- •Drei Kameraden
- •Ich dachte nach. »Ein tanzendes altes Weib.«
- •Ich winkte ab. »Wie sechzehn und fünfzig gleichzeitig. Nicht besonders.«
- •Ich hielt einen Augenblick ihre Hand in meiner und spürte ihren warmen, trockenen Druck. Dann ging ich hinaus, um den Rum zu holen.
- •Ich sah sie immer noch an. »Wenn er nicht sicher genug ist, kann einer von uns mitfahren.«
- •Ich schlug meinen Kragen hoch. »Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto?«
- •Ich lachte. »Natürlich einen Wagen«, knurrte Gottfried. »Meinst du ein Heupferd?«
- •Ich starrte ihn an. »Wie meinst du das?«
- •Ich wandte mich mit der Ananas und den Blumen an Lilly. »Meine herzlichsten Glückwünsche!«
- •Ich krempelte mir die Ärmel auf. »Dann 'ran, Otto! Große Ölwäsche für unsern Liebling.«
- •Ich stellte den Kognak, den Gin und zwei Gläser auf den Tisch.
- •Ich sah ihn an. Er rührte sich nicht. Seine Augen glitzerten im Widerschein des weißen Lichtes draußen. Der Motor lief immer noch, leise grollend, als bebe unter uns die Erde.
- •Ich führte ihm die Fenster vor. »Spielend leicht zu kurbeln. Stehen auf jeder Höhe fest.«
- •Ich schwieg und drückte mich. Mit aufgerührten Muttergefühlen soll man keinen Streit anfangen. Die haben die Moral der ganzen Welt hinter sich.
- •Ich blickte zu Lenz hinüber. Er zwinkerte mir zu. »Ferdinand ist hoch in Form. Er versäuft seit zwei Tagen eine liebe Tote. Hat ein Porträt verkauft und gleich Geld bekommen.«
- •Ich kletterte über das Sofa zu Köster hinüber. Mir war plötzlich etwas eingefallen. »Otto, du mußt mir mal einen Gefallen tun. Ich brauche morgen abend den Cadillac.«
- •Ich nickte. »Er findet sie auch leicht. Das haben Sie ja bei Binding gesehen.«
- •Ich wußte, was mir bevorstand, und griff sofort an. »Hast du Fräulein Bomblatt schon nach Hause gebracht?« fragte ich, um ihn gleich zu neutralisieren.
- •In großer Begleitung erschienen wir beim Cadillac. »Was nun?« fragte Lenz und kratzte sich den Schädel. »Am besten binden wir den Kinderwagen hinten an.«
- •Ich atmete auf.
- •Im nächsten Augenblick hatte sie die Tür schon offen und saß drin, schielend vor Begeisterung. »Das sind Sitze! Kolossal! Wie Klubsessel! Das ist was anderes als der Ford!«
- •Ich schob ihm die Medaille hin. »Hier hast du deine Hundemarke wieder. Hab' sie ganz vergessen gehabt.«
- •Ich spürte ganz gut den süßen, schweren Duft, der durch die weiche Dunkelheit schwamm; aber ich hätte es um alles in der Welt nicht zugegeben.
- •Ich starrte ihn an. Während ich immer noch mit der Anrede herumlavierte, machte er am hellen Nachmittag unverfroren solche Sachen! Und sie lachte dazu und nannte ihn tatsächlich Gottfried.
- •In das verklingende Tosen orgelten die Lautsprecher. Wir trauten unsern Ohren nicht: Burger, ein schwerer Konkurrent, war am Start stehengeblieben.
- •Ich fuhr mit einem Ruck hoch und horchte. Was war da los? Waren wir auf dem Mond? Das war ja ein richtiger Chor — ein zweistimmiger Frauenchor...
- •Ich murmelte irgend etwas. Sie nahm meinen Arm. »Komm, erzähl mir davon, erzähl mir von all diesen Städten, es muß doch herrlich gewesen sein, so weit zu reisen...«
- •Ich ging zu dem Mann, dem der Wagen gehörte. Eine blasse Frau stand jetzt bei ihm. »Ja...« sagte ich. »Weiß schon...«, erwiderte er.
- •Ich lachte. »Warum machst du denn so ein trotziges Gesicht dabei?«
- •Valentin war da. »Setz dich«, sagte er. »Was willst du trinken?«
- •Ich hauchte. »Rum, Kirsch und Absinth«, sagte er.
- •Ich gab ihm einen Stoß, daß er von seinem dreibeinigen Bock fiel. »Du Heuschrecke! Weißt du, was ich tun werde? Ich werde sie heute abend einfach mit dem Taxi abholen.«
- •Ich schüttelte es ab. »Komm«, sagte ich zu Pat, die mich ansah, als hätte sie etwas gespürt.
- •Ich holte Pat ab. Sie stand in ihrem Zimmer, fertig angezogen, und wartete schon. Es verschlug mir fast den Atem, als ich sie erblickte. Sie trug zum erstenmal, seit ich sie kannte, ein Abendkleid.
- •Ich schob meinen Stuhl in die Ecke der Loge zurück. So brauchte ich weder die Bühne noch die bleichen Köpfe der Zuschauer zu sehen. Ich hörte nur die Musik und sah Pats Gesicht.
- •Ich rief ein Taxi an. »Lassen Sie doch«, sagte Breuer, »mein Wagen hat Platz genug.«
- •Ich ging noch ins Café International. Alois wollte gerade die Läden 'runtermachen. »Noch wer da?« fragte ich.
- •Ich wartete, bis er das Kerngehäuse in den Papierkorb warf.
- •Ich nickte. Es paßte mir sehr gut so. Der Bäcker glaubte zwar, er wäre in seinen vier Wänden stärker — ich aber rechnete mit der Schwarzen als Unterstützung.
- •Ich hatte das Gefühl, daß ich gar nichts Besseres tun konnte, als zu verschwinden. Die Schwarze würde meine Sache schon weiterführen.
- •Ich holte mein Kleingeld aus der Tasche und schüttelte es kräftig zwischen den hohlen Händen.
- •Ich steckte mein Geld wieder in die Tasche und zündete mir eine Zigarette an. »Willst du noch nicht bald mit dem Zählen aufhören?« fragte ich. »Du kommst schon weit über siebzig Jahre.«
- •Ich holte rasch ein paar Sachen für Köster und mich. Wir gingen ins Dorf. »Bist du müde?« fragte ich.
- •Ich schenkte ihm Kaffee ein. Er blinzelte in die Sonne und wandte sich an Köster. »Eigentlich sollte ich Ihnen dankbar sein. So komme ich wenigstens einen Tag mal 'raus.«
- •Ich mußte lachen. »Du fängst ja gut an, Jupp.«
- •Ich ging in das Zimmer nebenan, während sie sich anzog.
- •Ich ließ ihre Schulter los.
- •In der Bar trafen wir Ferdinand und Valentin. Ferdinand war glänzender Laune. Er stand auf und ging Pat entgegen.
- •Ich mußte einen Augenblick die Zähne zusammenbeißen. Daß gerade sie mir das sagte! »Stimmt«, sagte ich dann, »stimmt, Pat.« Es stimmte gar nicht.
- •Ich zählte nach. »Eins fünfzig sind das...«
- •Ich setzte Gustavs Mütze auf, und wir nahmen auch seinen Wagen, damit der Portier nicht gleich Lunte roch. Sehen konnte er ohnehin nicht viel, dazu war die Straße zu dunkel.
- •Ich schoß aus dem Wagen. »Kennst du mich wieder?« fauchte ich und schlug ihm gegen den Magen.
- •Ich wußte nicht, was er wollte; aber ich nahm den Mantel, den die Schwester mir hinhielt.
- •Von Bieling erschien zwischen uns. »Meine Herrschaften, hätten Sie auf mich gehört — Salomon hätte ich Ihnen gesagt! Nur Salomon! Wollen Sie zum nächsten Rennen?«
- •Ich starrte ihn einen Augenblick an, und meine Blumen begannen zu rutschen. »Nein«, sagte ich dann rasch und preßte den Arm fest gegen den Mantel.
- •Ich hatte das Gefühl, daß er gar nicht zuhörte. »Sie haben sie heute morgen nicht gesehen?« fragte er dann plötzlich.
- •Ich blickte sie aufmerksam an. Sie sah müde aus und hatte Schatten unter den Augen. »Seit wann träumst du so was?« sagte ich. »Ich dachte, das wäre bisher meine Spezialität.«
- •Ihr Gesicht hellte sich auf. »Ja, wir haben es gut, nicht wahr?«
- •Ich nahm Pats schmale Hand und legte sie eine Sekunde an meine Wange. »Du brauchst noch etwas dazu«, sagte ich dann, »so ein Nerz allein ist wie ein Auto ohne Motor. Zwei oder drei Abendkleider...«
- •Ich erzählte, was ich wußte. Er nickte wieder und schrieb meine Adresse auf. »Können wir ihn wegbringen lassen?« fragte der Arzt.
- •Ihre Augen funkelten. Ich mußte mich beherrschen, ihr keine Ohrfeige herunterzuhauen.
- •Ich spürte eine Sekunde keinen Boden unter den Füßen.
- •Ich ging. Der Weg zur Tür erschien mir sehr weit.
- •Ich machte die Flasche auf und gab ihr einen Becher Kognak. »Gut?« fragte ich.
- •Ich sah sie an. Sie lachte. »Um diese Zeit sammeln sich doch die Zugvögel alle wieder. Drüben...«, sie zeigte in die Ecke des Speisewagens, »der ganze Tisch dort fährt auch hin.«
- •In der Bar waren Valentin, Köster und Ferdinand Grau, Lenz kam etwas später. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte mir eine halbe Flasche Rum. Ich fühlte mich immer noch verdammt schlecht.
- •Ich sah sie plötzlich deutlich vor mir. Ich sah die Schneeflocken wirbeln, ich sah den schmalen, dunklen Kopf, die geraden, etwas vorgebeugten Schultern, die bronzefarbene Haut.
- •Ich ging zu ihnen hin. »Was hat denn der Kleine da?« fragte Stefan und zeigte auf Georgie. »Der sieht mächtig traurig aus.«
- •Ich zeigte Siebzehn vor und strich den Pott ein. »Die Welt ist nicht verrückt«, sagte ich. »Nur die Menschen.«
- •Ich sah zum Wirt hinüber. Er nickte. »Also, Servus«, sagte ich.
- •Ich lief hinein. Ein Sanitäter kam mir entgegen. »Ist ein Arzt da?« »Ja. Habt ihr jemand?« »Ja. Kommen Sie mit 'ran! Eine Tragbahre.« Wir hoben Gottfried auf die Bahre und trugen ihn hinein.
- •Ich blickte zu ihm hinüber. Ich dachte an die gelben Gamaschen und die Uniformen.
- •Ich schüttelte den Kopf. »Es geht schon.«
- •Ich griff in die Tasche, um ihm die Fahrt zu bezahlen. »Bist du verrückt?« fragte er.
- •Ich ging zu Köster hinunter. Die Koffer waren schon ausgeladen. Man hatte uns zwei Zimmer nebeneinander in der Dependance gegeben.
- •Ich winkte dem Mädchen. »Einen Porto-Ronco und einen Spezial«, sagte ich. Ich sah, daß an den Tischen ziemlich viel Spezial getrunken wurde.
- •Vorsichtig, damit sie die Kurve nicht merkte, drehte Köster auf dem Marktplatz des nächsten Dorfes den Wagen in einer langen Schleife und fuhr langsam zurück.
- •Ich nickte.
- •Ich schnallte die Schier ab und fühlte, wie kräftig mein Blut strömte.
- •Ich zuckte die Achseln. Wozu sollte ich ihm erklären, daß er wahrscheinlich keine finden würde. Er würde es früh genug selbst sehen.
- •Ich nickte. »Der da«, fuhr er kichernd fort und zeigte auf den Russen, »der raucht jeden Tag fünfzig Stück.«
- •Ich zuckte die Achseln. »Macht Ihnen wohl Spaß, Sie Tugendfatzke?« fragte er höhnisch.
- •Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ja, Pat«, sagte ich und nahm ihre heißen Hände in meine, »wenn wir die Welt machen würden, würde sie besser aussehen, was?«
- •197 Библиотека «Артефакт» — http://artefact.Lib.Ru/
Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ja, Pat«, sagte ich und nahm ihre heißen Hände in meine, »wenn wir die Welt machen würden, würde sie besser aussehen, was?«
Sie nickte. »Ja, Liebling. Wir würden solche Sachen nicht zulassen. Wenn man nur wüßte, was dahinter ist. Glaubst du, daß es weitergeht, nachher?«
»Ja«, erwiderte ich. »Es ist so schlecht gemacht, daß es nicht zu Ende sein kann.«
Sie lächelte. »Das ist auch ein Grund. Aber findest du das auch schlecht gemacht?« Sie zeigte auf einen Busch gelber Rosen neben ihrem Bett.
»Das ist es ja gerade«, erwiderte ich. »Die Einzelheiten sind wunderbar, aber das Ganze hat keinen Sinn. Als wenn es von einem gemacht ist, dem auf die wunderbare Vielfalt des Lebens nichts anderes eingefallen ist, als es wieder zu vernichten.«
»Und es wieder neu zu machen«, sagte Pat.
»Auch da sehe ich den Sinn nicht«, erwiderte ich. »Besser ist es dadurch bis heute nicht geworden.«
»Doch Liebling«, sagte Pat, »mit uns, das hat er schon gut gemacht. Besser ging's gar nicht. Nur zu kurz. Viel zu kurz.«
Ein paar Tage später spürte ich Stiche in der Brust und hustete. Der Chefarzt hörte den Lärm, als er über den Korridor ging, und steckte den Kopf in mein Zimmer. »Kommen Sie doch mal mit ins Sprechzimmer.«
»Es ist weiter nichts«, sagte ich.
»Das ist egal«, erwiderte er. »Mit so einem Husten dürfen Sie nicht bei Fräulein Hollmann sitzen. Kommen Sie mal gleich mit.«
Ich zog mir mit einer sonderbaren Befriedigung im Sprechzimmer das Hemd aus. Hier oben erschien einem Gesundheit fast wie ein unberechtigter Vorteil; man kam sich wie ein Schieber und Drückeberger vor.
Der Chefarzt sah mich eigentümlich an. »Sie scheinen sich ja noch zu freuen«, sagte er stirnrunzelnd.
Dann untersuchte er mich sorgfältig. Ich sah mir die blanken Dinge an den Wänden an und atmete tief und langsam und schnell und kurz ein und aus, wie er es verlangte. Dabei spürte ich wieder die Stiche und war zufrieden, Pat jetzt etwa weniger voraus zu haben.
»Sie sind erkältet«, sagte der Chefarzt. »Legen Sie sich ein oder zwei Tage ins Bett oder bleiben Sie wenigstens in Ihrem Zimmer. Zu Fräulein Hollmann dürfen Sie nicht hinein. Nicht Ihretwegen — Fräulein Hollmanns wegen.«
»Kann ich durch die Tür mit ihr sprechen?« fragte ich. »Oder über den Balkon?«
»Über den Balkon ja, aber nur ein paar Minuten, und durch die Tür meinetwegen auch, wenn Sie fleißig gurgeln. Sie haben außer der Erkältung auch noch einen Raucherkatarrh.«
»Und die Lunge?« Ich hatte irgendwie die Erwartung, daß wenigstens eine Kleinigkeit daran nicht in Ordnung wäre. Ich hätte mich Pat gegenüber besser gefühlt.
»Aus Ihrer Lunge könnte man drei machen«, erklärte der Chefarzt. »Sie sind der gesündeste Mensch, den ich seit langem gesehen habe. Sie haben nur eine ziemlich harte Leber. Wahrscheinlich trinken Sie zuviel.«
Er verschrieb mir etwas, und ich ging zurück.
»Robby«, fragte Pat aus ihrem Zimmer, »was hat er gesagt?«
»Ich darf nicht zu dir, einstweilen«, erwiderte ich unter der Tür. »Strenges Verbot. Ansteckungsgefahr.«
»Siehst du«, sagte sie erschrocken, »ich habe es immer schon nicht mehr gewollt.«
»Ansteckungsgefahr für dich, Pat. Nicht für mich.«
»Laß den Unsinn«, sagte sie. »Erzähle mir genau, was los ist.«
»Es ist genau so. Schwester« — ich winkte der Stationsschwester, die mir gerade die Medikamente brachte —, »sagen Sie Fräulein Hollmann, wer der Gefährlichere von uns beiden ist.«
»Herr Lohkamp«, erklärte die Schwester. »Er darf nicht 'raus, damit er Sie nicht ansteckt.«
Pat sah ungläubig von der Schwester zu mir. Ich zeigte ihr die Medikamente durch die Tür. Sie begriff, daß es stimmte, und begann zu lachen, immer mehr, sie lachte, bis ihr die Tränen kamen und sie schmerzhaft zu husten anfing, so daß die Schwester hinlaufen und sie stützen mußte. »Mein Gott, Liebling«, flüsterte sie, »das ist zu komisch. Und wie stolz du aussiehst!« Sie war den ganzen Abend fröhlich. Ich ließ sie natürlich nicht allein, sondern saß in einem dicken Mantel, einen Schal um den Hals, bis Mitternacht auf dem Balkon, eine Zigarre in der einen und ein Glas in der andern Hand, eine Kognakflasche zu meinen Füßen, und erzählte ihr Geschichten aus meinem Leben, immer wieder von ihrem leisen Vogelgelächter unterbrochen und angetrieben, ich log, was ich konnte, um das Lachen, über ihr Gesicht gleiten zu sehen, ich war glücklich über meinen bellenden Husten und trank die Flasche leer und war am nächsten Morgen gesund.
Der Föhn kam wieder. Der Wind rüttelte an den Fenstern, die Wolken hingen tief, der Schnee schob sich zusammen und polterte durch die Nächte, und die Kranken lagen gereizt und aufgepeitscht wach und horchten hinaus. An den geschützten Hängen fingen die Krokusse an zu blühen, und auf der Straße erschienen zwischen den Schlitten die ersten Wagen mit hohen Rädern.
Pat wurde immer schwächer. Sie konnte nicht mehr aufstehen. In den Nächten hatte sie oft Erstickungsanfälle. Dann wurde sie grau vor Todesangst. Ich hielt ihre nassen, kraftlosen Hände. »Nur diese Stunde überstehen!« keuchte sie, »nur diese Stunde, Robby. Da sterben sie...«
Sie hatte Angst vor der letzten Stunde zwischen Nacht und Morgen. Sie glaubte, daß mit dem Ende der Nacht der geheime Strom des Lebens schwächer würde und fast erlosch — und nur vor dieser Stunde hatte sie Furcht und wollte nicht allein sein. Sonst war sie so tapfer, daß ich oft die Zähne zusammenbeißen mußte.
Ich ließ mein Bett in ihr Zimmer stellen und setzte mich zu ihr, wenn sie erwachte und wenn in ihre Augen das verzweifelte Flehen kam. Ich dachte oft an die Morphiumampullen in meinem Koffer, und ich hätte es ohne Nachdenken getan, wenn sie nicht so dankbar für jeden neuen Tag gewesen wäre.
Ich saß bei ihr am Bett und erzählte ihr, was mir gerade einfiel. Sie durfte nicht viel sprechen, und sie hörte gern zu, wenn ich ihr erzählte, was mir alles schon so passiert war. Am liebsten hörte sie Geschichten aus meiner Schulzeit, und manchmal, wenn sie kurz vorher noch einen Anfall gehabt hatte und blaß und zerschlagen in den Kissen saß, verlangte sie schon wieder, daß ich ihr irgendeine Type von meinen Lehrern vormachte. Fuchtelnd und schnaufend, einen imaginären roten Vollbart streichend, wanderte ich dann durchs Zimmer und gab mit knarrender Stimme Kathederblüten von mir. Ich erfand täglich neue hinzu, und Pat wußte allmählich unter den Raufbolden und Lümmeln unserer Klasse, die den Lehrern immer neuen Ärger bereitet hatten, sehr gut Bescheid. Einmal kam die Nachtschwester dazu, angelockt durch den polternden Baß unseres Rektors, und es dauerte eine ganze Weile, ehe ich ihr zum Vergnügen Pats klargemacht hatte, daß ich nicht verrückt geworden sei, weil ich mitten in der Nacht in einer Pelerine und einem Schlapphut im Zimmer herumhopste und einem gewissen Karl Ossege furchtbar die Leviten las, der heimtückisch das Katheder angesägt hatte.
Langsam sickerte dann das Tageslicht durch das Fenster. Die Bergrücken wurden messerscharfe, schwarze Silhouetten. Der Himmel hinter ihnen fing an, kalt und blaß zurückzuweichen. Die Nachttischlampe verrostete zu bleichem Gelb, und Pat legte ihr feuchtes Gesicht in meine Hände. »Es ist vorbei, Robby. Jetzt habe ich wieder einen Tag dazu.«
Antonio brachte mir seinen Radioapparat. Ich schloß ihn an die Lichtleitung und die Heizung an und probierte ihn abends bei Pat aus. Er quarrte und quakte, dann löste sich plötzlich aus dem Schnarren eine zarte, klare Musik.
»Was ist das, Liebling?« fragte Pat.
Antonio hatte mir eine Radiozeitschrift mitgegeben. Ich schlug nach. »Rom, glaube ich.«
Da kam auch schon die tiefe, metallische Stimme der Ansagerin. »Radio Roma — Napoli — Firenze...«
Ich drehte weiter. Ein Klaviersolo. »Da brauche ich gar nicht nachzuschlagen«, sagte ich. »Das ist die Waldsteinsonate von Beethoven. Die habe ich auch mal spielen können in den Zeiten, als ich noch glaubte, irgendwann mal Studienrat, Professor oder Komponist zu werden. Jetzt kann ich sie längst nicht mehr. Wollen lieber weiterdrehen. Sind keine schönen Erinnerungen.«
Ein warmer Alt, sehr leise und einschmeichelnd. »Parlez — moi d'amour.« — »Paris, Pat.«
Ein Vortrag über die Bekämpfung der Reblaus. Ich drehte weiter. Reklamenachrichten. Ein Quartett. »Was ist das?« fragte Pat.
»Prag. Streichquartett, Opus 59, zwei, Beethoven«, las ich vor.
Ich wartete, bis der Satz zu Ende war, dann drehte ich weiter, und auf einmal war eine Geige da, eine wunderbare Geige. »Das wird Budapest sein, Pat. Zigeunermusik.«
Ich stellte die Skala genau ein. Voll und weich schwebte jetzt die Melodie über dem mitflutenden Orchester von Cimbals, Geigen und Hirtenflöten. »Herrlich, Pat, was?«
Sie schwieg. Ich wandte mich um. Sie weinte mit weit geöffneten Augen. Ich stellte mit einem Ruck den Apparat ab. »Was ist denn, Pat?« Ich legte den Arm um ihre schmalen Schultern.
»Nichts, Robby. Es ist dumm von mir. Nur wenn man das so hört, Paris, Rom, Budapest — mein Gott, und ich wäre schon froh, wenn ich noch einmal ins Dorf hinunter könnte.«
»Aber Pat.«
Ich sagte ihr alles, was ich ihr sagen konnte, um sie darüber wegzubringen. Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht traurig, Liebling. Du mußt das nicht glauben. Ich bin nicht traurig, wenn ich weine. Es kommt wohl mal so, aber nicht lange. Dafür denke ich viel zuviel nach.«
»Worüber denkst du denn nach?« fragte ich und küßte ihr Haar.
»Über das einzige, worüber ich noch nachdenken kann — über Leben und Sterben. Wenn ich dann traurig bin und nichts mehr verstehe, sage ich mir, daß es besser ist, zu sterben, wenn man noch leben möchte, als zu sterben und man möchte auch sterben. Was meinst du?«
»Ich weiß nicht.«
-
»Doch.« Sie lehnte den Kopf an meine Schulter. »Wenn man noch leben möchte, dann ist etwas da, was man liebt. Es ist schwerer, aber auch leichter. Sieh, sterben hätte ich doch müssen, und nun bin ich dankbar, daß ich dich hatte. Ich hätte ja auch allein und unglücklich sein können. Dann wäre ich gern gestorben. Jetzt ist es schwer; aber dafür bin ich auch ganz voll Liebe, wie eine Biene voll Honig, wenn sie abends in den Stock zurückkommt. Wenn ich wählen sollte — ich würde zwischen beiden immer wieder dasselbe wählen.« Sie sah mich an. »Pat«, sagte ich, »es gibt noch ein Drittes — wenn der Föhn aufhört, dann wird es dir besser gehen, und wir werden hier fortfahren.« Sie blickte mich weiter prüfend an. »Um dich habe ich Angst, Robby. Für dich ist es viel schwerer als für mich.« »Wir wollen nicht mehr darüber sprechen«, sagte ich. »Ich habe es nur gesagt, damit du nicht denkst, ich sei traurig«, erwiderte sie. »Ich glaube auch nicht, daß du traurig bist.« Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. »Willst du nicht dir Zigeuner wieder spielen lassen?«
»Willst du sie hören?«
»Ja, Liebling.«
Ich stellte den Apparat wieder an, und leise, dann immer voller klang die Geige mit den Flöten und den gedämpften Arpeggien der Cimbals durch das Zimmer.
»Schön«, sagte Pat. »Wie ein Wind. Ein Wind, der einen wegträgt.«
Es war ein Abendkonzert aus einem Gartenrestaurant in Budapest. Das Gespräch der Gäste war manchmal durch das Raunen der Musik zu vernehmen, und ab und zu hörte man einen hellen, fröhlichen Ruf. Man konnte denken, daß jetzt auf der Margaretheninsel die Kastanien schon das erste Laub hatten und daß es blaß im Monde schimmerte und sich bewegte, als würde es durch den Geigenwind angeweht. Vielleicht war es auch schon ein warmer Abend, und die Leute saßen im Freien und hatten Gläser mit dem gelben ungarischen Wein vor sich stehen, die Kellner liefen in ihren weißen Jacken hin und her, die Zigeuner spielten, nachher ging man durch die grüne Frühjahrsdämmerung müde nach Hause, und da lag Pat und lächelte und würde nie wieder aus diesem Zimmer herauskommen, nie wieder aus diesem Bette aufstehen.
Dann, plötzlich, ging alles sehr schnell. Das Fleisch ihres Gesichtes schmolz. Die Backenknochen traten hervor, und an den Schläfen kam die Stirn durch. Die Arme waren dünn wie Kinderarme, die Rippen spannten sich unter der Haut, und das Fieber raste in immer neuen Stößen durch den schmalen Körper. Die Schwester brachte Sauerstoffballons, und der Arzt kam jede Stunde.
Eines Nachmittags sank das Fieber unerklärlicherweise rasch. Pat wachte auf und sah mich lange an. »Gib mir einen Spiegel«, flüsterte sie dann.
»Wozu willst du einen Spiegel?« sagte ich. »Ruh dich aus, Pat. Ich glaube, du bist jetzt durch. Du hast kein Fieber mehr.«
»Nein«, flüsterte sie mit ihrer zerborstenen, verbrannten Stimme, »gib mir den Spiegel.«
Ich ging um das Bett herum, nahm den Spiegel und ließ ihn fallen. Er zersprang. »Entschuldige«, sagte ich. »So was ungeschicktes. Fällt mir einfach aus der Hand und ist auch gleich in tausend Scherben.«
»In meiner Tasche ist noch einer, Robby.«
Es war ein kleiner Spiegel aus verchromtem Nickel. Ich wischte mit der Hand darüber, damit er etwas erblindete, und gab ihn Pat. Sie rieb ihn mühsam sauber und sah angestrengt hinein. »Du mußt abreisen, Liebling«, flüsterte sie dann.
»Warum denn? Magst du mich nicht mehr?«
»Du sollst mich nicht mehr sehen. Das bin ich nicht mehr.«
Ich nahm ihr den Spiegel ab. »Diese Metalldinger taugen nichts, Pat. Sieh nur, wie ich darin ausschaue. Blaß und mager. Dabei bin ich doch braun und kräftig. Ganz wellig ist das Ding.«
»Du sollst eine andere Erinnerung an mich behalten«, flüsterte sie. »Fahr weg, Liebling. Ich werde schon allein damit fertig.«
Ich beruhigte sie. Sie verlangte den Spiegel wieder und ihre Tasche. Dann begann sie sich zu pudern, das arme, abgezehrte Gesicht, die zerrissenen Lippen, die schweren, braunen Höhlen unter den Augen. »Nur etwas, Liebling«, sagte sie und versuchte zu lächeln, »du sollst mich nicht häßlich sehen.«
»Du kannst machen, was du willst«, sagte ich, »du wirst nie häßlich sein. Für mich bist du die schönste Frau, die ich je gesehen habe.«
Ich nahm den Spiegel und die Puderdose fort und legte meine Hände vorsichtig um ihren Kopf. Nach einiger Zeit wurde sie unruhig.
»Was ist, Pat?« fragte ich.
»Es tickt so laut«, flüsterte sie.
»Was? Die Uhr?«
Sie nickte. »Es dröhnt so...«
Ich machte die Uhr von meinem Handgelenk los.
Sie blickte angstvoll auf den Sekundenzeiger. »Tu sie weg...«
Ich nahm die Uhr und warf sie gegen die Wand. »So, jetzt tickt sie nicht mehr. Jetzt steht die Zeit still. Wir haben sie mitten durchgerissen. Nur wir beide sind noch da, nur wir beide, du und ich, und niemand sonst.«
Sie sah mich an. Ihre Augen waren sehr groß. »Liebling...« flüsterte sie.
Ich konnte ihren Blick nicht ertragen. Er kam weit her und ging durch mich hindurch, irgendwohin. »Alter Bursche«, murmelte ich, »mein geliebter, tapferer, alter Bursche.«
Sie starb in der letzten Stunde der Nacht, bevor es Morgen wurde. Sie starb schwer und qualvoll, und niemand konnte ihr helfen. Sie hielt meine Hand fest, aber sie wußte nicht mehr, daß ich bei ihr war. Irgendwann sagte jemand: »Sie ist tot...«
»Nein«, erwiderte ich, »sie ist noch nicht tot. Sie hält meine Hand noch fest...«
Licht. Unerträgliches, grelles Licht. Menschen. Der Arzt. Ich öffnete langsam meine Hand. Pats Hand fiel herunter. Blut. Ein verzerrtes, ersticktes Gesicht. Qualvolle, starre Augen. Braunes, seidiges Haar.
»Pat«, sagte ich. »Pat!«
Und zum ersten Male antwortete sie mir nicht.
»Möchte allein sein«, sagte ich.
»Soll nicht erst...« fragte jemand. »Nein«, sagte ich. »'rausgehen. Nicht anfassen.« Ich habe ihr dann das Blut abgewaschen. Ich war aus Holz. Ich habe ihr das Haar gekämmt. Sie wurde kalt. Ich habe sie in mein Bett gelegt und die Decken über sie gedeckt. Ich habe bei ihr gesessen, und ich konnte nichts denken. Ich habe auf dem Stuhl gesessen und sie angestarrt. Der Hund kam herein und setzte sich zu mir. Ich habe gesehen, wie ihr Gesicht anders wurde. Ich konnte nichts tun, als leer dasitzen und sie ansehen. Dann kam der Morgen, und sie war es nicht mehr.
