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Thema 14. Expressionismus (1910-1925)

1. Zum Begriff:

Die zeitlich auf die Jahre zwischen 1910 und 1925 festlegbare Epoche, die man als Expressionismus bezeichnet, verbreitete sich von Deutschland aus auf das europäische Ausland. Als Vorläufer kann man Georg Büchner und Frank Wedekind betrachten. Stilistische Einflüsse kamen von dem Schweden August Strindberg (1849-1912) und dem Amerikaner Walt Whitman (1819-1892); thematisch lehnte man sich an die russischen Autoren Leo Tolstoj (1828-1910) und besonders Fjodor Dostojewskij (1821-1881) an. Vor allem der frühexpressionistischen Lyrik gaben die Illuminations (1886) des Franzosen Arthur Rimbaud (1854-1891) sowie die Gedichtsammlung Les Fleurs du Mal (1857) von Charles Baudelaire (1821-1867) entscheidende Impulse. Von lat. "expressio" = Ausdruck; 1911 anlässlich einer Ausstellung in Berlin zur Bezeichnung der Bilder junger französischer Maler gebraucht; von dem Schriftsteller Kurt Hiller auf junge Dichter der damaligen Zeit übertragen. Expressionismus im literarischen Sinn bedeutet Ausdruckskunst, mit Hilfe derer innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse im Sinne der Moderne dargestellt werden.

Die Gruppen „Der Blaue Reiter" (Macke, Marca Klee, Kandinsky, Kubin) in München und,,Die Brücke" (Heckel, Kirchner, Nolde, Schmidt-Rottluff) in Dresden waren für die deutsche bildende Kunst von besonderer Bedeutung.

Weil das innere Erleben des Künstlers und Dichters in oft provozierender Weise nach außen übertragen werden sollte (Ausdruck), kann mär den expressionistischen Stil dem an der Oberfläche haftenden impres­sionistischen Stil (Eindruck) entgegenstellen. Vom Naturalismus mit seiner detailgetreuen Nachahmung der äußeren Wirklichkeit unter­schied sich die expressionistische Kunstrichtung durch ihre Beschrän­kung auf „das Wesentliche".

Der Expressionismus war die dominierende Bewegung der jungen Autoren, die in den letzten 20 Jahren des 19. Jhs. geboren wurden; sie stammten meistens aus dem bürgerlich-intellektuellen Milieu.

2.Weltanschauung

In den politisch stabilen Jahren nach der Jahrhundertwende blickten diese jungen Intellektuellen hinter die Fassade einer Gesellschaft deren Moral fragwürdig geworden war und deren Wohlstand sich oft auf industrielle Ausbeutung zurückführen ließ. Sie standen dem techni sehen Fortschritt, aber auch dem Positivismus der Wissenschaften kri tisch gegenüber und beobachteten mißtrauisch den wachsenden Ein fluß von Militarismus und Patriotismus und deren gesellschaftlichi Auswirkungen. Gleichzeitig mit dem erwachenden sozialen Bewußt sein entstand angesichts der aufziehenden politischen Gefahr eil Gefühl der Bedrohung, die dann im Ersten Weltkrieg (1914-1918) furchtbare Wirklichkeit wurde.

."-...man fühlte immer deutlicher die Unmöglichkeit einer Menschheit, die sich ganz und gar abhängig gemacht hatte von ihrer eigenen Schöpfung, von ihrer Wissenschaft, von Technik, Statistik, Handel und Industrie, von einer erstarrten Gemeinschaftsordnung, bourgeoisen und konventionellen Bräuchen. Diese Erkenntnis bedeutete zugleich de Beginn des Kampfes gegen die Zeit und die Realität. (...) Aus den Ausbrüchen der Verfluchung (der Zeit) brachen die Schreie und Aufforderungen zur Empörung, zur Entscheidung, zur Rechenschaft, zur Erneuerung..., um durch die Empörung das Vernichtende und Vernichtete ganz zu vernichten, so dass Heilendes sich entfalten konnte. Aufrufe zum Zusammenschluß der Jugend, zum Aufbruch einer geistigen Phalanx ertönten; (...) Und so gemeinsam und wild aus diesen Dichtern Klage, Verzweiflung, Aufruhr aufgedonnert war, so einig und eindringlich posaunten sie in ihren Gesängen Menschlichkeit, Güte, Gerechtigkeit, Kameradschaft, Menschenliebe aller zu allen." (Kurt Pinthus, Zuvor, in: Theorie des Expressionismus, hrg. von Otto F. Best, Stuttgart 1976, S. 86 f.)

Die Expressionisten, die davon überzeugt waren, dass die Entwicklung der Menscheit chaotisch verlaufen und die Welt amoralisch war, wollten also die Kunst wieder in den Dienst einer Sache stellen. Mit Hilfe der Kunst sollten die Menschen verändert werden, um eine neue Welt hervorzubringen.

Die letzte Chance, die Menschheit und die Welt vor dem Untergang zu retten, sahen die Expressionisten in einer Veränderung des Individu ums und – daraus folgend – in einer Veränderung der Gesellschaft:

«Die Welt kann nur gut werden, wenn der Mensch gut wird…" (K. Pinthus)

Die gemeinsame Einsicht in eine notwendige Erneuerung bewirkte ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl der expressionistischen Autoren; doch man darf deshalb nicht von einer thematischen oder formalen Einheit in der expressionistischen Literatur ausgehen

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