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Schastina_J_M_Deutschsprachige_Literatur_des_20_Jahrhunderts_Teil_II.doc
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  1. Die Siebziger Jahre: Historische Erinnerungsarbeit, Autobiographie und «Neue Sensibilität»

1972 «Radikalenerlaß», Stagnation der Reformpolitik

1973-74 Rücktritt Willy Brands, Helmut Schmidt Bundeskanzler

(Wiederwahl 1976 und 1980)

1968-70 Formierung terroristischer Gruppen («Rote Armee Fraktion»)

1975-77 Überfälle, Entführungen und Mordanschläge der RAF gegen

führende Politiker und Manager

seit 1973 Entstehung der «Neuen Sozialen Bewegungen» und Bürgerin-

itiativen (Frauenbewegung, Ökologie- und Anti-Atomkraft-

Bewegung)

1.Erlebte Geschichte: Romane und Romanzyklen

Alfred Andersch: Winterspelt (1974)

Uwe Johnson: Jahrestage . 4 Bände (1971-85)

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. 3 Bände (1978-81)

2.Autobiographische Texte etablierter Autoren

Max Frisch: Montauk (1975)

Wolfgang Koeppen: Jugend (1976)

Elias Canetti: Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend (1977); Die Fackel im Ohr (1980)

Heinrich Böll: Was soll aus dem Jungen werden? (1982)

3.Studentenbewegung - Politik - Subjektivität

Bernward Vesper: Die Reise (1971-77)

4.Frauenidentität

Karin Struck: Klassenliebe (1973)

Verena Stefan: Häutungen (1975

Elfriede Jelinek

5.Terrorismus und staatliche Gewalt

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974)

Peter Paul Zahl: Die Glücklichen (1979)

Alfred Andersch geboren am 4.2.1914 in München, Buchhandelslehre, von 1930-33 Mitglied im Kommunistischen Jugendverband. Nach dem Reichstagsbrand 1933 dreimonatige Haft im KZ Dachau. Auf diese Demonstration staatlicher Gewalt reagierte Andersch mit «totaler Introversion»: Abkehr von der Politik und Hinwendung zur Kunst. Ab 1943 Soldat, 1944 Desertion in Italien und Kriegsgefangenschaft in den USA. Redakteur der Kriegsgefangenzeitschrift Der Ruf. Nach seiner Rückkehr Redaktionsassistent Erich Kästners bei der Neuen Zeitung in München. 1946-47 Mitherausgeber der Zeitschrift Der Ruf. Blätter für die junge Generation. Nach deren Verbot von 1948-58 Rundfunkredakteur bei verschiedenen Radiosendern. Gründungsmitglied der Gruppe 47. 1948 erschien der Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung, in dem Andersch seinem Glauben an die Literatur und ihrer zentralen Funktion bei der geistigen Wandlung der deutschen Nation Ausdruck gab. In diesem Sinne suchte und förderte Andersch im Rahmen seiner Arbeit als Rundfunkredakteur, Herausgeber der Buchreihe Studio Frankfurt sowie der Zeitschrift Texte + Zeichen Autoren wie Ingeborg Bachmann, Wolfgang Hildesheimer, Arno Schmidt, H.M.Enzensberger und Helmut Heißenbüttel. 1952 erschien sein autobiographischer Bericht Die Kirschen der Freiheit, in dem er die Erfahrung der Desertion schuldert, wobei er den individuell-verantworteten, bewußt vollzogenen Akt der Entscheidung zur Desertion in existentialistischem Sinne als den Moment beschreibt, in dem sich die menschliche Freiheit realisiert. Um solche Entscheidungssituationen geht es auch in den Romanen Sansibar oder der letzte Grund (1957), Die Rote (1960) und Efraim (1967). 1972 erhielt Andersch, der seit 1958 in Berzona (Schweiz) lebte, die schweizer Staatsbürgerschaft. 1974 erschien der Roman Winterspelt, Anderschs formal anspruchsvollste und komplexeste Prosaarbeit. Wieder geht es um Krieg, Desertion, Freiheit und Verantwortung, Entscheidung und Handlung. 1977 erschienen die gesammelten Gedichte unter dem Titel empört auch der himmel ist blau. Alfred Andersch starb am 21.2.1980 in Berzona. Seine kurz vorher fertiggestellte Erzählung Der Vater eines Mörders erschien im selben Jahr posthum.

Uwe Johnson wurde am 20.7.1934 im pommerschen Kammin (heute Polen) geboren. 1945 floh die Familie nach Recknitz. Nach dem Abitur studierte Johnson Germanistik in Rostock (1952-54) und Leipzig (bis 1956). Für eine Anstellung in staatlichen Institutionen hielt man ihn trotz des bestandenen Diploms nicht geeignet. Sein erstes Romanmanuskript Ingrid Babendererde wurde abgelehnt. Von 1957 bis 1959 beschäftigte er sich mit «wissenschaftlicher Heimarbeit» und dem Studium der Eisenbahnverbindungen zwischen Mecklenburg und Sachsen. Ergebnis dieser Arbeit ist sein Roman Mutmassungen über Jakob. Da dieser nur im Westen gedruckt werden konnte, zog Johnson 1959, ohne Genehmigung der DDR-Behörden, nach Westberlin. Der Roman stellt eine komplizierte, vielschichtige Komposition unterschiedlichster Erzählebenen dar. In Form einer Ermittlung werden die Sachverhalte recherchiert, die für den Tod des DDR-Bürgers Jakob Abs verantwortlich sein könnten. Auch die nachfolgenden Romane Johnsons beschäftigen sich mit der gespaltenen deutschen Wirklichkeit. So dokumentiert Das dritte Buch über Achim (1961) das Scheitern eines westdeutschen Journalisten beim Schreiben einer Biographie über das ostdeutsche Radsportidol Achim. 1970, 1971, 1973 und 1983 erschien die Romantetralogie Jahrestage, die heute schon als eine der großen Geschichts-Erzählungen unserer Zeit gelten darf. Hier schildert Johnson das Leben der Gesine Cressphal, bekannt als Partnerin Jakobs in den Mutmassungen über Jakob, sowie ihrer Tochter Marie im Zeitraum vom August 1967 bis zum August 1968. Die Fertigstellung dieses Werkes bereitete Johnson große Schwierigkeiten. Begonnen hatte er bereits während eines Aufenthaltes in New York 1966-68. 1974 übersiedelte er nach Sheerness-on-Sea (England). Dort geriet er 1975 in eine schwere persönliche Krise, die eine längere Schreibhemmung zur Folge hatte. 1984 wurde Johnson in seinem Haus in Sheerness tot aufgefunden. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar war er verstorben. 1985 erschien sein erster Roman Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 endlich im Druck.

Jahrestage: «Hauptfigur oder besser: episches Zentrum ist Gesine Cresspahl aus Mutmaßungen über Jakob, die, inzwischen 35jährig, mit ihrer Tochter Marie nach Amerika ausgewandert ist und in New York lebt. Gesines Bewußtsein - ihre Erinnerungen, Assoziationen, Vorstellungen, wie z.B. Gespräche mit längst Verstorbenen - und Gesines Dialoge mit der Tochter Marie, der sie - wie dem Leser! - ihr Leben erzählt, bilden das formale Gerüst der Darstellungsebenen. Gesines Gegenwart umfaßt die Zeit vom 20. August 1967 bis zum selben Datum 1968; Bewußtseinszustände und -inhalte werden über jeden einzelnen von 365 Tagen hinweg ausgebreitet. So können einerseits die bundesrepublikanische und die amerikanische Gegenwart zur Zeit des Vietnamkriegs zum Thema werden, andererseits die jeweilige Vergangenheit. Diese umfaßt gebunden an Gesines erinnerte Herkunft, das Leben ihres Vaters Heinrich Cresspahl, des Kunsttischlers, aus Jerichow und Gesines eigenes Leben. Von daher ergibt sich eine Chronik der mecklenburgischen Kleinstadt von den 20er Jahren über die Hitlerzeit bis in die Nachkriegsjahre, der das Leben im New York der 60er Jahre kontrapunktisch entgegengestellt wird. Daneben findet sich alles eingestreut, was das Bewußtsein Gesines entweder prägt oder spiegelt: Tagebuchnotizen, Auszüge aus der New York Times, Tonbänder, Lieder und vieles mehr. Gegliedert sind die Bände der Jahrestage folgendermaßen: Die ersten Bücher umfassen jeweils vier Monate, die Zeit vom 20.8. bis 19.12. 1967 und vom 20.12. 1967 bis 19.4.1968; sie enthalten die erinnerte Zeit von den 20er Jahren bis 1945. Der dritte Band bezieht sich auf die Zeit vom 10.4. bis 19.6.1968 und zugleich auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre. Der vierte Band geht dann bis zum 20.8.1968 und führt haupsächlich die DDR-Vergangenheit bis zum Aufstand vom 17.6.1953 vor, dem die Niederschlagung des Prager Frühlings in der Erzählgegenwart gegenübergestellt werden kann.

Es war Johnsons erklärte Absicht, in den Jahrestagen zu zeigen, «mit welch belanglosem und belastendem Schutt eine Person des 20.Jahrhunderts sich abzugeben habe Tag für Tag» - und gemessen an diesem Anspruch ist die Tetralogie als ein wahrhaft gelungenes Werk zu bezeichnen. (...) Mit den Jahrestagen schloß Johnson die Laufbahn eines Schriftstellers ab, der sein Ziel erreicht hatte. Er hat die Wirklichkeit einer Epoche erlebt, indem er sie sich und seinen Lesern erschrieb». (Illustrierte Geschichte ... Band VI. S.178-179)

Peter Weiss:Die Ästhetik des Widerstands dürfte - neben Uwe Johnsons Tetralogie Jahrestage - «das gewichtigste deutschsprachige Prosawerk der 70er Jahre sein: der groß angelegte und weit ausholende Versuch, die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in ihren Aufbrüchen und Zielsetzungen, in ihren Widersprüchen und Hoffnungen, im Scheitern, Versagen, Zweifeln, aber auch in den weltgeschichtlichen Kontinuitäten und Traditionen des Kampfes gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu zeichnen. Peter Weiss erzählt diese Geschichte aus der Sicht eines fiktiven Ich-Erzählers, der - Inhalt des ersten Bandes - im Herbst 1937 zunächst im kommunistischen Untergrund in Berlin lebt, dann nach Prag ins Exil geht, schließlich am Spanischen Bürgerkrieg teilnimmt. Der zweite Band setzt, nach der Niederlage der Republikaner, in Paris ein, führt den Ich-Erzähler nach Schweden, wo er in einer Fabrik arbeitet, Kontakt zu Kommunisten aufnimmt und zum Kreis um Bertolt Brecht zählt, und endet mit der Flucht des Ich-Erzählers aus Schweden im April 1940. Der dritte Band... beginnt mit der Ankunft der Eltern in Schweden, läßt die Problematik eines dogmatischen Kommunismus hervortreten - pointiert vor allem durch die Gegenfigur des Max Hodann -, führt in die Stockholmer Parteizelle und ihre Aktivitäten, nach Nazi-Deutschland (Zerschlagung der Widerstandsorganisation «Rote Kapelle» und Hinrichtungen in Plötzensee) und zeigt die zermürbenden, neues Unheil ankündigenden Intrigen, Streitigkeiten, Terrorisierungen innerhalb der kommunistischen und sozialistischen Arbeiterbewegung vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. (...) Die verschiedenen Erzählschichten-Beschreibung, historisch-politischer Exkurs, ästhetische Analyse - verbinden sich im Fortgang des Werks zunehmend und im dritten Band vollend zu einer Synthese, die Essay und Bericht, Analyse und Reflexion miteinander verschmilzt. (...) Peter Weiss hat sich mit dem Ich-Erzähler des Werks, nach eigenem Bekunden, eine «Wunschbiografie» geschrieben, jedoch nicht im Sinne einer politischen Beschönigung der eigenen bürgerlichen Lebensgeschichte, sondern als Entwurf einer fiktionalen Synthese von Ästhetik und Widerstand, Kunst und Poltik, deren Fiktionalität gerade nicht unterschlagen, sondern betont wird.» (Schnell 1986. S.342,343).

Max Frisch: Montauk. Ein Schriftsteller namens Max, behauptet, das Leben selbst sei langweilig, nur schreibend erfahre er noch Wirklichkeit. Mit diesem Text, der im wesentlichen die elegische Liebesgeschichte zwischen einem alternden Künstler und einer jungen Amerikanerin erzählt, hat Max Frisch endgültig und beinahe indiskret die Grenzen zum Nur-noch-Privaten überschritten: der autobiographische Hintergrund, vor dem all seine Werke gespielt hatten, scheint hier unvermittelt in den Vordergrund getreten zu sein. Auch scheint dies hier ganz programmatisch geschehen zu sein, denn Frisch warnt den Leser gleich zu Beginn, dies sei ein aufrichtiges Buch, mit dem er sich kein anderes Ende gesetzt habe als ein häusliches und privates. Man kann das Buch als das Tagebuch eines alten Mannes, der wehmütig und resigniert über seine letzte Liebe, über den Abschied von der Liebe selbst und an sich berichtet. «Auch hier nämlich ist es Frisch weitaus mehr darum zu tun, die gerade im Fall des Künstlers außerordentlich zerbrechliche, durchlässige Grenze zwischen ‘Dichtung’ und ‘Wahrheit’, Fiktion und Realität, Rolle und Identität zu erkunden ... » (Illustrierte Geschichte... Band Vi. S.210-211)

Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 im bulgarischen Rustschuk als Sohn sephardischer, im Mittelalter aus Spanien emigrierter Juden geboren. Seine Eltern entstammten einem traditionsbewußten, begüterten Kaufmannsgeschlecht. Spanisch und bulgarisch waren die ersten Sprachen, die Canetti beigebracht wurden. 1911 zog die Familie nach Manchester um, wo der sprachbegabte Schüler neben Englisch auch Französisch lernte. Ein Jahr später starb sein Vater; mit seiner Mutter und zwei Brüdern ging Canetti nach Wien. Erst jetzt, während eines längeren Zwischenaufenthaltes in der Schweiz, begann der lese- und wißbegierige Canetti, Deutsch zu lernen. Nach dem Abitur 1924 nahm er ein, ungeliebtes Studium der Chemie auf, das er dennoch mit einer Promotion abschloß. In Wien begeisterte er sich aber vor allem für die berühmten Vorlesungen des Publizisten Karl Kraus; während einer dieser Vorlesungen lernte er seine Frau, die Schriftstellerin Veza Canetti, kennen. Er führte in Wien das Leben eines freien Schriftstellers. In Wien beschäftigte er sich auch fortan mit dem Phänomen der Massen, dem zentralen Thema seines späteren Werks. Er hielt sich wiederholt in Berlin auf und hatte dort Kontakt zu den intellektuellen Kreisen um Bertolt Brecht und George Grosz. Canetti plante einen umfangreichen Romanzyklus, von dem er jedoch nur den Roman «Die Blendung» verwirklichte (1931/32 geschrieben, 1936 erstmals publiziert). In den folgenden Jahren entstanden auch seine beiden bedeutenden Dramen «Hochzeit» und «Komödie der Eitelkeit».

Mit der Einverleibung Österreichs in das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde Canetti 1938 in die Emigration gezwungen, er ging nach London. Die nächsten zwanzig Jahre seines Lebens widmete er sich fast ausschließlich seinem Hauptwerk, der großen Studie «Masse und Macht», in der er die vielfältigen Erscheinungsformen und Strukturen von Massen in ihren Beziehungen zu Machtmechanismen als einer menschlichen Grundkonstante untersucht. Das Buch erschien 1960 und stieß in der literarischen Öffentlichkeit lange Zeit nur auf sehr geringe Resonanz. Erst allmählich entwickelte sich ein Bewußtsein für die Komplexität und treffende Zeitdiagnose von Canettis Werk. Auch «Die Blendung», obgleich schon 1948 neu aufgelegt, wurde eigentlich berühmt erst nach ihrer neuerlichen Publikation 1963. Dieser Roman gehört zu den Grundwerken dieses Jahrhunderts. Auch Canettis frühe Dramen wurden erst 1965 uraufgeführt. 1968 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis, 1972 den Georg-Büchner-Preis. In dieser Zeit begann er mit der Aufzeichnung seiner großen Autobiographie der Jahre 1905-1937, in der er seine vielfältigen Beziehungen zu Karl Kraus, Hermann Broch und anderen Zeitgenossen, besonders aber zu seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder auffächert. Die drei Bände der Autobiographie - «Die gerettete Zunge» - «Die Fackel im Ohr» - «Das Augenspiel» erschienen von 1977 bis 1985. Canetti schrieb Essays, Dramen und Aphorismen. 1981 wurde Canetti der Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Die letzten Jahre lebte er zurückgezogen in Zürich. Am 14. August 1994 ist der Schriftsteller Elias Canetti im Alter von 89 Jahren in Zürich gestorben.

Die gerettete Zunge (1977): umfaßt die Jahre von 1905 bis 1921, Kindheit und frühe Jugend, mit ihren Erfahrungsdeterminanten: die Wanderjahre, die von Rustschuk über Manchester, Wien und Zürich schleßlich nach Deutschland, nach Frankfurt führen; der frühe Verlust des Vaters, die Erfahrung des Todes mithin, die sich zur lebensprägenden Konstante eines Hasses auf den Tod entwickelte; die Zweisamkeit mit der Mutter, mit ihren harten Ansprüchen an Intellekt und Emotionn des Kindes; das Erlernen der deutschen Sprache, die ihm die Mutter beibrachte, «eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache»; die Aussicht auf einen Umzug nach Deutschland: «Vertreibung aus dem Paradies»

Die Fackel im Ohr (1980): schildert die Jahre 1921 bis 1931: die Zeit in Frankfurt bis 1924, die ein allmähliches Herauswachsen aus der mütterlichen Einflußsphäre mit sich bringt; die Übersiedlung nach Wien 1924 mit der Promotion in Chemie; die Begegnung mit der Fackel des Karl Kraus, von dem Canetti, wie er anläßlich seiner Dankesrede zum Nobelpreis 1981 sagte, «das Hören» gelernt hat; die Arbeit am ersten großen Roman Die Blendung, der erst 1935 erscheinen sollte, wenig Beachtung fand und erst nach seiner Neuauflage 1963 den Autor weltbekannt machte.

Bernward Vesper (1938-1971), Sohn des bekannten Nazischriftstellers Willi Vesper, versucht in seinem autobiographischen Text, einer Collage aus Tagebuchnotizen, Aufzeichnungen, seine Herkunft zu beschreiben und zu analysieren, dabei gleichsam mit dem eigenen Vater auch den latenten Faschismus im eigenen Denken und Verhalten auszutreiben und eine Momentaufnahme der Studentenbewegung gegen Ende der 60er Jahre zu vermitteln.Vespers Romanessay Die Reise erschien posthum 6 Jahre nach dem Selbstmord des Autors (in einer psychiatrischen Klinik) und wurde eine literarische Sensation des Jahres 1977. Der folgende Auszug stammt aus dem Anfang des Romans

«Ich war das jüngste von vier Kindern meiner Mutter, der einzige Sohn. Und einige Tage später erschien ein Bote eines Barons aus dem Oderbruch mit einem Rokokostrauß und einem Brief, einer Gratulation des Herrn, der zufällig von der Anwesenheit der Gattin des Dichters gehört und sich beehrte. Und während meine Mutter mich noch stillte, kehrte Österreich heim ins Reich, und ich erhielt als Geschenk (nein, nicht Taufgeschenk, ich wurde erst in der Privatwohnung des befreundeten Dorfpfarrers von Gamsen getauft, als das Tausendjährige Reich in Trümmern ...) ein mährisches Glas mit der deutschen Schreibinschrift: Ein Volk, ein Reich, ein Führer! Ich war ein Jahr und einen Monat alt, als der Krieg begann und war sechs Jahre, neun Monate und acht Tage alt, als das Reich kapitulierte.»

An die Stelle des konkreten politischen Handelns setzten sich die Erwartungen in eine ‘Selbsterlösung’ der Intellektuellen. In dieser Stimmung kamen die Frauen zu Wort, zur eigenen Literatur. Im Zentrum dieser sich entwickelnden Frauenliteratur, die Spiegel von Befreiungsversuchen und Emanzipationsprozessen werden sollte, steht die Entdeckung des eigenen Körpers, der eigenen Sexualität. Zwei Romane werden als Zeichen der Ablösung der Frauen von der allgemeinen politischen Linken verstanden: Karin Strucks Klassenliebe (1973) und Verena Stefans Häutungen (1975). Sie sind Dokumentationen feministischen Ausdruckswillens.

Karin Struck wurde 1947 in Schlagtow geboren - Flucht in die Bundesrepublik 1953 -, studierte Romanistik und Germanistik in Bochum, Bonn und Düsseldorf. Sie engagierte sich politisch im SDS, wurde aktives Mitglied der DKP, aus der sie später wieder austrat. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin, Essayistin und Journalistin in Münster/Westfalen. Ihr erster Roman Klassenliebe wurde zum literarischen Ereignis und zu einem ungeheueren Verkaufserfolg.

Klassenliebe: In diesem Roman beschreibt Struck ihre eigenen Erfahrungen als «aufsteigende» Arbeiterin, die nach einer Zeit der Politisierung der Studentenbewegung ihre Subjektivität wiederfindet. «Sich selber zensieren heißt sich selber kastrieren. Die Widersprüche ohne Angst offenlegen. Aber die Angst vor der Reduktion durch die anderen: das bist du also, dieser kleinliche Mensch?» (Karin Struck)

Verena Stefan geboren 1947 in Bern, zog 1968 nach Berlin und arbeitete dort bei der Frauengruppe «Brot + Rosen» und an der Herausgabe des Frauenhandbuchs Nr.I mit. Seit 1975 lebt sie auf einem Bauernhof in Schafstedt/Schleswig-Holstein, arbeitet in einer Teilzeitbeschäftigung als Krankengymnastin und sonst als freie Schriftstellerin. Ihre «autobiographische Aufzeichnung» Häutungen (1975) ist der Erfahrungsbericht einer Frau, die durch ihre in Konventionen verhaftete Rolle in eine Krise gerät und den Aufbruch zu sich selbst wagt. Das Buch wurde zum «Koran der Frauenbewegung» (Der Spiegel). Die Ablösung von der Männergesellschaft versucht Verena Stefan gleichzeitig auf zwei Ebenen zu lösen: durch Verweigerung und Bewußtwerdung des eigenen, weiblichen Körpers:

«Wir haben doch gelernt, nicht unseren körper zu lieben, sondern (...) das verlangen, das er im mann auslöst» - sowie durch die Weigerung, sich der männlich infiltrierten Sprache zu bedienen: «Beim schreiben dieses buches (...) bin ich wort um wort und begriff um begriff an der vorhandenen sprache angeeckt. Sicher habe ich das zunächst so kraß empfunden, weil ich über sexualität schreibe. Alle gängigen Ausdrücke - gesprochene wie geschriebene- die den koitus betreffen, sind brutal und frauenverachtend»

«Die primäre Verweigerung löst sie durch eine radikale Hinwendung zu homoerotischen Beziehungen, die zweite, die Sprachlosigkeit der weiblichen Sexualität, durch die Suche nach einem neuen Vokabular...» .(Illustrierte Geschichte... Band VI. S.321)

Der überraschende Erfolg von Karin Strucks Klassenliebe und Verena Stefans Häutungen veranlaßte die etablierten Verlage, sich um Frauenliteratur zu kümmern. Was versteht man unter «Frauenliteratur» ? «Literatur von Frauen über Frauen für Frauen. Sie versteht sich selber als Teil der Neuen Frauenbewegung, sie sieht, wie diese, ihre Erfahrungsvoraussetzungen bestimmt durch die Welt der Männer, durch Väter, Brüder und Söhne, durch Vorgesetzte und Funktionäre, durch Geliebte, Ehemänner und politische Weggefährte, nicht zuletzt also durch eine männlich dominierte Sexualität, die zu ebenso subtilen wie brutalen Formen der Vergewaltigung ausgreifen kann. Unterdrückung, Entmündung und Einsamkeit, Gefühlskälte und Beziehungslosigkeit kennzeichnen diese literarischen Nachrichten aus unterschlagenen, alltäglichen Wirklichkeitsbereichen, teils aggressiv, teils leidend vorgetragen, bisweilen mokant und spröde gegenüber dem anderen Geschlecht. Die Frauen in dieser deutlich autobiographisch geprägten Literatur befinden sich stets auf der Suche nach einem Selbsbewußtsein, das sich von dem der Männer abkehrt und abgrenzt, das zu sich selber findet und über sich selbst verfügt, nicht selten im Austausch und in der Gemeinsamkeit mit den anderen Frauen» (Schnell 1986. S.272)

Elfriede Jelinek stammt aus der Steiermark, wo sie, in Mürzzuschlag, am 20.Oktober 1946 geboren wurde. Kindheit und Jugend verbrachte sie in Wien. Sie studierte Musik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft und lebte längere Zeit in Berlin und Rom. Seit Mitte der siebziger Jahre pendelt sie als freie Schriftstellerin zwischen Wien, München und Paris. Drei Jahre nach dem Erscheinen ihres ersten Buches, der Gedichtsammlung Lisas Schatten (1967), wurde Jelinek schlagartig bekannt durch den «ersten konsequent durchgehaltenen Poproman deutscher Zunge» (Otto Breicha), durch ihren Romanerstling wir sind lockvögel baby (1970). Die Autorin, die den Leser zur aktiven ‘Mitarbeit’ an dem Buch provozieren wollte, hatte auf dem Vorsatzblatt gleich sechs alternative Titel mitliefern lassen, mit denen man das Buch nach Lust und Laune ‘umtaufen’ konnte: «sie sollen hergehen & sich überhaupt zu Veränderungen außerhalb der legalität hinreißen lassen. ich baue ihnen keine einzige künstliche sperre die sie nicht durchbrechen könnten. ich hole sie ganz heran & zeige ihnen die noch unbemerkten hohlräume in ihrem organismus die bereit sind für völlig neue programmierungen». Jelineks erster realistischer Roman ist Die Liebhaberinnen (1975), der die Geschichte zweier siebzehnjähriger Mädchen erzählt und eine Spannung erkennen läßt, die für die Autorin durchaus charakteristisch ist: «Elfriede Jelineks Kritik gilt in allen ihren Romanen einerseits der Männer-, andererseits der Klassengesellschaft. Als marxistische Feministin hält sie die Abschaffung der Klassengesellschaft für vorrangig. Sie zeigt in ihren Romanen aber weniger die gesellschaftliche und ökonomische Benachteiligung der Frau als vielmehr die private Unterdrückung der Frau durch den Mann, der stets als brutal und chrakterlich niedrig dargestellt wird». (Hans Christian Kosler)

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974). Mit dieser Novelle bezog Böll sehr direkt Stellung zum aktuellen Problem der individuellen Gewalt im Verhältnis zur kollektiven oder anonymen. Über die Novelle wie über deren Verfilmung von Volker Schlöndorff 1975 entbrannten so heftige öffentliche Dikussionen, daß man das Literarische der Geschichte gegenüber dem Politischen überhaupt nicht mehr wahrnahm. Katharina, eine kleine, grundanständige Hausangestellte, verliebt sich in einen Verbrecher, der auf der Flucht vor der Polizei ist. Bereits auf der Gesellschaft, wo sie sich kennenlernen, werden die beiden bespitzelt. Am nächsten Morgen dringt die Polizei in Katharinas Wohnung ein, findet aber niemanden mehr. Sie wird abgeführt zum Verhör und fortan in ihrer bürgerlichen Existenz, in ihrer Ehre und in ihrem Ruf so demontiert, daß ein Weiterleben wie zuvor unmöglich erscheint. Die Hauptschuld daran trägt Die Zeitung - womit durchaus die Bild-Zeitung der Springerpresse gemeint ist -, repräsentiert durch einen skrupellosen Journalisten, der Katharina verfolgt und ihren Ruf zerstört durch auf Lügen und Halbwahrheiten beruhende Sensationsmeldungen. Als der Geliebte schließlich gefaßt wird, erschießt Katharina den Journalisten. Es geht um das Problem der Entstehung von Gewalt, und es geht zugleich damit um Bölls altes Thema und Anliegen - das der literarischen Verteidigung individueller, von der Gesellschaft «abfälliger» Freiräume gegenüber einer alles verwaltenden, verschlingenden, nivellierenden und auch den einzelnen zerstörenden sozialen Realität.

Peter-Paul Zahl geboren am 14.3.1944 in Freiburg/Breisgau, verlebte seine Kindheit in der DDR. Seit 1953 lebte er im Rheinland, absolvierte dort eine Lehre als Kleinoffsetdrucker und ging 1964 nach Berlin. 1966 wurde er Mitglied der Gruppe 61. 1967 gründete er eine Druckerei und einen Kleinverlag. Im Zuge der Studentenunruhen engagierte er sich für die Außerparlamentarische Opposition und wurde deshalb von Polizei und Justitz verfolgt und überwacht. 1970 wurde er wegen des Druckens eines Plakates zum ersten Mal verurteilt. 1972 kam es bei einer Personenkontrolle durch die Polizei zu einem Schußwechsel mit den Beamten, bei dem Zahl selbst und ein Polizist verletzt wurden. Zahl wurde verhaftet und 1974 zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. 1976 kam es im Rahmen eines Revisionsurteils zu einer erneuten Verurteilung wegen derselben Tat zu 15 Jahren Haft. Schreiben war für Zahl stets ein Bestandteil politischer Praxis. 1976 veröffentlichte er mit Waffe und Kritik Aufsätze, Artikel und Kritiken aus den Jahren von 1969-1976- Nach seinem ersten Roman Von einem der auszog, Geld zu verdienen (1970) entstanden alle weiteren Texte im Gefängnis unter schärfsten Isolationsmaßnahmen. Hier entwickelte Zahl in dem Essay Eingreifende oder ergriffene Literatur. Zur Rezeption moderner Klassik (1975) eine eigenständige Literaturtheorie. Der Gedichtband Schutzimpfung (1975), in dem er seine Gefängniserfahrungen niederlegt, begründete Zahls Rang als Lyriker. 1979 überraschte er das Publikum mit dem Schelmenroman Die Glücklichen, der in der politischen «szene» und im «Milieu» von Berlin-Kreuzberg Ende der sechziger Jahre spielt. 1980 erhielt Zahl den Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen. Gleichzeitig gewährte man ihm wesentlichte Hafterleichterungen; er wurde auf eigenen Wunsch nach Berlin-Tegel verlegt. Seit seiner Haftentlassung lebt Zahl vorwiegend in der Karibik.

Die Glücklichen: «Es ist ein «Schelmen»- Roman in des Wortes ursprünglicher Bedeutung: ein Roman über «Schelme», über Ganoven, Kriminelle, Verbrecher also, die in Berlin-Kreuzberg zur Zeit der außerparlamentarischen Revolte um 1968 ihr Wesen treiben. Mamma Hemmers und ihre Söhne Jörg, Niko und Peter, jeder auf seine Weise im Metier des Berufsverbrechers einschlägig begabt und ausgewiesen, dazu ein Pastor, dem nichts Menschliches fremd, und nicht zuletzt Ilona, die auf den Strich gegangen ist, rauschgiftsüchtig war, mit Hilfe ihrer Freunde sich einer Entziehungskur unterzogen hat - und die sich, einmal im Buch präsent, ausführliche Kontroversen mit dem Allwissenden Autor leistet. Ein «Schelmenroman» aber auch in gattungspoetischer Hinsicht. (...) Dem Roman fehlt (...) der «rote Faden» einer Erzähleranleitung. Dadurch erschwert er es seinen Lesern, seiner verschlungenen Konzeption auf die Spur zu kommen (...) Dennoch bleibt der Autor spürbar: in politischen Statements, in der spröden Wiedergabe politischer Fakten, in Belehrung, Benotung, Vorwegdenken der Lesergedanken, obwohl gerade dieser Roman den denkenden Leser erfordert. Und das heißt für den Leser: Der Roman stellt ihm Protestpotentiale gegen die Wirklichkeit nicht nur zur Verfügung - er setzt sie, auch gegen seine eigene Wirklichkeit, voraus.