Добавил:
Upload Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:
Stichworte. Vorlesungen.doc
Скачиваний:
0
Добавлен:
01.05.2025
Размер:
596 Кб
Скачать
☆

3. Die Lyrik der Nachkriegszeit

Die Lyrik nimmt neben dem Roman einen breiten Raum ein. Die Biographie und Autobiographie werden als neue Einnahmequelle oder als Instrument für Öffentlichkeitsarbeit von Politikern, Schauspielern und Sängern entdeckt. Themen und ihre Gestaltung erfähren eine Bereicherung. Die persönlich gefärbte, liedhafte Stimmungs-und Erlebnislyrik tritt hinter einer oft stark betonten Gedankenlyrik zurück, die sich mit der neuen Stellung des Menschen zur Natur und Wirklichkeit, mit seiner rätselhaft gewordenen Existenz auseinandersetzt. Die Natur rangiert nicht mehr an erster Stelle als Gegenstand der Lyrik. Der moderne Lyriker will bloß den Eindruck wiedergeben, den die Wirklichkeit in ihm erweckt. Zu Themen der Lyrik werden auch Strukturen und Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache.

Merkmale der modernen Lyrik:

►Abkehr von einem naiven Realismus und bewußtes Streben nach Vefremdung der Wirklichkeit-

►Vorliebe für die Darstellung von unendlichen Vereinsamung, Angst vor völliger Vernichtung, von Sthnsucht nach Erlösung aus der Versklavung durch weitgehend technisiertes, rationalisiertes und kollektives Zeitalter.

►Ständige Suche nach neuen sprachlichen Ausdrucksmitteln und das bewusste Verfremden der Sprache.

►Preisgabe der überlieferten Metrik.

►Bewusstes Streben nach Verblüffung des Lesers.

►Absichtliche Störung der Logik bis zum Absurden.

Die Lyrik der Nachkriegszeit ist zum größten Teil eine Natur- und Landschaftslyrik. Marie Luise Kaschnitz' (1901-1974) Sammlung Totentanz und Gedichte zur Zeit (1947) und E. Langgässers Der Laubmann und die Rose (1947) spiegeln den Rückzug in das Gedicht der schönen Form. M. L. Kaschnitz wandte sich in ihren Gedichten der südländischen Landschaft zu.

Zwei weitere wichtige Lyriker, die bereits zwischen den Kriegen publiziert hatten, sind Peter Huchel und Günter Eich. Eich schrieb nach dem Krieg auch Natur- und Landschaftsgedichte, doch er versuchte bald, die Gegenwart ganz direkt in seine Gedichte einzubeziehen und tat dies häufig mit nüchternen Bestandsaufnahmen. Dafür ist sein Gedicht Inventur aus den Abgelegenen Gehöften (1948) ein Beispiel:

Inventur

Dies ist meine Mütze,

dies ist mein Mantel,

hier mein Rasierzeug

im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:

mein Teller, mein Becher,

ich hab in das Weißblech

den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem

kostbaren Nagel,

den vor begehrlichen

Augen ich berge

Im Brotbeutel sind

ein Paar wollene Socken

und einiges, was ich

niemand verrate

so dient er als Kissen

nachts meinem Kopf.

Die Pappe hier liegt

zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine

lieb ich am meisten:

tags schreibt sie mir Verse,

die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,

dies meine Zeltbahn,

dies ist mein Handtuch,

dies ist mein Zwirn.

Karl Krolow ging vom Naturgedicht aus, fand aber früh seine eigene Note. Man bezeichnet seine Dichtung als „intellektuelle Heiterkeit“. Unter neueren Formen der modernen Lyrik erlangt besondere Bedeutung die „konkrete Lyrik“ oder „konkrete Poesie“, die „politische Lyrik“ und das “Erzählgedicht“.

In den Kurzgeschichten werden Ereignisse meist sehr pointiert dargestellt, Anfang und Ende der Geschichte können abrupt sein. Beispiele hierfür sind Borcherts Kurzgeschichten, aber auch die später erschienenen von Böll und Lenz, die von der Rezeption ausländischer Literatur (besonders von den Amerikanern Ernest Hemingway, 1899-1961, und William Faulkner, 1897-1962) beeinflußt sind. In diesen Umkreis gehören auch Wolfgang Hildesheimers (1916-1991) Lieblose Legenden (1952), die sich wie Schnurres Kurzgeschichten oft ins Groteske steigern.

Wolfgang Weyrauch (1907-1980) hatte 1949 die Kurzgeschichtensammlung Tausend Gramm herausgegeben, in deren Nachwort er vom „Kahlschlag“ in der deutschen Literatur sprach:

Sie [eine deutsche Literatur] gibt einen Kahlschlag in unserem Dickicht. In der gegenwärtigen deutschen Prosa sind mehrere Schriftsteller erschienen, die versuchen, unsre blinden Augen sehend, unsre tauben Ohren hörend und unsre schreienden Münder artikuliert zu machen.

►Heinrich Böll (1917 – 1985) wurde als Sohn eines Tischlers und Bildhauers in Köln geboren, lernte nach der Reifeprüfung den Buchhandel. Bei dem Zweiten Weltkrieg erlebte er alles von Anfang bis Ende, studierte anschließend Germanistik in Köln, wo er auch bis zum Tode lebte. 1972 erhält er den Nobelpreis. In seinen Romanen und Erzählungen gibt Böll eine Kritik der menschlichen Haltung in den Kriegs- und Nachkriegszeiten.

■Werke

Der Zug war pünktlich 1949 schildert die Verzweiflung von Fronturlauber, die der Zug nach einer Fahrt von drei Tagen und Nächte wieder pünktlich zurück in den Hexenkessel des Fronteinsatzes führt.

Wanderer, kommst du nach Spa...1950, eine Sammlung von 25 Kurzgeschichten zeigt die seelische Not eines Heimkrehrers, Kriegsbeschädigten vor und nach 1945.

Wo wars du, Adam 1951, ein Kriegsroman, bestehend aus Einzelepisoden, die allmählichen Verlust menschlicher Würde zeigen.

Der Roman Und sagte kein einziges Wort 1955 ist die Lebensgeschichte des Heimkehrers Fred Bogner, dessen Ehe durch Armut, Wohnungselend und Arbeitslosigkeit zusammenbricht. Der Titel setzt die Situation der verlassenen Frau Käthe in Parallelle zum Leiden Christi. Wie er erduldet sie klaglos ihr Leben. Der Ablauf der Handlung wird aus zwei Perspektiven erzählt: aus der des Mannes und der der Frau, die jeder für sich ein Tagebuch führen.

Das schwere Los der Kriegswitwen und -waisen schildert der Roman Haus ohne Hüter 1954

Der Zeitroman Billard um halb zehn 1959. Drei Architektengenerationen werden vorgeführt. Die große Abtei St. Anton in der Nähe von Köln, die vom Vater Heinrich Fähmel erbaut, im Krieg vom Sohn Robert,um freies Schußfeld zu gewinnen, gesprengt und vom Enkel nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde, der dann auch wieder nach Zerstörung denkt.

Die äußere Handlung tritt stark hinter der inneren zurück. Sie wird in eine Vielfalt von inneren Monologen und Reflexionen, erlebten Reden aufgelöst, die weit in das vergangene Privatleben der Personen zurückgreifen. Der Autor läßt die Personen sich selbst mit allen ihren Schwächen und Vorzügen vor dem Leser offenbaren.

►Alfred Anderschs Roman Sansibar oder der letzte Grund (1957) berichtet exemplarisch an fünf Personen über das Verhalten von Menschen während der Hitlerzeit. Es geht um eine Plastik, die als „entartete Kunst“ verbannt wird, und die durch das Zusammenspiel von fünf Menschen in einer Kleinstadt an der Ostsee gerettet werden kann. Alle fünf Personen haben ganz unterschiedliche – schwärmerische und lebensbedrohliche – Beweggründe für ihr Handeln; gemeinsam ist allen die Sehnsucht nach einem freien Leben.

►Günter Grass(geb. 1927 in Danzig)

ist als Lyriker, Bildhauer und Zeichner hervorgetreten. 1958 las Günter Grass aus seinem Roman-Manuskript der Blechtrommel den Teilnehmern der „Gruppe 47“ vor und stellte sich ihrer Kritik. Das war der Auftakt zu einem großen Erfolg. 1959 erschien Die Blechtrommel; der Roman wurde gleichzeitig im Ausland publiziert.

Inhalt: Oskar Matzerath schreibt in einer westdeutschen Irrenanstalt seine Erlebnisse zwischen 1930 und 1950 auf. Er ist in Danzig aufgewachsen und hat mit drei Jahren beschlossen, nicht mehr zu wachsen. Seine Intelligenz weiß er geschickt zu verbergen. Seine Kennzeichen sind die Blechtrommel, von der er sich auch später nicht trennen kann, und die Fähigkeit, mit seiner Stimme Glas zu „zersingen“. Oskar beobachtet seine kleinbürgerliche Umwelt aus der Froschperspektive, ist weder am Tod seiner Mutter, noch am Tod seiner „mutmaßlichen Väter“ unschuldig und geht nach dem Krieg verschiedenen Berufen nach, bis er in einer Irrenanstalt landet. Grass ermöglichte sich in der völlig unkonventionellen Rolle des,,Helden“ Oskar Matzerath Angriffe auf moralische, religiöse und sexuelle Tabus und stellte aus der verzerrten Perspektive des Trommlers Oskar das Groteske und Verzerrte die Wirklichkeit während der Kriegs- und Nach­kriegszeit dar. Er verwendete häufig den ostpreußischen Dialekt.

■Der Roman wurde zunächts als grotesker Bildungs- und moderner Schelmenroman interpretiert, jetzt aber wird er als „verfremdende Rekonstruktion erlebter Geschichte und Gegenwart “ angesehen. Auf Die Blechtrommel folgte 1961 die Novelle Katz und Maus und 1963 der Roman Hundejahre. Zusammen ergeben sie die,,Danziger Trilogie“. Hundejahre rückt in drei Teilen die Vorkriegszeit (,,Frühschichten“) und die Kriegszeit („Liebesbriefe“) ins Bild und stellt dann in den kraft- und sexualprotzigen „Materniaden“ des Walter Matern die Nachkriegszeit dar. Der Werdegang von vier jugendlichen Freunden bildet den Rahmen dieses Romans, der in immer groteskere Schilderungen ausufert. Der barocke Sprachstil wechselt mit Dialektszenen, zeitkritischen Allegorien und Parodien.

Grass' Romane wirkten provozierend, aber auch befreiend, indem er die Zeit des Nationalsozialismus in ungehemmter Fabulierkunst bis ins Groteske steigerte. Dadurch entstand jedoch keine Verharmlosung, sondern ein aktueller Beitrag zur notwendigen Auseinandersetzung mit dieser Zeit.

►Hans Erich Nossacks (1901-1977)

Romane thematisieren häufig Situationen an der Grenze zwischen Leben und Tod. 1943 waren beim Bombenangriff auf Hamburg alle seine Manuskripte verbrannt. Seine Werke der frühen Nachkriegszeit sind von dem Bewußtsein geprägt, etwas verloren zu haben und – wie nach einem Tod – neu anfangen zu müssen. Sein Roman Der jüngere Bruder (1958) dokumentiert die Heimatlosigkeit und die Spaltung einer Persönlichkeit. Nossack erzählt von der Gegenwart, die aber nicht ohne die Vergangenheit zu sehen ist:

Die Leute können so viel aulbauen und so viele Bücher schreiben, wie sie wollen, es bleibt doch alles unsicher, weil diese Lücke hinter uns liegt, über die man nicht reden mag, weil sie heute viel schlimmer ist als zu der Zeit, als wir darin steckten. Keiner weiß, wie er es überstanden hat, man weiß nur, daß es etwas war, was nicht zu überstehen ist.

Nossak schreibt auch visionär-surrealistische Erzählungen, Kurzgeschichten und Dramen. Der Dichter nimmt in seinem Werk Märchenmotive auf, erfindet mytische Systeme und beschreibt unheimliche Umgebungen, wie Wüsten, leere Landschaftsräume. In seiner geschickten Erzähltechnik gehen die verschiedensten Bereiche ineinander über.

►Auch Koeppen hatte – wie Nossack – den Krieg in Deutschland erlebt und war ein aufmerksamer Beobachter der Nachkriegszeit, der Zeit des Bundeskanzlers Adenauer. 1951 erschien sein Roman Tauben im Gras, der ein Tagesgeschehen in München 1948 mit Hilfe der schon von Döblin verwendeten Montagetechnik und des inneren Monologs zu diagnostizieren versucht. Den Versuch einer Diagnose stellt auch der Roman Das Treibhaus (1953) dar, der in Bonn spielt. Hier gibt es einen,,Helden“, den Bundestagsabgeordneten Keetenheuve, aus dessen Sicht der Alltag der politischen Maschinerie in Bonn so geschildert wird, daß man den Roman gelegentlich als Schlüsselroman bezeichnet hat. Keetenheuve begeht Selbstmord, als ihn die Regierung als Botschafter nach Guatemala schicken will, damit er sein Redetalent in der Debatte über die Wiederbewaffnung nicht gegen die bundesdeutsche Regierung richten kann. Trotz der Nähe zum aktuellen politischen Geschehen sagte Koeppen, das Tagesgeschehen sei „ein Katalysator für die Imagination des Verfassers“ gewesen.

Anfang der 60er Jahre entstanden in der Bundesrepublik viele dokumentarische Theaterstücke. Man war zu der Auffassung gekommen, daß nicht Fiktion auf der Bühne den Menschen verändern konnte, sondern daß dies nur möglich sei in der Konfrontation mit historisch­politischen Fakten. Zu dieser Zeit begannen die zahlreichen NSPro-zesse; auch die Angst vor einem neuen Krieg wuchs wieder.

►R. Hochhuths Stück Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel (1963) wirkte sehr provozierend und war schon vor der Uraufführung umstritten. Es behandelt die Haltung der katholischen Kirche und des Papstes gegenüber dem Dritten Reich und klagt Papst Pius XII. an, daß er trotz Kenntnis von den Verbrechen der Nationalsozialisten dazu geschwiegen habe. Hochhuth gab nicht nur im Anhang zu seinem fünfaktigen Drama ausführliches Quellenmaterial an, sondern unter­mauerte auch einige Dialoge mit dokumentarischen Anmerkungen. Dieses Vorgehen war wichtiges Kennzeichen des Dokumentartheaters. Der Angriff auf die Kirche kam Anfang der 60er Jahre einer Tabuverletzung gleich, die nicht ins Bild der Restaurationsphase Deutschlands päßte.

Zu den Dokumentarstücken gehören auch die in den folgenden Jahren entstandenen Stücke, z. B. Hochhuths Soldaten (1967), Weiss' Diskurs über... Viel Nam... (1968) und im weiteren Sinne Günter Grass' Die Plebejer proben den Aufstand. Ein deutsches Trauerspiel (1966), das er „ein Stück über Brecht“ nannte. Den Hintergrund bilden die Ereignisse vom 17. Juni 1953, dem „Datum einer deutschen, also gescheiterten Revolution“.

Parallel zum Interesse am dokumentarischen Theater entstand 1961 in Dortmund eine Arbeitsgemeinschaft von Schriftstellern, die sich vornahm, die industrielle Arbeitswelt auch in der Literatur darzustellen:

Die „Gruppe 61“.

Bekanntester Vertreter dieser Gruppe wurde Max von der Grün (geb 1926 in Bayreuth). Sein Roman Irrlicht und Feuer (1963) spielt im Milieu der Bergarbeiter des Ruhrgebiets und ist eines der wichtigsten Werke, die aus diesem Kreis hervorgingen. Hierzu gehören auch Erika Runges (*1939) Bottroper Protokolle (1968) und G. Wallraffs 13 unerwünschte Reportagen (1969), beides authentische Berichte aus dem Arbeitsleben, das bis dahin kaum Beachtung in der Literatur gefunden hatte. 1970 spaltete sich der,,Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ von der „Gruppe 61“ ab, da für einige Autoren die politischen Diskussionen wichtiger geworden waren als die Literatur selbst.

Die Anfang der 60er Jahre zu bemerkende Politisierung der Literatur schlug sich auch in der Lyrik nieder. H. M. Enzensberger trennte sich von der lange Zeit vorbildhaften Lyrik G. Benns und faßte seine Gedichte als,,Gebrauchsgegenstände“ auf. Enzensberger sagte über die Funktion von Gedichten:

Gedichte können Vorschläge unterbreiten, sie können aufwiegeln, analysie­ren, schimpfen, drohen, locken, erörtern, jubeln, fragen, verhören, anordnen, forschen, übertreiben, toben, kichern.

Seine Gedichtsammlungen Verteidigung der wölfe (1957), landessprache (1960) und blindenschrift (1964) enthalten politisch engagierte, oft kämpferische Gedichte, die sich zum Teil an Brecht orientieren.

Enzensberger gab 1965-1975 die Zeitschrift Kursbuch heraus, die für die progressive Literatur der jüngeren Autoren eine große Bedeutung hatte und 1968, zur Zeit der Studentenunruhen, die Existenzberechtigung der Literatur prinzipiell in Frage stellte. Während die Literatur im Dienst der Revolte immer stärker politisiert wurde, empfanden einige Autoren schon die Beschäftigung mit Literatur als Verschwen­dung von Zeit und Energie (Kursbuch 15, 1968). Enzensberger schrieb zu dieser Debatte ein Gedicht:

Ein letzter Beitrag zu der Frage ob Literatur?

Liebe Kollegen, ich versteh euch nicht.

Warum zitiert ihr immerfort Hegels Ästhetik und Lukäcs?

Warum bringt ihr euch Tag für Tag

auf den historischen Stand?

Warum ärgert ihr euch über das

was im Kursbuch steht?

Woher diese Angst, Klassiker zu werden

oder im Gegenteil?

Und warum fürchtet ihr euch davor

Clowns zu sein?

dem Volk zu dienen? (Auszug)

Die Charakterisierung der deutschen Literatur der 70er Jahre ist deswegen schwierig, weil es – im Gegensatz zu den 60er Jahren – keine Gruppen gab (die „Gruppe 47“ hatte sich 1967 ein letztes Mal getroffen), keine gemeinsamen Richtungen. Die Ende der 60er Jahre angekündigte, rasche Politisierung der Literatur hinterließ die Frage, ob Literatur sich als ideologisches Werkzeug eigne.

Seit dem Ende der 60er Jahre bekam die Lyrik neue Funktionen. Die Vollkommenheit der ästhetischen Form trat immer mehr zurück. Metrum, Reim und Strophenform waren nicht mehr so wichtig. Die Themen stammten aus dem Alltag. Die Erfahrungen einzelner Menschen wurden mit immer größerer Wahrnehmungsschärfe im Gedicht ausgedrückt, so daß die Gedichte zunehmend,,privater“ wurden. Ein Beispiel hierfür ist R. D. Brinkmanns Westwärts l & 2 (1975). Die Gedichte (,,poetische Artikulationen“) behandeln die Welt der Großstadt, die negativen Auswirkungen von Zivilisation und Technik und gehen oft von ganz persönlichen Situationsschilderungen aus:

Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, (...) viel­leicht ist es mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.

Diese neue Art des Realismus ist ein Kennzeichen der Lyrik, aber auch der erzählenden Dichtung dieser Zeit. Statt Chiffren und Symbolen verwendeten die Lyriker die Umgangssprache für Themen aus dem Alltag, denn,,es sind die kleinen Dinge, die die Welt vergrößern“, wie Jürgen Theobaldy (*1944) sagte.

Die Literatur der 70er Jahre wandte sich dem Individuum zu. Dies geschah in unterschiedlichen Stoffzusammenhängen, in unterschiedlichen Formen und mit ganz verschiedenartigen Tendenzen. 1968 erschien Siegfried Lenz' Roman Deutschstunde, der noch einmal die Zeit des Nationalsozialismus darstellte. Aus der Sicht Siggi Jepsens, Insasse einer Besserungsanstalt, wird der Kampf geschildert, den Siggis Vater als Polizist im Dritten Reich gegen einen Maler aus der Nachbarschaft führt. Dieser Maler hat von den Nationalsozialisten Malverbot, arbeitet aber dennoch weiter, was Siggis Vater verhindern soll. Dies alles wird in einem ausufernden Aufsatz deutlich, den Siggi Jepsen als Teil der Therapie in der Besserungsanstalt zu schreiben hat. Es ist nicht nur für ihn, sondern auch für die Leser Arbeit mit und Arbeit an der Vergangenheit.

Mit der Hinwendung zum Individuum, zum Privaten in der Literatur, geht eine Psychologisierung des Erzählens parallel, wie man sie besonders gut in den Romanen M. Walsers (geb. 1927 in Wasserburg) beobachten kann, der sein Werk mit kafkaesken Erzählungen begann. In seinen Romanen finden wir Kritik und Darstellung der Wohlstandsgesellschaft und das Aufzeigen einer zerfallenen Welt.

Der umfangreiche Ich-Roman Halbzeit erschien schon 1960. Der Protagonist Anselm Kristlein taucht auch in den Romanen Das Einhorn (1966) und Der Sturz (1973) auf. Der Handelsvertreter Kristlein, der sich vom Werbefachmann zum Schriftsteller emporarbeitet, ist eine Symbolgestalt für die Aufsteigergeneration der Nachkriegszeit. Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd (1978) wurde von der Literaturkritik sehr positiv aufgenommen. Es ist die Geschichte zweier Ehepaare, die sich am Bodensee treffen. Das Problem des Alterns, die ängstliche Selbstbeobachtung wird an den vier Personen aus der bundesrepublikanischen, intellektuellen Mittelschicht symptomatisch dargestellt.

Wie Walser schreibt auch G. Wohmann eine exakt-realistische Prosa. Sie erzählt aus dem Alltag von „Durchschnittsmenschen“ und von Versuchen einer Emanzipation, die oft in fast gleichmütiger Verzweiflung enden, z. B. in den Erzählungsbänden Ländliches Fest (1968) und Sonntag bei den Kreisands (1970). Der Roman Frühherbst in Badenweiler (1978) berichtet von dem Komponisten Hubert Frey, der in den Kurort Badenweiler fährt, um hier seinen längst fälligen seelischen Zusammenbruch zu ertragen. Frey sagte einmal:

Ich fürchte, meine Unlust am beruflichen Weiterarbeiten, an meiner Produk­tion als Komponist, ist nur die Tarnung. Die Unlust ist in Wahrheit die Unfähigkeit. Ich bin in Wahrheit befallen von der Krankheit Langeweile.

Dokumentarische Verfahrensweisen übernahm Böll in seinem Roman Gruppenbild mit Dame (1971). Der Erzähler – ernennt sich,,der Verf.“ – befragt alle ihm erreichbaren Menschen, die Leni Pfeiffer, der,,Trägerin der Haupthandlung“, jemals begegnet sind. Die Informationen setzt er zu einem Bericht zusammen, die ein dokumentarisches Bild von der deutschen Gesellschaft der 30er und 40er Jahre ent­werfen.

Bölls Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (1974) kann man ebenfalls,,dokumentarisch“ nennen. Katharina Blum verliebt sich im Kölner Karneval spontan in einen jungen Mann, von dem sie noch nicht weiß, daß er der Terroristenszene angehört. Sie schweigt bei zahlreichen Verhören über den Aufenthaltsort ihres Freundes und erschießt zum Schluß einen allzu neugierigen und dienstbeflissenen Journalisten.

Diese Erzählung griff sehr direkt in die gesellschaftlich-politischen Diskussionen (Terrorismus) ein und attackierte gleichzeitig das Unwesen eines menschenverachtenden Journalismus.

Auch in der Frauenliteratur rückt das Private in den Mittelpunkt, es wird hier jedoch zum politischen Thema. Nachdem man in den 60er Jahren Unterdrückungen in der ganzen Welt kritisiert und bekämpft hatte, wurden nun auch die Unterdrückung der Frau in der Gesell­schaft, die Probleme und der Lebensumkreis der Frau zum Thema der Literatur. Die tradierte Mutterrolle, das Bild der verführerischen Frau wurde nun in Frage gestellt. Die Schweizerin Verena Stefan veröffent­lichte 1975 ihren Roman Häutungen-Autobiographische Aufzeichnun­gen, Gedichte, Träume, Analysen, ein Dokument der Suche nach einer neuen Sprache der weiblichen Selbstempfindung, das zu einem der bekanntesten Werke der Frauenbewegung wurde.

Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]