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Rache für boris
Klaus-Peter Wolf
Wenn ich nicht so verdammt feige wäre, würde ich jetzt aufstehen und dem Bullen meine Meinung sagen. Aber ich stehe wackelig in Mathematik. Der Bulle könnte mich leicht fertigmachen. Eine Fünf auf dem Zeugnis würde meine Versetzung gefährden. Nein, gegen den Bullen kann ich nichts machen. Der kann es sich erlauben, seine Schüler zu schlagen. Er weiß genau, dass niemand den Mut hat, zum Direktor zu gehen, um sich zu beschweren. Erst im vorigen Jahr hat er dem Arnold, unserem Schulsprecher, gesagt«Entweder Sie treten von Ihrem Amt zurück, oder Sie bekommen Ihr Abitur nie». Arnold trat zurück.
Jetzt hat der Bulle den Boris geschlagen. Mitten ins Gesicht. Boris blutet aus der Nase. Sein Kopf ist feuerrot. Alle sehen ihn an. Er ringt mit den Tränen. Seine Augen werden feucht. Die für ihn so typische Haarlocke hat sich durch die Wucht des Schlages aufgelöst. Boris ballt die Fäuste. Die Knöchel treten weiß hervor. Boris hat Hände wie Schaufeln. Seine Muskeln krampfen sich zusammen. Er schielt zu seinen Klassenkameraden. Was erwarten sie von ihm? Soll er zurückschlagen? Er hätte die Kraft, den Bullen niederzuschlagen. Jeder von uns hat schon einmal mit dem Gedanken gespielt, so dem autoritären Spuk ein Ende zu bereiten. Aber wer hat den Mut? Ja, mit den laschen Lehrern, mit denen können wir unseren Unsinn treiben. Da spielen wir den wilden Mann. Aber jetzt, beim Bullen, da haben alle Angst, alle. Auch Boris. Er beißt verzweifelt mit den Zähnen auf der Oberlippe herum. Er schluckt die Wut in sich hinein, all die blinde Wut, den Hass und die Angst, die sich in den letzten Jahren angestaut haben. Er schluckt sie. Später, draußen, bei einer Zigarette, da wird er sich abreagieren und schimpfen, und dem nächsten Lehrer, der nicht so autoritär ist wie der Bulle, der sich nicht zu wehren weiß und Unsicherheit zeigt, wenn er von der Klasse steht, an dem wird Boris sich rächen. Er wird blöde Fragen stellen, Bemerkungen und Zwischenrufe machen und sich rausschmeißen lassen. Dann wird er zum Direktor gehen und sich über die Behandlung beschweren. Die Klasse wird ihren Spaß haben und Boris seine Rache.
Jetzt steht der Bulle vor dem Klassenbuch und trägt eine Rüge für Boris ein. Das tut er, um sich abzusichern. Falls es später mal einer wagt, eine Beschwerde bei der Schulleitung einzulegen, hat er zumindest den «Beweis», dass Boris sich unberührlich benommen hat. Dann war die Ohrfeige eine rein pädagogische Maßnahme, niemand kann dem Bullen falsches Verhalten nachweisen.
Die Stunde gähnt nur noch so dahin. Ich ringe mit mir. Ich bin Klassensprecher, ein saumäßig schlechter. Es gibt nichts Trauriges als einen Klassensprecher, der Angst hat, die Meinung der Klasse zu vertreten. Ich müsste jetzt aufstehen, die Klasse verlassen, zum Vertrauenslehrer gehen, zum Schulsprecher, zum Klassenlehrer und zum Direktor. Aber ich habe Angst, Angst um meine Versetzung. Und ich schlucke die Beschwerde, an der ich fast ersticke... Klingeln, Pause.
Auf dem Schulhof bilden sich Grüppchen. Man raucht, schimpft und bereitet sich auf die nächste Stunde vor. Der Fall Boris wird heiß diskutiert. Boris raucht seine selbstgedrehte Zigarette scharf zur Seite weg. In ihm brennt die Wut. Er mochte den Bullen umbringen, und das sagt er auch.
Ich stehe abseits. Ich will jetzt nicht zu den Gruppen treten. Ich weiß nicht, was ich jetzt zu dem Fall sagen soll. Alle hatten erwartet, dass ich diesmal etwas unternehme, dass ich aufmucke und sage, dass 16- bis 17jährige Jungen sich nicht so behandeln lassen. Aber ich war wieder zu feige.
Ich bin stocksauer. «Soll der Boris doch selbst was unternehmen», denke ich mir. «Ohne ihn kann ich sowieso nichts machen. Schließlich ist er der Betroffene».
Die nächste Stunde beginnt. Boris hat sich etwas ausgeheckt. Ich sehe es ihm an. Er wird den Lampen lächerlich machen. Lampen ist ein älterer Lehrer, der versucht, den Unterricht zwanglos zu gestalten. Er lässt uns Freiheiten. Man kann während seines Unterrichts lesen, auf dem Klo eine rauchen gehen oder ganz fehlen. Er sagt nichts. Die Aufgaben, die er uns gibt, sind keine Pflicht. Er bemüht sich um eine menschliche Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Das wird ihm als Schwäche ausgelegt.»Der kann sich nicht durchsetzen», heißt es. Ja, den wird Boris schaffen. Der wird sich mal wehren. Dem fehlen vielleicht sogar die Worte, wenn der Boris ihn lächerlich macht, um sein Selbstbewusstsein zurückzugewinnen. Einige sind eingeweiht. Sie kichern bereits. Lampen tritt ein. Seltsamerweise ist die Klasse fast vollzählig. (Sonst seine Gutmütigkeit ausgenutzt, und es fehlen in jeder Stunde sieben, acht Mann. Heute sind sie nicht gegangen, weil sie auf Boris´ Vorstellung warten).
«Morgen, Jungens». «Morgen», hallt es aus ein paar Mündern zurück. Ich sehe mich nach Boris um. Er ist nicht da.
Die Stunde beginnt wie immer und alles scheint in Ordnung. Mich interessiert Lampens Unterricht nicht. Ich lese. Das Lesen unter der Bank macht Spaß. Ich lese immer in der Schule. Früher las ich Karl May, später dann Edgar Wallace, jetzt, da ich älter bin, haben sich die Lektüren geändert. Ich lese Brecht und Tucholsky. Die erste Viertelstunde verläuft ruhig. Plötzlich, als Lampen gerade an der Tafel steht, geht die Schranktür auf. Boris klettert aus dem Schrank. Alle gaffen ihn an. Er ist nur mit einem Slip bekleidet und hält sein Taschentuch in der Hand. Lampen zuckt zusammen. Er steht völlig verwirrt da. Boris geht ohne Umstände auf seinen Platz zu und setzt sich. Er achtet nicht auf die erstaunten Gesichter. Er sitzt da, als sei nichts geschehen, als sei es das Natürlichste von der Welt, dass er halb nackt aus dem Schrank kam.
«Wo kommen Sie denn her?»fragt Lampen nervös.
«Aus dem Schrank», antwortet Boris.
«Was suchen Sie denn da?»
«Ich gehe immer in den Schrank, wenn ich schnupfen muss!»sagt Boris und zeigt auf sein Taschentuch. Wir haben unseren Spaß. Lampen steht genarrt da.
«Warum der Aufzug?»fragt er und versucht mitzulachen.
«Meine Mutti macht mich eben nicht so fein wie Ihre!»Die Antwort sitzt.
Lampen verliert die Fassung. Ein anderer Lehrer hätte schon längst zugeschlagen. Doch das verstößt gegen Lampens Prinzipien. Auch einen ganz einfachen Eintrag ins Klassenbuch lehrt er als Disziplinarstrafe ab. Nicht strafen, sondern überzeugen ist seine Devise. Nur fehlt ihm dazu das Redetalent.
«Ziehen Sie sich an!» schreit er, «sitzen Sie hier nicht so aufreizend rum!».
«Wie kann ein ganz normaler Mann vor einem anderen Mann aufreizend sitzen?»fragt Boris ironisch.
Grölendes Gelächter ist die Antwort der Klasse. Lampen ringt mit den Händen. Er ist knallrot. Seine Haare fallen in die Stirn, und irgendwie erinnert er mich jetzt an Boris, der blickte auch so hilfesuchend um sich, als der Bulle ihn demütigte. Plötzlich ekelt mich das Spiel hier an. Ich möchte «aufhören» schreien, doch das Gegröle der Klasse erstickt meinen aufwallenden Mut sofort. Ich wäre bei allen untendurch, und die nächste Klassesprecherwahl verlöre ich bestimmt, wenn ich jetzt zum Spielverderber würde.
Aus Lampens verwirrten Augen läuft die Träne. Augenblicklich tritt Ruhe ein. Nein, keine Ruhe. Totenstille ist es. Man könnte Angst bekommen. Noch nie hatten wir einen Pauker weinen sehen. Vor der Klasse – eine richtige Träne. Aber es bleibt nicht bei einer. Er schluchzt sogar einmal laut, hält sich die Hand vors Gesicht und rennt aus. – Nicht mal die Tür schließt er.
Niemand sagt ein Wort. Wohl alle sind von Lampens Tränen beeindruckt. Niemand hatte gedacht, dass er sich das so zu Herzen nimmt. Die Klasse sieht ihren Fehler langsam ein. Wieder erwartet man, dass ich etwas sage.
Heinz steht auf«Wir haben uns gerade ganz blöde benommen. Warum machen wir immer die harmlosen Lehrer fertig, warum nicht die autoritären, die Schläger? Wir sind doch genauso miese Typen wie der Bulle. Immer auf die Schwächeren! Warum machte denn vorhin keiner die Schnauze auf, als der Boris geschlagen wurde? Da waren wir alle zu feige!»
«Recht hat er!»
«Was hat der Lampen uns eigentlich getan? Den Bullen würden wir fertig machen, wenn wir Kerle wären!»
«Ja, wir rächen uns an den falschen Leuten. Den Bullen müssen wir uns vornehmen. Wenn wir den Lampen schaffen, schaffen wir den auch».
Boris sitzt beschämt in der Ecke. Auch ich sehe nicht auf. Die meisten Vorwürfe gelten mir, dem feigen Klassensprecher.
Heinz ergreift wieder das Wort«Ich beantrage, dass Boris und unser Klassensprecher sich beim Lampen entschuldigen und eine Beschwerde in der Sache Bulle beim Direktor vorbringen. Sollte sich der Klassensprecher in diesem Falle als unfähig erweisen, beantrage ich Neuwahlen».
Sein Antrag wird angenommen.
Zehn Minuten später stehen Boris und ich vor Herrn Lampen. Wir stottern uns eine Entschuldigung ab. Herr Lampen macht es uns leicht. Er lächelt schon wieder.
«Und jetzt zum Direktor», sagt Boris und beschleunigt seine Schritte.
Übung 30. Unterstreichen Sie im Text einige Wörter, die Ihnen besonders wichtig oder ausdrucksstark erscheinen. Versuchen Sie, mit diesen Wörtern ein Gedicht zu machen.
Übung 31. Schreiben Sie den Aufsatz zu einem der folgenden Themen.
1. Ich bin besonders von ... beeindruckt. Wäre ich an seiner Stelle, würde ich ... 2. Stellen Sie sich vor, Sie sind als Direktor dieser Schule eingestellt. Zu Ihnen kommen die Schüler von dieser Klasse. Wie würden Sie sich benehmen? 3. Wären wir die Eltern von Boris, so würden wir ... 4. Wäre ich an Boris' Stelle, würde ich ... 5. Wenn ich meine Klasse (Schule) mit dieser vergleiche, ....
Übung 32. Übersetzen Sie folgende Sätze ins Deutsche.
1. При условии, что это будет выходом для всех, она пошла на компромисс. 2. Поставленная перед учителем задача была бы выполнена раньше, если бы в его распоряжении имелись необходимые средства наглядного обучения. 3. Если бы этот учитель не пользовался у своих учеников таким большим авторитетом, он не смог бы добиться стопроцентной успеваемости класса. 4. Возможно, все примут участие в дискуссии, в зависимости от того, какая проблема будет обсуждаться. 5. Если вы и дальше будете сторониться всех, то останетесь в полном одиночестве. 6. Поскольку он был неформальным лидером в классе, все считались с его мнением. 7. Все, возможно, поверят в его отговорки, в зависимости от того, правда ли это или чистой воды обман. 8. Он готов был простить ей всё, даже если речь шла об измене. 9. Если бы вы не делали много шума из ничего, все бы забыли о произошедшем инциденте. 10. Он обязательно добьётся своей цели, даже если этот процесс будет связан с определёнными трудностями. 11. Он сделает всё для осуществления твоего предложения, если он убеждён в его правильности. 12. Поскольку предложенная им программа не соответствовала цели, она была отклонена. 13. Если бы она не была такой высокомерной, у неё было бы больше друзей. 14. Вы будете работать в школе, постарайтесь с первых дней наладить хорошие отношения с коллективом. 15. Если бы я только знал, что у него семь пядей во лбу, то никогда бы не затеял этого разговора. 16. Если бы он не попал в эту переделку, то всё, возможно, сложилось бы по-другому. 17. Если бы он не купался как сыр в масле, он бы не был таким эгоистом. 18. Если бы ты не водил нас за нос, мы попытались бы сразу расставить все точки над «и». 19. Он не добился бы своей цели, если бы не был достаточно настойчив. 20. Если бы ты тогда бросил курить, то сейчас у тебя было бы меньше проблем со здоровьем. 21. При условии, что мы извлечём уроки из этой ситуации, больше мы так не поступим. 22. Если бы ты не сидел сложа руки и предпринимал бы хоть что-нибудь, то дело бы сдвинулось с мёртвой точки. 23. Было бы разумнее, если бы мы перенесли эту встречу на более поздний срок.
