- •Drei Kameraden
- •Ich dachte nach. »Ein tanzendes altes Weib.«
- •Ich winkte ab. »Wie sechzehn und fünfzig gleichzeitig. Nicht besonders.«
- •Ich hielt einen Augenblick ihre Hand in meiner und spürte ihren warmen, trockenen Druck. Dann ging ich hinaus, um den Rum zu holen.
- •Ich sah sie immer noch an. »Wenn er nicht sicher genug ist, kann einer von uns mitfahren.«
- •Ich schlug meinen Kragen hoch. »Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto?«
- •Ich lachte. »Natürlich einen Wagen«, knurrte Gottfried. »Meinst du ein Heupferd?«
- •Ich starrte ihn an. »Wie meinst du das?«
- •Ich wandte mich mit der Ananas und den Blumen an Lilly. »Meine herzlichsten Glückwünsche!«
- •Ich krempelte mir die Ärmel auf. »Dann 'ran, Otto! Große Ölwäsche für unsern Liebling.«
- •Ich stellte den Kognak, den Gin und zwei Gläser auf den Tisch.
- •Ich sah ihn an. Er rührte sich nicht. Seine Augen glitzerten im Widerschein des weißen Lichtes draußen. Der Motor lief immer noch, leise grollend, als bebe unter uns die Erde.
- •Ich führte ihm die Fenster vor. »Spielend leicht zu kurbeln. Stehen auf jeder Höhe fest.«
- •Ich schwieg und drückte mich. Mit aufgerührten Muttergefühlen soll man keinen Streit anfangen. Die haben die Moral der ganzen Welt hinter sich.
- •Ich blickte zu Lenz hinüber. Er zwinkerte mir zu. »Ferdinand ist hoch in Form. Er versäuft seit zwei Tagen eine liebe Tote. Hat ein Porträt verkauft und gleich Geld bekommen.«
- •Ich kletterte über das Sofa zu Köster hinüber. Mir war plötzlich etwas eingefallen. »Otto, du mußt mir mal einen Gefallen tun. Ich brauche morgen abend den Cadillac.«
- •Ich nickte. »Er findet sie auch leicht. Das haben Sie ja bei Binding gesehen.«
- •Ich wußte, was mir bevorstand, und griff sofort an. »Hast du Fräulein Bomblatt schon nach Hause gebracht?« fragte ich, um ihn gleich zu neutralisieren.
- •In großer Begleitung erschienen wir beim Cadillac. »Was nun?« fragte Lenz und kratzte sich den Schädel. »Am besten binden wir den Kinderwagen hinten an.«
- •Ich atmete auf.
- •Im nächsten Augenblick hatte sie die Tür schon offen und saß drin, schielend vor Begeisterung. »Das sind Sitze! Kolossal! Wie Klubsessel! Das ist was anderes als der Ford!«
- •Ich schob ihm die Medaille hin. »Hier hast du deine Hundemarke wieder. Hab' sie ganz vergessen gehabt.«
- •Ich spürte ganz gut den süßen, schweren Duft, der durch die weiche Dunkelheit schwamm; aber ich hätte es um alles in der Welt nicht zugegeben.
- •Ich starrte ihn an. Während ich immer noch mit der Anrede herumlavierte, machte er am hellen Nachmittag unverfroren solche Sachen! Und sie lachte dazu und nannte ihn tatsächlich Gottfried.
- •In das verklingende Tosen orgelten die Lautsprecher. Wir trauten unsern Ohren nicht: Burger, ein schwerer Konkurrent, war am Start stehengeblieben.
- •Ich fuhr mit einem Ruck hoch und horchte. Was war da los? Waren wir auf dem Mond? Das war ja ein richtiger Chor — ein zweistimmiger Frauenchor...
- •Ich murmelte irgend etwas. Sie nahm meinen Arm. »Komm, erzähl mir davon, erzähl mir von all diesen Städten, es muß doch herrlich gewesen sein, so weit zu reisen...«
- •Ich ging zu dem Mann, dem der Wagen gehörte. Eine blasse Frau stand jetzt bei ihm. »Ja...« sagte ich. »Weiß schon...«, erwiderte er.
- •Ich lachte. »Warum machst du denn so ein trotziges Gesicht dabei?«
- •Valentin war da. »Setz dich«, sagte er. »Was willst du trinken?«
- •Ich hauchte. »Rum, Kirsch und Absinth«, sagte er.
- •Ich gab ihm einen Stoß, daß er von seinem dreibeinigen Bock fiel. »Du Heuschrecke! Weißt du, was ich tun werde? Ich werde sie heute abend einfach mit dem Taxi abholen.«
- •Ich schüttelte es ab. »Komm«, sagte ich zu Pat, die mich ansah, als hätte sie etwas gespürt.
- •Ich holte Pat ab. Sie stand in ihrem Zimmer, fertig angezogen, und wartete schon. Es verschlug mir fast den Atem, als ich sie erblickte. Sie trug zum erstenmal, seit ich sie kannte, ein Abendkleid.
- •Ich schob meinen Stuhl in die Ecke der Loge zurück. So brauchte ich weder die Bühne noch die bleichen Köpfe der Zuschauer zu sehen. Ich hörte nur die Musik und sah Pats Gesicht.
- •Ich rief ein Taxi an. »Lassen Sie doch«, sagte Breuer, »mein Wagen hat Platz genug.«
- •Ich ging noch ins Café International. Alois wollte gerade die Läden 'runtermachen. »Noch wer da?« fragte ich.
- •Ich wartete, bis er das Kerngehäuse in den Papierkorb warf.
- •Ich nickte. Es paßte mir sehr gut so. Der Bäcker glaubte zwar, er wäre in seinen vier Wänden stärker — ich aber rechnete mit der Schwarzen als Unterstützung.
- •Ich hatte das Gefühl, daß ich gar nichts Besseres tun konnte, als zu verschwinden. Die Schwarze würde meine Sache schon weiterführen.
- •Ich holte mein Kleingeld aus der Tasche und schüttelte es kräftig zwischen den hohlen Händen.
- •Ich steckte mein Geld wieder in die Tasche und zündete mir eine Zigarette an. »Willst du noch nicht bald mit dem Zählen aufhören?« fragte ich. »Du kommst schon weit über siebzig Jahre.«
- •Ich holte rasch ein paar Sachen für Köster und mich. Wir gingen ins Dorf. »Bist du müde?« fragte ich.
- •Ich schenkte ihm Kaffee ein. Er blinzelte in die Sonne und wandte sich an Köster. »Eigentlich sollte ich Ihnen dankbar sein. So komme ich wenigstens einen Tag mal 'raus.«
- •Ich mußte lachen. »Du fängst ja gut an, Jupp.«
- •Ich ging in das Zimmer nebenan, während sie sich anzog.
- •Ich ließ ihre Schulter los.
- •In der Bar trafen wir Ferdinand und Valentin. Ferdinand war glänzender Laune. Er stand auf und ging Pat entgegen.
- •Ich mußte einen Augenblick die Zähne zusammenbeißen. Daß gerade sie mir das sagte! »Stimmt«, sagte ich dann, »stimmt, Pat.« Es stimmte gar nicht.
- •Ich zählte nach. »Eins fünfzig sind das...«
- •Ich setzte Gustavs Mütze auf, und wir nahmen auch seinen Wagen, damit der Portier nicht gleich Lunte roch. Sehen konnte er ohnehin nicht viel, dazu war die Straße zu dunkel.
- •Ich schoß aus dem Wagen. »Kennst du mich wieder?« fauchte ich und schlug ihm gegen den Magen.
- •Ich wußte nicht, was er wollte; aber ich nahm den Mantel, den die Schwester mir hinhielt.
- •Von Bieling erschien zwischen uns. »Meine Herrschaften, hätten Sie auf mich gehört — Salomon hätte ich Ihnen gesagt! Nur Salomon! Wollen Sie zum nächsten Rennen?«
- •Ich starrte ihn einen Augenblick an, und meine Blumen begannen zu rutschen. »Nein«, sagte ich dann rasch und preßte den Arm fest gegen den Mantel.
- •Ich hatte das Gefühl, daß er gar nicht zuhörte. »Sie haben sie heute morgen nicht gesehen?« fragte er dann plötzlich.
- •Ich blickte sie aufmerksam an. Sie sah müde aus und hatte Schatten unter den Augen. »Seit wann träumst du so was?« sagte ich. »Ich dachte, das wäre bisher meine Spezialität.«
- •Ihr Gesicht hellte sich auf. »Ja, wir haben es gut, nicht wahr?«
- •Ich nahm Pats schmale Hand und legte sie eine Sekunde an meine Wange. »Du brauchst noch etwas dazu«, sagte ich dann, »so ein Nerz allein ist wie ein Auto ohne Motor. Zwei oder drei Abendkleider...«
- •Ich erzählte, was ich wußte. Er nickte wieder und schrieb meine Adresse auf. »Können wir ihn wegbringen lassen?« fragte der Arzt.
- •Ihre Augen funkelten. Ich mußte mich beherrschen, ihr keine Ohrfeige herunterzuhauen.
- •Ich spürte eine Sekunde keinen Boden unter den Füßen.
- •Ich ging. Der Weg zur Tür erschien mir sehr weit.
- •Ich machte die Flasche auf und gab ihr einen Becher Kognak. »Gut?« fragte ich.
- •Ich sah sie an. Sie lachte. »Um diese Zeit sammeln sich doch die Zugvögel alle wieder. Drüben...«, sie zeigte in die Ecke des Speisewagens, »der ganze Tisch dort fährt auch hin.«
- •In der Bar waren Valentin, Köster und Ferdinand Grau, Lenz kam etwas später. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte mir eine halbe Flasche Rum. Ich fühlte mich immer noch verdammt schlecht.
- •Ich sah sie plötzlich deutlich vor mir. Ich sah die Schneeflocken wirbeln, ich sah den schmalen, dunklen Kopf, die geraden, etwas vorgebeugten Schultern, die bronzefarbene Haut.
- •Ich ging zu ihnen hin. »Was hat denn der Kleine da?« fragte Stefan und zeigte auf Georgie. »Der sieht mächtig traurig aus.«
- •Ich zeigte Siebzehn vor und strich den Pott ein. »Die Welt ist nicht verrückt«, sagte ich. »Nur die Menschen.«
- •Ich sah zum Wirt hinüber. Er nickte. »Also, Servus«, sagte ich.
- •Ich lief hinein. Ein Sanitäter kam mir entgegen. »Ist ein Arzt da?« »Ja. Habt ihr jemand?« »Ja. Kommen Sie mit 'ran! Eine Tragbahre.« Wir hoben Gottfried auf die Bahre und trugen ihn hinein.
- •Ich blickte zu ihm hinüber. Ich dachte an die gelben Gamaschen und die Uniformen.
- •Ich schüttelte den Kopf. »Es geht schon.«
- •Ich griff in die Tasche, um ihm die Fahrt zu bezahlen. »Bist du verrückt?« fragte er.
- •Ich ging zu Köster hinunter. Die Koffer waren schon ausgeladen. Man hatte uns zwei Zimmer nebeneinander in der Dependance gegeben.
- •Ich winkte dem Mädchen. »Einen Porto-Ronco und einen Spezial«, sagte ich. Ich sah, daß an den Tischen ziemlich viel Spezial getrunken wurde.
- •Vorsichtig, damit sie die Kurve nicht merkte, drehte Köster auf dem Marktplatz des nächsten Dorfes den Wagen in einer langen Schleife und fuhr langsam zurück.
- •Ich nickte.
- •Ich schnallte die Schier ab und fühlte, wie kräftig mein Blut strömte.
- •Ich zuckte die Achseln. Wozu sollte ich ihm erklären, daß er wahrscheinlich keine finden würde. Er würde es früh genug selbst sehen.
- •Ich nickte. »Der da«, fuhr er kichernd fort und zeigte auf den Russen, »der raucht jeden Tag fünfzig Stück.«
- •Ich zuckte die Achseln. »Macht Ihnen wohl Spaß, Sie Tugendfatzke?« fragte er höhnisch.
- •Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ja, Pat«, sagte ich und nahm ihre heißen Hände in meine, »wenn wir die Welt machen würden, würde sie besser aussehen, was?«
- •197 Библиотека «Артефакт» — http://artefact.Lib.Ru/
Ich hielt einen Augenblick ihre Hand in meiner und spürte ihren warmen, trockenen Druck. Dann ging ich hinaus, um den Rum zu holen.
Die Nacht stand groß und schweigend um das kleine Haus. Die ledernen Sitze unseres Wagens waren feucht. Ich blieb stehen und sah nach dem Horizont, wo der rötliche Schein der Stadt am Himmel stand. Ich wäre gern noch draußen geblieben; aber ich hörte Lenz schon rufen.
Binding vertrug den Rum nicht. Nach dem zweiten Glas merkte man es schon. Er schwankte in den Garten hinaus. Ich stand auf und ging mit Lenz an die Theke. Er verlangte eine Flasche Gin. »Großartiges Mädchen, was?« sagte er.
»Weiß ich nicht, Gottfried«, erwiderte ich. »Habe nicht so drauf geachtet.«
Er betrachtete mich eine Weile mit seinen irisierenden blauen Augen und schüttelte dann den glühenden Kopf. »Wozu lebst du eigentlich, sag mal, Baby?«
»Das wollte ich auch schon lange mal wissen.«
Er lachte. »Das könnte dir so passen! So leicht wird's einem doch nicht gemacht. Aber jetzt werde ich zunächst mal herauspolken, wie das Mädchen zu dem dicken Autokatalog draußen steht.«
Er folgte Binding in den Garten. Nach einiger Zeit kamen beide an die Theke zurück. Die Auskunft mußte gut gewesen sein, denn Gottfried, der scheinbar die Bahn jetzt frei sah, schloß sich in heller Begeisterung darüber stürmisch an Binding an. Die beiden holten sich die Ginflasche und duzten sich eine Stunde später. Lenz hatte, wenn er in guter Laune war, immer so etwas Hinreißendes, daß man ihm schwer widerstehen konnte. Er konnte sich selbst dann auch nicht widerstehen. Jetzt überflutete er Binding einfach, und bald sangen beide in der Laube draußen Soldatenlieder. Das Mädchen hatte der letzte Romantiker darüber vollständig vergessen.
Wir drei blieben allein in der Wirtsstube. Es war plötzlich sehr still. Die Schwarzwälderuhr tickte. Die Wirtin räumte ab und blickte mütterlich auf uns herunter. Am Ofen dehnte sich ein brauner Jagdhund. Manchmal bellte er im Schlaf, leise, hoch und klagend. Draußen strich der Wind am Fenster vorbei. Er wurde überweht von den Fetzen der Soldatenlieder, und mir war, als ob der kleine Raum sich höbe und mit uns durch die Nacht und durch die Jahre schwebe, vorbei an vielen Erinnerungen.
Es war eine merkwürdige Stimmung. Die Zeit schien aufgehoben zu sein — sie war nicht mehr ein Strom, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel ging —, sie war ein See, in dem sich lautlos das Leben spiegelte. Ich hielt mein Glas in der Hand. Der Rum schimmerte. Ich dachte an den Zettel, den ich morgens in der Werkstatt geschrieben hatte. Ich war etwas traurig gewesen. Ich war es jetzt nicht mehr. Es war alles gleich — solange man lebte. Ich sah Köster an. Ich hörte, wie er mit dem Mädchen sprach; aber ich achtete nicht auf die Worte. Ich spürte den weichen Glanz der ersten Trunkenheit, der das Blut wärmer machte und den ich liebte, weil er über das Ungewisse den Schein des Abenteuers breitete. Draußen sangen Lenz und Binding das Lied vom Argonnerwald. Neben mir sprach das unbekannte Mädchen — es sprach leise und langsam mit dieser dunklen, erregenden, etwas rauhen Stimme. Ich trank mein Glas aus.
Die beiden andern kamen wieder herein. Sie waren nüchterner geworden in der frischen Luft. Wir brachen auf. Ich half dem Mädchen in den Mantel. Es stand dicht vor mir, geschmeidig sich in den Schultern dehnend, den Kopf schräg nach hinten gelegt, den Mund leicht geöffnet, mit einem Lächeln zur Zimmerdecke, das niemand galt. Ich ließ einen Moment den Mantel sinken. Wo hatte ich nur die ganze Zeit meine Augen gehabt? Hatte ich denn geschlafen? Ich verstand plötzlich die Begeisterung von Lenz.
Sie drehte sich fragend halb um. Ich hob rasch den Mantel wieder hoch und schaute zu Binding hinüber, der kirschrot und immer noch etwas glasig neben dem Tisch stand.
»Glauben Sie, daß er fahren kann?« fragte ich.
»Ich denke schon...«
