- •Drei Kameraden
- •Ich dachte nach. »Ein tanzendes altes Weib.«
- •Ich winkte ab. »Wie sechzehn und fünfzig gleichzeitig. Nicht besonders.«
- •Ich hielt einen Augenblick ihre Hand in meiner und spürte ihren warmen, trockenen Druck. Dann ging ich hinaus, um den Rum zu holen.
- •Ich sah sie immer noch an. »Wenn er nicht sicher genug ist, kann einer von uns mitfahren.«
- •Ich schlug meinen Kragen hoch. »Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto?«
- •Ich lachte. »Natürlich einen Wagen«, knurrte Gottfried. »Meinst du ein Heupferd?«
- •Ich starrte ihn an. »Wie meinst du das?«
- •Ich wandte mich mit der Ananas und den Blumen an Lilly. »Meine herzlichsten Glückwünsche!«
- •Ich krempelte mir die Ärmel auf. »Dann 'ran, Otto! Große Ölwäsche für unsern Liebling.«
- •Ich stellte den Kognak, den Gin und zwei Gläser auf den Tisch.
- •Ich sah ihn an. Er rührte sich nicht. Seine Augen glitzerten im Widerschein des weißen Lichtes draußen. Der Motor lief immer noch, leise grollend, als bebe unter uns die Erde.
- •Ich führte ihm die Fenster vor. »Spielend leicht zu kurbeln. Stehen auf jeder Höhe fest.«
- •Ich schwieg und drückte mich. Mit aufgerührten Muttergefühlen soll man keinen Streit anfangen. Die haben die Moral der ganzen Welt hinter sich.
- •Ich blickte zu Lenz hinüber. Er zwinkerte mir zu. »Ferdinand ist hoch in Form. Er versäuft seit zwei Tagen eine liebe Tote. Hat ein Porträt verkauft und gleich Geld bekommen.«
- •Ich kletterte über das Sofa zu Köster hinüber. Mir war plötzlich etwas eingefallen. »Otto, du mußt mir mal einen Gefallen tun. Ich brauche morgen abend den Cadillac.«
- •Ich nickte. »Er findet sie auch leicht. Das haben Sie ja bei Binding gesehen.«
- •Ich wußte, was mir bevorstand, und griff sofort an. »Hast du Fräulein Bomblatt schon nach Hause gebracht?« fragte ich, um ihn gleich zu neutralisieren.
- •In großer Begleitung erschienen wir beim Cadillac. »Was nun?« fragte Lenz und kratzte sich den Schädel. »Am besten binden wir den Kinderwagen hinten an.«
- •Ich atmete auf.
- •Im nächsten Augenblick hatte sie die Tür schon offen und saß drin, schielend vor Begeisterung. »Das sind Sitze! Kolossal! Wie Klubsessel! Das ist was anderes als der Ford!«
- •Ich schob ihm die Medaille hin. »Hier hast du deine Hundemarke wieder. Hab' sie ganz vergessen gehabt.«
- •Ich spürte ganz gut den süßen, schweren Duft, der durch die weiche Dunkelheit schwamm; aber ich hätte es um alles in der Welt nicht zugegeben.
- •Ich starrte ihn an. Während ich immer noch mit der Anrede herumlavierte, machte er am hellen Nachmittag unverfroren solche Sachen! Und sie lachte dazu und nannte ihn tatsächlich Gottfried.
- •In das verklingende Tosen orgelten die Lautsprecher. Wir trauten unsern Ohren nicht: Burger, ein schwerer Konkurrent, war am Start stehengeblieben.
- •Ich fuhr mit einem Ruck hoch und horchte. Was war da los? Waren wir auf dem Mond? Das war ja ein richtiger Chor — ein zweistimmiger Frauenchor...
- •Ich murmelte irgend etwas. Sie nahm meinen Arm. »Komm, erzähl mir davon, erzähl mir von all diesen Städten, es muß doch herrlich gewesen sein, so weit zu reisen...«
- •Ich ging zu dem Mann, dem der Wagen gehörte. Eine blasse Frau stand jetzt bei ihm. »Ja...« sagte ich. »Weiß schon...«, erwiderte er.
- •Ich lachte. »Warum machst du denn so ein trotziges Gesicht dabei?«
- •Valentin war da. »Setz dich«, sagte er. »Was willst du trinken?«
- •Ich hauchte. »Rum, Kirsch und Absinth«, sagte er.
- •Ich gab ihm einen Stoß, daß er von seinem dreibeinigen Bock fiel. »Du Heuschrecke! Weißt du, was ich tun werde? Ich werde sie heute abend einfach mit dem Taxi abholen.«
- •Ich schüttelte es ab. »Komm«, sagte ich zu Pat, die mich ansah, als hätte sie etwas gespürt.
- •Ich holte Pat ab. Sie stand in ihrem Zimmer, fertig angezogen, und wartete schon. Es verschlug mir fast den Atem, als ich sie erblickte. Sie trug zum erstenmal, seit ich sie kannte, ein Abendkleid.
- •Ich schob meinen Stuhl in die Ecke der Loge zurück. So brauchte ich weder die Bühne noch die bleichen Köpfe der Zuschauer zu sehen. Ich hörte nur die Musik und sah Pats Gesicht.
- •Ich rief ein Taxi an. »Lassen Sie doch«, sagte Breuer, »mein Wagen hat Platz genug.«
- •Ich ging noch ins Café International. Alois wollte gerade die Läden 'runtermachen. »Noch wer da?« fragte ich.
- •Ich wartete, bis er das Kerngehäuse in den Papierkorb warf.
- •Ich nickte. Es paßte mir sehr gut so. Der Bäcker glaubte zwar, er wäre in seinen vier Wänden stärker — ich aber rechnete mit der Schwarzen als Unterstützung.
- •Ich hatte das Gefühl, daß ich gar nichts Besseres tun konnte, als zu verschwinden. Die Schwarze würde meine Sache schon weiterführen.
- •Ich holte mein Kleingeld aus der Tasche und schüttelte es kräftig zwischen den hohlen Händen.
- •Ich steckte mein Geld wieder in die Tasche und zündete mir eine Zigarette an. »Willst du noch nicht bald mit dem Zählen aufhören?« fragte ich. »Du kommst schon weit über siebzig Jahre.«
- •Ich holte rasch ein paar Sachen für Köster und mich. Wir gingen ins Dorf. »Bist du müde?« fragte ich.
- •Ich schenkte ihm Kaffee ein. Er blinzelte in die Sonne und wandte sich an Köster. »Eigentlich sollte ich Ihnen dankbar sein. So komme ich wenigstens einen Tag mal 'raus.«
- •Ich mußte lachen. »Du fängst ja gut an, Jupp.«
- •Ich ging in das Zimmer nebenan, während sie sich anzog.
- •Ich ließ ihre Schulter los.
- •In der Bar trafen wir Ferdinand und Valentin. Ferdinand war glänzender Laune. Er stand auf und ging Pat entgegen.
- •Ich mußte einen Augenblick die Zähne zusammenbeißen. Daß gerade sie mir das sagte! »Stimmt«, sagte ich dann, »stimmt, Pat.« Es stimmte gar nicht.
- •Ich zählte nach. »Eins fünfzig sind das...«
- •Ich setzte Gustavs Mütze auf, und wir nahmen auch seinen Wagen, damit der Portier nicht gleich Lunte roch. Sehen konnte er ohnehin nicht viel, dazu war die Straße zu dunkel.
- •Ich schoß aus dem Wagen. »Kennst du mich wieder?« fauchte ich und schlug ihm gegen den Magen.
- •Ich wußte nicht, was er wollte; aber ich nahm den Mantel, den die Schwester mir hinhielt.
- •Von Bieling erschien zwischen uns. »Meine Herrschaften, hätten Sie auf mich gehört — Salomon hätte ich Ihnen gesagt! Nur Salomon! Wollen Sie zum nächsten Rennen?«
- •Ich starrte ihn einen Augenblick an, und meine Blumen begannen zu rutschen. »Nein«, sagte ich dann rasch und preßte den Arm fest gegen den Mantel.
- •Ich hatte das Gefühl, daß er gar nicht zuhörte. »Sie haben sie heute morgen nicht gesehen?« fragte er dann plötzlich.
- •Ich blickte sie aufmerksam an. Sie sah müde aus und hatte Schatten unter den Augen. »Seit wann träumst du so was?« sagte ich. »Ich dachte, das wäre bisher meine Spezialität.«
- •Ihr Gesicht hellte sich auf. »Ja, wir haben es gut, nicht wahr?«
- •Ich nahm Pats schmale Hand und legte sie eine Sekunde an meine Wange. »Du brauchst noch etwas dazu«, sagte ich dann, »so ein Nerz allein ist wie ein Auto ohne Motor. Zwei oder drei Abendkleider...«
- •Ich erzählte, was ich wußte. Er nickte wieder und schrieb meine Adresse auf. »Können wir ihn wegbringen lassen?« fragte der Arzt.
- •Ihre Augen funkelten. Ich mußte mich beherrschen, ihr keine Ohrfeige herunterzuhauen.
- •Ich spürte eine Sekunde keinen Boden unter den Füßen.
- •Ich ging. Der Weg zur Tür erschien mir sehr weit.
- •Ich machte die Flasche auf und gab ihr einen Becher Kognak. »Gut?« fragte ich.
- •Ich sah sie an. Sie lachte. »Um diese Zeit sammeln sich doch die Zugvögel alle wieder. Drüben...«, sie zeigte in die Ecke des Speisewagens, »der ganze Tisch dort fährt auch hin.«
- •In der Bar waren Valentin, Köster und Ferdinand Grau, Lenz kam etwas später. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte mir eine halbe Flasche Rum. Ich fühlte mich immer noch verdammt schlecht.
- •Ich sah sie plötzlich deutlich vor mir. Ich sah die Schneeflocken wirbeln, ich sah den schmalen, dunklen Kopf, die geraden, etwas vorgebeugten Schultern, die bronzefarbene Haut.
- •Ich ging zu ihnen hin. »Was hat denn der Kleine da?« fragte Stefan und zeigte auf Georgie. »Der sieht mächtig traurig aus.«
- •Ich zeigte Siebzehn vor und strich den Pott ein. »Die Welt ist nicht verrückt«, sagte ich. »Nur die Menschen.«
- •Ich sah zum Wirt hinüber. Er nickte. »Also, Servus«, sagte ich.
- •Ich lief hinein. Ein Sanitäter kam mir entgegen. »Ist ein Arzt da?« »Ja. Habt ihr jemand?« »Ja. Kommen Sie mit 'ran! Eine Tragbahre.« Wir hoben Gottfried auf die Bahre und trugen ihn hinein.
- •Ich blickte zu ihm hinüber. Ich dachte an die gelben Gamaschen und die Uniformen.
- •Ich schüttelte den Kopf. »Es geht schon.«
- •Ich griff in die Tasche, um ihm die Fahrt zu bezahlen. »Bist du verrückt?« fragte er.
- •Ich ging zu Köster hinunter. Die Koffer waren schon ausgeladen. Man hatte uns zwei Zimmer nebeneinander in der Dependance gegeben.
- •Ich winkte dem Mädchen. »Einen Porto-Ronco und einen Spezial«, sagte ich. Ich sah, daß an den Tischen ziemlich viel Spezial getrunken wurde.
- •Vorsichtig, damit sie die Kurve nicht merkte, drehte Köster auf dem Marktplatz des nächsten Dorfes den Wagen in einer langen Schleife und fuhr langsam zurück.
- •Ich nickte.
- •Ich schnallte die Schier ab und fühlte, wie kräftig mein Blut strömte.
- •Ich zuckte die Achseln. Wozu sollte ich ihm erklären, daß er wahrscheinlich keine finden würde. Er würde es früh genug selbst sehen.
- •Ich nickte. »Der da«, fuhr er kichernd fort und zeigte auf den Russen, »der raucht jeden Tag fünfzig Stück.«
- •Ich zuckte die Achseln. »Macht Ihnen wohl Spaß, Sie Tugendfatzke?« fragte er höhnisch.
- •Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ja, Pat«, sagte ich und nahm ihre heißen Hände in meine, »wenn wir die Welt machen würden, würde sie besser aussehen, was?«
- •197 Библиотека «Артефакт» — http://artefact.Lib.Ru/
Ich hatte das Gefühl, daß er gar nicht zuhörte. »Sie haben sie heute morgen nicht gesehen?« fragte er dann plötzlich.
»Nein«, erwiderte ich verwundert. »Sonst hätte ich es Ihnen ja längst gesagt.«
Er nickte wieder und ging dann abwesend, ohne ein Wort in sein Zimmer zurück.
Pat war schon bei mir gewesen und hatte die Rosen gefunden. Sie lachte, als ich hereinkam. »Robby«, sagte sie, »ich bin doch ziemlich harmlos. Erst Frida hat mich aufgeklärt, daß frische Rosen sonntags früh um diese Zeit zweifellos etwas mit Diebstahl zu tun haben müßten. Sie hat mir auch erklärt, daß diese Sorte in den umliegenden Blumengeschäften nicht zu kaufen ist.«
»Glaub, was du willst«, erwiderte ich. »Die Hauptsache ist, daß sie dir Freude machen.«
»Jetzt noch mehr als sonst, Liebling. Du hast sie doch unter Gefahren erbeutet!«
»Na, und unter was für Gefahren!« Ich dachte an den Pastor. »Aber wieso bist du so früh schon auf?«
»Ich konnte nicht mehr schlafen. Und dann habe ich auch geträumt. Nichts Schönes.«
Ich blickte sie aufmerksam an. Sie sah müde aus und hatte Schatten unter den Augen. »Seit wann träumst du so was?« sagte ich. »Ich dachte, das wäre bisher meine Spezialität.«
Sie schüttelte den Kopf. »Hast du gesehen, daß es Herbst wird draußen?«
»Bei uns nennt man das Spätsommer«, erwiderte ich. »Die Rosen blühen ja noch. Es regnet, das ist alles, was ich sehe.«
»Es regnet«, wiederholte sie. »Es regnet schon viel zu lange, Liebling. Manchmal nachts, wenn ich aufwache, glaube ich, daß ich ganz begraben bin unter dem vielen Regen.«
»Du mußt nachts zu mir kommen«, sagte ich. »Dann hast du solche Gedanken nicht mehr. Im Gegenteil, es ist schön, beieinander zu sein, wenn es dunkel ist und wenn es draußen regnet.«
»Vielleicht«, erwiderte sie und lehnte sich an mich.
»Ich habe es ganz gern, wenn es sonntags regnet«, sagte ich. »Man merkt dann besser, wie gut man es hat. Wir sind zusammen, wir haben ein warmes, schönes Zimmer und einen freien Tag vor uns — ich finde, das ist eine ganze Menge.«
Ihr Gesicht hellte sich auf. »Ja, wir haben es gut, nicht wahr?«
»Ich finde, daß wir es wunderbar haben. Wenn ich an früher denke — mein Gott! Ich hätte nie gedacht, daß ich es noch einmal so gut haben würde.«
»Es ist schön, wenn du das sagst. Ich glaube es dann sofort. Du mußt es öfter sagen.«
»Sage ich es nicht oft genug?«
»Nein.«
»Kann sein«, sagte ich. »Ich glaube, ich bin nicht sehr zärtlich. Ich weiß nicht warum, aber ich kann es einfach nicht sein. Dabei wäre ich es sehr gern.«
»Du brauchst es nicht, Liebling, ich verstehe dich auch so. Nur manchmal, da möchte man es trotzdem auch gern hören.«
»Ich werde es dir von jetzt an jedesmal sagen. Auch wenn ich mir albern dabei vorkomme.«
»Ach, albern«, erwiderte sie. »In der Liebe gibt es keine Albernheit.«
»Gottlob nicht«, sagte ich. »Es wäre sonst furchtbar, was aus einem würde.«
Wir frühstückten zusammen, dann legte Pat sich wieder zu Bett. Jaffé hatte das so angeordnet. »Bleibst du hier?« fragte sie unter ihrer Decke hervor.
»Wenn du willst«, sagte ich.
»Ich möchte schon, aber du brauchst nicht...«
Ich setzte mich zu ihr ans Bett. »So war es nicht gemeint.
Ich erinnere mich nur, daß du es früher nicht gern hattest, wenn man dir beim Schlafen zusah.«
»Früher, ja — aber jetzt habe ich manchmal Angst, allein...«
»Das hatte ich auch mal«, sagte ich. »Im Lazarett, nach einer Operation. Ich fürchtete mich damals, nachts zu schlafen. Ich blieb immer wach und las oder dachte an irgend etwas, und erst wenn es hell wurde, schlief ich ein. Aber das vergeht wieder.«
Sie legte ihr Gesicht auf meine Hand. »Man hat Angst, daß man nicht zurückkommt, Robby...«
»Ja«, sagte ich, »aber man kommt zurück, und es geht vorbei. Du siehst es an mir. Man kommt immer zurück — wenn auch nicht gerade an dieselbe Stelle.«
»Das ist es«, erwiderte sie schon ein wenig schläfrig, mit halbgeschlossenen Augen. »Davor habe ich auch Angst. Aber du paßt auf, nicht wahr?«
»Ich passe auf«, sagte ich und strich über ihre Stirn und über ihr Haar, das auch müde zu sein schien.
Sie atmete tiefer und drehte sich etwas zur Seite. Eine Minute später war sie fest eingeschlafen.
Ich setzte mich wieder ans Fenster und sah in den Regen hinaus. Er wehte jetzt in grauen Schauern vor den Scheiben vorbei, und das Haus wirkte wie eine kleine Insel in der trüben Unendlichkeit. Ich war unruhig, denn es kam selten vor, daß Pat morgens mutlos und traurig war. Aber dann dachte ich daran, daß sie vor einigen Tagen noch lebhaft und froh gewesen war und daß vielleicht alles schon anders sein würde, wenn sie wieder erwachte. Ich wußte, daß sie viel an ihre Krankheit dachte, und ich wußte auch von Jaffé, daß es noch nicht besser geworden war — aber ich hatte in meinem Leben so viele Tote gesehen, daß jede Krankheit für mich immer noch Leben und Hoffnung war. Ich wußte, daß man an einer Verwundung sterben konnte, und darin hatte ich große Erfahrung — aber es fiel mir gerade deshalb oft schwer, zu glauben, daß auch eine Krankheit, bei der der Mensch doch äußerlich heil blieb, gefährlich sein konnte. Dadurch kam ich immer rasch über solche Anfälle von Mutlosigkeit hinweg.
Es klopfte an die Tür. Ich ging hin und öffnete. Hasse stand draußen. Ich legte den Finger an den Mund und trat auf den Korridor.
»Verzeihen Sie«, stammelte er.
»Kommen Sie zu mir herein«, sagte ich und öffnete die Tür zu meinem Zimmer.
Hasse blieb an der Schwelle stehen. Sein Gesicht schien kleiner geworden. Es war kreideweiß. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß wir nicht mehr zu fahren brauchen«, sagte er, fast ohne die Lippen zu bewegen.
»Kommen Sie ruhig herein«, erwiderte ich, »Fräulein Hollmann schläft, ich habe Zeit.«
Er hatte einen Brief in der Hand und sah aus wie jemand, der einen Schuß bekommen hat, aber noch glaubt, es sei nur ein Stoß gewesen.
»Am besten ist, Sie lesen es selbst«, sagte er und gab mir den Brief.
»Haben Sie schon Kaffee getrunken?« fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. »Lesen Sie den Brief...«
»Ja, aber inzwischen können Sie etwas trinken...«
Ich ging hinaus und sagte Frida Bescheid. Dann las ich den Brief. Er war von Frau Hasse und bestand aus wenigen Zeilen. Sie teilte ihm mit, daß sie noch etwas von ihrem Leben haben wolle. Deshalb käme sie nicht mehr zurück. Es sei jemand da, der sie besser verstünde als Hasse. Es hätte keinen Zweck, daß er irgend etwas unternähme; sie käme auf keinen Fall zurück.
Das sei ja auch wohl für ihn das beste. Er brauche dann keine Sorgen mehr zu haben, ob sein Gehalt reiche oder nicht. Einen Teil ihrer Sachen habe sie mitgenommen; den Rest würde sie gelegentlich holen lassen.
Es war ein klarer und sachlicher Brief. Ich faltete ihn zusammen und gab ihn Hasse zurück. Er blickte mich an, als ob alles von mir abhinge. »Was soll man da tun?« fragte er.
»Trinken Sie zuerst einmal diese Tasse aus und essen Sie was«, sagte ich. »Es hat keinen Zweck, daß Sie herumlaufen und sich kaputtmachen. Dann wollen wir überlegen. Sie müssen versuchen, ganz ruhig zu werden, dann werden Sie den besten Entschluß fassen.«
Er trank gehorsam die Tasse leer. Seine Hand zitterte, und essen konnte er nichts. »Was soll man tun?« fragte er nochmals.
»Gar nichts«, sagte ich. »Abwarten.«
Er machte eine Bewegung. »Was möchten Sie denn tun?« fragte ich.
»Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht begreifen.«
Ich schwieg. Es war schwer, ihm etwas zu sagen. Man konnte ihn nur beruhigen, alles andere mußte er selbst finden. Er liebte die Frau nicht mehr, das war anzunehmen — aber er war an sie gewöhnt, und für einen Buchhalter konnte Gewohnheit mehr sein als Liebe.
Nach einer Weile begann er zu sprechen, verworrenes Zeug, das nur zeigte, wie er hin und her schwankte. Dann fing er an, sich Vorwürfe zu machen. Er sagte kein Wort gegen die Frau. Er versuchte sich nur klarzumachen, daß er die Schuld hätte.
»Hasse«, sagte ich, »was Sie da reden, ist Unsinn. In diesen Dingen gibt es weder Schuld noch Unschuld. Die Frau ist von Ihnen fortgegangen, nicht Sie von ihr. Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen.«
»Doch«, erwiderte er und sah auf seine Hände. »Ich habe es nicht geschafft.«
»Was?«
»Ich habe es nicht geschafft. Das ist eine Schuld, wenn man es nicht schafft.«
Ich blickte verwundert auf die kleine, armselige Gestalt in dem roten Plüschsessel. »Herr Hasse«, sagte ich dann ruhig, »so etwas ist höchstens ein Grund, aber keine Schuld. Außerdem haben Sie es bisher geschafft.«
Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein, ich habe die Frau verrückt gemacht mit meiner ewigen Angst vor der Kündigung. Und ich habe es auch nicht geschafft! Was habe ich ihr schon bieten können! Nichts...«
Er versank in stumpfes Brüten. Ich stand auf und holte die Kognakflasche. »Trinken wir etwas«, sagte ich. »Es ist ja noch nichts verloren.«
Er hob den Kopf.
»Es ist noch nichts verloren«, wiederholte ich. »Verloren hat man einen Menschen erst, wenn er tot ist.«
Er nickte hastig und griff nach dem Glase. Aber er stellte es wieder hin, ohne zu trinken. »Gestern bin ich Bürochef geworden«, sagte er leise. »Oberbuchhalter und Bürochef. Der Prokurist hat es mir abends gesagt. Ich bin es geworden, weil ich in den letzten Monaten immer Überstunden gemacht habe. Man hat zwei Büros zusammengelegt. Der andere Bürovorsteher ist entlassen worden. Ich bekomme fünfzig Mark Gehalt mehr.« Er sah mich plötzlich verzweifelt an. »Glauben Sie, daß sie dageblieben wäre, wenn sie es gewußt hätte?«
»Nein«, sagte ich.
»Fünfzig Mark mehr. Ich hätte sie ihr geben können. Sie hätte sich immer etwas kaufen können. Und zwölfhundert Mark habe ich doch auf der Sparkasse! Wozu habe ich das nun gespart? Ich wollte etwas für sie haben, wenn es uns schlecht ginge. Und nun ist sie weggegangen, weil ich dafür gespart habe.«
Er starrte wieder vor sich hin. »Hasse«, sagte ich, »ich glaube, das hat weniger miteinander zu tun, als Sie denken. Sie sollten gar nicht darüber nachgrübeln. Es ist für Sie nur nötig, über die nächsten paar Tage wegzukommen. Dann werden Sie besser wissen, was Sie tun wollen. Vielleicht ist Ihre Frau heute abend oder morgen schon wieder da. Sie denkt doch ebenso darüber nach wie Sie.«
»Sie kommt nicht wieder«, antwortete er.
»Das wissen Sie nicht.«
»Wenn man ihr sagen könnte, daß ich jetzt mehr Gehalt habe und daß wir Urlaub nehmen und von dem Ersparten eine Reise machen wollten...«
»Das werden Sie ihr alles sagen können. Man trennt sich nicht so ohne weiteres.«
Ich war verwundert, daß er überhaupt nicht daran dachte, daß noch ein anderer Mann da war. Aber er war anscheinend noch nicht soweit; er dachte nur daran, daß seine Frau fort war, und alles andere lag noch wie ein undeutlicher Nebel dahinter. Ich hätte ihm gern gesagt, daß er in einigen Wochen vielleicht froh sein würde, daß sie weg war — aber es wäre mir bei seiner Verstörtheit als unnötige Roheit erschienen. Wahrheit ist für ein verletztes Gefühl immer roh und fast unerträglich.
Ich sprach noch eine Zeitlang mit ihm — nur damit er sprechen konnte. Ich erreichte nichts — er drehte sich im Kreise herum, aber ich hatte den Eindruck, daß er etwas ruhiger wurde. Er trank auch einen Kognak. Dann hörte ich Pat nebenan rufen.
»Einen Augenblick!« sagte ich und stand auf.
»Ja«, erwiderte er wie ein gehorsamer Knabe und erhob sich ebenfalls.
»Bleiben Sie nur, ich bin gleich wieder da.«
»Verzeihen Sie...«
»Ich bin sofort zurück«, sagte ich und ging zu Pat hinüber.
Sie saß aufrecht im Bett und sah frisch und wohl aus. »Ich habe wunderbar geschlafen, Robby! Es ist sicher schon Mittag.«
»Du hast genau eine Stunde geschlafen«, sagte ich und hielt ihr die Uhr hin.
Sie sah auf das Zifferblatt. »Um so besser, dann haben wir noch eine Menge Zeit für uns. Ich stehe gleich auf.«
»Schön. Ich komme in zehn Minuten wieder 'rein.«
»Hast du Besuch?«
»Hasse«, sagte ich. »Aber es dauert nicht lange.«
Ich ging zurück, aber Hasse war nicht mehr da. Ich öffnete die Tür zum Korridor, aber der Gang war leer. Ich ging den Korridor hinunter und klopfte an seine Tür. Er antwortete nicht. Ich öffnete die Tür und sah ihn vor dem Schrank stehen. Ein paar Schubfächer waren herausgezogen.
»Hasse«, sagte ich, »nehmen Sie ein Schlafmittel, legen Sie sich zu Bett und überschlafen Sie die Sache erst einmal. Sie sind jetzt überreizt.«
Er wendete sich langsam mir zu. »Immer allein, jeden Abend! Immer wie gestern herumsitzen, denken Sie sich das mal aus...«
Ich sagte ihm, daß sich das ändern würde und daß es viele Leute gäbe, die abends allein wären. Er gab keine rechte Antwort darauf. Ich sagte ihm nochmals, er solle schlafen gehen, vielleicht stelle sich noch alles als harmlos heraus und die Frau sei abends schon wieder zurück. Er nickte und gab mir die Hand.
»Ich komme abends noch mal 'rein«, sagte ich und ging. Ich war froh, wegzukommen.
Pat hatte die Zeitung vor sich liegen. »Wir könnten heute morgen ins Museum gehen, Robby«, schlug sie vor.
»Ins Museum?« fragte ich.
»Ja. Da ist eine Ausstellung von persischen Teppichen. Du warst wohl nicht oft im Museum?«
»Nie!« erwiderte ich. »Was sollte ich da auch?«
»Da hast du recht«, sagte sie und lachte.
»Das macht nichts.« Ich stand auf. »Bei Regenwetter kann man ruhig mal was für seine Bildung tun.«
Wir zogen uns an und gingen. Die Luft draußen war herrlich. Sie roch nach Wald und Feuchtigkeit. Als wir beim International vorbeikamen, sah ich durch die offene Tür Rosa neben der Theke sitzen. Sie hatte ihre Tasse Schokolade vor sich stehen, weil Sonntag war. Auf dem Tisch lag ein kleines Paket. Wahrscheinlich wollte sie nachher wie immer zu ihrem Kinde hinausfahren. Ich war lange nicht im International gewesen, und es erschien mir merkwürdig, daß Rosa gleichmütig wie stets dasaß. Bei mir hatte sich so vieles geändert, daß ich dachte, es müsse auch überall anderswo so sein.
Wir kamen zum Museum. Ich hatte geglaubt, wir würden ziemlich allein sein, aber zu meinem Erstaunen waren sehr viele Leute da. Ich fragte einen Wärter, was los sei.
»Nichts«, erwiderte er, »das ist doch immer so an den Tagen, wo der Eintritt frei ist.«
»Siehst du«, sagte Pat. »Es gibt noch eine Menge Leute, die sich für so etwas interessieren.«
Der Wärter schob seine Mütze zurück. »So ist das nun nicht, meine Dame. Das sind fast alles Arbeitslose. Die kommen nicht wegen der Kunst, sondern weil sie nichts zu tun haben. Und hier haben sie wenigstens was zum Ansehen.«
»Das ist eine Erklärung, die ich besser verstehe«, sagte ich.
»Jetzt ist das noch gar nichts«, erwiderte der Wärter. »Im Winter müssen Sie mal kommen! Da ist alles proppenvoll. Wegen der Heizung.«
Wir gingen in den Saal, wo die Teppiche hingen. Es war ein stiller, etwas abgelegener Raum. Durch die hohen Fenster konnte man in einen Garten sehen, in dem eine riesige Platane stand. Sie war ganz gelb, und auch das Licht im Raum bekam durch sie einen gedämpften gelben Schein.
Die Teppiche waren wundervoll. Es waren zwei Tierteppiche des sechzehnten Jahrhunderts, einige Ispahans und ein paar seidene, lachsfarbene Polenteppiche mit smaragdgrünen Bordüren. Das Alter und die Sonne hatten ihren Tönen eine milde Patina verliehen, so daß sie wie große, märchenhafte Pastelle wirkten. Sie gaben dem Raum eine zeitlose Stimmung und Harmonie, wie sie durch Bilder nie hätte erreicht werden können. Das Fenster mit dem Herbstlaub der Platane und dem perlgrauen Himmel dahinter fügte sich ein, als ob es auch ein alter Teppich wäre.
Wir blieben eine Zeitlang, dann gingen wir zurück in die übrigen Säle des Museums. Es waren inzwischen noch mehr Leute hinzugekommen, und man sah jetzt deutlich, daß sie eigentlich nicht hierhergehörten. Mit blassen Gesichtern und abgetragenen Anzügen wanderten sie, die Hände auf dem Rücken, etwas scheu durch die Räume, mit Augen, die etwas ganz anderes sahen als die Bilder der Renaissance und die stillen Marmorfiguren der Antike. Viele saßen auf den roten, gepolsterten Bänken, die ringsum aufgestellt waren. Sie saßen müde da, in einer Haltung, als wären sie gleich bereit, aufzustehen, wenn jemand käme, um sie fortzuweisen. Man merkte ihnen an, daß gepolsterte Bänke etwas für sie waren, bei dem ihnen nicht ganz begreiflich war, daß es kein Geld kostete, sich darauf auszuruhen. Sie waren gewohnt, daß sie nichts umsonst erhielten.
Es war sehr still in all den Räumen, und man hörte trotz der vielen Besucher kaum ein Wort — aber mir schien trotzdem, als sähe ich einem ungeheuren Kampf zu —, dem lautlosen Kampf von Menschen, die niedergeschlagen waren, aber sich noch nicht ergeben wollten. Sie waren ausgestoßen aus den Bezirken ihrer Arbeit, ihres Strebens, ihrer Berufe — jetzt kamen sie in die stillen Räume der Kunst, um nicht der Erstarrung und der Verzweiflung anheimzufallen. Sie dachten an Brot, immer nur an Brot und Beschäftigung; aber sie kamen hierher, um ihren Gedanken für einige Stunden zu entrinnen — und zwischen den klaren Römerköpfen und der unvergänglichen Anmut weißer, griechischer Frauengestalten wanderten sie umher in dem schleppenden Gang, mit den vorgebeugten Schultern von Menschen, die kein Ziel haben —, ein erschütternder Kontrast, ein trostloses Bild dessen, was die Menschheit in Tausenden von Jahren erreichen und nicht erreichen konnte: den Gipfel ewiger Kunstwerke, aber nicht einmal Brot genug für jeden ihrer Brüder.
Nachmittags gingen wir in ein Kino. Als wir herauskamen, hatte der Himmel sich aufgeklärt. Er war apfelgrün und sehr klar.
In den Straßen und Läden brannte schon Licht. Wir gingen langsam nach Hause und sahen uns dabei die Schaufenster an.
Vor den hellerleuchteten Scheiben eines großen Pelzgeschäftes blieb ich stehen. Es war schon kühl abends, und in den Fenstern waren dicke Bündel Silberfüchse und warme Mäntel für den Winter ausgestellt. Ich sah Pat an; sie trug immer noch ihre kurze Pelzjacke und war eigentlich viel zu leicht angezogen.
»Wenn ich jetzt der Held aus dem Film wäre, würde ich da hineingehen und dir einen Mantel aussuchen«, sagte ich.
Sie lächelte. »Welchen denn?«
»Den da.« Ich zeigte auf den, der am wärmsten aussah.
Sie lachte. »Du hast einen guten Geschmack, Robby. Das ist ein sehr schöner kanadischer Nerz.«
»Möchtest du ihn haben?«
Sie blickte mich an. »Weißt du, was so ein Mantel kostet, Liebling?«
»Nein«, sagte ich, »das will ich auch gar nicht wissen. Ich will lieber denken, ich könnte dir schenken, was ich möchte. Warum sollen nur andere Leute das können?«
Sie sah mich aufmerksam an. »Ich will aber gar keinen solchen Mantel, Robby.«
»Doch«, erwiderte ich, »du bekommst ihn! Kein Wort mehr darüber. Morgen lassen wir ihn abholen.«
Sie lächelte. »Danke, Liebling«, sagte sie und küßte mich mitten auf der Straße. »Und jetzt kommst du dran.« Sie blieb vor einem Herrenmodengeschäft stehen. »Diesen Frack da! Du brauchst ihn zu dem Nerz. Und den Zylinder dort bekommst du auch. Wie magst du wohl im Zylinder aussehen?«
»Wie ein Schornsteinfeger.« Ich schaute mir den Frack an. Er lag in einem Fenster, das mit grauem Samt ausgeschlagen war. Ich blickte noch einmal genauer hin. Es war das Geschäft, in dem ich mir im Frühjahr die Krawatte gekauft hatte, nachdem ich zum erstenmal allein mit Pat zusammengewesen war und mich betrunken hatte. Es würgte mich plötzlich etwas im Hals; ich wußte nicht warum. Im Frühjahr — da hatte ich noch nichts von allem geahnt.
