlaßt sieht. Die Welt der Kleinbürger, die sich als besonders anfällig für die faschistische Ideologie erweisen, wird zum eigentlichen Ziel des Trommlers. (Mannack 1977. S.74)
Martin Walser: geboren am 24.3.1927 in Wasserburg/Bodensee, wuchs als Sohn eines Gastwirts auf. Nach Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Germanistik und promovierte 1951 mit einer Arbeit über Franz Kafka. 1957 veröffentlichte er seinen ersten Roman Ehen in Philippsburg. Walser gab seine Tätigkeit beim Süddeutschen Rundfunkt auf und lebt seitdem am Bodensee als freier Schriftsteller. Mit seinem umfangreichen und vielfältigen Werk zählt er zu den erfolgreichsten westdeutschen Schriftstellern. Wie Böll, Grass, Johnson u.a. gehörte er zu der Generation, die die gesellschaftlichen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland kritisch darstellte, so etwa in der sogenannten ‘Kristlein-Trilogie’ (Halbzeit 1960, das Einhorn 1966, Der Sturz 1973). In den 60 er Jahren erregte er darüber hinaus mit unkonventionellen dramatischen Arbeiten Aufsehen. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht die Auseinandersetzung mit dem individuellen Identitätsverlust. Im Bewußtsein der Grenzen, die der Literatur vorgegeben sind, hat sich Walser zwischen 1968 und 1974 verstärkt um Texte von Außenseitern der Gesellschaft, wie Strafgefangenen oder psychisch Kranken, gekümmert. Bei seinen eigenen Arbeiten kehrte er in den 70er Jahren mit Ein fliehendes Pferd (1978) und Seelenarbeit wieder zu den Themen und Figuren seiner frühen Romane zurück. Ende der 80er Jahre überraschte Walser die Öffentlichkeit durch sein Plädoyer für die deutsche Einigung. Mit der deutsch-deutschen Situation beschäftigte er sich schon in seiner Novelle Dorle und Wolf (1987). Eingang findet das Thema auch in den 1991 erschienenen Geschichtsroman Die Verteidigung der Kindheit. Walsers bisher letzter Roman ohne einander (1993) greift wieder das typisch walsersche Thema der zwischenmenschlichen Beziehungslosigkeit auf.
Ehen in Philippsburg (1957): Schon mit dem ersten Roman Ehen in Philippsburg wandte sich Walser seinem eigentlichen Thema zu. Es besteht in der Schilderung von Individuen der bürgerlichen Mittelschicht, die sich unmöglich selbst verwirklichen können in ihrem Bemühen, sich an die vorgegebenen Normen und Werte ihrer Umwelt anzupassen. Als Umwelt erscheint - häufig im Modell der Provinz - die Wirtschaftswunder- und Wohlstandsgesellschaft der Bundesrepublik. In vier locker miteinander verbundenen Großkapiteln stellt Walser das Leben der ‘upper middle class’ in der fiktiven Stadt Philippsburg dar, die doch sogleich für jede deutsche Stadt im Wirtschaftswunderland der 50er Jahre Modell stehen könnte. Und es geht vor allem um den unvermeindlichen sozialen Aufstieg, den Walser an einigen repräsentativen Figuren, die zugleich unterschiedliche Handlungen bzw. Mentalitäten in der Zeit verkörpern, vorstellt: da ist einmal Hans Beumann, die Hauptfigur des Romans, Sohn einer Kellnerin, der nach Philippsburg kommt, um dort beim Funk Karriere zu machen und schließlich noch die Tochter eines reichen Industriellen, eine ehemalige Kommilitonin, zu heiraten; zum anderen sind da die Herren der feinen Gesellschaft, ein Herr Dr.Benrath, erfolgreicher und ebenso beliebter Arzt, der am Ende den Ausstieg aus der Philippsburger Gesellschaft zu riskieren scheint, und ein Herr Dr. Alwin, Lokalpolitiker mit geilem Drang nach ganz oben, aber tatsächlich ganz unten unter den Pantoffeln seiner Frau, nicht ohne sich dabei noch in Männerphantasien («Kraftnatur», «Herrschermann», der von seiner Geliebten «dienende Hingabe» fordert) zu ergehen. Ihnen gegenüber steht ein ‘Outcast’, Typ des existentialistisch zerrisenen Nihilisten bzw. - im Stil der Zeit - Nonkonformisten, Berthold Klaff, das Revers von Hans Beumann. Denn wo Beumann unter gnadenloser Selbstverleugnung den Aufstieg in die besseren Kreise schafft - sinnfällig durch den Ritterschlag in einem zwielichtigen Nachtclub eingeleitet und sanktioniert noch durch die Lizenz einer Geliebten bzw. Zweitfrau -, da bringt sich Klaff um. Nicht etwa weil er sein Leben verfehlt hätte, sondern im Gegenteil, weil er durch seine ironische Distanz, seine Verweigerung und Stigmatisierung (er ist Invalide) die Normen, Gesetze und Spielregeln der Gesellschaft besser duchschaut. Er, der nach eigenem Bekunden in einem autobiographischen Text, «Eine Spielzeit auf Probe», «für diese Zeit nicht tauge», und sich deshalb verweigert, gibt die einzige Einschätzung von politischer Relevanz in bezug auf die 50er Jahre:
«Jetzt ist es wieder wie im Krieg. Zwei Welthälften geben täglich viel Geld aus, mir zu beweisen, daß ich nicht tauge. Ein Feigling ist man nicht bloß, weil man keinen Mut hat, sondern weil man nicht mitmacht! Mitmachen muß man! Entscheiden muß man! Und eben dazu bin ich unfähig. Ich will überleben, nichts weiter. Arm, von mir aus. Elend von mir aus. Aber atmen. Wozu? Das weiß ich nicht. Aber atmen» (Walser 1985. S.299)
Klaff will nichts werden, hat keine höheren Ambitionen in einer Gesellschaft, die zwar vorgibt, neu zu sein, ein anderes, besseres Deutschland vorzustellen, tatsächlich aber von denselben alten Nazis weiter repräsentiert wird. Mit entlarvender Deutlichkeit schildert Klaff z.B. in seinem Text den Auftritt seines Chefs, eines bekannten lokalen Politikers der Regierungspartei, dessen Gesten und Rhetorik die faschistischen Inszenierungen von ehedem imitieren und vom Publikum auch entsprechend begriffen werden:
«Die letzten Sätze seiner Rede schleuderte mein Chef übrigens mit erhobenen Händen auf uns herab. Immer höher wuchsen diese Hände, man wußte nicht mehr, woher er diese Größe nahm (...), und mit ihm wuchsen seine Sätze, wuchsen zu einem nicht mehr überbietbaren Höhepunkt, und dann fielen die Hände herab und es war eine gewaltige Stille im Saal. - Später brach Beifall los.» (Walser 1985. S.294)
Walser schildert durch die Augen Klaffs die bruchlos fortgeführte Tradition, zugleich die Bewußtseinparalyse und den Blick nach oben, nach Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung. Und es gibt nur zwei Haltungen dazu: entweder die bedingungslose Akzeptanz, das Unterordnen um den Preis des Selbstverlusts, oder die Haltung der Verweigerung, des Verzichts, was aber in dieser Ellenbogengesellschaft zugleich den Untergang bedeuten muß. Folgerichtig bringt sich denn auch Berthold Klaff um.
