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☆

2. Die Rolle der Kunst

Um die neuen Ideen zu verbreiten, bediente man sich der damals entstehenden Presse als erstes "Massenmedium" (Wochenschriften) und der Kunst, die bisher im Dienst der Kirchen und des Fürstenhofes gestanden hatte.

Die Kunst galt für die Verbreitung der Aufklärung als besonders geeignet. Man mochte nämlich die Lehren der Aufklärung für noch so vernünftig und heilsam halten – die Unmündigen, die man befreien wollte, empfanden die geistige Selbständigkeit als unbequem und hatten sich oft an ihre Unmündigkeit gewöhnt. Die Ideen der Aufklärung waren für sie zunächst einmal eine bittere Medizin. Hier konnte die Kunst helfen. Da sie neben dem Verstand die Sinne anspricht und Genuss bereitet, sollte sie gleichsam die unangenehm schmeckende Pille "verzuckern" und die Aufnahme der aufklärerischen Ideen erleichtern. Mit dieser Auffassung griffen die Aufklärer auf einen Topos (Gemeinplatz) der Dichtungstheorie zurück, der in der Antike entstanden ist: Aufgabe der Kunst sei es, heißt es etwa bei dem römischen Dichter Horaz, zu nutzen und zu erfreuen (prodesse et delectare).

Die Dichtung der Aufklärung in Feutschland hat uwei Hauptphasen: bis 1740 im Zeichen Gottsched und von 1755 bis 1770 im Zeichen Lessing. Sie kann als vorklassisch bezeichnet werden. Was die Formen und Gattungen der Literatur betrifft, so hielt man sich einerseits an die Tradition,die von der Antike geprägt war. Man verband aber die alten Formen mit neuen Inhalten. Vor allem der damals namhafte Literaturprofessor Gottsched ordnete und definierte in seiner Poetik "Versuch einer Critischen Dichtkunst" die traditionellen Gattungen und stellte feste Regeln auf. Er unterschied sich damit auf den ersten Blick nicht von den normativen Poetiken des Barock. Gottsched durchforstete allerdings (daher "Critische" Dichtkunst) die althergebrachten Vorschriften und Muster daraufhin, inwieweit sie dem Ziel dienstbar zu machen seien, moralische Lehren zu vermitteln. Auch Lessing griff traditionelle Gattungen auf, er veränderte sie aber, wenn sie zu seinen Absichten in Widerspruch gerieten. Um die Bedeutung bürgerlicher Tugendhaftigkeit zu zeigen, ließ er etwa in einer Tragödie, einer Gattung hohen Stils, Personen aus dem Bürgerstand auftreten und ein "tragisches" Schicksal erleiden ("Miß Sara Sampson"), obwohl Tragödien traditionellerweise in der Sphäre des Adels und der Großen Politik spielten; bürgerliche Personen durften nur in der Komödie vorkommen (mittlerer Stil).

3. Bedeutende Autoren und Werke

Philosophen der deutschen Aufklärung

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) – vertrat den für die Aufklärung typischen Optimismus, die Welt sei die "beste aller Welten". Der Künstler ist für ihn Nachschöpfer Gottes.In seiner Lehre über die Monaden baut er eine Stufenfolge der Monaden von den niedrigsten bis zur ultima ratio rerum, Gott.

Immanuel Kant (1724-1804) – Kritik der reinen Vernunft (1781), Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), Zum ewigen Frieden (1795)

Dichter der deutschen Aufklärung

Von Bedeutung sind v.a. die dramatische, epische und theoretische Literatur.

Johann Christoph Gottsched (1700-1766): Als Vertreter der Frühaufklärung trat Gottsched für eine vernünftige Umgestaltung des Lebens auf. Von den literarischen Traditionen des 17.Jahrhunderts übernahm er nur die des Klassizismus. Seine wichtigste Schrtft Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) systematisiert seine Ansichten über das literarische Schaffen, wobei er sich auf die Regeln des französischen Klassizismus stützt. Für ihn ist die Dichtkunst etwas Gewerbsmäßiges, Erlernbares und soll dazu dienen, wichtige und nützliche Wahrheiten auf lehrbare und angenehme Art zu verbreiten. Ein Kunstwerk entsteht als eine nach bestimmten Rezepten verfaßte Illustration eines lehrreichen Satzes. Deshalb sind seine Dichtungen unmöglich langweilig

Christoph Martin Wieland (1733-1813):Geschichte des Agathon (1794) -erster deutscher Bildungsroman, der die Erziehung eines jungen Mannes erzählt, der vom schwärmerischen Jüngling nach vielen Irrtümern zum Mitglied einer utopischen, von der Aufklärung geprägten Gesellschaft wird.

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)- Höhepunkt der aufklärerischen Dichtung, Vorklassiker mit Wirkung bis in die Gegenwart, gilt als Begründer der modernen deutschen Literatur und Literaturtheorie. Sohn eines Predigers, geboren in Kamenz (Lausitz), studierte Medizin und Theologie in Leipzig, 1748 – 1767 – Journalist und freier Schriftsteller in Berlin, Kontakte zu Philosophen und Theaterkreise. Dazwischen – Sekretär des Generals Tauentzien in Breslau und Teilnahme an dem Siebenjährigen Krieg, seit 1767 – Dramaturg, Berater und Kritiker an dem Deutschen Nationaltheater in Hamburg, später – Bibliothekar in Wolfenbüttel.

Dramen

Miß Sara Sampson (1755) – erstes bürgerliches Trauerspiel, Bruch mit Forderung von Martin Opitz, dass Tragik nur bei hochgestellten Persönlichkeiten möglich ist.

▼Minna von Barnhelm (1767) – erstes bedeutendes deutsches Lustspiel.

Der preußische Major von Tellheim wird nach dem Siebenjährigen Krieg wegen angeblicher Bestechlichkeit in Ungnade aus der Armee entlassen. Er wohnt mit seinem Diener Just in einem Berliner Gasthof und erwartet in ärmlichsten Verhältnissen den Ausgang seines Prozesses.

Während des Krieges hat der Major das Edelfräulein von Barnhelm in Sachsen kennen gelernt und sich in sie verliebt. Nun ist sie auf der Suche nach ihm und kommt zufällig in den Gasthof, in dem er wohnt. Seine Ehre läßt nicht zu, dass er sie heiratet. Da bedient sich Minna einer List: Sie erklärt, dass sie von ihrem Onkel verstoßen und völlig verarmt sei. Major kann bei solchen Umständen seine abweisende Haltung nicht aufrecht erhalten. Gleichzeitig trifft ein Schreiben ein, dass der Major völlig rehabilitiert wird.

Emilia Galotti (1772) – bürgerliches Trauespiel; im Sinne der Aufklärung gegen Fürstenwillkür; Tugendhaftigkeit als Waffe des Bürgertums angesichts der moralischen Verkommenheit des Adels; resignierender Ausgang (moralischer Sieg, aber politische Hilflosigkeit); als Stoff diente die römische Virginia-Sage (Livius):Vater tötete seine jungfräuliche Tochter, um sie vor den Nachstellungen des Adeligen Appius zu schützen. Diese Tat wird zum Signal der Plebejer gegen die Patrizier.

Emilia Galotti ist mit dem Grafen Appiani verlobt. Das hindert den Prinzen von Guastalla jedoch nicht, sie zu begehren. Sein teuflischer Diener Marinelli will ihm helfen, Emilia zu gewinnen.

Als sie und Appiani sich auf dem Weg zur Hochzeit befinden, werden sie von gedungenen Räubern überfallen. Dabei kommt Appiani um. Emilia wird auf das Schloß des Prinzen gebracht, der vortäuscht, ihr helfen zu wollen. Die Gräfin Orsina, frühere Geliebte des Prinzen, offenbart dem Mädchen, in welcher Gefahr es schwebt. Da Emilia keinen Ausweg aus ihrer Lage sieht, bittet sie ihren Vater Odoardo Galotti, sie zu erdolchen, was auch geschieht.

Der entsetzte Prinz erkennt seine Schuld, schiebt aber alle Verantwortung auf seinen Kammerherrn Marinelli.

▼Nathan der Weise (1779)

Lessing war nicht nur Dichter, sondern setzte sich auch mit theologisch-kirchlichen Fragen auseinander. Man fing damals an, die Bibel kritisch zu lesen, d.h. die Maximen der Aufklärung auf die Theologie anzuwenden. Von den biblischen Berichten wollte man nur das gelten lassen, was man als "vernünftig" ansah. Die Wunder Christi etwa wurden geleugnet und als fromme Erfindungen betrachtet. V.a.die protestantische Kirche verurteilte solche Versuche und hielt am traditionellen Glauben fest (Orthodoxie [wörtlich: Rechtgläubigkeit]). Lessing hatte nun 1777 die Schriften eines aufklärerischen Wissenschaftlers Moses Mendelssohn veröffentlicht, der die Auferstehung Christi leugnete. Um diese Veröffentlichungen entstand ein großer Streit, u.a. polemisierte der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze gegen den Wissenschaftler und Lessing, der die Schriften herausgegeben hatte. Lessing verteidigte den Wissenschaftler und die Herausgabe seiner Schriften, obwohl er die darin vertretenen Ansichten nicht teilte (Lessings Schrift "Anti-Goeze" 1778). Lessing war nämlich der Meinung, dass man über solche Ansichten frei diskutieren können müsste. Er stand aber damals im Dienst des Herzogs Karl von Braunschweig, er war dessen Bibliothekar. Der Herzog verbot Lessing die öffentliche Auseinandersetzung. Daraufhin behandelte Lessing das Problem in dem Drama "Nathan der Weise" (1779).

In dem Stück treffen zur Zeit der Kreuzzüge drei Vertreter der großen monotheistischen Weltreligionen in Jerusalem aufeinander, der moslemische Sultan Saladin, der jüdische Händler Nathan und ein christlicher Tempelritter. Die drei geraten in Konflikt miteinander, der Konflikt wird aber gelöst, da alle Beteiligten sich letztlich "vernünftig" verhalten. An zentraler Stelle des Dramas stellt Saladin dem Juden Nathan eine Fangfrage. Er will wissen, welche Religion Nathan für die richtige hält. Nathan antwortet darauf mit der so genannten "Ringparabel". Durch Nathans Mund verkündet Lessing damit seine aufklärerische Einstellung zu dem Streit der Religionen. Es komme nicht auf die Lehrsätze der Religionen an, auf ihre Dogmen. Es gehe vielmehr um die Verwirklichung der religiösen Lehren im Leben, um die Praxis. Statt sich also zu streiten und zu bekriegen im Namen der Religion, solle jeder Gläubige nach den Maximen seiner Religion Gutes tun, denn Gutes zu tun, sei der Inhalt jeder der drei Religionen. Untereinander aber sollten die Religionen Toleranz üben. Übrigens missachtete Lessing auch bei diesem Werk die traditionellen Regeln. "Nathan der Weise" ist ein "dramatisches Gedicht", passte also nicht in die herkömmliche Einteilung in Tragödie und Komödie. Er mischte diese beiden Gattungen, indem er einen ernsten Gegenstand (Religionsstreit), der zur Katastrophe führen könnte(Tragödie) mit einem Happy- End verband (Komödie).

Theoretische Schriften: Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766).- Anregung durch Johann Joachim Winkelmann „ Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst“

- Unterschiede der bildenden Künste Malerei und Bildhauerkunst (Raum) und der Dichtung (Zeit)

Briefe, die neueste Literatur betreffend (1759 -1765), besonders bekannt: „Siebzehnter Literaturbrief“ gegen Dichtungstheorie Gotscheds;

- gegen die Übertragung der französischen Dramaturgie auf die deutsche Bühne;

- gegen die mechanische Anwendung der drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung;

- gegen die erlernbare- handwerkmäßige Verfertigung von Stücken;

- für das englische Theater, insbesondere Shakespeare, als Vorbild;

- Hinwendung zur Wirkungspoetik; nicht Regelhaftigkeit, sondern Wirkung auf Zuschauer wichtig

Hamburgische Dramaturgie (1767-1769): Ergebnis von Lessings Tätigkeit als Kritiker und Dramaturg am Hamburgischer Theater;

- Theaterbesprechungen mit theoretischer Durchdringung

- gegen die französischen Klasssizisten, vor allem Corneille und Voltaire

- gegen die strenge Betonung der drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung

- Wirkung der Tragödie: Mitleid mit dem Helden und Furcht vor ähnlichem Schicksal (Katharsis)

„ mittlere Charaktere“ als Voraussetzung für die Katharsis

Andere literarische Gattungen, die in der Literatur der Aufklärung ihren Platz gefunden haben, sind didaktisierende Fabeln, Aphorismen, Feuiletons.

Die Fabeln von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769).

Leben: Fürstenschule zu Meißen, philosophische und theologische Studien in Leipzig, wo er später als Professor für Poesie, Eloquenz, Moral war, in dem Buch Lehrgedichte und Erzählungen gesammelt, beziehen sich auf die französischen Vorbilder (La Fontaine), sind in unregelmäßigen Versen geschrieben. Ihm gehören auch die rührenden Lustspiele der empfindsamen Literatur.

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) hat Aphorismus als Gattung in die deutsche Literatur eingeführt. Scharfsinn des Naturwissenschaftlers und aufklärerische Analyse verband er mit Ironie:

„Wie geht’s?“sagte ein Blinder zu einer Lahmen.

„Wie Sie sehen “antwortete der Lahme.

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