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[Wolfgang_J._Kox,_Claudia_D._Spies]_Check-up_Ans(BookFi.org)

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☆

Notfallmedizin

612 D-3.1 · Atemnot/Ateminsuffizienz

D-3.1 Atemnot/Ateminsuffizienz

T. Schröder, K. Arden

Allgemein

Atemnot als Kardinalsymptom kann sowohl mit pulmonalen als auch kardialen Erkrankungen einhergehen. Da hier eine Vitalfunktion gestört ist, muss unverzüglich gehandelt werden

Luftnot geht immer mit Angst bis hin zur Panik einher. Dies schließt zunächst eine Anamneseerhebung aus, und eine symptomatische Therapie muss sofort eingeleitet werden (unabhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung)

Objektive Symptome

Tachypnoe, Dyspnoe, Orthopnoe

Eine vermehrte Atemarbeit ist zu erkennen an: Zuhilfenahme der Atemhilfsmuskulatur:

Der Patient sitzt oder steht mit aufgestützten Armen

Die Atmung erfolgt über den geöffneten Mund

Es kann zu Einziehungen der Interkostalräume in der Inspiration kommen

Zyanose, wenn mehr als 5 g/dl desoxygeniertes Hb vorliegt

Bei Kindern ist »Nasenflügeln« hinweisend auf eine vermehrte Atemarbeit

Panik kann Hinweis auf eine zerebrale Hypoxie sein! Schnelles Handeln ist dann nötig!

Die Pulsoxymetrie ist ein geeignetes Mittel zur Objektivierung einer Atemnot und dient darüber hinaus dem Monitoring bei Diagnostik und Therapie einer Atemnot (sofern es nicht zu einem Schockzustand mit Zentralisation gekommen ist)

Symptomatische Therapie

Aufrechte Lagerung

Sauerstoff über eine Nasensonde oder Maske

Intubation und Beatmung, wenn wegen fehlender Arbeitsdiagnose keine andere Therapie erfolgversprechend scheint

Bei erschwerter Atmung kann bis zu 80% des Sauerstoffbedarfs allein für die Atemarbeit notwendig sein. Hierbei kann durch Intubation und Beatmung das Missverhältnis von O2-Angebot und O2-Bedarf, welches zur Hypoxie führt, wesentlich gebessert werden

Medikamentöse Therapie

der schweren akuten Obstruktion

In der Akutsituation besteht kein Unterschied in der Therapie von Asthma und COPD.

Basis

Sauerstoffgabe kontinuierlich

2-Mimetika inhalativ

Systemische Steroide

Sauerstoff

Eine Hypoxämie besteht bei allen Patienten mit schwerer Obstruktion und führt potenziell zu zerebralen und kardialen Schädigungen

Die O2-Gabe (6 l/min) erfolgt kontinuierlich über Maske mit Reservoir (FIO2 > 60%)

Bei Patienten mit chronischer Hyperkapnie kann die O2-Gabe den Atemantrieb erniedrigen

2-Mimetika sollten mit Sauerstoff vernebelt werden, wann immer möglich

2-Mimetika

1. Wahl!

Anwendung hochdosiert inhalativ oder bei fehlendem Ansprechen i.v.

Gabe von 10 Hüben mit je 30–60 s Abstand (!); Wiederholung nach 15 min

Verneblung mit O2; Salbutamol 5 mg bzw. Terbutalin 10 mg alle 15 min

Bei wiederholtem Einsatz bieten Dosen > 10 mg Salbutamol/h meist keinen Vorteil

2-Mimetika werden bereits initial mit einem i.v.- Kortikoid kombiniert

2-Mimetika haben im Vergleich zu Methylxanthinen eine größere therapeutische Breite

Therapiebegrenzende Nebenwirkung: Tachykardie

Steroide

Steroide i.v. werden früh eingesetzt, bis zur vollen Wirkung vergehen Stunden!

Steroide reduzieren den -Mimetikabedarf, senken die Mortalität und Rückfallrate

Im Gegensatz zum Einsatz bei Allergien sind hier 50 mg Prednisolon ausreichend

D-3 · Respiratorische Notfälle

Anticholinergika

Ipratropiumbromid führt in Kombination mit2-Mimetika zu einer besseren und schnelleren Bronchodilatation als die alleinige Gabe von inhalativen 2-Mimetika

Dosis: 0,5 mg alle 4–6 h inhalativ

Magnesium

Die einmalige Gabe ist effektiv, Dosis und Wiederholung sind nicht gut untersucht

Empfohlene Dosis: 1–2 (–4) g über 20–40 min i.v.

Theophyllin

Führt gegenüber der Standardtherapie zu keiner zusätzlichen Bronchodilatation

Die Nebenwirkungen wie Arrhythmien und Erbrechen nehmen jedoch zu

Bei additiver Wirkung in seltenen Einzelfällen stellt es keine Primärtherapie dar

Dosis: 5 mg/kgKG i.v., bei Vorbehandlung 2,5 mg/kgKG i.v.

Sedativa

Benzodiazepine sind als zentrale Muskelrelaxanzien kontraindiziert

Neuroleptika wie Atosil können vorsichtig zur Sedierung verwendet werden (z. B. 12,5 mg i.v.)

Morphin mindert das Dyspnoeempfinden und ökonomisiert damit die Atemarbeit

Ketamin

Es liegen bei wenig Untersuchungen positive Einzelfallberichte vor

Dosis: 0,5–2 mg/kgKG; Ketamin-S (Razemat): Dosishalbierung

Sevofluran

Es liegen positive Einzelfallberichte über Inhalationsanästhetika vor

Adrenalin

Die endotracheale Applikation von Adrenalin ist wegen der schleimhautabschwellenden -Wirkung bei schwerer bronchialer Obstruktion sehr gut wirksam

613 D-3.1

1. Wahl: Kombinationstherapie aus 2-Mimetika plus

Kortikoiden

2-Mimetika

 

 

 

 

Fenoterol

 

Berotec

 

2 Hübe alle 2 min via

 

 

 

 

Spacer bis 10. Hub

Salbutamol

 

Sultanol

 

2 Hübe alle 2 min via

 

 

 

 

Spacer bis 10. Hub

Orciprenalin

 

Alupent

 

2 Hübe alle 2 min via

 

 

 

 

Spacer bis 10. Hub

 

 

 

 

 

Terbutalin

 

Bricanyl

 

0,25–0,5 mg s.c.

Reproterol

 

Broncho-

 

Perfusor mit

 

 

spasmin

 

0,02–0,09 mg/h i.v. ggf.

 

 

 

 

0,09 mg langsam i.v.

Salbutamol

 

Salbulair

 

Perfusor mit 1–5 mg/h ggf.

 

 

 

 

0,25–0,5 mg langsam i.v.

 

 

 

 

 

Adrenalin

 

Suprarenin

 

1 mg ad 100 ml zur Inha-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

lation

Kortikoide

 

 

 

 

Prednisolon

 

Decortin H

 

50–100–500 mg i.v.

 

 

 

 

Erhöhung der Rezeptor-

 

 

 

 

dichte der 2-Mimetika

 

 

 

 

Entzündungshemmung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bedenkenswert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ketamin

 

Ketanest

 

025,–0,5 mg/kgKG i.v.

 

 

S-Ketamin

 

Halbe Dosis

 

 

 

 

(0,125–0,25 mg/kgKG i.v.)

 

 

 

 

 

Inhalations-

 

 

 

Sevofluran, Isofluran, Ha-

anästhetika

 

 

 

lothan

Magnesium

 

 

 

Einmalig 1–2 (–4) g i.v.,

 

 

 

 

CAVE: Muskelschwäche

 

 

 

 

 

Therapie/Ablaufplan (Vorschlag)

Asthmastatus

–1. Schritt: 2-Mimetika inhalativ oder s.c. oder i.v. plus Kortikoide i.v., Kombination mit Ipratropiumbromid inhalativ

–2. Schritt: 2-Mimetika i.v.

–3. Schritt: Variabel; Magnesium, Ketamin, Adrenalin inhalativ, Intubation

Notfallmedizin

614 D-3.3 · Lungenödem

Anfallsschwere (grobe und nicht generell anwendbare Einteilung!)

»Schwer«

–Atemfrequenz > 25/min

–Herzfrequenz > 110/min

–Abgebrochene Sätze

–PEF > 33–50% vom Best-/Sollwert

Lebensbedrohlich

–Zyanose, SpO2 < 92%, wenig/keine Atemgeräusche auskultierbar

–Herzfrequenz bradykard (drohendes Rechtsherzversagen), Hypotonie

–Verwirrtheit, Erschöpfung, Vigilanzminderung

–PEF > 33–50% vom Best-/Sollwert

D-3.2 Hyperventilationssyndrom

T. Schröder

Epidemiologie

Hyperventilation führt durch respiratorische Alkalose zur Steigerung der neuromuskulären Erregbarkeit (Tetaniesyndrom)

Auslöser können, neben vielen anderen, psychischer Stress oder auch Schmerzen sein

Symptome

Erregungszustand, begleitet von Angst

Hohe Atemfrequenz und/oder vertiefte Atmung, subjektiv Atemnot

Kribbelparästhesien insbesondere perioral sowie an Händen und/oder Füßen

Karpopedalspasmen, Pfötchenstellung, Karpfenmaul

Normale Sauerstoffsättigung

Maßnahmen

Beruhigung des Patienten, nach Auslöser forschen

CO2-Rückatmung

Gegebenenfalls medikamentöse Sedierung: Promethacin 12,5–25–50 mg i.v.

Aufklärung des Patienten über Ursache und mögliche Selbsttherapie

D-3.3 Lungenödem

K. Arden

Pathophysiologie

Flüssigkeitsaustritt in den Alveolarraum und möglicherweise in das Interstitium

Verlängerung der Diffusionsstrecke primär für O2

Daraus resultierende Hypoxämie

Symptome

Dyspnoe

Unruhe

Kaltschweißigkeit

Hypoxie

Feuchte Rasselgeräusche

Tachykardie

Angst

Ursachen

Pumpschwäche/Insuffizienz des linken Ventrikels (Infarkt, Myokarditis, Kardiomyopathie etc.)

Hypertensive Entgleisung mit sekundärem Linksherzversagen

Toxisches Lungenödem

Allergisch bedingtes Lungenödem

Kardiales Lungenödem

Linksherzinsuffizienz insbesondere beim akuten Myokardinfarkt

Wegweisend: normaler oder erniedrigter Blutdruck bis zum kardiogenen Schock

Maßnahmen

Sauerstoff

Schleifendiuretikum: Furosemid 20–80 mg i.v.

Dobutamin: 5–15 g/kgKG/min

Gegebenenfalls Morphin 5–10 mg i.v. bei starker Atemnot (CAVE: Ateminsuffizienz)

Intubation und Beatmung bei therapierefraktärer Ateminsuffizienz

Beatmung mit PEEP

Nitro sublingual oder i.v. mit 0,3–1,8 g/kgKG/min nur bei moderater Ausprägung

D-3 · Respiratorische Notfälle

Hypertensive Krise

mit sekundärer Linksherzinsuffizienz

Klinik

Hypertensive Blutdruckwerte mit entsprechenden klinischen Symptomen (s. D-2.5 »Hypertensive Krise«)

Therapie

Sauerstoff

Schleifendiuretika: z. B. Furosemid 20–80 mg i.v.

Vasodilatanzien: Nitrospray 2–3 Hübe alle 5–10 min oder

Nitroperfusor mit 0,3–1,8 g/kgKG/min

Antihypertensiva (Therapie der hypertensiven Krise; s. D-2.5)

Toxisches Lungenödem

Reizgasinhalation besonders bei Bränden oder Verbrennungen.

Therapie

Sauerstoff, ggf. Therapie der akuten Obstruktion, notfalls Intubation und Beatmung

Kortikoidspray (Wirksamkeit umstritten) alle 10 min 2 Hübe

Allergisches Lungenödem

Schwere anaphylaktische Reaktion.

Therapie

Sauerstoff

Therapie der Anaphylaxie

(s. D-5.3 »Anaphylaktischer Schock«)

Seltene Ursachen

Verminderter kolloidosmotischer Druck

Höhenkrankheit

615 D-3.4

D-3.4 Lungenembolie

K. Arden

Mechanismen

Verschluss von Lungenarterien mit konsekutivem Druckanstieg im kleinen Kreislauf

Rechtsherzbelastung, reduziertes Blutangebot an das linke Herz (HZV verringert)

Verschlechterter Perfusions-Ventilations-Quotient (dadurch Hypoxämie)

Klinik

Anamnese mit Beinruhigstellung/Immobilisation früherer LE, familiärer Belastung

Atemabhängige Schmerzen durch sekundäre Begleitpleuritis

Atemnot, besonders bei plötzlichem Beginn

Unruhe, Tachykardie

Obere Einflussstauung

Kaltschweißigkeit

Hustenreiz

Keine feuchten Rasselgeräusche

Pleurareiben, gespaltener 2. Herzton (Rechtsherzbelastung)

Rhythmusstörungen und Rechtsschenkelblock, SI-QIII-Typ, Tneg V1–V3

Differenz etCO2 zu paCO2 > 15 mmHg

D-Dimere > 0,5 mg/l

Kollaps

Diagnosealgorithmus

Bei klinischem Verdacht (s. oben) D-Dimer ELISA-Test

Bei positivem D-Dimer > 500 g/l Kompressionssonographie der Beinvenen: bei fehlendem Nachweis Perfusions-/Ventilationsszintigraphie

Bei instabilem Patienten wird therapiert bei Nachweis einer Rechtsherzbelastung im TEE

Ursachen

Thrombembolien

Fettembolie bei Frakturen (Endoprothesenoperationen)

Fruchtwasserembolie

Luftembolie (früher insbesondere bei Abtreibungen)

616 D-3.4 · Lungenembolie

Maßnahmen

Sauerstoff: 6–10 l (Maske)

Aufrechterhaltung des koronararteriellen Perfusionsdrucks: Noradrenalin 0,02–0,5 g/kg/min kont. i.v.

Oberkörperhochlagerung

Morphin 5–10 mg i.v. bei ausreichender Vigilanz des Patienten

Heparin 10 000 IE i.v.

APTT 1,5- bis 2,5-fach

Bei Schock oder Reanimation Lysetherapie

Gegebenenfalls Intubation und Beatmung

Gegebenenfalls Schocktherapie

Zirkulatorisch und respiratorisch stabile Patienten haben unter therapeutischer Antikoagulation eine gute Prognose

Es ist ständig mit einer Verschlechterung zu rechnen!

Komplikationen

Schock

Herz-Kreislauf-Stillstand

Notfallmedizin

D-4

Traumatologische Notfälle

D-4.1

Polytrauma – Versorgung durch den Notarzt 618

D-4.2

Schädel-Hirn-Trauma 620

D-4.3

Wirbelsäulentrauma

621

D-4.4

Thoraxtrauma

622

 

D-4.5

Bauchtrauma

622

 

D-4.6

Akutes Abdomen 622

D-4.7

Beckenfraktur

623

 

D-4.8

Extremitätenfraktur

623

D-4.9

Amputationen

623

 

D-4.10

Augenverletzungen

624

D-4.11

Verbrennungen

624

 

D-4.12

Unterkühlung

626

 

Notfallmedizin

618 D-4.1 · Polytrauma – Versorgung durch den Notarzt

D-4.1 Polytrauma –

Versorgung durch den Notarzt

K. Arden

Einsatzstichworte für den Notarzt (NAW/NEF/RTH)

Bewusstlosigkeit (plötzliche)

Brustschmerz (heftiger)

Blutung (schwere)

Atemstillstand/Atemnot

Schwere Verletzung

Schockzustand

Definition

MANV

Massenanfall an Verletzten; Zahl der vorhandenen Kräfte reicht für eine individualmedizinische Patientenbetreuung (zunächst) nicht aus.

Vorgehen des ersteintreffenden Notarztes (anfangs in Funktion eines leitenden Notarztes)

Beurteilung der Unfallsituation

–Selbst-/Fremdschutz gegeben? (Fahrbahnsperrung, Stromabschaltung etc.)

–Zahl der Verletzten ermitteln oder

(selten sinnvoll) Unfallhergang ergründen

Entscheidung:

Reichen die vorhandenen Rettungskräfte aus?

Nachalarmierung

–Lagemeldung an die Einsatzleitstelle der Feuerwehr u. U. mit der zu erwartenden Zahl

Schwer-/Schwerstverletzter. Bei mehreren Verletzten (MANV) sorgt die Leitstelle nach einer entsprechenden Lagemeldung automatisch für die Nachforderung der notwendigen Einsatzkräfte

–Gegebenenfalls eine weitere Erkundung der Unfallstelle veranlassen/organisieren

–In Funktion des leitenden Notarztes keine Versorgung einzelner Verletzter, sondern Mitorganisation des Rettungseinsatzes (Arbeitsteilung mit Polizei und Feuerwehr – Ärzte sind in allen nichtmedizinischen Angelegenheiten Laien!)

–Die Einrichtung und Organisation einer Verletztenablagestelle ist neben der medizinischen Lageerkundung sowie der Triagierung Hauptaufgabe des leitenden Notarztes

Triage:

Festlegung der Behandlungspriorität (Triage ggf. anfangs delegieren!)

»C2-Dienst«

Dem Notarzt steht in Berlin bei einem MANV ein »Organisationsleiter Rettungsdienst« (C2-Dienst) der Berufsfeuerwehr zur Seite, der ausschließlich für einen reibungslosen Ablauf der Menschenrettung zuständig ist, und bei einem MANV 3/4 zusätzlich ein leitender Notarzt, der den ersteintreffenden Notarzt von organisatorischen Aufgaben komplett entlastet. Bei einem MANV ist ein schnellstmöglicher Abtransport aller Verletzten in Krankenhäuser nicht oberstes Ziel, um das Chaos der Unfallstelle nicht dorthin zu verlagern.

MANV – Einsatzkräfte bei einem Massenanfall an Verletzten (Auszug; Berlin; automatische Mit-/Nachalarmierung durch die Leitstelle der Berliner Feuerwehr)

 

 

 

Zahl der

 

Einsatzkräfte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verletzten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

RTW =

 

 

NAW =

 

Leitender

 

Löschfahr-

 

 

Material-

 

Ärztliche

 

 

 

 

 

 

Rettungs-

 

 

Notarzt-

 

Notarzt

 

zeuge

 

 

container

 

Einsatz-

 

 

 

 

 

 

wagen

 

 

wagen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

gruppen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MANV 1

 

 

3–5

 

3

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MANV 2

 

 

6–9

 

6

 

 

2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MANV 3

 

 

10–30

 

10

 

 

3

 

P

 

1

 

 

P

 

 

 

MANV 4

 

>30

 

15

 

 

4

 

 

P

 

3

 

 

P

 

2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

D-4 · Traumatologische Notfälle

Triage: Behandlungs-/Transportpriorität bei MANV

Sich-

 

tungska-

 

tegorie

 

I

Akute, vitale Bedro-

 

hung (rot)

II

Schwerverletzt/

 

-erkrankt (gelb)

III

Leichtverletzt/

 

-erkrankt (grün)

IV

Ohne Überlebens-

 

chance (grau oder

 

blau oder schwarz)

Tote

 

Konsequenz

Sofortbehandlung

Aufgeschobene Behandlungsdringlichkeit

Spätere (ambulante)

Behandlung

Betreuende (abwartende) Behandlung; ggf. Nachtriage

Kennzeichnung

Anmerkung: Die Triage ist ein dynamischer Prozess. Sind z. B. alle Patienten der I. Behandlungskategorie versorgt, ist es durchaus möglich, dass Patienten der IV. Kategorie in die I. umklassifiziert werden können.

Sichtungsdokumentation

Patientennummer

Sichtungskategorie in römischen Zahlen, farbkodiert nach Ampelschema

Kurzdiagnose einschließlich »Strichmännchen«

619 D-4.1

»10 Gebote«

1. Anfangs nicht behandeln 2. Kurze Erstrückmeldung

–Unfallauslöser

–Abschätzung der Beteiligtenzahl

3.Überblick verschaffen

Lageerkundung; Meldung bei örtlicher Einsatz-

zentrale

4.Konkrete Zweitrückmeldung

soweit/sobald sinnvoll/nötig (z. B. Fehleinschätzung)

5.Initialleitung übernehmen

–Verletztenablagestelle einrichten und organisieren:

Registrierung: Personalien, Verletzungen, Kategorie

Behandlung nach Kategorie bei Kapazitäten Abtransport in Absprache mit der Leitstelle

6.Spontantransporte verhindern

7.Versorgung nach Priorität: Triage!

8.Nachrückende an-/einweisen

–Auftrag

–Schadensbereich

–Verletztenablage(n)

–Zuund Abfahrtsweg(e)

–Halteplatz (bzw. Warteraum)

9.Abtransport planen

Rücksprache und Mithilfe durch Leitstelle

10.Übergabe an LNA

–Stand der organisatorischen Maßnahmen (Probleme?)

–Versorgungszustand (Zahl in den Triagegruppen)

–Bereits erfolgte Abtransporte (mit Zielkliniken)

–Nichtverletzte (betreuungsbedürftig?)

Notfallmedizin

620 D-4.2 · Schädel-Hirn-Trauma

Polytrauma

Definition

Verletzung mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, bei der eine Verletzung oder die Kombination der Verletzungen lebensbedrohlich ist.

Vorgehen

Lebensrettende Sofortmaßnahmen

–BLS und ACLS, aggressive Schocktherapie (Volumen, Katecholamine)

–»Der erste Blick«:

Auskultation, Inspektion, Pupillenbefund

Spezifische Notfallmaßnahmen nach Leitsymptomen

Rettung durch Feuerwehr nach Stabilisierung bei eingeklemmten Personen

–Erstöffnung = Zugang zur Sichtung und für Sofortmaßnahmen

–Versorgungsöffnung = Schaffung eines Arbeitsraumes am Patienten

–Befreiungsöffnung = Öffnung zur Rettung mit Rettungsgerät

Befunderhebung:

Diagnostischer Block von Kopf bis Fuß

Kontinuierliche Patientenüberwachung, Dokumentation des Unfallherganges

Schnellstmöglicher Transport in ein Traumazentrum nach Voranmeldung

Therapie

Präklinische Versorgung polytraumatisierter Patienten: aggressiv!

Ausnutzen der ersten, der sog. »goldenen« Stunde der Schocktherapie

Standardmaßnahmen

Sauerstoffgabe

Anlage eines »stiff neck«

Transport auf Vakuummatratze

Venöse Zugänge, 2- bis 4-mal G 14 (orange), Volumengabe

Lebensrettende Sofortmaßnahmen

Reanimation (ACLS, ABCD) mit aggressiver Volumengabe (Druckinfusionen)

Hypoxiebekämpfung: Atemwege freimachen, großzügige Intubationsindikation

Schock: Volumengabe! Kolloide (2–4 l/30 min), HyperHAES (4 ml/kgKG = 250 ml)

Lunge auskultieren, Thoraxdrainage bei Verdacht auf Spannungspneumothorax legen

Spritzende Blutung stillen (Druckverband, kein Abbinden!), Kompression zuführender Arterien

Bei unstillbarer Blutung auch Tolerierung einer permissiven Hypotonie

Differenzierte Maßnahmen

Intubation und Beatmung (mit 100% O2) bei

–Bewusstseinstrübung oder schwerem Schädel- Hirn-Trauma (GCS < 8)

–Ausgeprägtem Schock (bei Volumenmangel Beatmung mit 100% O2)

–Thoraxtrauma oder respiratorischer Insuffizienz

–Gesichtsschädelverletzungen (Schwellungsgefahr, Blutung)

Schmerzbekämpfung: Analgetika (Opioide, Ketamin)

–Wärmeverluste minimieren (Metalline-Folie)

–Frakturstabilisierung (Lagerung, ggf. Reposition, Vakuummatratze)

–Weitere spezifische Maßnahmen (Hirndrucktherapie, Herzbeutelpunktion etc.)

D-4.2 Schädel-Hirn-Trauma

K. Arden

Definition

Einteilung des Schweregrades anhand der Glasgow Coma Scale (GCS-Score):

–3–8 Punkte:

Schweres Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

–9–12 Punkte: Mittelgradiges SHT

–13–15 Punkte: Leichtes SHT

Klinik

Bewusstseinseintrübung

Anisokorie/Pupillenstörung (Differenzialdiagnose: Bulbuskontusion)

Bradykardie mit Hypertonie

Neurologische Fokalsymptome

Kalottenverletzungen

Liquorrhö

D-4 · Traumatologische Notfälle

Ursachen

Epidurale Hämatome

Traumatische Subarachnoidalblutung

Parenchymblutungen

Akute Subduralhämatome

Diffuse Axonschäden bei Hypoxämie oder nach starker Beschleunigung/Dezeleration

Komplikationen

Hirndruck mit »Einklemmung«

Aspiration wegen unkoordiniertem Schluckreflex und Bewusstseinstrübung

Therapie

Zerebralen Perfusionsdruck (CPP) optimieren

Blutdruckabfälle vermeiden! (CPP = MAP–ICP)

Ziel: CPP > 80 mmHg; d. h. Blutdruck mindestens 130/100 mmHg bei einem ICP von 20 mmHg

Zerebralen Blutfluss optimieren

Unkontrollierte Hyperventilation vermeiden (Kapnometrie)!

Das intrakranielle Blutvolumen hängt neben dem mittleren arteriellen Druck linear von dem paCO2 ab, eine Hyperventilation bewirkt eine Engstellung der Gefäße (die bis zur Ischämie führen kann)

Zielgröße für den paCO2 bei SHT ohne Hirndruckzeichen: 35–40 mmHg

Zielgröße für den paCO2 bei SHT mit Hirndruckzeichen: 30–35 mmHg

Volumengabe

Keine großen Volumina oder hypotone Lösungen

NaCl 0,9%, Kolloide, hypertone NaCl-Lösung (Ringer-Laktat ist hypoton!)

Intubation

Großzügige Indikation (GCS < 8); Vorsicht wegen möglicher Verletzung der HWS

Immer Immobilisation der HWS, ggf. durch Zweithelfer!

Immer Beatmung mit 100% O2

Tiefe Narkose und Muskelrelaxierung, um Hirndrucksteigerung durch Husten oder Pressen zu vermeiden

Bei isoliertem SHT möglichst kein Ketamin verwenden

621 D-4.3

Lagerung: Oberkörperhochlagerung 15–30 ohne Abknickung des Kopfes (venöse Abflussbehinderung mit resultierendem Anstieg des ICP)

Hirndruck: Bei Eintrübung und Mydriasis: Mannit 20% 250 ml zügig i.v. (CAVE: Mannit führt über eine osmotische Diurese zu Blutdruckabfällen!)

Alternativ HyperHAES 2–4 ml/kgKG i.v. (Nebenwirkung: Hypernatriämie, daher nur einmalige Gabe bis zu 4 ml/kgKG!)

D-4.3 Wirbelsäulentrauma

K.Arden

Jeder Verdacht auf eine Wirbelsäulenverletzung wird als solche behandelt!

Wichtig ist die frühzeitige Befunderhebung (Dynamik?).

Klinik

Lokalisierter Schmerz

(In-)kompletter Querschnitt

Neurologische Ausfälle

Jedes Schädel-Hirn-Trauma ist bis zu dessen Ausschluss auch als Wirbelsäulentrauma zu behandeln!

Komplikationen

Querschnittslähmung durch passive Bewegungen (z. B. Maskenbeatmung)

Therapie

Immobilisation: Stiff-neck, Schaufeltrage, Vakuummatratze oder Spine-board

Volumengabe großzügig (wegen der Vasodilatation im spinalen Schock mit versaltierendem Blutdruckabfall)

Transport in ein Zentrum für Wirbelsäulenverletzte, ggf. Hubschrauber (RTH)